Glück auf und Prosit!

alte kindl-brauerei neukölln, berliner unterwelten e.v.,privatbrauerei am rollberg,wilko bereitSonnabendnachmittag im Schankraum der Privatbrauerei am Rollberg: Fast 25 interessierte Menschen genießen schon einmal ein frisch gezapftes Rollberg Hell oder Rot, während Daniel Markovics vom Berliner Unterwelten e. V. anhand von Lichtbildern mit einem Schnelldurch- gang durch rund 4.000 Jahre Bierbrau- geschichte seine  Führung durch das Kindl- Areal einleitet.

Von den Anfängen, die im Zweistromland zu finden sind, wird besonders auf den Artikel 108 des Codex Hammurapi hin- gewiesen, in dem die Anforderungen an Schankwirtinnen festgeschrieben sind. Dass das „Reinheitsgebot“ von 1516 und die „Études sur la bière“ von Louis Pasteur nicht ausgelassen werden, versteht sich von selbst. Nun lernen die Zuhörer, dass Bier deshalb ausschließlich aus Gerste gebraut wurde, um die Brotgetreide nicht anzutasten, die ja für ein alte kindl-brauerei neukölln, berliner unterwelten e.v.,daniel markovicsanderes wichtiges Nahrungsmittel verfügbar bleiben sollten.

Unter Nennung berühmter Berliner Brauer wie Georg Ludwig Hopf, August Hein- rich Prell, Georg Patzenho- fer und schließlich auch Wilko Bereit, der hier im Sudhaus der ehemaligen Kindl-Brauerei seine Spe- zialitäten herstellt, kommt Markovics auf die örtliche Situation zu sprechen: Er erklärt das vermeintliche Paradoxon, das dem Geschmackswandel der Berliner Biertrinker im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts geschuldet ist. Die Brauereien siedelten sich nämlich nicht im Spree- oder Panketal an, wo sie dem benötigten Quellwasser besonders nahe gewesen wären, sondern auf den Bergen: Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Schöneberg und natürlich auch hier auf dem zu den Rollbergen gehörigen Mühlenberg.

Dass hier aufwändig tiefe Brunnen abgeteuft werden mussten, versteht sich von alte kindl-brauerei neukölln, berliner unterwelten e.v.selbst. Warum dann also? Nun, im Spreetal, wo der Grundwasserspiegel bei knapp 2 Metern anzutreffen ist, können keine Tiefenbauwerke, sprich: Keller angelegt werden. Und wozu braucht man zum Brauen Keller? Das ging doch im mittelalterlichen Haus- halt in der Küche auch ohne. „Das hat mit der Aktivität der unterschiedlichen Hefen zu tun“, erläutert Daniel Mar- kovics, eloquent und unermüdlich bestrebt, all sein Wissen, das unerschöpflich scheint, an die Besucherinnen und Besucher weiterzugeben. Zu Zeiten, als der Berliner mit seiner Weiße zufrieden war, wurde obergärig gebraut. Hierbei kommen Hefen zum Einsatz, die bei 15 – 20 °C ihre Arbeit verrichten. Um dem Geschmacksverlangen nach bayrischem Bier nachzu- kommen, mussten Hefen verwendet werden, die Temperaturen zwischen 4 und 9 °C benötigen. Lindes Kältemaschine war noch nicht erfunden, also brauchte man kühle Keller, um das natürliche Eis möglichst lange zu halten. So entstanden die Tiefen- bauwerke im Berg.

So wie er über die Prosperität der Brauereien berichtet, so widmet sich Daniel Mar- kovics auch dem Brauereisterben. Aus ehemals knapp 200 Brauereien ist nur noch eine Großbrauerei übrig geblieben, die in Weißensee produziert.

Dann begibt sich die kleine Gruppe aufs Freigelände der 1872 als Vereinsbrauerei Berliner Gastwirte zu Berlin AG gegründeten Berliner Kindl Brauerei, in der Daniel Markovics das Brauhandwerk erlernt und viele Jahre tätig war. Mit Bildmaterial und der noch vorhandenen Bausubstanz erläutert er die Gebäude in Funktion, Zuordnung aber auch schon in ihrer erfolgten Umwidmung. Etwas ironisch wird der alte kindl-brauerei neukölln, berliner unterwelten e.v.„Vertikal- garten“ des ehemaligen Gärhauses kommentiert.

