Das Kreuz mit den Kreuzen

einladungsplakat podi st. clara neuköllnEgal wie stark und aus welcher Richtung dann der Wind weht – in 18 Tagen wird gekreuzt. Im Wahl- BTW2013_Wahlzettel NKkreis 82 Berlin-Neukölln wollen 17 Parteien und 10 Direktkandidaten die Regatta für sich ent- scheiden, um mit dem Rückenwind der Wähler den deutschen Bundes- tag zu entern.

Aber wer sind überhaupt diese Wahlkreisabge- ordneten, die den direk- ten Weg nehmen und Impulse für Neukölln unter der Reichstagskuppel setzen wollen? Mit  Christina Schwarzer (CDU), Ruben Lehnert (Die Linke), Anja Kofbinger (Bündnis 90/Die Grünen) und Anne Helm (Piraten) stellten sich gestern Abend gleich vier der 10 einer Podiumsdiskussion im Gemeindehaus der katholischen St. Clara-Kirche. Fritz Felgentreu und Sebastian Kluckert, die Direkt- kandidaten von SPD und FDP, die ebenfalls zu der Veranstaltung des Dekanatsrat der Katholischen Kirche im Dekanat Neukölln eingeladen worden waren, fehlten ent- schuldigt – ersterer wegen eines parallel stattfindenden gemeinsamen Termins mit SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, letzterer wegen einer Erkrankung. Jan Stöß, Landesvorsitzender der SPD, und Axel Bering, stellvertretender Vorsitzender der Berli- ner FDP, sprangen für sie ein.

An den ersten Runden der von Hans-Joachim Ditz souverän und unterhaltsam moderierten Neuköllner Elefantenrunde durften sie jedoch nicht teilnehmen. Denn bei denen ging es um persönliche Erfahrungen und Ansichten der Kandidaten und darum, dem Publikum im gut besuchten Saal Antworten auf die Frage „Was sind das für Typen, die sich im Bundestag für Neukölln einsetzen wollen?“ zu erleichtern. „Schalke oder Dortmund?“, wollte der Geschäftsführer des Diözesanrates von der einst leidenschaftlichen Fußballerin Anja Kofbinger (l.) wissen. „Schalke natürlich!“, bekannte die 53-Jährige spontan und merkte an, dass sich ihr Engagement als Kickerin jetzt nur noch auf sporadische Einsätze als Torfrau beschränke. „Rock oder Pop?“, lautete die Frage für Christina Schwarzer. „Eher poppig“, antwortete die gebür-

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tige Neuköllnerin und wies gleich darauf hin, dass auch sie zu denen gehöre, die im Auto mitsinge. „Apple oder Windows?“ Anne Helm musste nicht lange überlegen, um mit „Apple!“ zu antworten. Etwas schwerer machte es Moderator Ditz Ruben Lehnert mit der Frage „Vita-Cola oder Coca Cola?“. Allein auf erstere mochte er sich nicht fest- legen, sondern brachte zudem die Light-Version des Originals als Favorit ins Spiel. Wesentlich ausführlicher durften die Kandidaten bei den Anschlussfragen werden, die der Motivation ihres Einsatzes für Neukölln sowie Lieblingsorten und Proble- men im Bezirk galten.

Sie habe einen Großteil ihres politischen Lebens in Neukölln verbracht und wohne an der Weserstraße nicht weit vom Weichselplatz, ihrem Lieblingsplatz, entfernt, erklärte Anja Kofbinger. „Die Mietenproblematik und Verdrängung ist ein Problem, das uns noch stärker beschäftigen wird“, prognostizierte sie. Außerdem müsse man das Thema Integration erheblich weiter denken, als es aktuell der Fall sei: „Dabei muss man künftig auch für die alteingesessenen Neuköllner und Senioren viel mehr tun.“ Ebenso drängend sei die Bekämpfung rechtsradikaler Strukturen, die stetig vom öffnung tempelhofer feld 8. mai 2010, berlin, flughafen tempelhofSüden des Bezirks in Richtung Norden wuchern wür- den.

Als ausgesprochener Fan des Tempelhofer Felds gab sich Ruben Lehnert zu erkennen. Aber grundsätzlich sei Neukölln an sich der schönste Bezirk Berlins, und er könne das beurteilen, weil er bereits in mehreren Kiezen gelebt habe. „Der hässlichste Ort ist definitiv das JobCenter“, hielt er fest. „Nicht aber wegen des Gebäudes, sondern wegen der Art und Weise, wie dort mit Menschen umgegangen wird.“ Dass jeder fünfte Neuköllner trotz Arbeit nicht ohne zusätzliche Trans- ferleistungen auskomme, sei nicht hinnehmbar und der gesetzliche Mindestlohn deshalb eine der wich- gutshof britz_neuköllntigsten Forderungen seiner Partei. „Überhaupt“, so Lehnert, „sind die Menschen der Grund, weshalb ich Politik mache.“

Letzteres – gepaart mit einer großen Leidenschaft für Neukölln – gilt auch für Christina Schwarzer, die inzwischen in Steglitz lebt. „Schön“, schränkte sie ein, „ist der Bezirk zwar nicht immer und überall, aber ganz besonders.“ Vor allem der Gutshof Britz sei eine wahre Perle des Bezirks. Als Gegenteil davon hob sie die mit explodierenden Mieten einhergehende Verdrängung in Nord-Neukölln sowie die Altersar- comeniusgarten, berlin-neukölln, henning vierckmut im gesam- ten Bezirk hervor.

