Verspielt

Morgens um halb 6 haben offenbar auch die passioniertesten Demonstanten Bes- seres zu tun, als auf die Straße zu gehen.  Entsprechend dürftig war in der letzten Woche die Beteiligung an der ersten Demo vor der Bally Wulff-Zentrale am May- bachufer. Heute ruft die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) zu einer zivileren Zeit erneut zu einer Kundgebung am Geschäftssitz des Neuköllner Spiel- automatenherstellers auf:  „Ausgezockt, Bally Wulff! Gegen Lohndumping und Outsourcing in Neukölln!“ steht in großen Lettern über einer Veran-staltungsankündigung in der Termi-ne-Rubrik vom Neues Deutschland. Mehr Informationen bekomme man von der FAU, einer – laut Selbstbe- schreibung – anarcho-syndikalisti- schen Gewerkschaftsföderation.

Mehr Informationen bekommt man auch von Sascha Blodau, einem der drei Geschäftsführer von Bally Wulff. In einem Telefonat nahm er zu den im Veranstaltungshinweis verbreiteten Vorwürfen Stellung und bestätigte zunächst die bevorstehende Schließung der Siebdruck-Abteilung im Sommer nächsten Jahres: „Die ist unumgänglich, da Siebdruck-Verfahren bei der Spielautomaten-Produktion stark rückläufig sind und von PC- Technik ersetzt werden.“ Bereits seit drei Jahren werde der  mit zwei Mitarbeitern und einem Abteilungsleiter  besetzte Siebdruck-Bereich als temporär, d. h. zeitlich begrenzt, bezeichnet. Den Angestellten seien folglich Änderungskündigungen ausgesprochen worden, die jedoch keinesfalls mit den zitierten „unannehmbaren Verschlechterungen in Sachen Bezahlung, Arbeitszeit und Urlaubsanspruch“ einhergingen. Vielmehr habe das Unternehmen den Beschäftigten eine Zusatz-Qualifizierung für den Bereich Digitaldruck und die Übernahme in die entsprechende Produktions-Abteilung  angeboten. Der Mitarbeiter, der durch den Schulterschluss mit der FAU die kleine Revolution initiierte und dabei vermutlich deren Eigendynamik unterschätzte, sei gerade mal 40 und bereits seit 23 Jahren Angestellter von Bally Wulff, sagt Sascha Blodau: „Durch die Weiterbildung hätten sich ihm viele neue Möglichkeiten eröffnet.“

Wahr sei indes die verbreitete Behauptung, dass „in den letzten Jahren zahlreiche KollegInnen entlassen wurden“. Aber das betreffe die Zeit bis 2007, sagt der Geschäftsführer. Das Unternehmen habe seinerzeit kein marktfähig herzustellendes Produkt gehabt und sei schließlich an einen neuen Gesellschafter verkauft worden. Mit der Folge, dass die Talfahrt überwunden wurde und die Beschäftigtenzahl seit 2008 in den verschiedenen Geschäftsbereichen um 10 bis 20 % angestiegen sei. „Allerdings muss man natürlich auch sagen, dass nun durch die Veränderungen in der Branche kompett andere Qualifizierungen als früher gefragt sind“, räumt Sascha Blodau ein. „Für ungelernte Arbeitskräfte, die acht Stunden lang am Lötband stehen, ist wegen des Einzugs der Computertechnik einfach kein Bedarf mehr.“

In einer Erklärung an die rund 250-köpfige Belegschaft stellten die Geschäftsführer von Bally Wulff gestern die von der FAU im Netz sowie auf zwei Flugblättern erhobenen Behauptungen richtig: „Aus sozialer Verantwortung und im Interesse aller Mitarbeiter und der Gesellschafter“ sei ihnen das Dementi der Falschaussagen wichtig, heißt es am Ende des Schreibens.

=ensa=

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