Die U8-Strecke wird kürzer, die M44- und Kurzstrecke länger

u8 leinestraße neuköllnÜbermorgen ist erstmal Schluss. In der Nacht von Sonn- tag auf Montag hält der letzte U8-Zug am Bahnhof Leine-straße, danach wird die Station ebenso wie die End- haltestelle Hermannstraße für über neun Monate vom unterirdischen BVG-Netz abgehängt. „Im Zuge der lau- fenden Bahnhofsgrundinstandsetzung sollten u. a. der Deckenputz und der Anstrich des U-Bahnhofes Leine-straße erneuert werden“, begründet die Pressestelle der Berliner Verkehrsbetriebe. „Beim Entfernen des Decken-putzes wurden weit umfangreichere Schäden an der Beton- und Stahlkonstruktion festgestellt, die trotz sorgfältiger Voruntersuchungen in diesem Ausmaß nicht erkennbar waren. Zur langfristigen Sicherung muss die Unterseite der Bahnhofsdecke schäden_u8-station leinestraße_neuköllnkomplett saniert und gestärkt werden. Um die Arbeiten durchführen zu können, ist die Unterbrechung des Zugverkehrs zwischen den U-Bahnhöfen Boddin- straße und Hermannstraße leider unvermeidlich.“

„Ob das wirklich in neun Monaten erledigt ist?“, zweifelt eine Frau, die am Ende der Allerstraße mit Blick aufs Tempelhofer Feld lebt. Bisher war ihre Wohnung etwas mehr als 5 Minuten Fußweg von einer U-Bahnstation entfernt; künftig wird sie gut die doppelte Zeit unterwegs sein, um in eine U-Bahn steigen zu können. An fünf Tagen pro Woche mindestens zweimal. „Ärgerlich ist das, aber kein wirkliches Problem“, findet die Verkäuferin. Sie habe ja zwei gesunde Füße. Einer 84-Jährigen aus der Leykestraße geht das anders. Natürlich habe sie Ver- ständnis dafür, dass die Sanierung gemacht werden müsse, sagt sie, und selbstverständlich begrüße sie es sehr, dass der U-Bahnhof Leinestraße nach der Wiedereröffnung sogar endlich einen Aufzug haben wird. „Aber schäden_u-bahnhof leinestraße_neuköllndass ich nun sonntags eine Taxe nehmen muss, um zur M44-Haltestelle an der S-Bahnstation Hermann- straße zu kommen, das ist eine bodenlose Frechheit.Jedenfalls habe sie gehört, dass der 344er Bus die U-Bahn ersetzen soll, der aber, weiß sie, fahre sonntags überhaupt nicht. „Echt beschissen“ nennt ein Mann aus der Oker- straße die Situation, die sich für Bewohner des Einzugsgebiets in den nächsten Monaten ergibt, wenn die U8 schon an der Boddinstraße endet. Dass die BVG keinen Schienenersatzverkehr (SEV) einrichten wird, empört ihn besonders.

bvg u8 kein zugverkehr_neuköllnTheoretisch ist ihm zwar Recht zu geben, praktisch aber nur bedingt. Wie uns BVG-Pressesprecherin Petra Reetz gestern telefonisch auf Nachfrage mit- teilte, werden ab Montag oberhalb des gesperrten Untergrunds durchaus Alternativen zur U8 angebo- ten. Sie habe ganz aktuelle Infos, die natürlich auch noch zeitnah mit Aushängen kommuniziert würden; zudem werde die BVG ab Montag an den Stationen Boddin-, Leine- und Hermannstraße Service-Personal einsetzen, das Fahrgäste über die Möglichkeiten des weiteren Vorwärtskommens informiert. Für Nutzer des  Bahnhofs Leinestraße gilt laut Petra Reetz, dass die  Anbindung an den bvg u8-info_neuköllnU- und S-Bahn-Verkehr durch eine Verlängerung der Buslinie M44 und eine Verdichtung des Takts des 344er Busses erfolge. „Der M44 wird während der Baumaßnahme nicht an der Station Hermannstraße enden, sondern bis zur Boddinstraße fahren“, erklärt die BVG-Pressesprecherin. „Außerdem wird die zwi- schen Kranoldstraße und Hermannplatz pendelnde Linie 344 öfter als im bisherigen 20-Minuten-Takt, abends länger und auch an den Wochenenden bedient.“ Es werde also durchaus eine Art SEV geben: „Allerdings unterhalten wir den mit vorhandenen tunnelsanierung_u8 leinestraße_neuköllnLinien statt noch Sonderbusse einzusetzen, die die Staugefahr auf der im Bereich Leinestraße einspurig verengten Hermannstraße zusätzlich verschärfen bvg u8-umfahrungen_neuköllnwürden.“

