Mit 2 PS durch Britz

andreas schmidt_vorbereitung kutschfahrt hufeisensiedlung_gutshof schloss britzBisher hatte Andreas Schmidt mit Pferden nur wenig am Hut. Dass er mal beruflich mit ihnen zu tun haben würde, hätte er nie gedacht. „Eigentlich bin ich als Haustech- niker für das Schloss Britz zuständig“, erzählt Schmidt. Nun ist er außerdem Kut- scher – ebenso wie Sonja Kramer, die eigentlich Geschäftsführerin der Kulturstif- mario maser_andreas schmidt_vorbereitung kutschfahrt hufeisensiedlung_gutshof schloss britztung Schloss Britz ist.

Lady und Princess, die beiden schweren Thüringischen Warmblüter, stehen entspannt im Schatten der Stallun- gen des Gutshofs hinter dem Schloss und lassen sich geduldig das Zaumzeug und Kutschgeschirr anlegen. sonja kramer_andreas schmidt_vorbereitung kutschfahrt hufeisensiedlung_gutshof schloss britzDas selber zu machen, gehöre dazu, finden Sonja Kramer und Andreas Schmidt – nicht nur wegen des Kontakts zu den fünfjähri- gen Stuten, sondern auch wegen der Kon- trolle, dass alle Riemen und Gurte richtig sitzen. 50 Unterrichtseinheiten dauerte die Ausbildung, die beide absolvieren muss- ten, um fit für den Umgang mit Kutsche und Pferden zu sein. „Damit unsere Sicherheit wächst, werden wir aber auch jetzt noch einmal pro Woche durch den erfahrenen Trainer Bernhard Stubbe vom Landesverband Pferdesport Berlin-Brandenburg nach- geschult“,  ergänzt Sonja Kramer. Schließlich seien nicht nur sie als Kutscher Neu- 2_kutschfahrt hufeisensiedlung_gutshof schloss britz3_kutschfahrt hufeisensiedlung_gutshof schloss britzlinge, auch Lady und Prin- cess, die vorher meist „auf dem platten Land“ gelaufen sind, müssten noch an den Stadtverkehr gewöhnt wer- den. Vor allem erstere rea- giere sehr sensibel auf Unbekanntes. „Müllsäcke oder Findlinge am Straßenrand und Warnhinweise, die auf den Asphalt aufgetragen sind“, sagt Andreas Schmidt, 1_kutschfahrt hufeisensiedlung_gutshof schloss britz„mag sie gar nicht.“  Umso wichtiger sei es, sie durch unaufgeregte, klare Kommandos und Ansprachen beruhi- gen zu können. Seine Stimme scheint wie gemacht dafür zu sein.

„Scheeritt!“ Mehr als dieses Wort, das Menschen als „Schritt“ vertraut, für Pferde aber zweisilbig verständ- licher ist, braucht es nicht, damit die Wagonette in Bewegung  gesetzt wird. Ganz schnell bemerkt man, wie wich- tig es ist, stabil auf den gepolsterten Bänken zu sitzen. Denn als die Pferde die ersten Schritte machen, tut es einen Ruck – und man sitzt urplötzlich eine Handlänge weiter sonja kramer_andreas schmidt_kutschfahrt hufeisensiedlung_gutshof schloss britzhinten. Dieses Ruckeln merkt man auch öfter während der Fahrt, vor allem wenn der Kutscher den Zugtieren Anweisungen zum Tempowechsel gibt, wobei der Trab zu „Teerab!“ verlängert wird.

Das Klappern der acht beschlagenen Hufe schallt durch die Straßen der Hufeisen-siedlung. Viele Menschen, die entgegen kutschfahrt britzkommen, bleiben stehen, grüßen, winken oder haben zumindest ein Lächeln auf den Lippen. „Beim Kutschefahren vergisst man vollkommen die Zeit“, schwärmt auch Sonja Kramer. Sogar die sonst nicht gerade geduldigen Berliner Autofahrer verzichten auf waghalsige Überholmanöver, sondern folgen zumindest eine Zeitlang dem Tempo, das Lady und Princess vorgeben. Die Gemütlichkeit und Ruhe, die der landauer_kutschenstall_gutshof schloss britzKutscher auf dem Bock ausstrahlt, überträgt sich nicht nur auf die Pferde.

