Anfassen erwünscht!

tasthölzer-ausstellung_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnMan braucht sensible und trainierte Finger-kuppen, um sehen zu können, was Anja Winter sieht. Materialien, Formen, Tempe-raturen, Texte – auf ihre Augen muss die Endvierzigerin beim Erkennen verzichten. Die angeborene Sehbehinderung hat ihr nur einen Sehrest gelassen. „Das Wort Tasthölzer„, erklärt sie, „hat in Brailleschrift ein Zeichen weniger als in Schwarzschrift, weil die Buchstaben st zu einem zusam- mengefasst sind.“ Sehenden erschließen sich solche Feinheiten beim Abtasten der Reihe aus erhaben geprägten Punkte-tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnKombinationen und kleinen Zwischenräumen erst nach und nach .

„Tasthölzer“ heißt die Ausstellung, die vorgestern Abend im Schillerpalais eröffnet wurde, 12 Holz- objekte des Neuköllner Künstlers Klaus Freu- denberg  zeigt und ausdrücklich zum Anfassen von denen auffordert. „Der taktile Aspekt, den Blinde beim Berühren meiner Exponate erfahren, war auch für mich etwas Neues“, sagt der Holzbildhauer, der vor 15 Jahren „durch Intuition“  zum künstlerischen Umgang mit dem Werkstoff Holz kam.

Abgesägte Bäume vom Straßenrand und aus städtischen Parks, krankes Grün aus Gärten von Freunden, Bekannten oder Verwandten – alles, was Freudenberg inspi- riert und fürs Bearbeiten geeignet erscheint, wird vor dem Häcksler gerettet: „So hat jedes Stück seine eigene Geschichte.“  Im Atelier des Künstlers in Kreuzberg be- kommt die mit  Messern, Beiteln, Sägen und Schleifpapier eine neue  Form von  orga-

tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais_neuköllnwurzelschnecke_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnakazienschale_klaus freudenberg_schillerpalais_neuköllnlatschenkiefergnom_klaus freudenberg_schillerpalais_neukölln

nisch bis abstrakt sowie einen Namen. Zwei Hände gleiten über das Mandelfahrzeug, eine Frau streichelt die Kurven der Wurzelschnecke, die rechte Hand eines Mannes vernissage tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais_neuköllnschiebt sich in die Späne der Akazienschale. Klaus Freudenberg (r.) reibt mit Sandpapier über die harte, glatte Oberfläche des Objekts, das er „Pflaumen- schliff“ genannt hat, und regt klaus freudenberg_alpenrinde_schillerpalais neuköllnso neben dem Tast- auch den Geruchssinn an. Andere Skulpturen sind rau, wild und haben so gar nichts von Hand- schmeichlern, sondern wollen vorsichtig erkun- det werden.

Anja Winter hat sich bereits in Freudenbergs Werk- statt ausgiebig mit den einzelnen Exponaten beschäftigt. Im September war sie zum ersten Mal dort; im August hatte Klaus Eichner (r.), Vorstandsmitglied des vernissage tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnSchil- lerpalais e. V., dem Holzbildhauer seine Idee vorgetragen, mit dem Allgemeinen Blinden- und Sehbehinderten Verein Berlin (ABSV) als Kooperationspartner eine „Aus- stellung mit Sachen zum Anfassen“ zu organisieren. „Eigentlich sollte die schon beim Kunstfestival NACHTUNDNEBEL statt-finden“, sagt er. Aber das habe terminlich nicht geklappt: „Deshalb gibt es diesen be- sonderen Beitrag zum Thema Inklusion erst jetzt.“ Sind es einerseits die einzelnen Skulpturen und ihre kontrastierende Zusammenstellung, die ihn besonders machen, so ist es andererseits das Rah- klaus freudenberg_anja winter_vernissage tasthölzer_schillerpalais neuköllnmenprogramm:

An vier Tagen bietet Anja Winter (r.), die als Museumspädagogin arbeitet und seit 13 Jahren Führungen für Blinde veranstaltet, Tastführungen für Sehbehinderte und Sehende durch die Ausstellung  an. Zudem kann sie Sehenden für eine Stippvisite in der Welt der Blinden Simulationsbrillen zur Verfügung stellen, die eine 90-pro-zentige Sehbehinderung vortäuschen. „Für einen Eindruck, was passiert, wenn die Augen als Sinnesorgane ausfallen, sind sie sehr gut“, weiß Anja Winter. „Aber eine wirklich Authentizität können Sehende natürlich auch damit kaum erleben.“ Eine Möglichkeit für eine einprägsame Erfah- rung, mehr sei es nicht.

Das Schillerpalais (Schillerpromenade 4) zeigt die Ausstellung „Tast- hölzer“ noch bis zum 12. Dezember; Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 10 – 18 Uhr. Am 9. (11 Uhr) und 12. Dezember (16 Uhr) bietet die Museumspädagogin Anja Winter für Blinde, Sehbehinderte und Sehende kostenlose Tastfüh- rungen durch die Ausstellung an (Anmeldung erforderlich: Tel. 62 72 46 70; die auf der Schillerpalais-Homepage genannten Termine am 7. und 8. De- zember sind bereits ausgebucht).

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