Das unter Denkmalschutz stehende Sudhaus ist das nächste Ziel. Aus- führlich wird dem Besucher der Pro- duktionsweg und –verlauf geschil- dert. Die immer wieder mal ein- geworfenen Aufforderung, man möge doch Fragen stellen, wird kaum nachgekommen – ist auch gar nicht erforderlich, weil alle denkbaren Ant- worten schon während der Führung gegeben werden. Es geht eine Etage tiefer, wo sich einst die Kochpfannen befanden. Schon bald schwirren im Kopf Begriffe wie Sterilität, Hefe, Hopfen, Biochemie, Ausbrechen von Eiweiß, Schaumstabilität, Stammwürze, Messspindeln und nicht zuletzt Biersteuer herum.

Weiter geht es in den Keller. Einige der Räume sind schon vermietet. Verblüffend deutlich spürbar sind die Tempera- turunterschiede, je nachdem ob ein Raum wärmegedämmt ist oder nicht. Hier über einem der Tiefbrunnen stehend werden die Unterschiede zwischen Roh-, Brauch-, Brau- und Kesselspeisewasser erklärt. An- schließend werden die mitgebrach- ten Taschenlampen gebraucht, denn in dem Raum, der früher die großen Plattenkühler beherbergte, gibt es keine elektrische Beleuchtung. Übrigens wurden die hier verwendeten ober- und untergärigen Hefen über 150 Jahre lang immer wieder aus „eigener Produktion“ generiert. Wer es nicht schon wusste: „Die Hefe frisst den Zucker auf und macht daraus Alkohol“, referiert Daniel Markovics.

Wegen seiner Doppeldeutigkeit ruft der Begriff „Schlaucher“, ein Schmunzeln bei den alte kindl-brauerei neukölln, berliner unterwelten e.v.Besuchern hervor, gemeint ist allerdings ausschließlich derjenige, der mit Schläuchen hantiert, um die einzelnen Behälter, Gefäße und Rohrleitungen miteinander zu verbinden.

Noch tiefer geht es über eine Wendeltreppe in den Lagerkeller, der befindet sich 16 Meter unter Hofniveau, allerdings 2 Meter über dem Niveau der Neckarstraße. Deshalb kommt einem auch das Kellergebäude von der Neckarstraße aus gesehen wie ein vierstöckiges Haus vor – so ist das nun mal im Gebirge.

Bei der Frage, ob die Behälter für die Nachgärung, die hier standen, schon immer aus emailliertem Stahlblech bzw. Rein-Aluminium oder Edelstahl waren oder vormals aus Holz, ist sich der sonst allwissende Markovics nicht ganz sicher. Auch der nächste Raum war gekühlt und beherbergte Tanks, die allerdings von außen, also ohne den Raum selbst betreten zu müssen, gewartet werden konnten. Beim Erklären fallen Wörter wie Mannloch, Jungspund, Probenehmer und Zwickelbier. Doch es gibt alte kindl-brauerei neukölln, berliner unterwelten e.v.auch Anekdoten zu hören: Daniel Mar- kovics erzählt vom „besoffenen Schlau- cher, der in der Leiter hing“.

Nun heißt es Schuhüberzüge anlegen, denn es geht zum Abschluss durch die Brauanlage der von Wilko Bereit ge- gründeten Privatbrauerei am Rollberg. Die Besucher haben die Möglichkeit unterschiedliche Röstgrade des Gers- tenmalzes zu sehen und zu kosten – ein willkommener Praxistest nach viel äußerst interessanter und unterhaltsamer Theorie.

Die von Berliner Unterwelten organisierte, etwa 1 1/2-stündige Tour K – Kindl-Areal Neukölln startet jeden Sonnabend um 16 Uhr und kostet 10 € pro Teilnehmer. Älter als 18 Jahre müssen die sein; festes Schuhwerk ist erforderlich, ebenso das Mitbringen einer Taschenlampe.

=kiezkieker=


4 Antworten

  1. Sehr aufschlussreich, was man alles so zur schönsten Samstagnachmittag-Kaffeezeit machen kann 😉

    Wie roch’s denn da eigentlich in den Katakomben? Sehr muffelig?

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    • Überhaupt nicht „muffelig“, ganz im Gegenteil, selbst der typische Geruch, an den sich die erinnern werden, die die Brauerei noch in Betrieb gekannt haben und der für manche eine olfaktorische Herausforderung bedeutete, ist gänzlich verschwunden.

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  2. …. leider ist der Geruch in den Katakomben der BKB verschwunden. „Er“ machte stets Appetit auf ein frisch gezapftes Pils – am besten noch vor dem Filter aus dem KupferBecher an der Kette !

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