Schlechte Aussichten

Ihre Wohnung habe keinen Balkon, deshalb halte sie sich bei schönem Wetter gerne für ein Stündchen oder zwei auf dem Platz auf, der direkt vor ihrer Haustür liegt. Manchmal hat sie eine Illustrier- te dabei, meistens aber eine Häkelarbeit. Sie unterhalte sich eben gerne mit anderen, und handarbeiten und reden gehe gleichzeitig, lesen und zuhören und sprechen aber nicht.

Acht im Kreis angeordnete Bän- ke stehen mitten auf dem Platz, der sich am Rand Nord-Neu- köllns befindet. Mülleimer gibt es auch genug. „Dass die über- quellen, hab ich noch nie erlebt“, sagt die Frau. Was sie jedoch häufig erlebt, ist, dass Leute ihren Müll einfach auf den Bänken stehen lassen, ihn darunter abstellen oder in die Sträucher werfen. Wenn sie Kinder dabei erwischt, spricht sie sie an und fordert sie auf, die Mülleimer zu benutzen. Meistens erfolgreich. Manche, meint sie, sähen dann sogar aus, als würden sie sich ertappt fühlen und ein schlechtes Gewissen haben. Erwachsene ließen das dagegen oft vermissen.

„Neulich“, erzählt sie, „saß eine Frau direkt auf der Bank gegenüber.“ Erst habe die schätzungsweise Mitte 50-Jährige ein Eis gegessen, dann eine Zigarette geraucht. Bevor sie aufstand habe sie das Eispapier zusammengeknüllt und in eine Ritze der Sitzfläche der Bank gestopft. Die Zigarettenkippe landete auf dem Pflaster, wurde ausgetreten und liegen gelassen. Drei Schritte vom nächsten Mülleimer entfernt. „Als ich sie gefragt hab, weshalb sie ihren Müll nicht in die Tonne wirft, sagte sie nur patzig, dass sie das immer so macht und mich das gar nichts angeht.“ Wenn sie öfter eine Illustrierte statt des Häkelzeugs mit zum Platz nehmen würde, würde sie sich seltener ärgern, vermutet die Frau.

„Als ich jung war“, sagt sie zum Abschied, „dachte ich, dass ich die Welt und die Men- schen besser verstehe, je älter ich werde.“ Nun sei sie alt und wisse es besser.

=ensa=