Wieder was gelernt

„Wissen Sie, was es mit der 9. Sozialkommission auf sich hat?“, fragte uns ein Leser und schickte das passende Foto, das er in der Mainzer Straße im Flughafenkiez sozialkommission neukölln, lori kaatschgemacht hatte, gleich mit. Wir wussten es nicht, aber wir haben einen ge- troffen, der es weiß: Neuköllns Sozial- stadtrat.

„Es gibt eine Sozialkommission mit einem Hinweisschild an der Haus- wand?“, fragte Bernd Szczepanski erst- mal verwundert zurück, bevor er erklär- te, dass etwa 200 Ehrenamtliche für die bezirklichen Einrichtungen namens Sozialkommission aktiv seien und jeder von ihnen einen wenige Straßen umfassenden Zuständigkeitsbereich habe. „Die Hauptaufgabe der Sozialkommissionsmitglieder ist es, Senioren an runden Geburtstagen zu besuchen, um ihnen im Namen des Bezirksamts zu gratulieren“, so der Sozialstadtrat. „Außerdem geben sie bei Bedarf Tipps zu sozialen Fragen.“

Da schloss sich der Kreis dann wieder: Denn wir wussten natürlich, dass es Ehren- amtliche gibt, die diese Aufgaben übernehmen, aber nicht, dass sie es für Ein- richtungen tun, die Sozialkommissionen genannt werden.

Natürlich verhüllt

Die Bewohner des Hauses, das an der Ecke Richardstraße/Herrnhuter Weg steht, haben reinweg gar nichts von dem Wandbild, das die Fassade des Gebäudes ziert. Auch direkte Gegenüber, die sich daran erfreuen können, gibt es nicht Aber vom Frühling bis zum Frühherbst ist ohnehin nur wenig von diesem Kunststück im öffentlichen Raum zu sehen, weil es vom Laub des Baumes, der davor steht, fast komplett verdeckt wird.

Auf Prävention gesetzt

Auch für Einbrecher wird Neukölln laut  Kriminalitäts-statistik 2011 immer attrak- tiver. Umso wichtiger ist Prävention geworden, und die geht zuweilen über die Sicherung von Türen und Fenstern hinaus. So informiert beispielsweise eine Arztpraxis potenzielle Kriminelle per Aushang an der Eingangstür darüber, dass nichts zu holen ist: Hier werde kein Bargeld aufbewahrt und würden wertvolle Medikamente abends mit nach Hause genommen. Außerdem seien alle vorhandenen Computer etwa ein halbes Jahrzehnt alt und älter. Kleiner Aufwand, große Wirkung.

Luft nach oben

juliusstraße neubritz, neukölln

Nicht jeder und alles in Neukölln will hoch hinaus, wie dieser Lückenfüller in der Juliusstraße  im Ortsteil Neubritz beweist. Dabei wäre durchaus noch Luft nach oben.

Gewusst wie!

Was beim Hightech-Kaffeeautomaten zu beachten ist, welche Zugangsdaten für die Nutzung des WLAN-Netzes gebraucht werden, wie die Gas-Therme eingeschaltet wird, an welche in der Nachbarschaft wohnenden Freunde sie sich in Notfällen wenden können … Alles mögliche hatte das Paar aus Seattle bereits per E-Mail erfahren, bevor es für zwei Wochen nach Berlin kam und das Urlaubsdomizil mitten in

durchsteckschloss, berliner schlüssel

Neukölln bezog. Nur über die Prozedur, wie man überhaupt ins Haus kommt, hatten die Gastgeber kein Wort verloren. Bestimmt eine halbe Stunde hätten sie durch Drehen, Ziehen, Ruckeln, Fingerspitzengefühl und sanfte Gewalt versucht, den eigen- artigen Schlüssel wieder aus dem ungewöhnlichen Schloss der offenen Haustür zu kriegen, erzählen die beiden Amerikaner kichernd. Dann sei endlich eine Nachbarin gekommen und habe sie in das Geheimnis des  Berliner Schlüssels  eingeweiht.

