Schnäppchenparadies Neukölln

Liebe  kann man  nicht kaufen, das ist  landläufige Meinung. Dieser  Kaugummi-Auto- mat  in der  Allerstraße  beweist zweifellos das Gegenteil und bietet  Agape – wie  das

agape_kaugummi-automat neukölln

Phänomen Liebe in der antiken griechischen Literatur genannt wurde – wahlweise für 5 oder 20 Cent  an. Und das nicht nur zum Fest der Liebe, sondern an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr, falls er nicht gerade kaputt ist.

Hommage an das Böhmische Dorf in Neukölln

1_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnNach zwei ausgesprochen textlastigen Ausstel-lungen setzt die Galerie im Saalbau mit „Böh- mische Rhapsodie“ wieder mehr auf Bilder, Ob- 2_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnjekte und Instal-lationen.

Die von der Neu- köllner Künstle- rin Beate Klomp- maker kuratierte Ausstellung ist eine Hommage an das Böhmische Dorf und beendet das Kultur- programm der Jubiläumsreihe „Glaubensfreiheit – 275 Jahre Böhmisches Dorf“. Ob des zur Aus- stellung erschienenen Begleitbuches „Das Böh- mische Dorf in Berlin – ein Rundgang“ kann sie aber ebenso gut als Auftakt und 6_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnImpuls für das eigene Erkunden des historischen 7_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnViertels verstanden wer- den. Denn Böhmisch-Rixdorf hat den Spagat von der Vergangenheit in die Gegenwart geschafft und ist dabei wahrlich nicht zum musealen Relikt verkommen: Die Strukturen, die Architektur und  etliche, von den böhmischen Einwanderern mitgebrachte religiöse Besonderheiten sind dem Dorf erhalten geblieben, das noch heute teilweise von Nachfahren der Exulanten 4_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnbewohnt wird. Eben diesen Spagat unterstreicht die 5_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnAusstellung durch ver- schiedene künstlerische Stilmittel: Aktuelle Fotos aus dem Dorf oder von seiner Peripherie ähneln Kupferstichen. Eleonore Prochaska, die vermutlich in Potsdam, vielleicht aber auch in Rixdorf geboren wurde, ist umgeben von Merchandisingprodukten sowie einer  Dia- und Soundinstallation. Ein historischer Plan des Gebiets korrespondiert mit der von Margit Lessing illustrierten Karte, die auch dem deutsch-tschechischen Begleitbuch beiliegt, um Rixdorfer-Erkunder von einer Station zur nächsten zu führen 3_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnund sie in die Geschichte des Mikrokosmosses einzuführen, das Wiege des Bezirks war.

Ergänzt wird die Ausstellung durch den Kubus „Fritz | Dorf | Stadt“, der die Historie von Böh- misch-Rixdorf in den Kontext dreier weiterer Dörfer setzt, sie portraitiert und so den Blick vom Fokus auf das große Ganze lenkt: das Koloni- sationsprojekt von Friedrich II., zu dem auch Neuköllns Böhmisches Dorf gehörte.

„Böhmische Rhapsodie“ ist noch bis zum 18. Dezember in der Galerie im Saalbau zu sehen; Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr.

„Das Böhmische Dorf in Berlin –  ein Rundgang / Ceská vesnice v Berlíne – procházka“, das Begleitbuch zur Ausstellung, ist für  13,80 Euro direkt in der Galerie oder beim trafo Verlag erhältlich.

=ensa=

Stimmungskiller

S+L-Adventsbeleuchtung_NeuköllnEin warmes Licht – wie in Loriots wunderbarem Ge- dicht „Advent“ – ist es nicht, das durch das trau- liche Funkeln der Stern- lein an dieser Neuköllner Bürohaus-Fassade bricht. Vergesslichkeit oder Über- stunden können doch ech- te Stimmungskiller sein.

Tummelplatz Richardplatz

1_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neuköllnWer in der Adventszeit ein Pendant zu Weih- nachtsmärkten mit Fahrgeschäften, Los- und Imbissbuden, dröhnender musikalischer Be- schallung und Ständen mit bunten blinkenden Lichterketten sucht, findet das an diesem Wo- chenende auf dem Neuköllner  Richardplatz.