Probleme, fand Anne Helm, gebe es tatsächlich mehr als genug um ihre erklärten Lieblingsorte – den Comeniusgarten und den Richardplatz – herum: die hohe Arbeitslosigkeit, die Diskrimini- nierung von der Gesellschaft abgehängter Perso- nengruppen, den rechtsradikalen Sumpf im Süden des Bezirks. Denen wolle sie sich nach einem erfolgreichen Wahlausgang annehmen. „Wenn ich in den Bun- destag gehe“, so Helm, „dann nur über die Direktwahl und nur für Neukölln, denn auf der Landesliste stehe ich nicht.“ So geht es auch dem Gros der anderen Direkt-kandidaten für den Wahlkreis 82. Lediglich die Vertreter von SPD, CDU und Grünen haben mit ihren 6. Plätzen bzw. Platz 12 auf der Landesliste zumindest einen theo- kofbinger_schwarzer_stöß_podi  st. clara neuköllnretischen Plan B in der Tasche.

Von der persönlichen auf die parteipolitische Ebene gelangte die Diskussionsrunde schließ- lich, als mit Jan Stöß (r.) und Axel Bering die SPD- und FDP-Vertreter aufs Podium kamen. Beim Themenkomplex Kirche und Staat gelang- te man schnell auf die personelle Ausstattung christlicher Kitas, die Ruben Lehnert als Aspekt eingebracht hatte: Eine Muslima, die im Kindergarten seiner Tochter zur Erzieherin ausgebildet worden war, durfte dort nach dem Examen ob ihrer Religionszugehörig- keit nicht weiterbeschäftigt werden. Solche Fälle könnten über Ausnahmeregelungen in die Fortsetzung der Beschäftigungsverhältnisse gebracht werden, ließ Christina Schwarzer den Linke-Kollegen wissen und betonte, dass sie nicht nur mehr Erzieher mit Migrationshintergrund in christlichen Kitas begrüßen würde, sondern auch strikt gegen das von der Bundesregierung eingeführte Betreuungsgeld sei: „Das ditz_bering_helm_lehnert_podi  st. clara neuköllnmag zwar in manchen Regionen Deutschlands richtig sein, aber in Neukölln ist es das nicht.“

Relativ einig, was den Kern betrifft, war man sich auch beim Thema Rüstungsexporte: Hier müs- se es, wenn sie schon nicht, wie Anja Kofbinger betonte, verboten werden könnten, um Transpa- renz bei der Vergabe der Aufträge und um eine Entfilzung gehen. Einzig Axel Bering (r. neben Moderator Ditz), dessen FDP – wie Jan Stöß erinnerte – gleich vier Mitglieder im Bundessicherheitsrat stellt, eierte um ein klares Statement herum. Ganz anders Anne Helm: Natürlich schloss auch sie sich der einhelligen Meinung an, gab aber zu bedenken, dass das seit 10 Jahren verhandelte Anti-Korruptionsgesetz nach wie vor nicht vom Bundestag ratifiziert worden sei und „Deutschland damit auf einer Stufe mit Somalia und Nord-Korea steht“.

Drogenpolitik, Euro-Krise, Asyl- und Flüchtlingspolitik – es waren die Fragen aus dem Publikum, die wieder Neukölln in den Mittelpunkt der Diskussion rückten. „Neukölln ist oft die erste Anlaufstelle für Asylanten“, wusste Jan Stöß zu berichten. Im Hinblick auf die geplante Flüchtlingsunterkunft in Britz wünsche sie sich, so Anja Kofbinger, dass eine neue WIllkommenskultur im Bezirk kreiert werde. Indes wünschte sich Anne Helm, dass man in der Drogenpolitik endlich von der Verbots- politik wegkommt und zu einer Suchtpolitik übergeht. Im Hinblick auf die Euro-Krise meinte Ruben Lehnert, dass es künftig darauf ankomme, „die Diktatur der Finanz- märkte zu brechen.“ Das sei nie Ziel der amtierenden Bundesregierung gewesen, stattdessen habe sie sich von den großen Banken erpressen lassen. Berings st. clara-kirche neuköllnEntgegnung, dass Rot-Grün alles verbockt habe und „wir jetzt eine vernünftige Regie- rung haben“, sicherte dem FDP-Mann immerhin den Lacherfolg des Abends.

Dabei war sein Abschluss-Statement nicht minder originell: Die Erststimme dürften die Neuköllner Wähler gerne Christina Schwarzer geben, die Zweitstimme aber bitte der FDP. Mit solchen Halbheiten mochte sich sonst niemand zufrieden geben. Einen politischen Wechsel hin zu sozialer Gerechtigkeit gebe es nur mit Rot-Grün, versicherte Jan Stöß und forderte: „Die Erststimme für Fritz Felgentreu und die Zweitstimme für die SPD.“ Anja Kofbinger bat ebenfalls um eine farbliche Festlegung beim Kreuzen: „Diesmal zwei Stimmen für Grün!“ Und CDU-Frau Christina Schwarzer rief zunächst zum „Gehen Sie wählen!“ auf, bevor sie anregte, das Kreuz für die Erststimme hinter ihrem Namen zu machen. Es werde Zeit, fand die 36-Jährige, „dass wir Jüngeren frischen Wind in den Bundes- tag bringen.“

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