Inklusion als Herausforderung für alle

eingang sonnenallee_adolf-reichwein-schule neuköllnSchulen wie die Neuköllner Adolf-Reichwein-Schule sind umstritten. Insbesondere durch die auch von Deutsch- land unterzeichnete UN-Behindertenrechtskonvention, in der 2009 u. a. ein inklusives Bildungssystem  festge-schrieben wurde, werden sie zum Auslaufmodell erklärt. Kinder und Jugendliche, die in ihren Bildungs- und Ent- wicklungsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind, sollen hof adolf-reichwein-schule neuköllnin Regelschulen integriert werden, weil nur dort ihre Zu- kunftsperspektiven verbes- sert würden, fordern die Be- fürworter der UN-Richtlinie. Nicht nur die Direktion und Lehrerschaft des nach Adolf Reichwein benannten son- derpädagogischen Förderzentrums an der Sonnenallee sieht das kritischer, wie eine Podiumsdiskussion anlässlich des Schulfests in der stärken finden nutzen_adolf-reichwein-schule neuköllnvergangenen Woche bewies.

Um besser einschätzen zu können, was Inklusion für das Bildungssystem bedeutet, helfe es schon, über den deutschen Tellerrand hinaus zu sehen, fordert Prof. Dr. Thomas Hofsäss. Viele europäischen Länder hätten jahrelange Erfahrungen prof thomas hofsäss_podi adolf-reichwein-schule neuköllnin diesem Bereich und würden Erst- bis Neuntklässler mit Lern- und Verhaltensproblemen in Regelschulen unterrichten. „Das gemeinsame Lernen klappt bis zur 3. oder 4. Klasse auch gut“, so der Dekan der Erzie- hungswissenschaftlichen Fakultät und Professor für Lernbehindertenpädagogik an der Uni Leipzig, „schwie- rig wird es aber noch vor der Pubertät, wenn Kinder beginnen, sich für gleiche zu interessieren.“ Da setze dann oft eine Segration innerhalb des Systems ein, weil eine inklusive Schule leider nicht auch eine inklu- sive Gesellschaft bedeute: „Der Effekt ist, dass über 20 Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen.“ Besser sei nach seinem Dafürhalten, eine Beschulung und individuelle Förderung in kleinen Gruppen. „Damit franziska giffey_podi adolf-reichwein-schule neuköllnist  verhaltensoriginellen Kindern und Jugendlichen mehr geholfen als mit einer verordneten Inklusion“, meint Hofsäss.

Das sieht die Neuköllner Schulstadträtin Dr. Franzis- ka Giffey ähnlich. Wenn über inklusive Schulen ge- sprochen wird, gehe es im Bezirk nicht um kör- perbehinderte Kinder, die im Rollstuhl sitzen und Barrierefreiheit in den Gebäuden brauchen: „Wir ha- ben im Bezirk über 1.200 Grund- und Sekundar-schüler mit Lern- und Verhaltensstörungen, die in sonderpädagogischen Förderzentren unterrichtet werden.“ Acht davon gebe es noch in Neukölln – mehr als in anderen Berliner Bezirken, wo die UN-Vorgaben viel radikaler umgesetzt worden seien. „Das heißt aber nicht“, unterstreicht Giffey, „dass wir die nicht ernst nehmen. Wir wollen aber kein marion seidel_podi adolf-reichwein-schule neuköllnkategorisches Schließen der Förderzentren, sondern eine behutsame Inklusionseinführung, die pädagogisch und räumlich vorbereitet ist.“

Deshalb wurde als Pilotprojekt das von Marion Seidel geleitete Beratungs- und Informationszentrum für inklu- sive Pädagogik Neukölln (BUZ) eingerichtet, das dem- nächst offiziell eröffnet wird. „Unser Ziel ist, ein komplettes Beratungssystem aufzubauen, um Ansprechpartner für die Schulen sein zu können.“ In zahlreichen Bildungsein- richtungen, ist Seidel überzeugt, habe man nur grobe Vorstellungen, auf wie viele Stolpersteine sie bei der Umsetzung von Inklusion im jens-jürgen saurin_podi adolf-reichwein-schule neuköllnSchulalltag treffen werden. „Das dröseln wir jetzt nach und nach auf und können dann mit drei Sonderpädagogen Hilfestel- lung leisten.“

Jens-Jürgen Saurin, der Schulleiter der Adolf-Reich-wein-Schule, hat ganz andere Probleme: „Dass in den Nachbarbezirken viele Förderzentren gestrichen wurden, merken wir an deutlich steigenden Schüler-zahlen bei uns.“ Vor allem betreffe das den Sekun-beispiel schülerin n._adolf-reichwein-schule neuköllndarschulbereich, wo in Regel- schulen nur selten das Maß an Förderung praktiziert werden kann, das bei Schülern mit Lern- beeinträchtigungen dringend nötig wäre. Immer öfter stelle er fest, dass betroffene Acht- und Neuntklässler selber initiativ werden und sich für die Aufnahme an seinem sonderpädagogischen För- derzentrum bewerben. „Noch häufiger“, christian_andreas schüssler_ars neuköllnsagt Saurin, „erlebe ich aber, dass schon Fünftklässler frustriert mit dem Thema Schule abgeschlossen haben.“ Sie wieder in eine schulische Umlaufbahn, zu einem Abschluss und in Ausbildung zu bringen, ist das erklärte Ziel seines Kollegiums.

Christian (l., neben ARS-Konrektor Andreas Schüssler) ist einer von denen, die an der Sonnenallee die Kurve gekriegt haben. „Ich lerne jetzt Gebäudereiniger“, er- zählt er. Von vielen Erfahrungen, utta hoppe_podi adolf-reichwein-schule neuköllndie er an der Schule gemacht hat, profitiert er dabei noch heute: „Wie wichtig Zusammenhalt ist, das habe ich hier gelernt.“

Die Löwenzahn-Schule, an der Utta Hoppe Direktorin ist, ist nur wenige Minuten von der Adolf-Reichwein-Schule entfernt. Etwa 340 Kinder besuchen die offene Ganztags-schule: „28 von ihnen haben einen anerkannten Förder-bedarf, der mit viel Improvisation im Rahmen des nor- malen Unterrichts abgedeckt wird.“ Zusätzlich gebe es eine hohe Dunkelziffer an Schülern, die die Kriterien eben- falls erfüllen dürften. Wären da nicht der enorme Papier- krieg, der mit einer Beantragung des Förderbedarfs einhergeht, und die in der Regel etwa einjährige Bearbeitungszeit zwischen Antragstellung und Förderbewilligung, wäre kunst-unterricht_adolf-reichwein-schule neuköllndie Dunkelziffer womöglich niedriger. Überhaupt würde die Bürokratie vielem im Weg stehen – nicht zuletzt der Zukunft der Kinder.

Eine Kollegin von Utta Hoppe ergänzt die Kritik ihrer Direktorin mit einem Einblick in den ganz normalen Lehreralltag: „Ich habe im letzten Jahr für fünf Schüler Anträge an den Förder- ausschuss geschrieben und fühle mich total überfordert.“ Schüler mit emotional-sozialen Verhaltensauffälligkeiten würden gar nicht anerkannt werden, und dann sei podiumsdiskussion_adolf-reichwein-schule neuköllnda ja noch das Elternrecht, das Er- ziehungsberechtigten die Wahl des Schulzweigs zugesteht: „Viele müs- sen vor lauter Ehrgefühl erst in lan- gen Gesprächen davon überzeugt werden, Hilfe zur Förderung ihrer Kinder anzunehmen und dem Antrag zuzustimmen.“ Häufig würden die Gespräche zusätzlich durch Sprachprobleme erschwert. „Ich bin die einzige Deutsche in meiner katharina smaldino_podi adolf-reichwein-schule neuköllnKlasse“, sagt die Lehrerin.

Es sei absolut typisch, dass die Senatsverwaltung ein Schulgesetz herausgibt, ohne es vorher mit Schulen und Lehrern abzustimmen, empört sich Katharina Smaldino. Sie ist seit 11 Jahren als Behindertenbeauftragte in Neu- kölln tätig. „Nach dem 10-Punkte-Plan des Senats soll Berlin im Jahr 2020 komplett barrierefrei sein, aber da sind noch unsäglich viele Kleinigkeiten, die uns lang- sam in den Wahnsinn treiben.“ Auch beim Schulgesetz, bei dem nun ob fehlender finanzieller Mittel zurück- gerudert werde, sei allen Experten vorher klar gewesen, dass das passieren würde. „Das Thema Inklusion ist in der Politik überhaupt noch nicht angekommen“, bemängelt Smaldino, „von einer inklusiven Gesellschaft, die Behinderung als Normalität anerkennt, sind wir allerdings auch noch weit entfernt.“ Etliche Behindertenverbände würden das Wort Inklusion schon jetzt nicht mehr hören können: „Denn da sind die, die wissen, dass man vielen Menschen mit Mischung keinen Gefallen tut.“

=ensa=

Eine Antwort

  1. nur soviel:
    Der Vorgänger von Inklusion hieß Integration. Schon als Leiter solcher Integrationsklassen lernte ich, dass wir, trotz diverser Begünstigungen manchen Schülerinnen und Schülern in der Hauptschule nicht angemessen und individuell differenziert weiter helfen konnten. Nicht selten mussten die Klassen mit Sonderregeln geführt werde, was nicht selten zu beträchtlichen zusätzlichen Spannungen führte.

    Liken

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