Seit letztem Monat bietet das Schloss Britz die Möglichkeit an, den Süden Neuköllns auf diese besondere Art zu erleben. Meist sind es besondere Ereignisse, für die die Wagonette oder der edle Landauer gebucht werden. „Hochzeiten, Hei- ratsanträge oder einfach mal als Attraktion, wenn der Enkel zu Besuch ist“, zählt Sonja Kramer auf. „Bei Hochzeitsfahrten sind wir Kutscher dann natürlich auch nicht leger unterwegs, sondern mit Zylinder und Jackett.“ Demnächst soll es sogar noch stilvoller werden: Man habe bei verschiedenen Schneidereien angefragt, wer historische „Gründerzeit-sonja kramer_kutschfahrt hufeisensiedlung_gutshof schloss britzKostüme mit leicht barocker Einfärbung“ herstellen könne.

Eine Kutschfahrt ist aber auch ein olfakto- risches Erlebnis. Denn wenn Pferde müs- sen, dann müssen sie eben. Sofort wird danach die Kutsche angehalten und der Co-Pilot steigt ab, holt routiniert Schaufel und Eimer, um die noch dampfenden Pfer- deäpfel nicht der Allgemeinheit als Ärgernis zu hinterlassen. „Schon deshalb fahren wir immer zu zweit“, erklärt Andreas Schmidt. 4_kutschfahrt hufeisensiedlung_gutshof schloss britzVon Gartenbesitzern würde der Britzer Pferdemist gerne genommen werden.

Im gestreckten Trab geht es mehrere Runden um den Fennpfuhl. „Die beiden sind heute richtig gut drauf, wach und munter und ge- nießen diese Trainingsfahrt“, bemerkt der Kutscher und Haustechniker in Personalunion. Dass sie zu munter sind und durchgehen, habe er zum Glück noch nie erleben müssen. Lady und Princess über die Kandarre zum Stehen zu bringen, wäre zwar immer möglich, „doch das ist wegen der Schmerzen für die Tiere nur eine Maßnahme für den Notfall.“ Grundsätzlich müsse man allerdings beim Kutschefahren immer beden- ken, dass die Scheibenbremsen zwar die Kutsche, nicht aber die Pferde bremsen: andreas schmidt_sonja kramer_kutschfahrt hufeisensiedlung_gutshof schloss britz„Wenn’s hart auf hart käme, hätten wir lange Radierspuren auf dem Asphalt.“ Auch, dass eine Kutsche keinen Rückwärtsgang hat, müs- se man immer im Hinterkopf behalten.

Ab einem gewissen Punkt geht es für Lady und Princess ohnehin nur noch vorwärts. „Die wis- sen ganz genau, wo ihr Stall ist und wo es Futter gibt“, ist Sonja Kramer sicher. Diesen sonja kramer_andreas schmidt_abspannen kutschfahrt hufeisensiedlung_gutshof schloss britzInstinkt könne man nicht mal mit dem ständigen Vari- ieren der Routen ausschalten, durch die die Pferde „gegen Monotonie und Dumpfbackig- keit“ gewappnet werden sollen.

„Und jetzt stellen Sie sich mal vor, unsere beiden Kaltblüter würden vor der Wagonette oder vor dem Landauer laufen“, bittet die Kutscherin, während sie Lady abspannt. Das nämlich sei eigentlich der Plan gewesen, als man beschloss, Kutschfahrten ins Programm des Gutshofbetriebs  aufzunehmen. Davon kam man  jedoch schnell wie-

sonja kramer_kutschenstall_gutshof schloss britz andreas schmidt_kutschenstall_gutshof schloss britz

der ab, weil sich Stute Mausi und Wallach Wuschel als altersschwächer als gedacht erwiesen: „Nun bekommen sie hier ihr Gnadenbrot.“ Außerdem hätten die beiden pferdekoppel_gutshof schloss britzmächtigen Tiere auch optisch etwas andreas schmidt_pferdepflege_gutshof schloss britzunpassend vor den Kutschen ausge- sehen. Deshalb seien zu- sätzlich Princess und Lady angeschafft worden.

„Die tun den beiden Dicken übrigens richtig gut“, findet ein Mitarbeiter vom Museum Neukölln, das eben- falls auf dem Gutshof seinen Standort hat. Wie ein Jungbrunnen wirkten die neuen Pferde auf die beiden Oldies, die sich nun viel mehr bewegen. Das Privileg, sich außerhalb des Geländes zu bewegen, bleibt allerdings bei Lady und Princess.

Folgende Kutschfahrten werden vom Schloss Britz angeboten: Rundfahrt durch Britz (ca. 45 Min. auf der Wagonette, ab Gutshof: 60 Euro), Ausfahrt mit dem Landauer durch Britz (ca. 45 Min., ab Gutshof: 120 Euro), private Buchung des Landauers (bei einer Anfahrt von max. 30 Min. und anschl. bis zu 60 Min. Fahrt: 250 Euro; jede weitere angefangene Stunde: 150 Euro). Anmeldung und weitere Infos telefonisch unter 030 – 609 79 230.

=ensa/Reinhold Steinle=