Abgestempelt

„Ihr gehört doch auch zu den Gentrifizierern!“ – diesen Vorwurf kennt Silke Lorenzen, die Chefin des Hüttenpalasts, nur zu gut. Anfang Mai eröffnete sie zusammen mit wohnwagen hüttenpalast neuköllnSarah Vollmer im Neuköllner Reuterkiez ihr Hotel der etwas anderen Art: Außer sechs Zimmern stehen den Gästen in einer ehemaligen Fabrikhalle Holzhütten und individuell gestaltete Wohnwagen-Oldtimer für Über- nachtungen zur Verfügung. Angebote, die sich großer Beliebtheit erfreuen, allem voran natürlich das, unbe- lästigt von Wetterkapriolen Camping-Feeling erleben zu können. Die Wohnwagen seien eindeutig das Aushän- geschild des Hüttenpalasts.

Doch Silke Lorenzen geht es nicht nur darum, ihren Gästen zu Kost und Logis in ungewöhnlicher Umgebung hüttenpalast neuköllnzu verhelfen. Zum Kon- zept gehört auch die Schaffung von „nahen, authentischen Kontak- ten zu Kunst, Kultur und Kiezleben“. Die einstige Globetrotterin kennt diese drei Ks gut, denn sie wohnt seit 10 Jahren im Reuterquartier. Insbeson- dere mit der Türöffner-Funktion zum Kiezleben werde es jedoch wegen der rasanten Veränderun- gen zunehmend schwieriger. Läden und Menschen, die über Jahre zu den festen Größen im Viertel gehörten, seien inzwischen weggezogen. „Und jeder, der wegzieht, nimmt auch ein bisschen von der Atmosphäre mit, die den Kiez ausmachte“, sagt Silke Lorenzen. Wo sind sie jetzt – der türkische Gemüsehändler, der arabische Bäcker oder auch der Künstler, der kam, bevor alle anderen kamen? Das fragt sich die Mittdreißigerin. Zugleich beschäftigt sie die Frage, wann wohl das Haus, in dem sie selber wohnt, saniert wird und die Miete über die Grenze des Bezahlbaren klettert. „Dann werde ich auch wegziehen müssen“, prognostiziert sie. Verständlich, dass es ihr missfällt, abgestempelt und in die Gentrifizierer-Schublade gestopft zu werden.

=ensa=

Eine Antwort

  1. Wir sind so gesehen auch Gentrifizierer, und das ist jeder, der hier neu hinzieht, weil es billig und hipp ist. Ich hätte meinen Laden aufgrund der hohen Mieten aber in keinem anderen Kiez in Berlin aufmachen können. Und die Kunden, die jetzt hier herziehen, weil Tempelhof zum Central Park wird, sichern mir mein zukünftiges Überleben. Das finde ich gut. Um Wegzug zu verhindern hilft nur gesetzliches Verbot von Mietspekulation und Wohnraum und ganz wichtig ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Leute, rafft euch endlich auf und macht was. Durch Nichtstun ändern sich die Verhältnisse nicht.

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