Gestern Nachmittag wurde dort zum 40. Mal der Alt-Rixdorfer Weihnachtsmarkt eröffnet: buschkowsky_eröffnung alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neuköllnvon Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, der kraft seines Amtes auch morgen wieder auf der Bühne steht, um sich bei der tra- ditionellen Versteigerung herber Re- bensäfte aus Neukölln als Auktionator zu betätigen.

Überhaupt werden Traditionen beim bedeutendsten Weihnachtsmarkt im lampen-abholung_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neuköllnBezirk groß geschrieben. Zur Beleuchtung der Stände dienen Petro-leum-Lampen. „250 halten wir bereit“, sagt der Mann im THW-Zelt, wo die  Laternen abgeholt  werden müssen. Die

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2_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neuköllnSchlange der Wartenden reicht bis zur Bühne. Ent- sprechend düster ist es noch an vielen Ständen. Zwei Besucherinnen, die erstmals am Eröffnungstag auf dem Weihnachtsmarkt sind, sind irritiert. Am zweiten und dritten Tag sind die Auswirkungen des sich wie- derholenden Prozederes der Lampen-Abholung ver- gleichsweise unauffällig, weil der Weihnachtsmarkt dann bereits am frühen Nachmittag, wenn es noch hell  ist, öffnet. „Könnte  man das denn  nicht so organisieren, dass  alle  Stände  be-

2_stände_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neukölln4_stände_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neukölln3_stände_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neukölln

5_stände_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neuköllnmisteln_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neukölln1_stände_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neukölln

leuchtet sind, wenn die Besucher kommen?“, fragen sich die beiden Frauen, die extra aus Spandau angereist sind. Für die Leute hinter den noch dunklen Ständen sei es doch ärgerlich, dass sie ihre schönen Sachen erst mit Verspätung vernünftig prä- sentieren können.

Die Leute hinter den Ständen sind beim Alt-Rixdorfer Weihnachtsmarkt keine gewerb- lichen Händler, sondern – auch das hat Tradition – gehören Vereinen, karitativen Einrichtungen, Verbänden und Initiativen. Für viele von ihnen ist der Verkauf von Selbstgebasteltem,  -getöpfertem, -gestricktem, -genähtem, -gemaltem,  -gekochtem

richardplatz 8_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neuköllnkutschen-schöne_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neuköllngewerbehof villa rixdorf_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neukölln

und -gebackenem in der einzigartigen Atmosphäre des Weihnachtsmarktes auf dem Richardplatz eine der wichtigsten Einnahmequellen für ihre Arbeit. Trotz der nicht un- beträchtlichen Standmiete, die der Bezirk als Veranstalter erhebt. Von über 300 Euro dorfkirche_alt-rixdorfer weihnachtsmarkt_neuköllnist die Rede; wird beispielsweise für das Erhitzen von Getränken Strom gebraucht, kommt ein Aufschlag dazu. Der habe schon in man- chem Jahr mit unwinterlichem Wetter richtig weh getan, sagt ein Mann hinter zwei dampfenden Töpfen. „Aber jetzt bei Schnee und Frost werden Glühwein und Kinderpunsch die Renner sein“, prognostiziert er.

Der Alt-Rixdorfer Weihnachtsmarkt ist noch heute von 14 bis 21 Uhr und morgen  von 14 bis 20 Uhr geöffnet.

=ensa=

Der kluge Neuköllner …

stretch-limou_neukölln

… parkt natürlich nicht in der 2. Reihe, wenn er mit der Stretch-Limousine in Neukölln den Discounter seines Vertrauens angesteuert hat, um durch die Knöllchen- vermeidungsstrategie und beim Einkauf zu sparen, was er lieber an der Zapfsäule investiert.

Anfassen erwünscht!

tasthölzer-ausstellung_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnMan braucht sensible und trainierte Finger-kuppen, um sehen zu können, was Anja Winter sieht. Materialien, Formen, Tempe-raturen, Texte – auf ihre Augen muss die Endvierzigerin beim Erkennen verzichten. Die angeborene Sehbehinderung hat ihr nur einen Sehrest gelassen. „Das Wort Tasthölzer„, erklärt sie, „hat in Brailleschrift ein Zeichen weniger als in Schwarzschrift, weil die Buchstaben st zu einem zusam- mengefasst sind.“ Sehenden erschließen sich solche Feinheiten beim Abtasten der Reihe aus erhaben geprägten Punkte-tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnKombinationen und kleinen Zwischenräumen erst nach und nach .