Allen, die bisher die U8 genutzt haben, um an deren südlicher Endhaltestelle in die S-Bahn umzusteigen, empfiehlt die BVG, sich künftig an den U-Bahnknotenpunkten Mehringdamm und Hermannplatz in Richtung Ringbahn zu orien- tieren. „Eine gute Woche“, schätzt Petra Reetz, „dann hat sich das eingespielt.“

So optimistisch ist man in den am stärksten betroffenen Neuköllner Kiezen rund um die Station Leinestraße nicht. Die meisten Anwohner empfinden die Abhängung vom U-Bahn-Anschluss als massiven Eingriff in ihre Mobilität; viele Gewerbetreibende fürchten ob sich verändernder Laufwege Umsatzeinbußen. „Wenn die Leute, die zum Tempelhofer Feld wollen, an der Boddinstraße aus der U-Bahn steigen statt bis zur balli imbiss_u8 leinestraße_neuköllnLeinestraße zu fahren, dann werde ich das deutlich in der Kasse merken“, sagt ein Kioskbetreiber. Sogar beim Discounter an der Ecke Oker-/Hermannstraße rechnet man mit dem Ausbleiben durchreisender Stammkunden, die bisher den direkten U8- Anschluss zu schätzen wussten. Von bes- tenfalls sehr geringen Umsatzeinbußen gehen dagegen die Betreiber des Imbisses aus, der direkt am südlichen Ausgang des U-Bahnhofs liegt. Viele ihrer Kunden seien Laufkunden oder kämen mit dem Auto, sagen sie: „Und dann haben wir ja noch die Bushaltestelle direkt nebenan.“

sanierungsbedarf_u8-station leinestraße_neuköllnSehr unterschiedlich sind auch die Einschätzungen, wel- che Auswirkungen die unterirdische Dauerbaustelle der BVG auf die Entwicklung und Attraktivität der Kieze haben wird. Zwar wird kaum ein U8-Anrainer ernsthaft mit dem Gedanken spielen, seine Wohnung wegen des dann ferneren U-Bahn-Anschlusses aufzugeben, aber … „Dass ich mich für meine Wohnung entschieden hätte, wenn damals die Nähe zur Station Leinestraße nicht gewesen wäre, bezweifel ich sehr“, sagt die Verkäuferin aus der Allerstraße. Für sie sei eine vernünftige ÖPNV-Anbindung de facto kein unbedeutendes Argument. Weniger dras- tisch beurteilt Beate Hauke vom Pro Schillerkiez e. V. die Situation: „Für Wohnungssuchende wird eine freie Woh- nung im Schillerkiez wegen einer zeitlich auf etwa neun Monate begrenzten Bauphase bei der U8 nicht uninte- ressanter werden. Dafür ist der Wohnungsmarkt zu angespannt und die Nähe zum Tempelhofer Feld zu attraktiv.“ Gänzlich anders wäre es, meint sie, wenn es sich um eine endgültige Einstellung der Bahn handeln würde. Allenfalls bei Wohnungen, die sich direkt an der Baustelle befinden, hält die Vorstandsvorsitzende des Vereins es für eingang_u8 leinestraße_neuköllndenkbar, dass nicht nur die Nachfra- ge, sondern gegebenenfalls auch der Mietpreis beeinflusst werden könnte. Während der etwa dreivierteljährigen Sperrung werde, kündigt die BVG an, „in zwei verlängerten Schichten und samstags“ im 1929 eröffneten, denk- malgeschützten Bahnhof gearbeitet.

Es sei kompliziert, gibt ein Hausver-walter zu, der mehrere Immobilien rund um die ab Montag gesperrte U8-Station in seiner Obhut hat. Allzu offensiv wolle er bei Telefonaten mit Interes- senten für freie Mietobjekte lieber nicht mit der Tatsache umgehen, dass es zwar ei- nen U-Bahnhof in der Nähe gibt, dieser allerdings für viele Monate aus dem Verkehr gezogen wird. Eine solche Information, vermutet er, könne leicht zum vorzeitigen K.o.- Kriterium für eine Wohnung werden, die ansonsten nur Überzeugendes zu bieten hat.

