In der Neuköllner Vielfalt gestrauchelt

„Religionen in Neukölln“ heißt eine neue, vom Ressort des Migrationsbeauftragten im Neuköllner Bezirksamt heraus- gegebene Broschüre – und de- ren Präsentation muss zunächst mal als ziemlich misslungen bezeichnet werden. Ausgerech- net auf den 29. September hatte Neuköllns Migrationsbeauftrag- ter Arnold Mengelkoch die Vor- stellung des Nachschlagewerks in der Genezareth-Kirche gelegt: auf Rosch ha-Schana, den Tag des jüdischen Neujahrsfest. Ein Fauxpas, der zur Folge hatte, dass sich verständlicherweise kein einziger Vertreter der jüdischen Gemeinde bei der Veranstaltung blicken ließ, um sich in die Riege der Protagonisten anderer Glaubensrichtungen einzureihen.

88 in Neukölln ansässige religiöse Gemeinschaften führt die in einem leider recht dubiosen Ordnungsschema  gestaltete Broschüre auf: christliche und islamische verschiedenster Ausrichtungen, hinduistische und jüdische sowie kleinere Glau- bensvereinigungen von der Universalreligion Bahai bis zu den Rosenkreuzern. Lediglich Kontaktdaten und Internetadressen sind genannt, über die  Inhalte und Angebote der einzelnen Gemeinden er- fährt man nichts. Ganz bewusst, wie Arnold Mengelkoch betont: „Das Heft soll in erster Linie die Vielfalt der Religionen in Neu- kölln darstellen und die Vernet- zung untereinander initiieren.“ An letzterem Punkt setzte dann auch das Programm des Abends an. Zwischen einer beeindruckenden Musik- und Derwisch-Tanz-Einlage des Sufi-Ensembles und dem Auftritt der Gruppe Salsabil berichteten die Vertreter der 22 anwesenden Gemeinden in Kurzform von ihrer Arbeit, um den Einstieg ins gegenseitige Kennenlernen einzuleiten. In einer zweiten Runde wurden die interreligiösen Begegnungen durch Gespräche in wechselnden Kleingruppen über vorgegebene Themen intensiviert. Um religöse Lieblingsfeste, die Bedeutung der Symbole der verschiedenen Glaubens- richtungen und Wünsche an das Mit- einander der Religionen ging es – vor dem Gang zum Büffet.

Interessierte erhalten die Broschüre „Religionen in Neukölln“ beim Migra- tionsbeauftragten im Bezirksamt Neu- kölln.

Einblicke in den Islam und die Arbeit islamischer Gemeinden in Berlin ver- mittelt der morgige Tag der offenen Moschee. Mit der Yeni-, der Gazi Osman Pasa– und der Sehitlik-Moschee sowie dem Islamischen Kultur- und Erziehungszentrum Berlin und der Neuköllner Begegnungsstätte nehmen auch fünf Neuköllner Moscheen daran teil und bieten Führungen an. Ebenfalls morgen lädt das Sufi-Zentrum Berlin ab 15 Uhr zum Tag der offenen Tür ein – und zum Mitmachen beim Derwisch-Drehen.

=ensa=

Eine Antwort

  1. „Ziemlich misslungen“ ist eine völlig unangemessene Charakterisierung dieser Veranstaltung. Abgesehen von dem Fehler, bei der Terminwahl nicht in den (vom Integrationsbeauftragten selbst ständig hochgelobten) interkulturellen Kalender geschaut zu haben, war der Abend im Interkulturellen Zentrum Genezarethkirche ein spannender, lehrreicher und zuweilen auch durchaus bewegender Beitrag zum Dialog zwischen einer großen Zahl der doch immer noch einander fremden Religionsgemeinschaften in Neukölln.

    Arnold Mengelkoch stellte zu Beginn der Veranstaltung meiner Ansicht nach sehr treffend die Notwendigkeit zum Gespräch unter den Religionen dadurch dar, dass er auf die große gemeinsame Aufgabe der Menschheit hinwies: sich gefälligst am Riemen zu reißen und die Zerstörung des Planeten zu beenden. „Die Erde lebt besser ohne die Menschen“. Eine durchdachte Gestaltung des Abends (90-Sekunden-Vorstellungen der Gruppen, gefolgt von einer gut halbstündigen Runde in Kleingruppen mit vorgegebenem Themenangebot das viele allerdings auch zum freieren Gespräch nutzten) brachte im Verein mit der Liste der beteiligten Religionsgemeinschaften und der neuen Broschüre doch einiges an Gewinn für all diejenigen unter den Anwesenden, die mit ausreichend Neugier ausgestattet auf Entdeckungen aus waren. Sicherlich ein Anfang, aber das ist ja schon viel. Auch in der Broschüre lässt sich noch manches verbessern und weiterentwickeln; so nehme ich an, dass sich die Rosenkreuzer als christlich verstehen und die Aleviten irgendwie zum Islam gehören (aber da fangen die vertrackten religionswissenschaftlichen Auseinandersetzung auch schon an). Aber die Broschüre ist keine hochbezahlte Expertise sondern ein Jobcenter-Projekt, und dafür ist das Ergebnis schon mal sehr erfreulich. Eine besondere Frage unter vielen ist dabei: Wie mit Religionsgemeinschaften umgehen, die in Neukölln Anhänger/-innen und Mitglieder haben, aber keine eigene Einrichtung, wie z.B. die jüdische Gemeinde? Hier ist es natürlich schwierig, wenn man wichtige Nachbargemeinden mit aufnimmt, nichts zu vergessen, was für einzelne Bewohner und Bewohnerinnen Neuköllns von Bedeutung ist.

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