Geschlossene Gesellschaft?

Ich war zu meiner Freundin und Lebensgefährtin Monika unterwegs. Die Anzeigetafel auf der S-Bahnstation informierte mich, dass der zweite Wagen des S-Bahn-Zuges geschlossen sei. Gut zu wissen. Dann brauchte ich nur noch darauf zu achten, welche Türen defekt sind; zu erkennen an den roten Aufklebern darauf.

Für mich unverständlich, weshalb man darüber nicht gleich auf der Anzeigetafel mit informiert. Es könnte doch einfach angezeigt werden, dass zum Beispiel die dritte, siebte und achte Tür des S-Bahn-Zuges defekt sind. Wozu hat man denn solch eine moderne Technik an den S-Bahnstationen eingeführt? Die muss man doch nutzen. Dann vielleicht noch darauf hinweisen, dass man die Bier- lache unter dem zweiten Sitz im dritten Wagen mit Sandalen möglichst meiden sollte, und man könnte sich prima auf die S-Bahnfahrt einstellen. Leider blieb es jedoch bei der unvollständigen Information, dass der zweite Wagen des S-Bahn Zuges geschlossen sei.

Auf die Plätze neben mir im ersten Wagen setzte sich ein Paar mit ihrem etwa 12 Jahre alten Sohn, der sich nach dem Hinsetzen sofort mit seinem Gameboy beschäftigte. Sein Vater stellte eine, wie mir zuerst schien, rein rhetorische Frage, denn er sagte: „Weshalb lassen die uns denn nicht in den zweiten Wagen?“ Ohne von seinem Gameboy aufzublicken, meinte sein Sohn: „Vielleicht fährt mit dem die Regierung.“ Eine originelle Idee. Angela Merkel, Guido Westerwelle und das ganze übrige Kabinett steigen irgendwo auf der Strecke von Tempelhof nach Neu- Westend in den zweiten Wagen der S-Bahn ein. Und wenn alle drinsitzen steigt an der nächsten Station ein „Motz“-Verkäufer zu. Und wenn das Kabinett vorhat, sogar eine ganze Runde mit der Ringbahn zu drehen, dann lernen sie, dass manche störenden Geräusche nicht durch einen Schaden an der S-Bahn entstehen, sondern dadurch, dass leere Bierflaschen durch den Wagen rollen. Ich fand es jedenfalls sehr bedauerlich, dass bis Neu-Westend nicht ein einziges Mitglied der Regierung in den zweiten Wagen eingestiegen ist.

=Reinhold Steinle=

Reinhold Steinle moderiert morgen Popráci, das Rixdorfer Strohballenrol- len am Richardplatz in Neukölln. Die nächsten Termine für seine Stadt- führungen  durch  Neuköllner  Kieze  sind  hier  aufgelistet.

2 Antworten

  1. Wäre das nicht schön, wenn sich die Politiker zu den „Menschen draußen im Lande“ setzen würden.

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