Neues Wahrnehmen und Erleben in der Galerie im Körnerpark

urbanität1_galerie im körnerpark_neuköllnEine Ausstellung, die ihre Besucher sofort in den Bann zieht und fasziniert, ist sie nicht. „Urbanität mal anders“ zeigt weder groß- flächige Gemälde noch imposante Skulpturen, sondern rückt eher Kleinteiliges in den Fokus. urbanität3_galerie im körnerpark_neuköllnWobei manches so winzig ist, dass zum Entdecken der Feinheiten Lu- pen bereit liegen.

Ausgangspunkt für die Ausstellung mit dem sperrigen Untertitel „Künstlerische Projekte zur ästhetischen Stadt- forschung“ war aber etwas Großes, wie Kuratorin Dorothee Bienert erklärt: ein Kanu. Mit dem Boot names „Child of Poseidon“ hatten die Künstler Birgit auf der Lauer und Kaspar Pauli drei Monate lang den Berliner Osthafen erkundet, um das aus dieser ungewöhnlichen Perspektive Wahrgenommene durch Fotos und Zeichnungen zu urbanität2_galerie im körnerpark_neuköllndokumentieren. „Daraus“, so Bienert, „entstanden eine Art Flusskarte der Stadt und eine Stadtgeschichte, die auf Transparentbahnen festgehalten wur- den, die nun im Kanu montiert sind.“ Sie habe Birgit auf der Lauer bei einer Vernissage in der Galerie im Saalbau kennen gelernt und dort von ihrer künst-lerisch motivierten Expedition per Boot erfahren, berichtet die Kuratorin: „Das machte mich neugierig, weil ich schon ein Projekt zur ästhetischen Stadtforschung angedacht hatte.“ Die Schwierigkeit, etwas Monumentales wie ein Kanu in eine Ausstellung zu integrieren, kam als weiterer Anreiz hinzu.

„Aus welchen ungewöhnlichen Perspektiven kann man den urbanen Raum erfor-schen? Wie lässt sich das festhalten, was man beim Erwandern und Beobachten des Stadtraums entdeckt? In dieser Ausstellung“, führte Dorothee Bienert bei der Vernissage ein, „geht es genau um dieses andere oder neue Wahrnehmen und um larissa fassler_galerie im körnerpark neuköllndas subjektive Erleben des Stadtraums. Es ist gleichzeitig aber auch eine Zeichnungsausstel- lung, denn die beteiligten Künstler und Künstle- rinnen halten das Gesehene zeichnerisch fest und entwickeln  eine Art Kartografie der Stadt.“

Mit zwei Projekten ist Larissa Fassler vertreten: In einem vermisst und katalogisiert sie akribisch das Kottbusser Tor und zeigt die Veränderungen des Kreuzberger Brennpunkts auf. „Es geht Larissa Fassler darum, alltägliche Wahrnehmungen und Handlungen festzuhalten, die die Struktur des Ortes in Frage stellt oder vielleicht sogar unter-wandert“, erklärt Bienert die Ambitionen der Künst-lerin, die sich bei ihrem Projekt zum Schlossplatz vom Betrachter über die Schulter schauen lässt.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich ihre Ex- ponate ob der identischen Fußgänger-Perspektive pia linz_galerie im körnerpark neuköllnkaum von einer Arbeit der Neuköllner Künstlerin Pia Linz (r.). Doch während Fassler alles am Computer montiert, arbeitet letztere nur mit Zeichnungen. Bei „Urbanität mal anders“ zeigt sie zum einen per Fuß- schrittskala entwickelten Flächenplan der Schiller- promenade.  Später entstandene Detailstudien, die Beobachtungen, Geräuschen und Begegnungen do- kumentieren, fügte sie in den filigranen Plan ein, um den Betrachtern einen spannenden Perspektivwech- sel zwischen Gezoomtem und Totalem zu ermöglichen. Zudem zeigt die Künstlerin mit ihrem Polyeder ein Werk, das im Hinterhof ihrer Wohnung an der Schiller- urbanität4_galerie im körnerpark_neuköllnpromenade entstand: Monatelang saß Pia Linz dort in dem Acrylglasgehäuse und hielt mit Filzstiften alles zeichnerisch fest, was sie um sich herum wahrnahm. Anschlie- ßend wurden die Zeichnungen in das Plexiglas graviert. Die Betrachter blicken von außen auf die „miniaturisierte Welt“; wer sich dabei auf einen der grauen Hocker setzt, entdeckt sie in Augenhöhe mit der Künstlerin. „Pia Linz wird in den nächs- ten Monaten den Körnerpark zeichnen“, kündigt Dorothee Bienert an. „Und auch die Straßen drumherum, denn wie sie mir sagte, werde so erst das Absurde dieses kleinen Paradieses deutlich.“

Die Ausstellung sei, so die Kuratorin, auch ein Experiment und verwies damit auf das Begleitprogramm mit Schüler-Workshops, einer Kanu-Exkursion sowie Stadtwande- rungen mit Heimo Lattner. Ein Experiment ist sie jedoch auch für die Besucher der Galerie im Körnerpark: Wer ein großes Interesse an ästhetischer Stadtforschung mitbringt, dürfte das Ergebnis als gelungen bewerten. Andere könnte es verwirren, vielleicht sogar überfordern und mit dem Eindruck zurücklassen, nicht ins Boot geholt worden zu sein.

Die Ausstellung „Urbanität mal anders“ ist  noch bis Sonntag in der Galerie im Körnerpark  zu sehen; Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr.

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