Die Horrorhoffnung Deutschlands in Neukölln, dem Horror- bezirk Berlins

Sebastian Fitzek, der gestern Abend in den Heimathafen Neukölln gekommen war, um sein neuestes Werk „Der Augensammler“ vorzustellen, quittierte die charmante Begrüßung durch die Gastgeberin mit breitem Grinsen, regelrecht erleichtert. Mit dem Eingangsstatement, dass er ja gar nicht aussehe wie ein Psychothriller-Autor, hätte man ihm keinen so großen Gefallen getan. Das hat der 38-Jährige oft genug über sich ergehen lassen, seit er 2006  seinen Debütroman „Die Therapie“ ablieferte und aus dem Stand den Sprung in die Bestsellerlisten schaffte.

Seitdem bringt der Berliner jährlich mindestens einen neuen Thriller heraus. Nun also „Der Augensammler“, der ihn wieder – wie schon 2007, als „Amokspiel“ erschienen war – nach Neukölln führte. Er werde wenig lesen, dafür aber viel quatschen und auch sonst dürfe man sich auf eine Menge gefasst machen, warnte Sebastian Fitzek die etwa 70 Leute im Publikum vor. Aus gutem Grund, denn konventionelle Lesungen sind es nicht, die er bietet. Dafür ist er viel zu sehr Entertainer. Er will unterhalten, mit seinen Büchern und auf der Bühne. Eine inszenierte Geiselnahme mit SEK-Einsatz, der Autor in Zwangsjacke und mit Hannibal Lecter-Maske – alles schon da gewesen bei seinen Buchpremieren, die sebastian fitzek,der augensammler,heimathafen neuköllnwegen des großen Andrangs längst nicht mehr in Buchhandlungen stattfinden können.

Manchmal ist es aber gar nicht Fitzek selber, der den Unterhaltungsfaktor auf die Spitze treibt. „Ich ziehe Leute mit gewissen Verhaltensauffälligkeiten einfach an“, gibt er zu und erinnert sich an die spektakuläre Lesung in der Cafeteria einer Klinik in Norddeutschland. Ein Mann aus der letzten Reihe sprang immer wieder auf und brüllte über die Köpfe des Publikums hinweg in Richtung Podium. Als er aufgefordert wurde, den Raum zu verlassen, stellte sich heraus, dass es der stark alkoholisierte Chefchirurg der Klinik war. „Wenn also heute Abend je- mand ein bisschen hüpfen will“, ermunterte der Autor, „nur zu!“

Niemand wollte. Alle Aufmerksamkeit im düsteren Theatersaal war auf Fitzek gerichtet, der seine Ankündigung wahr machte und weniger las als erzählte. Am Anfang jedes Manuskripts stehe immer die Was-wäre-wenn-Frage. Und die kann ihn beim Gassigehen mit seinen Hunden ebenso ereilen wie in Hotelzimmern, bei Taxifahrten oder einer Shiatsu-Behandlung. Was wäre wenn, fragte er sich also, während seine Physiotherapeutin ihm ihr Shiatsu-Können angedeihen ließ, wenn sie nur durch Berührungen in meine Vergangenheit gucken könnte? Die Idee zu „Der Augensammler“ war geboren.

Eine der zentralen Rollen im Buch spielt die blinde Physiotherapeutin Alina Gregoriev. Sie meldet sich als Augenzeugin bei der Polizei und behauptet, sie habe womöglich den Augensammler behandelt. Eben den, der auf bestialische Art und Weise mit Familien das älteste Spiel der Welt spielt: Verstecken. Der erst die Mutter umbringt, dann das Kind verschleppt und anschließend dem Vater 45 Stunden gibt, es zu finden. Schafft er das nicht, ist das Kind tot und – wie alle anderen Opfer – ohne linkes Auge.

Für die Recherche hat Sebastian Fitzek sich ganz tief in die Erlebniswelt von Blinden und Sehbehinderten vorgetastet, Interviews mit Betroffenen geführt, ihnen Fragen zu den Tücken ihres Alltags, übers Träumen und den Umgang mit Sehenden gestellt. Denn er wollte auf keinen Fall in irgendeine Klischeefalle tappen.

Anfang April gab er das Manuskript ab, gut zwei Monate später stellten die Buchhändler das Hardcover in ihre Läden. Bereits drei Wochen später waren 100.000 Exemplare verkauft und „Der Augensammler“ in den Bestsellerlisten. Ein Buch, das bereits vor dem Lesen ziemlich irritiert, denn es beginnt mit Seite 442. Was es denn damit auf sich habe, wollte dann gestern auch jemand aus dem Publikum wissen, wofür er prompt eines der versprochenen Monster-Marshmal- low-Augen kassierte. „Das sei eigentlich ganz einfach“, erklärte Sebastian Fitzek. Ihm sei auf- gefallen, dass das erste Kapitel ebenso gut das letzte sein könnte und er habe dann so lange mit Word getüftelt, bis es mit der absteigenden Seitennummerierung klappte. Mancher Buch- händler hätte sich wohl mehr darüber gefreut, wenn ihm das nicht gelungen wäre. „Da standen schon einige Kunden wieder in den Läden, weil sie meinten, einen Fehldruck gekauft zu haben“, erzählt er schmunzelnd.

Für solche aufwändigen Spielereien wird Sebastian Fitzek künftig weniger Zeit haben, denn seine Frau ist schwanger. Die Zeit zum Schreiben wird er sich aber sicher auch weiterhin nehmen.

_ensa_

%d Bloggern gefällt das: