Gelungenes Experiment

Ihre Adresse möchte sie hier nicht lesen, Namen auch nicht. Die Gefahr, dass dann künftig schiefgeht, was bisher völlig problemlos funktionierte, wäre zu groß. „Unser Hausbesitzer weiß natürlich nichts davon“, sagt die Mieterin, die im Parterre des sanierten Neuköllner Altbaus wohnt und den Anstoß für den Akt gelebter Empathie und Nächstenliebe gab, der im vorletzten Winter im Haus Einzug hielt.

„Ich hatte ihn schon öfter bei uns im Kiez gesehen und ihm auch manchmal Geld gegeben“, erzählt sie. Eines Abends, als sie im dicksten Schneegestöber nach Hause kam, habe er im Eingang des Nachbarhauses Schutz gesucht: „Die Frage, ob er sich nicht bei uns im Hausflur unter- stellen will, ist mir so rausgerutscht. Ich hab mich das richtig sagen hören.“ Er habe vollkommen verblüfft gefragt, ob sie das ernst meine, und sie habe es bejaht. „Weil es immer weiter schneite und ich ihn bei dem Wetter nicht wie einen Hund vor die Tür jagen wollte, ließ ich ihn bei uns Treppenhaus übernachten.“

Seitdem habe er etliche frostige Winternächte in seinem Schlafsack in der Nische unter den Briefkästen verbracht, manchmal sogar noch morgens Tee bekommen. „Als ich die Nachbarn aus dem Vorderhaus fragte, ob was gegen einen Obdachlosen als Logisgast spräche, dachten die meisten wohl erstmal, dass ich ’nen Knall hab“, erinnert sie sich schmunzelnd. Doch dann sei man schnell überein gekommen, ein paar Verhaltensregeln aufzustellen und es ausprobieren zu wollen. „Dass er keinen Anlass gibt, dass sich jemand belästigt fühlen könnte, war natürlich das Wichtigste dabei.“ Sie sei selber sehr gespannt gewesen, ob er die Vorgaben einhalten würde: das strikte Rauch- und Alkoholverbot, die Ansage, die Schlafecke sauber zu halten, und nicht mit Kumpanen aus der Wohnsitzlosen-Szene über die vergleichsweise komfortable Notunterkunft zu reden. „Da können Sie sich aber drauf verlassen!“, habe er damals versprochen und sich mit Tränen in den Augen für das Angebot bedankt.

Eine leise Skepsis der Mieter blieb … bis heute unbegründet. Der erste Winter verlief ohne Vorkommnisse, die den Abbruch des Experiments bedeutet hätten, der zweite und der jetzige ebenfalls: „Unser Olo, wie wir ihn nennen, macht es uns wirklich leicht, ganz direkt und effizient Hilfe zu leisten.“ Vor einigen Nächten habe er beschlossen, ohne die auskommen zu wollen – für diesen Winter.

=ensa=

3 Antworten

  1. Eure Artikel sind echt schön! Wobei ich euch noch nich so lange les… Doch es ist eine Kunst kurze gute Artikel zu schreiben. Macht euch bekannter und holt die Menschen aus ihren kleinen beschränkten Wohnungen und Sichtweisen!

    Eine Frage zum Artikel: Der Olo lebt aber schon noch oder .. ?

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    • Erstmal: Danke! Und natürlich wünschen wir auch viel(e) Spaß, Informationen, Erkenntnisse etc. beim Nach- und Weiterlesen.

      Zur Frage zum temporären Logisgast: Kein Grund zur Sorge! Es ist Usus, dass er kommt und geht, wann er will. Vorgestern ist er gesehen worden.

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  2. Tolle Geschichte!

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