„Werfen Sie Schamgefühle und Stolz über Bord!“

bvv-saal_rathaus neuköllnEs kann jeden treffen, von jetzt auf gleich! Ginge es nur um die gesellschaftliche Relevanz, hätte der frisch renovierte BVV- Saal im Neuköllner Rathaus also am letz- ten September-Samstag an die Grenze sei- nes Fassungsvermögens stoßen müssen. Doch davon war er weit entfernt. Gerade mal 20, vielleicht 25 Leute waren gekom- men, um sich den Vortrag „Die Pflegever- sicherung – (k)ein Buch mit sieben Sie- geln“ anzuhören. Zöge man von den Anwe- senden noch die Berufsbetroffenen ab, die ob ihrer Tätigkeit in Sozialstationen, Hei- men oder Beratungsstellen ohnehin in der Materie stecken, bliebe bestenfalls ein hilfsmittel_infotag für pflegende angehörige_neuköllnhalbes Dutzend übrig. Das Thema Pflege ist eben kei- nes, mit dem man sich früher als unbedingt nötig be- schäftigen will – und daran ändert auch die Tatsache wenig, dass die meisten wissen, dass es sinnvoll wäre, den Widerwillen abzulegen und es trotzdem zu tun.

Auch Christiane Schmidt-Statzkowski gibt nicht auf, das zu betonen. Die examinierte Krankenschwester und nach 3. infotag für pflegende angehörige_rathaus neuköllnEU-Norm zertifizierte Pfle- gefachkraft konnte für den 3. Neuköllner Informations- tag für pflegende Angehörige als Referentin gewonnen werden und leitete ihren Vortrag über die Regularien und Fallstricke bei der Beanspruchung von Leistun- gen der Pflegeversicherung gleich mit dem Wichtigs- ten ein: „Betroffene und Angehörige müssen wissen, was der Medizinische Dienst der Krankenkassen will: Sparen!“ Wer sich auf den anzumeldenden Besuch des MDK-Gutachters vorbereite und sich dann nicht kontraindiziert verhalte, so Christiane Schmidt-Statzkowski, könne aber dieses Ziel vereiteln.

Leider tritt jedoch durch Unwissenheit in der Realität oft das Gegenteil ein. Da wird vor der MDK-Visite die Wohnung des Antragstellers auf Hochglanz gebracht und der zu Begutachtende selber rafft sich mit letzter Kraft zu Tätigkeiten auf, die er sonst anderen überlassen würde. „Beides ist hochgradig kontraproduktiv“, warnt die Ex- christiane schmidt-statzkowski_infotag für pflegende angehörige_neuköllnpertin und rät Betroffenen: „Lassen Sie aus eigenem Interesse den Alltag walten, werfen Sie Schamgefühle und Stolz über Bord und bewegen Sie sich so wenig wie möglich!“ Auch sollte der Termin unbedingt mit Ange- hörigen und Ohrenzeugen absolviert werden.

Ohne eine akribische Vorbereitung des MDK- Besuchs geht es aber vor allem für Ange- hörige nicht, die die häusliche Pflege des Betroffenen übernehmen. „Führen Sie im Vorfeld Strichlisten über pflegerelevante Tätigkeiten!“, ermuntert Schmidt-Statzkowski, die vor 12 Jahren ihre Firma Premio gründete und mit der neben praxisorientierter Pflegeberatung auch kostenlose Pflegeschulungen für Angehörige anbietet. „Bei der Pflegeversicherung geht es nur um die Faktoren still, satt und sauber“, weiß sie. Deshalb müsse die Devise lauten, genau Buch zu führen über die tägliche Frequenz der Toilettengänge des Pflege- bedürftigen, wie oft pro Woche Ganzkörperwäschen durchgeführt werden oder hilfsmittel-ausstellung_infotag für pflegende angehörige_neuköllngeduscht wird und welches Maß an Unter-stützung beim Verzehr der Mahlzeiten notwen- dig ist. All das fließe in die Bemessung der Pflegestufe und des Pflegegeldes ein, nicht aber das Schminken oder Frisieren der pflege-bedürftigen Mutter, Tante oder Großmutter. „Faktoren, die zum Wohlbefinden beitragen, zählen nicht“, besagt Christiane Schmidt-Statzkowskis Erfahrung mit der 1995 eingeführ- ten Pflegeversicherung. Nicht mal die Zeit, die für Maniküre und Pediküre aufgebracht wird, sei relevant. „Und wer das mal gemacht hat, weiß, wie lange es dauert“, kritisiert sie. Vom Tagesmittel von 45 Minuten, das bei der Pflegestufe 1 für die Grund- pflege rein rechnerisch zugestanden wird, bliebe nicht mehr viel übrig.

In die Begeisterung seitens der Politik über die Pflegeversicherung mag Christiane Schmidt-Statzkowski nicht einstimmen. Das einzig Gute daran sei die Einführung der Pflegestufe 0 für Menschen mit Demenz oder psychischen Erkrankungen: „Was pflegende Angehörige aber ansonsten für gesetzliche Parameter aufgedrückt kriegen, ist nicht mehr lustig.“ Ein Zeitkorridor von 15 bis 20 Minuten für die Hilfe beim Duschen inklusive Vorbereitung, Abtrocknen und Eincremen, zwei Minuten für die Begleitung beim Weg zur Toilette, eine Viertelstunde fürs Füttern. Schon für Profis seien die Vorgaben kaum einzuhalten, bei Laienpflegern sei es ein Ding der Un- möglichkeit. „Und die machen sich dann auch noch Vorwürfe, wenn sie ihre Angehörigen ab und zu in eine Tagespflege geben, um selber mal aus der Tretmühle raus zu kommen und Zeit für sich zu haben“, bedauert die Pflege-Expertin. „Aber ein Abschieben ist das wirklich nicht, weil jeder ein Recht auf ein eigenes Leben hat.“

Informationen zum Thema Pflege gibt es in Neukölln bei den Pflegestütz- punkten Donaustraße, Werbellinstraße und Joachim-Gottschalk-Weg.

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