„Tasthölzer“ heißt die Ausstellung, die vorgestern Abend im Schillerpalais eröffnet wurde, 12 Holz- objekte des Neuköllner Künstlers Klaus Freu- denberg  zeigt und ausdrücklich zum Anfassen von denen auffordert. „Der taktile Aspekt, den Blinde beim Berühren meiner Exponate erfahren, war auch für mich etwas Neues“, sagt der Holzbildhauer, der vor 15 Jahren „durch Intuition“  zum künstlerischen Umgang mit dem Werkstoff Holz kam.

Abgesägte Bäume vom Straßenrand und aus städtischen Parks, krankes Grün aus Gärten von Freunden, Bekannten oder Verwandten – alles, was Freudenberg inspi- riert und fürs Bearbeiten geeignet erscheint, wird vor dem Häcksler gerettet: „So hat jedes Stück seine eigene Geschichte.“  Im Atelier des Künstlers in Kreuzberg be- kommt die mit  Messern, Beiteln, Sägen und Schleifpapier eine neue  Form von  orga-

tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais_neuköllnwurzelschnecke_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnakazienschale_klaus freudenberg_schillerpalais_neuköllnlatschenkiefergnom_klaus freudenberg_schillerpalais_neukölln

nisch bis abstrakt sowie einen Namen. Zwei Hände gleiten über das Mandelfahrzeug, eine Frau streichelt die Kurven der Wurzelschnecke, die rechte Hand eines Mannes vernissage tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais_neuköllnschiebt sich in die Späne der Akazienschale. Klaus Freudenberg (r.) reibt mit Sandpapier über die harte, glatte Oberfläche des Objekts, das er „Pflaumen- schliff“ genannt hat, und regt klaus freudenberg_alpenrinde_schillerpalais neuköllnso neben dem Tast- auch den Geruchssinn an. Andere Skulpturen sind rau, wild und haben so gar nichts von Hand- schmeichlern, sondern wollen vorsichtig erkun- det werden.

Anja Winter hat sich bereits in Freudenbergs Werk- statt ausgiebig mit den einzelnen Exponaten beschäftigt. Im September war sie zum ersten Mal dort; im August hatte Klaus Eichner (r.), Vorstandsmitglied des vernissage tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnSchil- lerpalais e. V., dem Holzbildhauer seine Idee vorgetragen, mit dem Allgemeinen Blinden- und Sehbehinderten Verein Berlin (ABSV) als Kooperationspartner eine „Aus- stellung mit Sachen zum Anfassen“ zu organisieren. „Eigentlich sollte die schon beim Kunstfestival NACHTUNDNEBEL statt-finden“, sagt er. Aber das habe terminlich nicht geklappt: „Deshalb gibt es diesen be- sonderen Beitrag zum Thema Inklusion erst jetzt.“ Sind es einerseits die einzelnen Skulpturen und ihre kontrastierende Zusammenstellung, die ihn besonders machen, so ist es andererseits das Rah- klaus freudenberg_anja winter_vernissage tasthölzer_schillerpalais neuköllnmenprogramm:

An vier Tagen bietet Anja Winter (r.), die als Museumspädagogin arbeitet und seit 13 Jahren Führungen für Blinde veranstaltet, Tastführungen für Sehbehinderte und Sehende durch die Ausstellung  an. Zudem kann sie Sehenden für eine Stippvisite in der Welt der Blinden Simulationsbrillen zur Verfügung stellen, die eine 90-pro-zentige Sehbehinderung vortäuschen. „Für einen Eindruck, was passiert, wenn die Augen als Sinnesorgane ausfallen, sind sie sehr gut“, weiß Anja Winter. „Aber eine wirklich Authentizität können Sehende natürlich auch damit kaum erleben.“ Eine Möglichkeit für eine einprägsame Erfah- rung, mehr sei es nicht.

Das Schillerpalais (Schillerpromenade 4) zeigt die Ausstellung „Tast- hölzer“ noch bis zum 12. Dezember; Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 10 – 18 Uhr. Am 9. (11 Uhr) und 12. Dezember (16 Uhr) bietet die Museumspädagogin Anja Winter für Blinde, Sehbehinderte und Sehende kostenlose Tastfüh- rungen durch die Ausstellung an (Anmeldung erforderlich: Tel. 62 72 46 70; die auf der Schillerpalais-Homepage genannten Termine am 7. und 8. De- zember sind bereits ausgebucht).

