Das rätselhafte Neuköllner Zwei-Sommer-Loch

Die Vorbereitungen liefen bereits. Richtig groß und dem Anlass angemessen wollten Peter und William Francis Brennan das ein- jährige Jubiläum (!)  des abgesperrten Qua- dratmeters vor ihrem LadenAtelier feiern. Im August wäre es soweit gewesen. An den genauen Tag können sie sich nicht mehr erinnern, wohl aber an die Ereignisse seit dem Sommer 2010 – zumal die Hausmeis- terin alles schriftlich festgehalten hat:

„Irgendwann waren Arbeiter da und es blieb ein Loch auf dem Bürgersteig zurück bzw. ein paar Steine waren eingesunken. Ich rief das Tiefbauamt an und sagte Bescheid, wegen der Sicherheit. Mir wurde dann gesagt, dass es uns ganz egal sein muss, was mit der Straße passiert, Löcher würden uns nichts angehen.“ Ein paar Tage später und nach zwei weiteren Anrufen sei ein Mann vor dem Haus in der Lichtenrader Straße vorgefahren, um sich das Loch anzusehen. Weiter passierte nichts. „Wieder ein paar Tage später kam ein kleiner Lieferwagen mit drei Männern, die wohl von den Wasserbetrieben waren. Sie öffneten die Serviceklappe am Haus und sahen sich alles genau an. Dann gossen sie eine farbige Flüssigkeit nach unten. Wenn diese Flüssigkeit an einer bestimmten Stelle rauskommen würde, sagten sie, wäre es ihre Aufgabe, das Loch wieder zu schließen.“ Die Flüssigkeit sei heraus gekommen und die Zuständigkeit damit geklärt gewesen. Kurz darauf sei eine Absperrung um das Loch gestellt worden, sogar mit Lampe. „Die Lampe wurde inzwischen mehrmals geklaut oder ramponiert, aber immer wieder ersetzt. Nur das Loch blieb.“

Es überdauerte den Herbst, wurde im Winter von Schnee bedeckt, erlebte den Jahreswechsel und war im Frühling immer noch da – samt Absperrung und mit ständig substituierter Beleuchtung.

Anfang April 2011 wandte sich die Hausmeisterin erneut ans Neuköllner Tiefbauamt, diesmal per Brief: „Sehr geehrte Damen und Herren“, schrieb sie, „ich weiß, dass Sie sicher viel zu tun haben, aber wir haben seit nunmehr fast einem Jahr ein tiefes Loch bei uns auf der Straße vor dem Haus im Bürgersteigbereich. Ich meldete das damals dem Tiefbauamt und nach mehreren Telefonaten (…) kamen die Wasser- betriebe und schauten sich die Sache an (…), bauten eine kleine Absperrung und eine Warnbarke auf (…) und das war’s dann. Nichts passiert mehr. Ich bekomme ständig von Mietern die Frage gestellt, was denn nun passiert und ich bin es leid, permanent dieselbe Geschichte erzählen zu müssen.“ Danach, erinnert sich die Hausmeisterin, habe sich erneut jemand zur Besichtigung des Lochs blicken lassen, mehr sei aber nicht geschehen. Vor allem zum Ärger der Brennans.

Es wurde Mai, es wurde Juni. „Als die 48 Stunden Neukölln kamen, an de- nen wir teilgenommen haben, waren das Loch und die Absperrung immer noch direkt an unserem Schau- fenster“, erzählt Peter Brennan. Er dekorierte die Dauerbaustelle kur- zerhand getreu dem Festivalmotto „Luxus“ mit royal anmutenden gol- denen und roten Luftballons. Lästig sei sie dennoch gewesen, weil sie das Aufstellen von Tischen und Bänken ziemlich behinderte.

Einige Wochen später wäre ein gemütliches Sitzen vor dem LadenAtelier jedoch gar nicht mehr möglich gewesen: Denn genau vier Monate nachdem die Hausmeisterin ihren Brief ans Neuköllner Tiefbauamt abgeschickt hatte, bekam die vereinsamte Warnbarke inmitten der Loch-Absperrung plötzlich unangekündigt  Verstärkung. „Kurz

danach waren das kleine Loch und die Absperrung, die wir feiern wollten, weg und wir hatten eine richtig große, tiefe Baugrube vor dem Atelier.“ Erst von den Bauarbeitern erfuhren Peter und William Brennan sowie die Hausmeisterin, dass Verbindungsmuffen und Stücke der Kanalisationsrohre erneuert und repariert wür- den. Nach über einem Jahr Stillstand rund um das mysteriöse Dauer-Loch sei dann alles relativ schnell ge- gangen.

Als die Brennans vor wenigen Tagen von einem Kurzurlaub zurückkamen, bot sich ihnen vor ihrem LadenAtelier in der Lichtenrader Straße ein wahr- lich ungewohnter Anblick: Die Warn- barken und Parkverbotschilder waren verschwunden, ebenso das große Loch, das zwischenzeitlich aus dem einst kleinen erwachsen war. Sogar die auf einem Haufen gesammelten Kopfsteinpflastersteine waren wieder zu einem be- gehbaren Bürgersteig verarbeitet worden. „Keine Baustelle mehr direkt vor der Tür zu haben, daran muss man sich nach über einem Jahr wirklich erstmal wieder ge- wöhnen“, finden beide.

=ensa=

3 Antworten

  1. Wunderbar-schauerliche Geschichte. Noch dazu so exemplarisch! Vielleicht sollte „Facetten Neukölln“ zu diesem Thema mal unseren Baustadtrat zu Wort kommen lassen.

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  2. Liebes Facetten-Magazin,

    ja, …. genau so war’s! Toll dokumentiert mit den Fotos 🙂 Man gewöhnt sich wirklich an Vieles!
    Nun aber geniesen es wirklich sehr, eine ‚Freifläche‘ vor dem Atelierschaufenster zu haben.
    Das neueste Ärgernis ist nun, dass sich unsere vierbeinigen Schillerkiez-Mitbewohner eine Ecke unserer Schaufensterwand, aus welchen Gründen auch immer, ausgesucht haben und nun regelmäßig mehrmals täglich dort hin pissen und die Flüssigkeiten durch die Lüftungsöffnungen in unseren Arbeitskeller fliesen, der nun nach Urin stinkt!!!
    Daran werden wir uns nicht gewöhnen wollen! Wir sind noch auf der Suche nach Ideen, wie man den Fluss stoppen kann. Sehr gerne nehmen wir Vorschläge entgegen.
    Vielen Dank für den Artikel!
    Peter Brennan.

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