Namenswettbewerb zur Umbenennung des Platzes der Stadt Hof: Politikum oder Provinzposse?

Die Benennung von Straßen und Plätzen dient der Orientierung in der Stadt, soll Ehrung oder Würdigung der Namensgeber sein und weist gelegentlich auf ge- schichtliche Beziehungen hin. Das Verfahren der Namensgebung an sich ist oft Politikum oder Provinzposse. Zum Politikum wurde einst die Umbenennung eines Teils der Kreuzberger Kochstraße, die zwischen Axel-Springer-Straße und Friedrich- straße jetzt den Namen Rudi-Dutschke-Straße trägt. Eher eine Provinzposse war die Neubenennung des ebenfalls in Kreuzberg gelegenen Platzes vor dem Jüdischen Museum, der nun Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz heißt. Der Name Moses Mendelssohn Platz war zuvor vom Bezirksparlament abgelehnt worden – mit der Begründung, dass in Berlin eine Frauenquote für Namen im öffentlichen Raum gelte buschkowsky_wowereit_platz der stadt hof neuköllnund die gewünschte Geschlechterparität  noch lange nicht erreicht  sei.

In Neukölln stellte die [Aktion! Karl-Marx-Straße] vor den Sommerferien die Ergeb- nisse ihres Wettbewerbs zur Umbenen- nung des Platzes der Stadt Hof vor. Die Umbenennung sei gerechtfertigt, so die Initiatoren, weil der bisherige Name um- ständlich klinge, kaum in der Bevölkerung bekannt sei und der Platz erst durch seinen Umbau, der voraussichtlich Ende 2013 ab- geschlossen ist, ein richtiger Platz werde. Die fünf Vorschläge der [Aktion! Karl-Marx- Straße] platz der stadt hof_neuköllnlauten: Platz der Vielfalt, Platz der Kulturen, Platz der Toleranz, Neuköllner Stern und Rio-Reiser-Platz. Eine mögliche Umbennung muss die Neu- köllner Bezirksverordnetenversammlung mehrheitlich beschließen.

Bislang ist allerdings im Bezirk keine deutliche Stimmung für einen der Namensvorschläge zu er- kennen. Die Namen Vielfalt, Toleranz und Platz der Kulturen sind nach Ansicht vieler Neuköllnerinnen und Neuköllner nicht originell und austauschbar. Rio Reiser, der mit den Hits „König von Deutschland“ und „Alles Lüge“ bundesweit bekannt wurde, ist wegen seiner Vergangenheit bei der Anarcho-Rockband Ton Steine Scherben nicht unumstritten. Dieter Aßhauer, Geschäftsführer der AG Karl-Marx-Straße  und bis heute für die Entwicklung der Neuköllner Einkaufsmeile aktiv, erinnern die Vorschläge „an die vielen Plätze der Einheit, die es früher in Brandenburg“ gab. Den Namen gäste der stadt hof_freunde neuköllns e.v._rixdorfer schmiede neuköllnRio-Reiser-Platz schließt Aßhauer aus- drücklich aus.

Auf großes Unverständnis stößt der Namenswettbewerb auch im oberfrän-kischen Hof. 1986 war der Platz in Neukölln nach der Stadt  an der Saale benannt worden. Damals standen Funkmasten des Senders RIAS Berlin in Britz und Oberfranken. Sie bildeten eine Verbindung zwischen beiden Orten dicht an der Grenze zur damaligen DDR. Sogar der Abschluss einer gemeinsamen Städtepartnerschaft war kurz vor dem Ende des kalten Krieges geplant – zu ihm kam es allerdings nicht. Ehemalige Berliner, die heute in Hof leben, reisen jedoch weiterhin regelmäßig in ihre alte Heimatstadt. Zudem bestehen über den Städte- partnerschaftsverein Freunde Neuköllns e. V. bis heute zahlreiche persönliche Kon- takte. Der Hofer Alt-Oberbürgermeister Hans Heun, der 1986 bei der Platzbenennung  in Neukölln anwesend war, schrieb deshalb kürzlich einen Brief an den Neuköllner Baustadtrat Thomas Blesing, in dem er darum bat, die Diskussion über die Um- benennung des Platzes, die  „ohne Not“ geführt werde, endlich zu beenden. Der Bund der Berliner und Freunde Berlins in Hof wandte sich jetzt  ebenfalls mit einem baustellen-info platz der stadt hof_neuköllnBrief an Blesing. Die ehemaligen Berliner aus Oberfranken fragen darin u.a., ob die Stadt Hof nicht für Toleranz stünde und der Platz deshalb umbenannt werden müsse.

