„Wir sind nicht die mit ’ner spinnerten Idee!“

„Ich möchte ins Parterre und eine kleine Terrasse haben, damit Paulinchen immer rein und raus kann.“ Andere der etwa 30 Frauen, die an diesem Nachmittag nach RuT-WohnprojektNeukölln ins RuT gekommen sind, haben andere Wünsche und wollen lieber unters Dach oder eine Wohnung auf der Ostseite des Gebäudes. Wer den Frauen zuhört, könnte meinen, dass sie schon auf ge- packten Umzugskartons sitzen und alles für den Transport organisiert ist. Dafür wäre es aber noch viel zu früh.

Etwa ein Jahr ist es her, seit das Projekt erstmals ans Licht der Öffentlichkeit gehievt wurde: Berlin – so die Intention – braucht ein Wohn- und Kulturzentrum für lesbische Frauen, das ihnen bis ins hohe Alter ein ge- meinschaftliches, würdevolles und diskri- minierungsfreies Leben gewährleistet. „So etwas wie den Beginenhof, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir keine Eigentums- sondern Mietwohnungen zu bezahlbaren Preisen anbieten wollen“, erklärt RuT-Projektleiterin Kirsten Schaper. Denn problematisch für frauenliebende Frauen, sagt sie, sei ja nicht nur, dass sie in Senioren- oder Pflegeheimen häufig diesen Teil ihrer Vita verleugnen, auch würden Plakat RuT-Wohnprojektviele von ihnen mit der Grundsicherung aus- kommen müssen.

An die 50 Wohnungen sollen unter dem Dach des RuT-FrauenKultur&Wohnen-Zentrum entste- hen: rund ein Drittel mit 2 1/2 bis 3 1/2 Zimmern, die restlichen kleiner und teils mit einer grund-sicherungsverträglichen Miethöhe. Ferner wird es in dem barrierefreien, auf Inklusion ausge-richteten Haus eine Pflege-WG mit acht Plätzen für Demenzkranke und Schwerstpflegebedürftige geben. „Eigentlich müssten wir schon jetzt mit viel mehr Wohneinheiten planen, weil die Nach- frage riesig ist“, bemerkt Kirsten Schaper. Über 200 Berlinerinnen stünden bereits auf der Inte- ressentinnenliste, es laufe also alles auf ein Losverfahren hinaus. Aber man müsse ja realistisch bleiben, schon wegen der Grundstücksgröße und der Finanzierung. Ein halber Hektar werde etwa für das Haus und die gemeinschaftlich nutzbare Außen- fläche benötigt: „Und den hätten wir am liebsten innerhalb des S-Bahn-Rings, auf jeden Fall aber mit guter ÖPNV-Anbindung.“ An diesen Prämissen ist bisher schon einiges gescheitert. Erschwerend komme durch politische Veränderungen und die angespannte Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt hinzu, dass Grundstücke aus RuT-Wohnprojekt_spendensammlung neuköllndem Liegenschaftsfonds des Senats, die vormals in freier Veräußerung waren, nun zunächst Wohnungsbaugesellschaften an- geboten werden. „Überlegungen mit einer von denen zu kooperieren, gibt es natürlich, weil unser Projekt sich unbedingt in den Kiez öffnen will“, sagt Schaper, „aber da müssen dann auch alle anderen Rahmen-bedingungen stimmen.“

Die für die künftigen Bewohnerinnen wich- tigste ist, dass der RuT – Rad und Tat e. V., der im nächsten Jahr sein 25-jähriges Bestehen im Neuköllner Schillerkiez feiert, als Vermieter fungiert und seine Idee ohne Einflussnahme von außen umsetzen kann. Rund 6 – 8 Millionen Euro werden dafür veranschlagt. Die Finanzierung soll über eine Kreditaufnahme, Fördermittel von Stiftungen und öffentlichen Fonds sowie Spenden und zins- wie bedingungslose Privatdarlehen von Unterstützerinnen des Anliegens erfolgen. Zusagen für letztere gebe es bereits in erfreulichem Umfang, verrät Kirsten Schaper. „Wir sind nicht die mit ’ner spinnerten Idee!„,  sagt sie und blickt dabei in die Gesichter derjenigen, die wie viele andere hoffen, dass endlich ein Grundstück oder Objekt gefunden wird, der Traum vom Frauenraum in Frauenhand bald Gestalt annimmt – und sie dann noch Losglück haben.

Für alle, die das RuT-FrauenKultur&Wohnen-Zentrum niederschwellig unter- stützen möchten, gibt es im RuT-Laden in der Schillerpromenade 1 eine blaue Tonne, die gerne mit  Papierspenden  gefüttert werden darf.

=ensa=

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