Helene Nathan 2.0

Ich gebe es zu, ich finde Menschen manchmal ja auch doof und habe auf manche Gespräche wirklich keine Lust. Aber noch viel weniger möchte ich mit Automaten ausleihe-medienselbstverbuchung_helene-nathan-bibliothek neuköllnplaudern. Jetzt stehen allerdings ebensolche, von denen ich mir etwas sagen lassen soll, in der Helene-Nathan-Bibliothek in den Neu- kölln Arcaden: Selbstverbuchung heißt das System, das seit einigen Wochen per RFID (Radio-Frequency Identification) die automa- tische Identifizierung von Büchern und ande- ren Medien erlaubt.

Natürlich gibt es dem Eingang zur Bibliothek einen ganz neuen Charme. Den des Check-In-Bereichs eines Flughafens beispielswei- se, obwohl, nein, da sind ja mehr Menschen. Eher den einer Pfandflaschenrückgabe- oder Geldautomaten-Halle oder so. Auf jeden Fall den, den ich nicht erwarte und haben möchte, wenn ich in eine Bibliothek gehe. Alles noch anonymer, noch automatischer, noch unpersönlicher.

Die meisten, die kommen sind irritiert und haben Probleme bei der Bedienung. Ich habe mir das eine Weile angeguckt.  Immer muss jetzt eine hilfsbereite Bibliothekarin in der Nähe stehen und helfen. Bis dann endlich auch der letzte Kunde verstanden hat, wie es geht. Die meisten der Buchausleihenden sind wenig begeistert und tun dies auch kund. Und auch die dort arbeitende Dame, mit der ich spreche, äußert hinter vorgehaltener Hand ihren massiven Unmut.

Jetzt geht es also los: Der Beruf der Bibliothekarin und das Mysterium des Dutts und der randlosen Lesebrille am Band sterben aus. rückgabe-automat_stadtbibliothek neuköllnIn der Helene-Nathan-Bibliothek werden zumindest in diesem Jahr das erste Mal keine Neuen mehr angestellt. Alle dort Lernenden werden nach Beendigung der Ausbildung weggeschickt. „Das gab es noch nie“, lässt mich die Angestellte wissen. Angst um ihre Jobs müssen die Festangestellten zwar noch nicht haben, aber es kommt eben auch niemand mehr nach.

Ja, das Sortieren gehe damit schon ganz gut, aber nicht besser, meint die Dame, und außerdem zeigen sich bei den ersten Ge- räten schon Macken und Defekte, für die immer wieder Techniker gerufen werden müssten. Und man kann auch nicht mehr die frisch zurückgebrachten Bücher, DVDs oder was auch immer durchforsten. Offiziell heißt es, dass die Kunden die Automaten gut annähmen und nicht mit Personaleinsparungen gerechnet werde. Nunja, meine Beobachtungen und die inoffiziellen Aussagen sind andere: Der Großteil hält diese Automaten für überflüssig.

Und ich habe ehrlich gesagt so dermaßen keinen Bock in einer so anonym-technologisierten Bibliothek zu sein, dass ich mir ernsthaft überlege mir einen Ebook-Reader zuzulegen. Da muss ich mit überhaupt niemandem mehr reden, noch nicht mal mehr umblättern und kann mir sogar den Weg  „zu Helene“  ersparen.

=Anna Sinnlos=