Überall? Nirgendwo? Die Suche nach Neukölln geht weiter!

Ramon Schack ist Journalist, lebt seit einem Jahrzehnt in Berlin und seit gut zwei Jahren in Neukölln. Politischer Extremismus, die offene Gesellschaft samt ihrer Feinde sowie Nahost-Themen sind die Schwerpunkte seiner Arbeit. Nun hat der neukölln ist nirgendwo42-Jährige mit „Neukölln ist nirgendwo“ ein Buch geschrieben, für das er – statt in der Ferne – vor der eigenen Haustür re- cherchieren konnte. „Ich hatte bei Face- book einige Geschichten aus meiner Nach- barschaft erzählt und als Resonanz kam oft der Wunsch, dass man daraus ein Buch machen müsste.“ Dann hat ihn Matthias Dierssen vom Verlag 3.0 angesprochen und die Idee ihren Lauf genommen, erklärt er bei der Buchvorstellung vor Medienver- tretern.

Dass „Neukölln ist nirgendwo“ sehr dem „Neukölln ist überall“ ähnelt, mit dem  Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky im Herbst letzten Jahres einen Sachbuch-Bestseller landete, kann leicht zu Verwirrungen führen. „Nein“, sagt Ramon Schack, „ich will mein Buch nicht als Widerlegung von Buschkowskys Thesen verstanden wissen. Es ist eine kritische Ergänzung ohne moralischen Zeigefinger.“ Um ein Bild, ramon schackdas nicht die vom Bezirksbürgermeister benutzten Schwarz-Weiß-Kontrasten zeigt, sondern Grautöne vermittelt, sei es ihm gegangen. Um Moment-aufnahmen. „Ich erhebe jedenfalls nicht den An- spruch, die Wahrheit über Neukölln aufgeschrie- ben zu haben“, hält Schack fest.

Wer „Neukölln ist nirgendwo“ für 14,50 Euro kauft und liest, begleitet den Autor in Kneipen, seine Lieblingspizzeria und die subjektiven Weltbilder von Menschen, die im Bezirk leben. Mit einigen von ihnen führte er Gespräche, die er teilweise im Berlinisch der Protagonisten wiedergibt. Das lockert die ein- zelnen Geschichten auf und zeigt deutlich, dass die Neuköllner den Berliner Humor trotz Neuköllner Widrigkeiten nicht verloren haben. Auch Episoden der nahezu täg- lichen Dauerfehde seiner Nachbarinnen Chantal und Frau W., in die Ramon Schack – ob er will oder nicht – involviert ist, sind  humorvoll erzählt, könnten sich aber ebenso gut in anderen Berliner Bezirken ereignen. Die Geschichte der Putz- frau Anka, der wegen der Verwendung nicht-veganer Putzmittel von einem Lehrerehe- paar gekündigt wurde, ist ebenfalls nicht unbedingt spezifisch für Neukölln. Sie ist vielmehr ein Beleg dafür, dass auch Akademiker in Neukölln leben und nicht nur verwirrte Seelen. Aber auch von diesen gibt es genügend in Neukölln, wie das Gespräch mit neukölln-schilddem jungen Salafisten deutlich macht. Ob der die Geschichte des Salafismus überhaupt kennt, fragt man sich bei der Lektüre.

Durch die genaue Beschreibung des Rollberg-kiezes begibt sich der Autor ein wenig auf die Spuren eines Kiezes in Neukölln. Schacks Por- trait des hier tätigen Vereins Morus 14 veran-schaulicht, dass Hilfe durch Selbsthilfe in Neukölln sehr gut funktionieren kann. Neukölln lebt von den Zuwanderern aus allen Teilen Deutschlands, Europas und der Welt. Anhand der Gespräche mit diesen migrierten Alt- und Neu-Neuköllnern verdeutlicht der Autor, dass Neukölln ein sehr lebendiger Stadtteil ist, der sich durch diese verschiedenen Menschen in einer ständigen Umwälzung befindet. Und das ist auch gut so. Ist es das wirklich? „Veränderung“, meint Ramon Schack, „ist das Kernwesen einer Metropole und in Neukölln ist die Veränderung in vollem Gange. Aber nicht alles ist meiner Meinung nach Gentrifizierung. Kritisch wird es, wenn die Veränderungen Auswirkungen auf das soziale Gefüge eines Bezirks haben, also eine Bionadisierung stattfindet.“ Beispielhaft dafür steht im Buch eine aus München stammende Studentin, die in einer der keine wohnung frei_neuköllnEigentumswohnungen ihrer El- tern lebt und überhaupt nicht versteht, warum sich jemand aufregt, wenn die Mie- ten in Neukölln steigen.

Ich hätte mir gewünscht, dass der Autor ein wenig mehr auf Neuköllns wechselhafte und interessante Geschichte eingegangen wäre. Es gibt in Neukölln jenseits der hektischen Hauptstraßen jede Menge Orte, die so ruhig sind, dass man kaum glauben kann, sich mitten in Neukölln zu befinden. Es gibt jedoch auch den am Tage stattfindenden Drogenhandel, die Wettbüros mit den davor befindlichen mehr oder weniger betrunkenen und zum Teil pöbelnden Menschen. Dies ist alles auch Neu- kölln. Mit „Objektivität ist eine Schweinerei“, einem Bonmot des Schriftstellers Joseph Roth, begegnet  Ramon Schack  kritischen Stimmen an den Orten und Prota- gonisten, die er sich für die 174-seitige Zustandsbeschreibung seines Wohnorts ausgesucht hat: Auch den Vorwurf, dass er erst seit zwei Jahren im Kiez lebe, sagt der diplomierte Politologe, habe er schon häufig gehört.

„Neukölln befindet sich gerade auf einer Reise mit beschleunigter Geschwindigkeit und unbekanntem Ziel“, erklärt Ramon Schack den Titel seines Buches. Meiner Mei- nung nach aber ist Neukölln genau da, wo es hingehört, immer war und auch in Zukunft bleiben wird.

=Gabi Heuze=

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