An einem Tisch

tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neukölln„Wo ist bitte um 14 Uhr die Podiumsdiskussion?“, fragt die alte Dame und spricht dabei seeehr langsam und deutlich. Die junge Muslima, die neben der Tür zum Gebetssaal im tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neuköllnErdgeschoss der  Şehitlik-Moschee steht und zum Service-Team der Moschee gehört, hört ihr lächelnd zu. „Die ist oben in der 1. Etage. Gehen Sie einfach links oder rechts die Treppe hoch! Wenn es Sie interessiert, können Sie auch nach der Diskussion an einer Führung durch die Moschee teilnehmen. Die beginnt um 15 Uhr“, erklärt sie in tadellosem, akzentfreiem Deutsch. Irritation dominiert das Mienenspiel und die Stimme der Besucherin, als sie „Danke für die Auskunft“ stammelt und den Weg zur rechten Treppe einschlägt. Diese Art  der

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Ansprache sei gerade beim Tag der offenen Moschee keine Seltenheit, sagt die Frau mit dem Kopftuch verständnisvoll. Da merke man sehr deutlich, wie viele Leute in ihrem Alltag nie mit Muslimen im Speziellen oder Menschen mit Migrationshinter- grund im Allgemeinen zu tun haben und in Klischees festhängen.

Die breite Tür zum prächtigen Hauptsaal mutiert zum Nadelöhr. „Schuhe aus!“ gilt für die, die hinein wollen. Wer barfuß oder auf Socken heraus kommt, findet kaum Platz, um wieder ins Schuhwerk zu schlüpfen.

Am Tisch im Gebetsraum haben Elisabeth Kruse, die Pfar- rerin der benachbarten Genezareth-Gemeinde, Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemi- tismus und Ron Weber von der Şehitlik-Moschee neben der Moderatorin Platz genommen. Das Thema, das sie in der kommenden Stunde diskutieren wollen, ist brandaktuell und heißt „Schmähung, Meinungsfreiheit, Religion – wie gehen wir als tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neuköllnGesellschaft damit um?“.

tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neuköllnMit der an die Christin in der Runde gerichtete Frage, wann die Grenzen der Mei- nungsfreiheit erreicht sind, eröffnete die Moderatorin das Gespräch. „Ich begrei- fe“, erklärte Elisabeth Kru- se, „wie sehr das so ge- nannte Mohammed-Video eine Zumutung für die Muslime sein muss,“ Aber sollte es nicht doch möglich sein, frage sie sich, Kritik, die unsachgemäß und beleidigend ist, einfach zu ignorieren?“ Leider, so die Pfarrerin, sei jedoch genau das Gegenteil passiert: Viele Muslime hätten sich aufstacheln und zu Gewalt verleiten lassen. „Mit Gewalt auf Schmähungen zu reagieren, gehört absolut nicht zu unserer Religion“, entgegnete Ron Weber. Schon die  Aufrufe zu Gewalt seien grundsätz- lich falsch und ein Zeichen dafür, dass „nicht alle Muslime repräsentieren, was unsere Religion von uns möchte.“ tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neuköllnWas man jedoch bedenken müsse, ist der hohe Stellenwert, den die Propheten bei den Gläubigen haben. Daher würde man sich für sie einsetzen, wie man es bei- spielsweise auch bei Beleidigungen gegenüber Familienmitgliedern tun würde. „Die Schmähungen sind ein Angriff auf die Demokratie“, stellte Levi Salomon klipp und klar fest.

Mit der Frage, wie man auf politische Ebene mit dem Problem umgehen solle, ging es in die nächste Runde. „Es kann nicht Aufgabe unseres Staates sein, Religionsgemeinschaften vor Kritik zu schüt- zen“, fand Elisabeth Kruse. In einer freien Gesellschaft, fuhr sie fort und erntete damit Applaus, müssten alle Religionen lernen, etwas auszuhalten: „Auch das Aus- halten von Verletzungen gehört zur Demokratie.“  Dem wollte Levi Salomon nur bedingt folgen. Trotzdem müssten irgendwo Grenzen gezogen werden, da „demokratiefeindliche Phänomene gesellschaftsver- nichtend sind und die gesamte gesellschaftliche Ord- nung infrage stellen.“ Nur wo ist die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Beleidigung, griff Ron Weber, der von Hause aus Jurist ist, Salomons Argumentation auf. Letzteres sei definitiv ein Straftatbestand, ersteres ein Grundrecht. Grenzüberschreitungen seien oft fließend und müssten folglich tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neukölln, elisabeth kruse, levi salomon, ron weberimmer im Ein- zelfall geklärt werden.

