Tabubruch im Neuköllner Rathaus

Dass man im Rathaus Neukölln überraschende Dinge erfährt, ist nicht selten. Meist sind es Statements von Bezirkspolitikern, die abseits des Offiziellen geäußert werden und deshalb auch privat bleiben statt hier veröffentlicht zu werden. Dass im Neuköllner Rathaus Veranstaltungen stattfinden, die wenig bis gar nichts mit Politik zu tun haben, ist dagegen recht selten. Umso größer ist ihr Überraschungspotenzial. Jüngstes Beispiel: ein  Infotag  zum  Krankheitsbild  „Inkontinenz“, das  in Deutsch- land  weit mehr als  6 Millionen  Menschen  betrifft und zu den großen Tabu-Themen

gehört – selbst in Pflegeheimen, wo die  Quote Blasenschwacher  mit rund 80 Pro- zent  eher Regel als Ausnahme  ist.

In etlichen kirchlichen Heimen seien sogar noch Inkontinenzunterlagen aus Baumwolle im Gebrauch, kritisiert Hans Günter Weiß (r.), dessen Firma Moda Textilagentur eine Inkontinenzunterlage entwickeln ließ, die dünner als ein Bierdeckel ist und eine Flüssigkeitsmenge aufnehmen kann, die fünfmal über ihrem Eigen- gewicht liegt. Dass der Wasser- und Waschmittelverbrauch für die Reinigung des Hightech-Produkts erheblich unter den Mengen für konventionelle Materialien liege, komme hinzu. „Aber viele“, so Weiß, „die als Heim- oder Pflegedienstleiter in der Verantwortung stehen, kümmern sich einfach nicht um eine optimale Versorgung der Patienten.“

Bessere Nachrichten, zumindest hinsichtlich des Themas Inkontinenz, hatte Dr. Reinhold-Alexander Laun (l.) parat, der in seinem Vortrag insbesondere auf die Blasenschwäche bei Frauen einging. Das Gerücht, dass das häufige Tragen von Highheels einen Einfluss auf die Inkontinenz-Quote habe, halte sich zwar hartnäckig, aber wissenschaftlich sei es definitiv nicht belegbar, beruhigte der  Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie im Vivantes Klinikum Neukölln. Fakt seien dagegen die Auswirkungen halsbrecherischer Absatzhöhen auf die Anatomie.

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