Erlauben Sie mal … !!!

Was haben ein Schuhmacher in Neuköllns Kopfstraße Anfang des 20. Jahrhunderts und eine Gärtnerin in der Kienitzer Straße Anfang des 21. Jahrhunderts gemein? Beide begehren eine behördliche Erlaubnis. Der Eine, Friedrich Wilhelm Voigt, will eine Aufenthaltserlaubnis – jedenfalls als literarische Figur bei Carl Zuckmayer. Die jule eisendick, café jule neuköllnAndere, Jule Eisendick, möchte eine Schankerlaubnis für ihr neu zu eröff- nendes Café. Während der Eine mit krimineller Energie – allerdings auch mit einiger Chuzpe, die Schmunzeln macht – letztlich scheitert, kommt die Andere mit Geduld und Ausdauer (hoffentlich) zum erwünschten Ziel.

Ein eigenes Café zu betreiben, das war seit langem sehnlicher Wunsch von Jule Eisendick, die tatsächlich Gärt- nerin, genauer Staudengärtnerin, ge- lernt hat. Hätte sie sich auf ein alko- holfreies Getränkeangebot beschränkt, hätte sie ohne weiteres ihr Café eröffnen können, denn wenn kein Alkohol ausgeschenkt wird, handelt es sich um einen „erlaubnisfreien Betrieb“. Aber ihr Wunsch, auch das eine oder andere Glas guten Weins kredenzen zu können, café jule neuköllnbeschwor eine Folge zusätzlicher Geneh-migungen, Auflagen, baulicher Verän-derungen und vor allem langes Warten herauf; denn es bedurfte einer „Schank- erlaubnis“.

Diese wird vom Ordnungs- und Gewerbe- amt erteilt, aber nicht so ohne Weiteres. Da in dem Ladenlokal vorher ein An- und Verkaufsgeschäft betrieben wurde, handelt es sich um eine „Nutzungsänderung“, die behördlich genehmigt werden muss. Damit kam das Bezirksamt Neukölln, Stadtentwicklungsamt, Fachbereich Bau- und Wohnungsaufsicht (BWA) ins Spiel. Um den Antrag ordnungsgemäß stellen zu können, musste eine Architektin beauftragt werden, um neben den entsprechenden Antragsformularen und Umbauplanungen auch eine Grundrisszeichnung im Maßstab 1:100 beibringen zu können. Dass IHK-Bescheinigung, Personaldokumente und Mietvertrag vorhanden sein müssen, versteht sich von selbst. Dass aber auch Nachweise über die Teilnahme an der Gaststättenunterrichtung und Belehrung zum Infektionsschutzgesetz erforderlich werden können, gehört schon nicht mehr zum Allgemeinwissen. Leicht einzusehen café jule neuköllnwiederum ist, dass Honorar und Gebühren fällig werden, und so wechselten mehrmals 200-Eu- ro-Scheine die Besitzerin.

Interessant zu erfahren war für die Existenz- gründerin auch, dass ein WC genügt, wenn Kaffee oder andere alkoholfreie Getränke den menschlichen Körper wieder verlassen. Nimmt Wein denselben Weg, müssen umfangrei- chere Sanitäranlagen vorgehalten werden.

Nach sieben Wochen bangen Wartens sind nunmehr die Umnutzung mit Bescheid Nr. 256 aus 2012 und auch der „Schankvorgarten“ genehmigt und das Café Jule konnte endlich eröffnet werden. Die Schankerlaubnis steht al- lerdings immer noch aus.

Jule Eisendick hat sich dennoch von den Tücken des Einstiegs in die Gastronomie nicht entmutigen lassen, im Gegen- teil: Mit vielen guten Ideen will sie ihre Kundschaft in der Kienitzer Straße 93 begeistern – mit einer 50er- Jahre-Stil-Ecke genauso wie mit Hintergrundmusik von Vinyl-Tonträgern, mit selbst gemachten fotografischen Auf- nahmen an den Wänden wie eben mit dem einen oder anderen Glas Wein. Wenn denn die Erlaubnis für den Ausschank vorliegt. Möge es gelingen.

=kiezkieker=