=ensa=

Ungemütliche Aussichten

winterfester fahrradsattel_neuköllnBei Autos gehören Sitzheizungen zum Standard oder können problemlos nachgerüstet werden, wenn Rücken, Hintern und Oberschenkel nach Wär- me verlangen. Radfahrer können die- sem Bedürfnis nur sehr viel einge- schränkter nachkommen. Entspre- chend ungemütlich ist es in der kalten Jahreszeit für sie.

Ungemütlicher wird es auch in Neu- kölln, wenn nicht jetzt gehandelt wird. Denn: Bewahrheitet sich die Bevölkerungsprognose für Berlin und die Berliner Bezirke 2011 – 2030, die Stadtentwicklungssenator Michael Müller gestern in einer Sitzung des Senats vorstellte, wird die Zahl der Neuköllner  bis 2030 auf rund 338.000 (+ 6,5 %) angewachsen sein und etwa 20.000 Menschen mehr als aktuell werden Wohnraum brauchen. Andere Bezirke trifft es noch härter: Bei Spitzenreiter Pankow wird für die nächsten 18 Jahre sogar ein Wachstum von 16,3 % erwartet.

Einfach mal die Klappe halten

3_tempelhofer feld_berlinEtwa 17.000 Wörter liegen statistisch gesehen zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen. Dass Frauen, wie früher vermutet, wesentlich mehr reden als Männer, hat sich längst als falsch heraus- gestellt. Erwiesen ist aber, zumindest nach den Erfahrungen von Elisabeth Kruse, dass Frauen das größere Bedürfnis haben, sich organisierte Aus- zeiten von der verbalen Kommunikation zu gön- nen. „Es sind überwiegend Frauen, die an unseren Leerläufen auf dem Tempelhofer Feld teilnehmen“, sagt die Vorsitzende (M.) des Vereins Treffpunkt Religion und Gesellschaft, 1_leerlauf_tempelhofer feld berlinder eben diese Leer- läufe initiiert hat und einmal monatlich durchführt.

Es ist kalt und fast windstill auf Ber- lins größter Freifläche. Die Sonne hat sich bereits unspektakulär in den Fei- erabend verabschiedet. Ganz anders als beim letzten Leerlauf, der in glü- hendem Abendrot – und bei Schauern und Sturm – stattfand. Die Erfahrung hinsichtlich der Frauenquote wird be- stätigt: Diesmal liegt sie sogar bei 100 Prozent, denn Männer kommen gar nicht zum Treffpunkt am Haupteingang Columbiadamm, von wo aus es zu einem der beiden ältesten Bäume auf dem Tempelhofer Feld geht. Noch nicht schweigend. „Die Platane“, sagt Elisabeth Kruse, „haben wir als Start für die Leerläufe ausgewählt, weil es hier auch im Sommer nicht so trubelig ist.“ Dass sie drei Stämme hat und damit perfekt zur Dreifaltigkeit in der christliche Theologie passt, sei ihr erst später 2_leerlauf_tempelhofer feld berlinaufgefallen.

Mit einem kurzen religiösen Gedicht als Textimpuls beginnt der Leerlauf – und das Schweigen. Diesmal würden 20 Mi- nuten reichen, schon wegen der Kälte, ha- ben die beiden Teilnehmerinnen entschie- den. Sonst ist es eine halbe Stunde, in der man stumm über den vorgetragenen Text, über etwas völlig ande2_tempelhofer feld_berlinres oder auch über nichts nachdenken und sich dem hin- geben kann, was passiert. Welchen Weg man dabei einschlägt und ob man ihn allein oder in stiller Gesellschaft zurücklegt, ist jedem selber überlassen.

