Von der grauen Maus zum Rebell

Irgendwann war er da: Der Moment, in dem Frauke beschloss, dass sich in ihrem Leben etwas ganz Entscheidendes ändern muss. „Ich wollte einfach nicht mehr von anderen abhängig sein, wenn es darum geht, etwas lesen oder schreiben zu müs- sen“, sagt sie. Natürlich habe sie es in der Schule gelernt, aber eben nicht richtig, und im Laufe der Jahrelus lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, neukölln, aktionsbündnis alphabetisierung grundbildung neukölln hätten sich die Defizite immer weiter ver- festigt. So lange, bis irgend- wann nur noch Unsicherheit, Scham und Minderwertigkeits- gefühle übrig waren. „Bis vor anderthalb Jahren war ich eine graue Maus, jetzt bin ich ein Rebell“, verrät Frauke, die ei- gentlich einen anderen Vor- namen hat, schmunzelnd.

Viel Stolz darauf klingt mit, dass sie nun nicht mehr zu den – laut LEO-Studierund 316.000 Berlinern zwischen 18 und 64 Jahren gehört, die kaum oder nicht ausreichend lesen und schreiben können. In Neukölln, so die Schätzungen, gebe es mehr als 28.000 funktionale An-Alphabeten. Frauen und Männer, die sich das Aussehen von U-Bahn-Stationen einprägen müssen, um im ÖPNV vorwärts kommen zu können, die theoretische Führerscheinprüfung mündlich ablegen und sich in ihrer Parallelwelt  fern des Schriftsprachlichen irgendwie durchmogeln.

Du kannst nicht lesen und schreiben? Die Aussage „Du kannst nix“, hören lese- und lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, analphabeten, neukölln, city vhsschreibungeübte Menschen sehr oft.

Erwachsene sind für die Schule zu alt, denkt man. Man ist nicht zu alt, um Lesen und Schreiben zu lernen. Eine Möglichkeit ist es, sich auf die Suche zu ma- chen. Da kommt man in Berlin zu „Lesen und Schreiben e. V.“. Hier sehen uns Mitarbeiter nicht als dumm an. Sie machen einen Schreibtest, was wir vom Schreiben so noch wissen. Die erste Stunde hat man geschafft. Es ist nicht leicht, sich an die Stunden mit Rechnen, Schreiben und Lesen zu gewöhnen, wenn man das all die Jahre seinen Kindern überlassen hat.

Die Holzwerkstatt, der Garten, der PC, das alles gehört auch zum Tag im Verein. Mit Holz arbeiten macht Spaß. Der Garten ist im Sommer und im Herbst was Gutes. Auch dort ist das Lesen und Schreiben angesagt, wie in der Holzwerkstatt. So lernt man auch Lesen und lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, analphabeten, neuköllnSchreiben. Rechnen ist mit acht Stunden in der Woche dabei. Rechnen ist für die Holzwerkstatt wichtig.

Die ersten zwei Wochen waren die Hölle für mich. Das frühe Aufstehen, das lange Lernen, einen Text lesen oder schreiben war nicht so einfach. Der Garten ist eine Abwechslung zum Un- terricht, so wie die Holzwerkstatt. Pause haben wir auch: 20 Minuten Frühstück, Mittagessen gibt es um 12 Uhr. Donnerstags ist eine Sitzung. An diesem Tag können wir nach der 4. Stunde unsere Termine erledigen.

Die Angst zu versagen wurde kleiner, wir lernten uns besser kennen, die Gruppe wuchs zusammen.

Frauke war seit gut einem Monat beim Verein Lesen und Schreiben, als sie diesen Text mit tatkräftiger Unterstützung  und aufmerksamem Korrektorat zu Papier brachte. „Heute“, sagt sie, „würde er ganz anders aussehen.“ Nicht vom Inhalt her, doch die Formulierungen wären geschliffener, die Übergänge runder. Sie habe eben viel gelernt in den 1 1/2 Jahren Alphabetisierungsunterricht – nicht nur über den Umgang mit Sprache, sondern auch über den mit anderen Menschen und sich selber.

=ensa=