Neukölln – New York: So fern und doch so nah

Neun Flugstunden liegen zwischen Berlin und New York. Neukölln und Manhattan sind 6.390 Kilometer voneinander entfernt. Am Nachmittag des 11. September 2001 world trade center new york, foto: aaron loganschrumpfte die Distanz auf we- nige Meter. Manhattan und die Twin Towers des World Trade Centers waren plötzlich so nah wie der Fernseher. Wir haben einige Neuköllner nach ihren Erinnerungen an 9/11 gefragt:

Melina N. war sieben Jahre alt. Sie erinnere sich an den 11. Sep- tember 2001 genauso wie an den Tag, an dem ihre Eltern ihr sagten, dass sie sich scheiden lassen, und an den, als ihr Opa starb, sagt sie: „Ich hab mittags bei meiner Freundin Aynur gegessen, danach waren wir noch im Comeniusgarten. Als ich nach Hause kam, saß meine Mutter weinend vor dem Fernseher, der zwei brennende Wolkenkratzer zeigte. Ich weiß noch, dass ich dachte, dass das ein Film ist. Deshalb hab ich gar nicht verstanden, dass meine Mutter weinte. Das hatte sie sonst immer nur bei rührenden Filmen gemacht. Sie hat dann gesagt, dass das kein Spielfilm sondern echt ist und dass das gerade in Amerika passiert. Böse Menschen hätten zwei Flugzeuge in die Hochhäuser ge- steuert, hat sie mir noch erklärt, bevor sie mich in mein Zimmer geschickt hat.“ Erst viele Jahre später hat Melina ihrer Mutter gesagt, wie doof sie das fand und wie allein gelassen sie sich fühlte. „Sie hat sich entschuldigt und gestanden, dass sie selber total überfordert mit dem Ereignis war.“

Werner B. hatte damals keinen Fernseher und auch sonst nicht viel: „Ich lebte von Mitte 2001 bis zum Frühjahr 2002 auf der Straße.“ 9/11 sei ein Schlüsselerlebnis für ihn gewesen, ein weiterer Wendepunkt in seinem Leben. „Bevor ich abgerutscht bin, hatte ich eine Im- und Export-Firma. In New York war ich oft und hab immer davon geträumt, da mal zu wohnen.“  Am 11. September 2001 sei er zum ersten Mal in einer Teestube für Obdachlose gewesen: „Ich wusste, dass die einen Fernseher haben und brauchte unbedingt Bilder von dem, was in Manhattan passiert ist“ Dass dort etwas unvorstellbar Furchtbares geschehen war, hatte er von einem Bekannten erfahren und zuerst gedacht, dass es sich um eine Geschichte handeln muss, die nur ein besoffener Kopf erfinden kann. „Die Fernsehbilder haben mich dann vollkommen ausgehebelt. Die waren wirklich ein Schock.“ In den Tagen danach habe er noch mehr als vorher getrunken, Wochen später beschlossen, dass er selber wieder nach New York müsse, um die Skyline ohne Zwillingstürme mit eigenen Augen sehen zu können. „Ja“, bestätigt der 53-Jährige, „man kann wirklich sagen, dass der bestialische Terroranschlag mir den Kick gegeben hat, mich aus dem Pennersumpf zu ziehen.“  Andere glückliche Zufälle seien dazu gekommen. Seit dem Winter 2003/2004 lebt Werner B. in einer WG, im Oktober 2004 reichte das Ersparte von seinen Gelegenheitsjobs für eine Reise nach New York.  Rotz und Wasser habe er geheult, als er das erste Mal am Ground Zero stand.

Mustafa A. arbeitete im Herbst vor 10 Jahren in einem Internet-Café an der Sonnenallee. „Der Fernseher lief ständig, meistens ohne beachtet zu werden. Am 11. September 2001 war das anders. Da guckte ab kurz vor 3 niemand mehr auf die Monitore der PC-Plätze, sondern alle nur noch auf den Fernseher.“ Die Wirklichkeit war für Stunden spannender als Ballerspiele, E-Mails und Recherchen für die Hausaufgaben. „Obwohl man ja gar nicht richtig glauben konnte, dass das wahr ist, was man sieht“, erinnert sich Mustafa. Genauso präsent wie der Tag, der der Welt veränderte, sind für ihn die Gedanken an die Zeit danach. „Als Mensch mit dunklerer Haut, schwarzen Haaren und der falschen Religion hatte man sogar hier in Berlin schlechte Karten. Wir wurden doch alle in Sippenhaft genommen“, fasst er die Diskriminierung zusammen. Am liebsten hätte er sich blaue Kontaktlinsen eingesetzt und die Haare blond gefärbt: „Wäre Sommer gewesen, hätte ich mir ein T-Shirt mit dem Satz ‚Ich verurteile die Terroranschläge auf die USA zutiefst!‘ bedrucken lassen.“ Geholfen hätte aber auch das wahrscheinlich nicht, zu groß war die Verunsicherung.

Friedel Z. hat ihren Vater an den 1. Weltkrieg verloren, ihr Mann kehrte aus dem 2. Weltkrieg nicht wieder, ihre Tochter ist seit einem Autounfall querschnittgelähmt und ihr Sohn nahm sich mit Mitte 40 das Leben: „Wenn man über 80 ist und so viele Schicksalsschläge erleben musste, denkt man, dass einen nichts mehr erschüttern kann.“ Doch dann kam der 11. September 2001. „Ich hatte den Fernseher an, war in die Küche gegangen, um Kaffee zu kochen und als ich wieder in die Stube kam, lief plötzlich ein ganz anderes Programm“, erinnert sie sich. Zuerst habe sie gedacht, dass der Fernseher kaputt ist und sich selber umgestellt hat, doch dem war nicht so. „Ich hab mir das etwa eine Stunde lang angeguckt, dann konnte ich es nicht mehr ertragen.“ In den Tagen danach, sagt die heute 93-Jährige, habe sie nur noch Radio gehört, um sich die Bilder der in die Twin Towers rasenden Flugzeuge, der in den Tod springenden Menschen und der einstürzenden Türme zu ersparen: „Noch heute fällt es mir schwer, mir die anzusehen.“

=ensa=

Eine Antwort

  1. der 11. September hat viel verändert und die Welt wieder in zwei Lager gespalten. Ein Frieden zwischen den Völkern im Oxident und Orient ist weiterhin nicht in Sicht und es liegt an uns dies zu ändern, denn Religion und Marktwirtschaft sind nicht compartibel. So lange westliche Truppen Länder in Arabischen Ländern besetzt halten und eine Hand voll Extremisten suchen und töten, wird es keinen Frieden geben und eine weitere, vielleicht schlimmere Welle von Terror und Gewalt wird die westliche Welt heimsuchen, denn über 1 Milliarde Menschen mit islamischen Glauben werden sich nicht auf Dauer von uns maßregeln und unterdrücken lassen.

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