Der Schnee und gefrorenes Laub, das auf dem Rasen liegt, knirrschen unter den Stiefeln. Das Rauschen der Stadtautobahn wabert über das Feld, irgendwo bellt ein Hund, Zweige knacken, es raschelt im Gebüsch,  in einem Baum krakeelen zwei Vögel. Es klingt 1_tempelhofer feld_berlinnach Streit. Das Handy in der Manteltasche vi- briert – bis der Anrufer aufgibt. Schweigen und telefonieren sind unvereinbar. Die Situation, ziel- los und alleine durch die Dämmerung zu stap- fen, ist gewöhnungsbedürftig. „Einmal ausstei- gen aus dem Zwang zur Produktivität. Einmal nichts schaffen, nicht effektiv und ergebnis- orientiert sein müssen“, nennt das der Leerlauf-Veranstalter auf seiner Webseite. An nichts den- ken, geht nicht. Nachher ein heißer Kakao. „… und spüren, dass man lebt.“ 3_leerlauf_tempelhofer feld berlinWollsocken in den Stiefeln wären sinnvoll gewe- sen. Ein Hundehalter ruft weit entfernt nach Bruno, und die 20 Minuten sind leider schon um. Zurück zur dreistämmigen Platane.

„Wer will, kann erzählen, was er unterwegs erlebt hat“, bietet Elisabeth Kruse an. Sie habe sich öfter an den Vorsatz erinnern müssen, nicht an Projekte oder die Verwendbarkeit von Gedanken in einer Predigt denken zu wollen, gesteht sie. Für die Pfarrerin der Neuköllner Genezareth-Gemeinde wird die Adventszeit von Stress und Unbesinnlichem beherrscht: „Aber hier auf dem Tempelhofer Feld wird mir immer wieder sehr bewusst, dass Leere eine Oase und Stille ein Überlebensmittel ist.“ Mit einem Segenswunsch beendet Elisabeth Kruse den Leer- lauf: Auch die Bitte, dass die zuständigen Instanzen kluge Entscheidungen für die Zukunft des Tempelhofer Feldes treffen mögen, kommt in dem vor.

Der nächste Leerlauf startet am 7. Januar um 16 Uhr am Haupteingang Columbiadamm.

=ensa=

Kreativ bis zur Peinlichkeit

neukölln entfaltet_kreativnetz neuköllnUm die Kreativszene im Norden Neu- köllns sichtbar zu machen, hat das KNNK Kreativnetz Neukölln nun „Neu- kölln entfaltet“ herausgegeben.

Kurzportraits informieren auf der Rück- seite der handillustrierten Karte über die Betätigungsfelder von 52 Kulturschaffen- den. Die Vorderseite beweist dazu nicht nur die künstlerische Standortdichte. 2_neukölln entfaltet1_neukölln entfaltetAuch demonstriert sie, wie außerordentlich fantasievoll die Kreativen mit der Kartografie Neuköllns und der Orthografie umgehen: Da wird Straße konsequent mit ss geschrieben und direkt an das Bestimmungswort ge- hängt. Der Kottbusser Damm wird zur Kott- busserstrasse gemacht und beim nach Ar- chitekt Reinhold Kiehl benannten Kiehlufer auf das h verzichtet, was leicht zu der An- nahme führen könnte, dass die Straße etwas mit der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt zu tun habe. Dem ist aber nicht so.

Wenn Puppen nicht mehr blinzeln und Teddys nicht mehr brummen: Ab in die Puppenklinik Neukölln!

Dit kommt allet uffn Müll! Es war dieser Satz, der Brigitta Polinna alarmierte. Jahre- lang war sie Kundin des Puppendoktors in Kreuzberg gewesen, und 3_puppenklinik neuköllnder war nun ver- storben, was wiederum seine Witwe vor die Aufgabe stellte, die Werkstatt auflösen zu müssen. „Als sie mir sagte, dass sie alles wegschmeißen will, hab ich beschlossen, ihr das komplette Inventar abzukaufen und eine eigene Puppenklinik in Neukölln zu eröff- nen“, erzählt Brigitta Polinna. Ein günstiger Laden nahe dem Richardplatz und der Karl- Marx-Straße war schnell gefunden, gegen eine zeitlich sehr begrenzte Nebentätigkeit hatte der Arbeitgeber der Sozialpädagogin nichts einzuwenden: „Öfter als an einem Nachmittag pro Woche zu öffnen, hatte ich nie vor.“ Schließlich sollte die Puppenklinik 5_puppenklinik neuköllnnur ein Hobby sein.