Große Einigkeit herrschte indes in einem Punkt: Solidarität und der Zu- sammenhalt der Religionen seien das A und O. „Nur gemeinsam sind wir stark“, konstatierte Levi Salomon (2. v. l.) „Wichtig ist“, so Elisabeth Kruse (r.), „dass wir uns besser kennen lernen und das Vertrauen zueinander wachsen lassen.“ Dann könne es auch möglich sein, sich gegenseitig mit Dingen zu konfrontieren, die für den anderen etwas sperrig sind. Anlässe wie der Tag der offenen Moschee und eine grundsätzliche Öffnung in die Gesellschaft, wie sie von der Şehitlik-Moschee praktiziert werde, seien für das Verständnis unverzichtbar, betonte Ron Weber (l.): „Dass es hier so voll ist, beweist doch, dass sich die Gesellschaft für Muslime, den Islam und unsere Moschee interessiert.“ Und das erlebe man hier täglich bei den Führungen.

Auch die alte Dame hat sich entschieden, an einer teilzunehmen. „Obwohl ich nur ein paar Kilometer entfernt in Steglitz wohne“, erzählt sie, „kannte ich die Moschee bisher nur aus dem Fernsehen und der Zeitung.“ Aufgeschreckt durch die Vorfälle rund um den Film habe sie nun aber beschlossen, sich eingehender mit der Religion zu beschäftigen. Man könne ja auch mit 83 noch etwas dazulernen.

=ensa=

Flickwerk

Kleines Kopfsteinpflaster an den Seiten, Gehwegplatten und Asphalt im Mittelteil – bei der Gestaltung seiner Bürgersteige hat sich der Bezirk Neukölln offensichtlich dem Materialmix verschrieben. Genauso offen- sichtlich und durch dieses Bei- spiel in einer Straße im Westen Nord-Neuköllns dokumentiert: Die Kaltasphalt-Anteile gewinnen nach und nach die Oberhand beim Trottoir-Patchwork, das längst nicht mehr der Devise „Gleiches wird durch Gleiches ersetzt“ folgt. So wurden auch bei diesem Bürger- steig Gehweg- platten, die leicht gewackelt hatten und von Baumwurzeln zu kleinen Verwerfungen ge- zwungen worden waren, durch Misch- gut substituiert. Mit dem Ergebnis, dass der Fußweg nun durch alte und neue Kaltasphalt-Flicken noch unebener ist, son- dern auch  verschlechtbesserter als je zuvor aus- sieht: arm und unsexy. Es ist, als würde man ver- suchen, einen offenen Knochenbruch durch Pusten und Sprühpflaster zu heilen.

Platz da!

Vorgestern Vormittag auf dem Kottbusser Damm, der Straße, die die Berliner Bezirke Neukölln und Kreuzberg trennt: Normalerweise unterscheidet sich das Verkehrs- aufkommen auf  der  westlichen Seite nicht  von  dem  auf  der östlichen  Seite, die an

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Neuköllner Bürgersteige grenzt. Wenn – wie Sonntag – Berlin-Marathon ist, sieht die Sache aber ganz anders aus. Dann herrscht jenseits der mittig verlaufenden Hecke großes Gedrängel und diesseits gähnende Leere.

Entertainment mit Botschaft vom „Fujiama Nightclub“

Für Momente war vorgestern Abend der Geist von Leonhard Cohen und Marilyn Mon- fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinleroe im Saal des Heimathafens Neu- kölln spürbar.

Die Vorstellung des Fujiama Night- club begann erst eine halbe Stunde später als angekündigt. Verzeihlich, da man danach von Morris Perry, dem Initiator des Bühnenprojekts, erfuhr, dass sämtliche Akteure der Show quasi bis zum Heben des Vorhanges für den Abend geprobt hatten.

Die Vorstellung war sehr gut besucht. Was mich freute, war, dass neben vielen jüngeren Leuten auch Menschen in meinem Alter da waren. Das hat für mich immer fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinleetwas Beruhigendes. Im Saal gab es aus- reichend runde Tische, um die jeweils vier Gäste Platz finden konnten. Ich hängte zuallererst meine Jacke zur Platzmarkierung über einen Stuhl und holte mir an der Bar ein Getränk. Und dann hatte ich so richtig Reporterglück: Als ich zurück kam, hatten an meinem Tisch zwei Damen Platz genommen. Schon nach einer Minute waren wir übereingekommen, uns zu duzen, und eine der beiden, Catharina, verriet mir, dass sie die älteste Tanz- schülerin von Morris Perry sei. Sie kenne Morris schon seit den 1980er Jahren, erzählte sie, und vervollkommne seit drei Jahren wieder ihre Stepptanz-Kenntnisse bei ihm.

