Irregeleitet

irregeleitet - 800Wer zu der gestern eröffneten Ausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremis- mus bekämpfen“ möchte, wird zunächst zum Suchenden. Im Rathaus Neukölln selbst, wo die Ausstellung zu sehen ist, findet sich nämlich keinerlei Hinweis dazu. Stattdessen ist Irreführung angesagt.

Im Foyer in der 2. Etage des Altbaus, direkt vor dem Eingang zum BVV-Saal, wird man dann aber doch fündig. Auf 17 mobilen Tafeln informiert die Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung über Demokratie einerseits und deren Bedrohung durch den Rechts- extremismus andererseits. Wer den Ehrgeiz hat, die Tafeln in der zahlenmäßigen Ausstellung 01 - 800Reihenfolge abzuarbeiten, muss hie und da noch ein wenig suchen, denn die Abfolge erschließt sich nicht ohne Weiteres.

Die Präsentation ist in erster Linie für Jugendliche gedacht. Deshalb sowie wegen der Möglichkeit der pädago- gischen Begleitung durchläuft sie als Wanderausstellung überwiegend Schulen und andere Bildungseinrichtungen.

Neben den Menschenrechten und den demokratischen Prinzipien als Basis einer Ausstellung 03 - 800menschlichen Gesellschaft zeigt und erläutert die Ausstellung im Gegen- satz dazu die rechtsextreme Ideolo- gie, in der genau diese Werte abge- lehnt und bekämpft werden.

Im Einzelnen ist die Thematik durch folgende Aspekte gegliedert: Warum eigentlich Demokratie? Wir sind nicht allein auf dieser Welt. Darum müssen wir unser Zusammenleben mit unseren Mitmenschen vernünftig regeln. Zu zweit ist das noch verhältnismäßig einfach. Doch je mehr Personen sich über die Regeln des Zusammenlebens einigen müssen, desto schwieriger wird es. Demokratie gemeinsam leben: Deutschland ist inzwischen eine gefestigte Demokratie. Doch Demokratie ist keine Selbstver- ständlichkeit, sie muss auch im Alltag gelebt und verwirklicht werden. Dies geht nicht ohne die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Demokratie in Gefahr: Men- schenwürde für alle und Respekt vor anderen bilden die zentralen Grundlagen und Ziele einer humanen und freiheitlichen Gesellschaft. Der Rechtsextremismus wendet sich gegen diese Prinzipien. Fehlen Menschenwürde und Demokratie, drohen Willkür, Gewalt und Unrecht. Rechtsextremes Weltbild: Im rechtsextremen Weltbild haben Menschenwürde und Demokratie keinen Platz. Einstellungen und Verhalten: In der Öffentlichkeit entsteht häufig der Eindruck, Rechtsextremismus sei ein Problem am Rande der Gesellschaft, das nur wenige betrifft. Doch die Neigungen zu rechts- extremen Einstellungen sind in der Gesellschaft weiter verbreitet, als viele es wahrhaben möchten. Rechtsextreme Einstellungen sind die Voraussetzung für rechtsextremes Verhalten. Rechte Aktivitäten in Berlin: Berlin lebt als Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland von seiner Vielfalt.Wachstum und Dynamik beruhen seit Jahrhunderten auf Impulsen durch Migrantinnen und Migranten und deren vielfältige Kulturen. Mit Rechtspopulismus versuchen Rechtsextreme Menschenhass und Ausgrenzung zu etablieren und gefährden durch Gewalt und Einschüchte- rungsversuche den guten Ruf Berlins als weltoffene Stadt. Rechtsextreme und rechtsgerichtete Parteien: Rechtsextremes Denken und Handeln richtet sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung Deutschlands. Daher sind rechts- extreme Personen und Organisationen verfassungsfeindlich und werden von staatlichen Behörden — dem Bundesamt und den Landesämtern für Verfassungs- schutz — im Auftrag der Innenministerien von Bund und Ländern beobachtet. Vom Rand zur Mitte: Rechtsextreme wollen mit ihren antidemokratischen Ansichten immer mehr in die Mitte der Gesellschaft drängen und von dieser akzeptiert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, treten sie alsWölfe im Schafspelz oder auch als Neonazis in Nadelstreifen auf. Rechtsextreme Jugendszene: Rechtsextreme nutzen verschie- dene Möglichkeiten, sich zu organisieren und Netzwerke zu knüpfen. Die Bandbreite reicht von Formen der festen Parteistruktur über Neonazis Skinheads, Kamerad- schaften und Jugendorganisationen bis hin zu losen Verbindungen wie dem Treffen bei Konzerten. Erlebniswelt Rechtsextremismus: Musik ist mehr als Zerstreuung, Internet bedeutet mehr als das Finden von Informationen. In beidem drückt sich auch moderner Lebensstil aus. Das nutzt die rechtsextreme Jugendkultur. Das Internet dient dabei der Vernetzung und der Pflege sozialer Kontakte. In webbasierten Shops kann neben aktuellem Rechtsrock auch gleich die identitätsstiftende Kleidung mitbestellt werden. Was tun bei Stammtischparolen? Der Begriff „Stammtisch- parole“ ist ein Sammelbegriff für eindeutige weltanschauliche, vorzugsweise politische Botschaften, für platte Sprüche und meist auch menschenverachtende Rechthabereien. In Stammtischparolen kommt ein Denken zum Ausdruck, das vorurteilsbeladen, emotionalisiert und häufig aggressiv ist. Was tun? Was tun! Die Förderung der demokratischen Überzeugung ist die beste Vorbeugung gegen Rechtsextremismus. Nicht Rechtsextremisten als Menschen sind die Gegner, sondern rechtsextreme Einstellungen und Verhaltensweisen. Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 in der Bundesrepublik Deutschland: 182 Menschen starben seit 1990 durch rechte Gewalt – viel mehr als bislang offiziell bekannt. Diese Menschen wurden erschlagen, erstochen oder erschossen. Sie sind Opfer rechter Gewalt und zeigen, welches Ausmaß Fremdenfeindlichkeit und Menschenhass annehmen. Demokratie 03 - 800Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechts: Es gibt viele, sehr unterschiedliche Gründe, warum sich junge Menschen rechtsextremen Gruppen oder einer rechten Szene anschließen. Ist man erst mal Teil davon, wird es nicht leicht, daraus wieder auszu-steigen. Mit dem Programm „Ausstieg zum Einstieg“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales werden seit 2009 Initiativen gefördert, die Jugendlichen beim Ausstieg aus der rechten Szene helfen und sie Demokratie 01 - 800beispielsweise bei der Arbeitssuche oder dem Umgang mit dem Arbeitgeber unterstützen. Hilfen zum Ausstieg: Ist Europa auf dem „rechten“ Weg? Anti- demokratische Meinungen und Vorstellungen sind in einigen europäischen Ländern Normalität. Das Projekt „Internationale Vernetzung der ausstiegsorien- tierten Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremis- mus“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, das über das XENOS-Sonderprogramm „Ausstieg zum Einstieg“ gefördert wird, hat auch das Ziel, Aktivitäten, die das tolerante Miteinander in Europa fördern, zu verbinden und bekannt Demokratie 02 - 800zu machen.

Demokratie ist eine Aufgabe und keine Selbstver- ständlichkeit, das verdeutlicht die Ausstellung. Aus- sagen prominenter Menschen laden dazu ein, über den Wert der Demokratie nachzudenken.

Die Ausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ wird noch bis zum 30. August in der 2. Etage des Neuköllner Rathauses (Karl-Marx-Straße 83) gezeigt.

=kiezkieker=