Auf den letzten Drücker

Gestern Nachmittag in einem Neuköllner Supermarkt. Viele Kunden sind nicht mehr im Laden, der vom Personal schon auf die Zeit nach den Festtagen vorbereitet wird. Der Mann hat dunkle Schatten unter den Augen und die Hand an einem üppig gefüllten Einkaufswagen, während er der Verkäuferin hinter der Käsetheke seine Wünsche mitteilt. „Tut mir leid, wenn Sie nun meinetwegen nicht pünktlich raus kommen“, sagt er. Aber sie wisse ja, dass das Einkaufen auf den letzten Drücker sonst gar nicht seine Art sei. „Wenn meine Tochter es nicht so spannend gemacht hätte“, beginnt er und einkaufswagenerzählt auch ihr – wie schon vorher den Angestellten hinter der Fleisch- und der Backwaren-Theke – vom wunderschönsten, großartigsten, prächtig- sten Vorweihnachtsgeschenk, das seine Frau ihm machen konnte: Eigentlich hätte das schon am 22. Dezember kommen sol- len. Kam es aber nicht. Stattdessen kam das große Bangen, dass es bloß kein Christkind werden soll. Wer wolle schon an einem Tag Geburtstag haben, an dem es ohnehin Geschenke für alle gibt? Was seien er und seine Frau erleichtert gewesen, als am 23. mittags die Wehen ein- setzten. „Und kurz vor Mitternacht war sie dann endlich da“, berichtet der junge Vater stolz. Seitdem habe er keine Sekunde geschlafen, sondern die Zeit vor allem damit verbracht, eingehend seine Tochter zu beobachten. Dass man dabei nicht ans Einkaufen für die Feiertage denke, sei doch verständlich. „Entschuldigung ange- nommen“, versichert die Frau hinter der Käsetheke lächelnd, wünscht ihm viel Spaß mit dem Nachwuchs, ein frohes Fest und wendet sich dem nächsten Kunden zu. Seine im Kindersitz des Einkaufswagens verstauten Tüten verraten, dass er zu den von Weihnachten Überraschten gehört und nicht nur mit dem Lebensmittel-Shopping spät dran ist.

=ensa=