„Du fliehst aus deinem Land und dann passiert dir so was“

heimathafen neukölln_asyl-monologeEs ist die Kurdin Safiye, die das sagt. Ebenso gut könnte die Feststellung aber aus dem Mund des Togolesen Ali oder des Äthiopiers Felleke kom- men. Alle drei sind Asylanten und ihre Biographien und Erfahrungen exem- plarisch für die unzähliger anderer Menschen, die in ihre Heimat verlas- sen mussten, um das eigene Leben zu retten. Für „Die Asyl-Monologe“ haben die Geschichten von Safiye, Felleke und Ali Körper und Stimmen bekommen. „Die Interviews mit ihnen werden im Stück von den Schauspielern wortgetreu wiedergegeben“, versichert Michael Ruf, der Regisseur der Bühne für Menschen- rechte. Dokumentarisches Theater nennt er das, was das Publikum im Studio des anika lehmann_asyl-monologe_heimathafen neuköllnHeimathafen Neukölln in den nächsten einein- halb Stunden erleben wird. Ein Schlagzeug, ein Klavier, drei Wassergläser und ein Hocker – Minimalismus gehört zum Konzept des Kammer- spiels, das schon in 90 Städten aufgeführt wurde.

Bisher kam das Ensemble sogar ohne den Sche- mel aus, aber nun ist Anika Lehmann schwanger und dankbar, nicht die ganze Zeit stehen zu müssen. Die Schauspielerin schlüpft in die Per- sönlichkeit der Kurdin Safiye, die nach Jahren der Haft in türkischen Gefängnissen ihre Heimat und Familie zurück ließ und nach Deutschland kam. Von einem Martyrium ins nächste, wie sie leidvoll zu erfahren hatte. Zusammen mit eray egilmez_asyl-monologe_heimathafen neuköllnder Erkenntnis, dass das Asylrecht nicht das Recht auf eine nachvollziehbare, menschliche Behandlung bein- haltet.

Ali aus Togo geht es nicht anders. Sein politisches Engagement in der Heimat führte dazu, dass er Hals über Kopf und ohne Abschied von seiner Frau und den beiden Kindern den Helfershelfern des Diktators ent- kommen musste. Von einem, der von seinen Freunden „Präsident Ali“ genannt wurde, wird er zum Asylbewerber. Eray Egilmez ist es, der den Lebens- und Leidensweg des Togolesen erzählt, der ungeachtet massiver ge- asad schwarz-msesilamba_asyl-monologe_heimathafen neuköllnsundheitlicher Pro- bleme auch in der Flüchtlingsunterkunft seinen Kampf gegen Behördenwillkür und gefühlte Rechtlosigkeit nicht aufgibt.

Felleke indes kämpft, in Deutschland angekom- men, vor allem für sich selber. Er floh während des Eritrea-Äthiopien-Kriegs aus seiner Heimat. „Die Regierung“, berichtet Asad Schwarz-Msesi- lamba für ihn, „ist durch den Krieg noch brutaler geworden. Ich würde sofort zur Front geschickt oder entweder inhaftiert oder als Verräter er- schossen werden.“ Seine Rückkehr käme einem Todesurteil gleich, entsprechend groß ist sein Widerstand gegen die Abschiebeversuche, die mehrfach gegen ihn eingeleitet wurden.

Direkt und eindringlich ziehen die Schauspieler das Publikum in die Lebensge-schichten der Protagonisten, lösen ein emotionales Wechselbad zwischen Fas- danke_heimathafen neukölln_die asyl-monologesungslosigkeit, Schmunzeln, Wut und Rührung aus. Natürlich prangert das Stück auch die deut- sche Asyl-Praxis an. Aber noch wichtiger ist, dass „Die Asyl-Monologe“ denen eine Stimme geben, die sich hierzulande täglich gegen die Mühlen der Bürokratie und Menschenrechts- verletzungen auflehnen. Dass sie mit Stamm- tisch-Klischees aufräumen, die dem Gros der Asylbewerber wirtschaftliche Inte- ressen unterstellen. Und dass in scheinbar greifbare Nähe rückt, was alle Flüchtlinge spätestens mit dem Verlassen ihrer Heimat aufgeben: den letzten Rest ihres alten Lebens. Was bleibt, sind Erinnerungen – und die Sehnsucht nach Normalität.

Nach eineinhalb Stunden fast atemloser Stille im Zuschauerraum, mischt sich auch Erleichterung in den Schlussapplaus: Endlich eine milan pavlovic_michael ruf_jürgen schulte_asyl-monologe_heimathafen neuköllnReaktion und Anerkennung für die großartige Leistung von Anika Lehmann, Asad Schwarz-Msesilamba und Eray Egil- mez zeigen dürfen, die die Geschichten von Safiye, Felleke und Ali so erzählten, als wären es ihre eigenen.

Er könne von vielen Fällen mit fast identi- schen Erfahrungen berichten, unterstreicht Milan Pavlovic (l.) vom Rroma Informations Centrum im anschließenden von Michael Ruf (M.) moderierten Publikumsgespräch die Authentizität des gerade Gehörten und Durchlittenen. Er war selber Asylant und weiß, wie es ist, jahrelang mit vier Personen auf 23 Quadratmetern, mit sich aneinander reihenden Duldungen und in relativer Isolation zur Umgebung zu leben. Dass es in der geplanten Asylbewerber-Unterkunft in Britz gar nicht erst dazu kommt, will indes Jürgen Schulte (r.) mit der Bürgerinitiative Hufeisern gegen Rechts verhindern. „Die Destruktionspolitik, die Flüchtlinge als Be- lastung statt als Menschen sieht, muss aufhören!“, fordert er. Bereits jetzt bereitet die Initiative alles für eine neue Willkommenskultur in Britz vor. Dort wolle man, so Schulte, den obligatorischen Lager-Charakter zerschlagen, das Heim in den Kiez öffnen, die Flüchtlinge mit Netzwerken unterstützen und ihnen nicht nur sportliche Aktivitäten sondern auch Deutsch-Kurse anbieten. „Darauf, unsere Sprache zu ler- nen, haben sie ja als Asylbewerber gar keinen rechtlichen Anspruch“, kritisiert Jürgen Schulte. Glücklicherweise hätten sich aber bei ihm schon Lehrer gemeldet, die bereit sein werden, die neuen Neuköllner ehrenamtlich zu unterrichten und ihnen so einen wichtigen Schlüssel zur Integration in die Hand zu geben.

„Die Asyl-Monologe“ gastieren noch am 6. und 7. Oktober (Beginn: 19.30 Uhr) im Studio vom Heimathafen Neukölln (VVK-Tel. 030 – 56 82 13 33); weitere Spieltermine sind am 27., 28. und 29. November.

Am 21. Oktober sind „Die Asyl-Monologe“ um 20 Uhr im Rahmen der Veran- staltungsreihe „Kirche eine Stimme geben“ in der Genezareth-Kirche zu er- leben; Reservierung empfohlen: Tel.  030 – 627 31 81 32

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