„Wir empfehlen unseren Fahrgästen, den gesperrten Abschnitt zwischen U Boddinstraße und U Leinestraße zu umfahren, z. B.:

Ab U Hermannplatz mit der U7 bis S+U Neukölln und dann weiter mit den S-Bahnlinien S41, S45, S46 und S47 oder der Metrobuslinie M44 bis S+U Hermannstraße und umgekehrt. (Hier gilt im Rahmen der Kulanz der Kurz- streckentarif für 4 bzw. 5 Stationen mit Umsteigen.)

Ab U Mehringdamm (U6) bis S+U Tempelhof weiter mit den S-Bahnlinien S42, S45, S46 und S47 bis S+U Hermannstraße und umgekehrt. (Hier gilt im Rahmen der Kulanz der Kurzstreckentarif für 7 bzw. 8 Stationen mit Umsteigen.)

Der U-Bahnhof Leinestraße ist ab U Boddinstraße oder S+U Hermann- straße mit der Buslinie 344 erreichbar. (Hier wird für die Dauer der Baumaßnahme aus Kulanz ein Umsteigen mit einem Kurzstreckenticket von der U8 in den Bus 344 gestattet bzw. vom Bus 344 in die U8 zwischen S+U Hermannstraße und U Hermannplatz. Hier gilt dann der Kurzstrecken- tarif, 3 Stationen, wobei die Bushaltestellen Herrfurthstraße, Karlsgarten- straße und U Hermannplatz / Karl-Marx-Straße nicht mitgezählt werden.

Grundsätzlich verfahren wir bei Fahrausweiskontrollen während der Bauzeit in diesem Bereich mit Fingerspitzengefühl und Kulanz.“

(Auszug aus einer uns vorliegenden Pressemitteilung der BVG vom 1.8.2013, die speziell auf die Nachfrage bezüglich der Kurzstreckenticket-Regelung eingeht.)

=ensa=

3 Antworten

  1. Die Infos sind in sich widersprüchlich: Die abschließende Empfehlung lässt den M44 bis S- und U-Bahnhof Neukölln fahren (siehe erste Empfehlung: „Ab U Hermannplatz mit der U7 bis S+U Neukölln und dann weiter mit den S-Bahnlinien S41, S45, S46 und S47 oder der Metrobuslinie M44 bis S+U Hermannstraße und umgekehrt“), diese Information deckt sich mit den allerorten ausgelegten Broschüren und den aktuellen Verkehrsmeldungen auf der BVG-Seite.
    Es wäre doch sehr verwunderlich, würde der M44 tatsächlich gleichzeitig bis Boddinstr. verlängert werden, wie Frau Reetz das verspricht und sich vermutlich einfach vertan hat.
    Hört sich ja auch besser an, wäre wahrscheinlich auch sinnvoller gewesen, aber so ist es nicht: Also doch nur der 344er auf der Strecke zwischen Hermann- und Boddinstr. Der hoffentlich nicht nur häufiger fährt, sondern auch größer ist als der bisher eingesetzte Fahrzeugtyp 😉

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    • Die im Servicehänger zitierte Pressemeldung der BVG stammt vom 1.8. (Datum wurde nun auch im Beitrag nachgetragen). Die gestern eingeholte Information von Frau Reetz ist somit die aktuellere und die, die nach ihrer Aussage ab Montag umgesetzt wird.

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      • Und die aktuelle Verkehrsmeldung der BVG zum M44er (aktualisiert am 08.08., was immerhin auch nur vorgestern ist) ist auch falsch?
        Dort weiß man auch nichts vom U-Bhf. Boddinstraße und verlängert den Bus über die Emser- bis zum S-/U-Bahnhof Neukölln.
        http://www.bvg.de/index.php/de/9464/name/Verkehrsmeldungen/report/1244457.html

        Ich bin gespannt, wir werden es sehen. Möglicherweise ist die BVG ja neuerdings Freund schneller Entscheidungen und nimmt in Kauf, mit allen Broschüren und Hinweisen die armen Fahrgäste auf eine falsche Fährte zu locken…
        Ich bleibe bis zum Beweis des Gegenteils allerdings bei der Meinung, dass Madame den Überblick verloren hat.

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