Das war 1981. „Der Umzug war fürchterlich“, erinnert sich Polinna. Tonnenweise Puppen- köpfe, -gliedmaßen verschiedenster Längen, -augen und -körper mussten von der Böckh- in die Richardstraße transportiert werden, schier unzählige Pappkartons mit Ersatzteilen wie Mama- und Brummstimmen, Repa- raturmaterialien und Stoffen, Nähgarnen und Borten. Dazu etliche meterhohe, eiserne Industrieregale und Puppen, die – bereits operiert – auf ihre Abholung oder noch auf brigitta polinna_puppenklinik neuköllndie Behandlung warteten. „Kommen Sie mal mit!“, sagt Brigitta Polinna und öffnet die Tür zum Hinterzimmer des kleinen, skurrilen Ladens: Orga- nisiertes Chaos, so weit das Auge reicht. Die Hölle für Ordnungslieben- de, das Paradies für die Puppendok- torin: „Ich weiß ganz genau, was in welcher Kiste ist.“

Dass trotz des üppig bestückten Er- satzteillagers nicht jede Patientin sofort operiert werden kann, ist kaum vorstellbar, aber die Realität. Denn Brigitta Polinna hat höhere Ansprüche als die, dass eine Puppe wieder alle Extremitäten oder zwei Schlafaugen hat. Sie legt auch Wert darauf, dass hinterher  alles so stilecht wie möglich  aussieht. „Das Problem dabei ist aber, dass es für Puppen, die vor einigen Jahrzehnten gekauft wurden, längst  keine fabrik-

6_puppenklinik neukölln2_puppenklinik neukölln4_puppenklinik neukölln

neuen Ersatzteile mehr gibt.“ Da müsse sie dann, wenn der eigene Vorrat erschöpft ist, passende Organspender auftreiben, was mit Glück Wochen oder Monate dauern kann, manchmal jedoch auch Jahre braucht. Verständnis für ein solches Ausmaß an 1_puppenklinik neuköllnGeduld brächten allerdings nur Puppen- besitzerinnen auf, die den Wert ihrer Schätze erahnen können. „Leider“, bedau- ert Brigitta Polinna, „werden das immer weniger.“ Die Stammkundschaft von frü- her, oft ältere Damen, sterbe eben nach und nach weg.

Auf die Reparatur an sich, muss niemand puppen-reparatur_puppenklinik neuköllnlange warten. Die kaputten Augen einer Puppe sind im Handumdrehen ersetzt, ebenso das durch den Rumpf verlaufende ausgeleierte Gummi oder der verstummte Brumm-Tonkörper eines Teddys. „Man muss Spaß an Fummelarbeit haben“, be- teddy-reparatur_puppenklinik neuköllnschreibt Polinna. Je kleiner der Patient ist, desto fummeliger sei es. Dass die inzwischen berentete Neuköllnerin eigentlich Kostumbildnerin werden woll- te, kommt dem Bewältigen feinmotorischer Heraus- forderungen zugute. Noch heute schwärmt sie von der Tüftelei an einer Biedermeierpuppe: „Das war ein  echter Schatz, mit Lederbalgkörper und Porzellankopf.“ Was nun meist auf richardstraße_puppenklinik neuköllnihrem OP-Tisch landet, sind per Fließband produzierte Nos- talgiepuppen, bei denen das Ausbessern manchmal kostspieliger ist als die Puppe es war.

Nein, sagt Brigitta Polinna, leben könnte sie von ihrer Arbeit als Puppenärztin nicht. Das sei immer noch nur ein Hobby. Eines, das nur in Anspruch genommen werde, wenn das Geld dafür übrig ist. Zwar stelle sie durchaus fest, dass das puppenklinik neukölln_richardstraßeInteresse an dem, was sie tut, mit dem Zuzug vieler junger Leute in den benachbarten Richardkiez und nach Neukölln gewachsen sei, „aber die meisten von denen kommen nur zum Gucken rein.“ Viel- leicht sollte ich Eintritt nehmen, scherzt sie.

Die Puppenklinik Neukölln ist in der Richard-straße 99 und jeden Dienstag von 15 – 18 Uhr geöffnet.

=ensa=

Ein Herz fürs Grün

ampel mit herz_neukölln

Mancher Neuköllner braucht offensichtlich keine ganzen Hauswände, um seine Bot- schaften zu hinterlassen, sondern kommt mit weniger Fläche aus. Auf Hinweise, ob die Liebe der grünen Welle, den Neuköllner Grünen oder der Farbe Grün an sich gilt, muss da aber aus Platzgründen verzichtet werden.