Welche der BVV-Fraktionen nach der Som- merpause aber überhaupt einen Antrag zur Umbenennung des Platzes der Stadt Hof in das Bezirksparlament  einbringen wird, ist offiziell nicht bekannt. Es bleibt also offen, ob wir demnächst ein Politikum oder eine Provinzposse in Neukölln erleben können.

=Christian Kölling=

3 Antworten

  1. Der „Platz der Stadt Hof“ war das Ergebnis einer Kungelei zwischen einer namhaften Persönlichkeit aus der Neuköllner BVV und einer namhaften (Granitunternehmer-)Persönlichkeit aus Hof und hatte viel mit ökonomischen Interessen in Sachen Pflastersteinen und kaum etwas mit Solidarität mit den armen west-berliner Neuköllnern zu tun. Verbindungen zwischen den Städten waren beschränkt auf Verbindungen zwischen Persönlichkeiten befreundeter Parteien. Die Tatsache, dass eine Straßenkreuzung plötzlich ein Platz sein sollte, und der Name des Platzes kamen ’86 wie vom Himmel, Bürger waren nicht beteiligt.
    Nun wird man einen Platz bekommen, und der braucht einen Namen. Der alte hat sich nie durchgesetzt, war immer fremd.
    Mir würde Platz der Toleranz ganz gut gefallen, liegt er doch zwischen Rathaus und dem Böhmischen Dorf als Symbol gelebter (und durchgesetzter) Toleranz, auch wenn das Wort eigentlich nicht zur Neuköllner Seele passt – es ist ein bisschen zu highbrow. „Vielfalt“ ist abgelutscht, wenn auch richtig.
    Man sollte eine zweite Runde Namensideen aufrufen.

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  2. Hiermit mache ich einen herausragenden Vorschlag, den ich meiner Wahlheimat Neukölln einfach schenken möchte. Der neue Name lautet

    PLATZ DER PLÄTZE

    Da ist alles drin. ein wunderschöner, klangvoller, gänzlich neuer, kluger und vielfältiger Name, der alles das transportiert, was die anderen Vorschläge wollen, aber nicht mehr einlösen: Toleranz, Vielfalt, Schönheit, Freundschaft, Internationalität.

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  3. Kungelei bei der Erstbenennung als Grund für eine Umbenennung? Dieses Argument ist mir neu und auf den Seiten der Aktion Karl-Marx-Straße habe ich es bis heute nicht gelesen. Nichtsdestotrotz sprechen im Wesentlichen zwei Argumente gegen eine Umbenennung – wer sich ausführlicher mit der Angelegenheit beschäftigen will – sei auf meine Seite bei Facebook verwiesen (1):
    a) Namen von Straßen und Plätzen dienen der Orientierung in der Stadt. Der Name Platz der Stadt Hof ist seit über 25 Jahren im Bezirk bekannt. Zwei Bushaltenstellen tragen den Namen. Die SPD machte dort 2011 eine gutbesuchte Wahlkampfveranstaltung mit Wowereit, Buschkowsky und anderen. Und bevor ich hier noch weitere Beispiele anführe: Wer sagt -vorallem wer garantiert uns denn-, dass die Namen Platz der Vielfalt, Toleranz oder Kulturen besser in der Bevölkerung angenommen werden?
    b) Die Benennung von Straßen und Plätzen ist Würdigung oder Ehrung der Namensgeber_innen. Nicht ohne Grund gibt es eine Ausführungsvorschrift für §5 des Berliner Straßengesetzes, der die Benennung und Umbenennung regelt. Selbstverständlich können Namen verändert werden -wie z.B. im Fall der im Artikel erwähnten Rudi-Dutschke Straße geschehen. Wollen wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Neukölln jetzt aber neue Namen vergeben? Der Albert-Schweitzer-Platz (keine Hausnummer!) wird von Schülerinnen und Schülern gerade umgestaltet. Sollte sie ihn danach auch umbenennen dürfen ?! Wie wär’s mit einem Janis-Joplin-Platz ??? Zwei Haken gibt es nur: Wie erkläre ich es den Nachkommen des berühmten „Urwald-Doktors“, und wer gibt zweitens seinen Namen für eine Platzbenennung in Neukölln noch her, wenn die Würdigung nach gusto wieder rückgängig gemacht werden kann ?

    https://www.facebook.com/#!/groups/197502010290992/

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