Aus Papier: die Kondome des 21. Jahrhunderts

„Tinaaaaaa, wat kosten die Kondome?“ – wer er- innert sich nicht an diesen rund 20 Jahre alten Werbespot der Bundeszentrale für gesundheit- liche Aufklärung, in dem Hella von Sinnen eine Kassiererin und Ingolf Lück einen beim Kauf von Präservativen ertappten Kunden spielt?

„Manchmal komm ich mir vor wie der Ingolf Lück des 21. Jahrhunderts“, sagt Bernd. Im Leben des heute 38-jährigen Neuköllners ist vieles nicht eben glatt gelaufen. Innerhalb weniger Monate sei er alles los gewesen, was ihm wichtig war: die Frau, die er „abgöttisch geliebt“ hatte, die ge- meinsame uneheliche Tochter, den Job. Alkohol und Drogen wurden seine besten Freunde. Ohne die, meint er, hätte er sich wahrscheinlich einen Strick genommen, als seine Ex begann, Miss- brauchsvorwürfe zu lancieren, um einen Keil zwi- schen ihn und das Kind zu treiben. „Seit einem halben“, sagt Bernd, „bin ich aber völlig clean.“ Schließlich wolle er unbedingt irgendwann wieder Kontakt zu seiner Tochter haben und ein normales Leben führen – mit selber verdientem Geld. Im Gegensatz zu vielen anderen bemühe er sich wirklich um eine Stelle.

Momentan lebt Bernd von Hartz IV. In seinem Einkaufswagen liegen Obst, Gemüse, Milch, Brot, diverse Grundnahrungsmittel und eine 500 Blatt-Packung Schreibpapier. „25,11 Euro“, sagt die Kassiererin. Statt eines Portemonnaies zieht Bernd einen knallgelben Zettel aus seiner Hosentasche und faltet ihn zum DIN A4-Format auseinander. Das Logo des JobCenters prangt auf der oberen rechten Ecke. Die junge Frau an der Supermarkt-Kasse sieht sich das Blatt an und teilt Bernd mit, dass sie neu sei und nichts damit anzufangen wisse. Sie guckt sich Hilfe suchend um, bevor sie sich lautstark an die Kollegin wendet, die drei Kassen entfernt sitzt: „Janine, ick hab hier jemanden mit  so ‚m jelben Zettel. Wat mach ick denn damit?“ Nun wissen auch die Leute in der anderen Kassenschlange, dass Bernd keiner ist, der mit Geld bezahlt. Er guckt verlegen auf seine Einkäufe, biegt den Personalausweis, den er in seinen Händen hält.

Die Filialleiterin kommt und erklärt der neuen Mitarbeiterin im Flüsterton, wie die Zahlung per Lebensmittelgutschein zu handhaben ist. Der von Bernd hat einen Wert von 30 Euro, maximal 5 Euro Wechselgeld dürfen bar ausgezahlt werden. Er steckt die Münzen in seine vordere rechte Hosentasche und den Personalausweis nach der Überprüfung durch die Kassiererin wieder in die hintere linke. Die Erleichterung, dass es nun wohl endlich reibungslos weitergeht, ist denen, die hinter ihm in der Schlange stehen, deutlich anzusehen. Furchtbar peinlich und demütigend seien solche Situationen, sagt Bernd. Um sie zu vermeiden, gehe er am liebsten einkaufen, wenn es in den Läden leer ist – frühmorgens und nie samstags. Aber das klappe eben leider nicht immer.

=ensa=

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