Perry, der aus Detroit/Michigan stammt, lebt seit Jahrzehnten in Berlin und begann seine Karriere u. a. als Modell, Theater- und  und Filmschauspieler. Er habe auch im Kultfilm „Saturday Night Fever“ mitgetanzt, berichtete Catharina. Inzwischen ist Morris Perry überwiegend als Entertainer, Choreograph und Tanzlehrer tätig. Mit der gleichermaßen von jungen Talenten wie etablierten Künstlern getragenen Mu- sik- und Tanzshow Fuji- ama Nightclub will er „das moderne, interkulturelle Gesicht Deutschlands zei- gen“ und „andere inspi- rieren, die eigenen Träume zu verwirklichen und selbst zum Motor für Optimismus, Mut und Lebendigkeit zu werden“.

In der ersten Hälfte der Show gehörte die Bühne vornehmlich Tanz-, Musik- und Gesangstalente aus Berlin. Folgende zwei Namen werden Ihnen jetzt noch nichts sagen, aber wenn sie in einigen Jahren noch einmal diesen Artikel durchlesen, dann fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinlewerden Sie sich sagen: „Ach, die traten damals schon im Fujiama Nightclub auf!“ Suska Ihracky (Ge- sang) & Janis Hagmann (Gitarre, Keyboard) zum Beispiel. Die Stimme von Suska Ihracky ist der Hammer! Ein Ausspruch, der normalerweise seit über 20 Jahren nicht mehr in meinem Wortrepertoire ist. Doch vorgestern kramte ich sogar wieder „Das hat so richtig gefetzt!“ aus meinem Gedächtnis hervor. Zum Beispiel die wunderbare Capoeira-Darbietung von Rogèrio Capoeira Do Mundo, dargeboten von zwei Brasilianern. (Für die Freunde muskulöser Männerkörper: Die sind auch ein Hingucker.) Oder die Band  Heartsbeats. Als die das Lied „Hallelujah“ sangen, da spürte ich doch für einen Moment den Geist von Leonhard Cohen im Raum.

Nach sechs abwechslungsreichen Acts im ersten Teil, gab es eine Pause. Doch was heißt Pause? Es wurden von den Künstlern kostenlos an jedem Tisch Tapas gereicht, und Morris Perry forderte auf, beim Verzehr der Snacks mit den Tisch- nachbarn ins Gespräch zu kommen. Dazu gab es auf der Bühne weiter Gesang und fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinleMusik, was hervorragend zur lockeren Pausenatmosphäre beitrug.

Für den zweiten Teil der Show kündigte Perry dann die Auftritte „der Lehrer“ an: Künstler, die seit langem neben ihren Auftritten auch Schüler unterrichten. So gab es zum Beispiel eine tolle Stepp-tanz-Einlage von Katrin Lehmann oder den Auftritt von 4xSample, einem Beat- box-Duo. Augen zu und man hörte eine Möwe schreien, einen Wal blasen und einen Ozeandampfer tuten. War echt der Hammer!

Und das galt für die komplette Show, die an diesem Abend von etwa 40 Künstlerinnen und Künstlern im Saal des Heimathafens Neukölln dargeboten wurde. Besonders unvergesslich wird der Abend für einen Zuschauer sein, der genau an diesem Tag seinen 40. Geburtstag feierte: Ihm zu Ehren stimmte eine Sängerin im kurzen, weißen Kleid das Lied „Happy Birthday“ an. Und ihre Posen dazu – eindeutig Marilyn Monroe!

Die Frage, warum das Projekt Fujiama heißt, beantwortete mir Morris Perry kurz in der Pause: „Der Berg Fuji“, sagte er, „steht für mich als Sinnbild für die Begriffe Frieden und Kraft.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die nächste Show des Fujiama Nightclub ist am 23. November ab 20 Uhr im Heimathafen Neukölln zu erleben.

=Reinhold Steinle=