Aus Alt mach Neu mit der Weisheit der Vielen

kinder- und jugendhaus lessinghöhe_neuköllnWenn zwei Neuköllner über die Lessing- höhe reden, kann es sein, dass sie von sehr unterschiedlichen Dingen sprechen. Einer könnte die auf Trümmern des Zweiten Weltkriegs entstandene Grünan- lage zwischen Mittelweg und Kopfstraße meinen, der andere das 1950/51 erbaute Kinder- und Jugendzentrum, in dem vor einem guten halben Jahrhundert Frank Zander seine Musiker-Karriere als Sänger und Gitarrist der Band Gloomys startete. Insofern steckte in der Presseinladung zum ersten Spatenstich für den Umbau der Lessinghöhe gleich eine doppelte Doppel- blesing+liecke_bauschild-enthüllung_lessinghöhe neuköllndeutigkeit: Denn mit Spaten wäre vorgestern dem von Frost durchzogenen Boden nicht beizukom- men gewesen. Also machten sich Neuköllns Jugendstadtrat Falko Liecke (r.) und Baustadtrat Thomas Blesing (l.) daran, das Bauschild vor der bauschild_lessinghöhe neuköllnältesten Kinder- und Ju- gendfreizeiteinrichtung des Bezirks zu enthüllen, um den symbolischen Start- schuss für den Umbau und die Grundsanierung des Haupthauses des zweiteili- gen Gebäude-Ensembles zu geben. “Im November 2014″, schätzt Jürgen Schmeichler, der das Zentrum seit sechs Jahren leitet, “sollte alles abgeschlossen sein.”

1,2 Millionen Euro stellt das Quartiersmanagement Rollberg aus dem Soziale Stadt- Fonds für die Arbeiten zur Verfügung, die nach den Plänen der Architektin Gabriele fink+schmeichler_lessinghöhe neuköllnFink (r., mit Jürgen Schmeichler) erfolgen und auf einer engen Einbindung der Kinder und Jugendlichen sowie der Angestellten bei der Neukonzeptionierung basieren. raumplanung_lessinghöhe neuköllnWelche Räu- me werden für welche Ange- bote benötigt? Wo sollten sie strategisch günstig liegen? Derartige Fragen wurden zuvor in einem moderierten Prozess erörtert und durchgespielt. “Die Weisheit der Vielen zu nutzen, war für uns der wichtigste Ansatz”, beschreibt Kristina Nauditt vom Argo-Team die “nicht immer ganz einfache” Par- tizipation der Nutzer. Bilder und Filmdokumente aus den 1950er-Jahren, die das seinerzeit von der amerikanischen Regierung finanzierte Gebäude zeigen, waren es schließlich, die Gabriele vergangenheit+zukunft_lessinghöhe neuköllnFink auf die Idee eines architektonischen Spagats brachten:  Das neu gestaltete Kinder- und Jugendfreizeitzentrum Lessing- höhe wird eine Kombination aus modernster energetischer Sanie- rung und einer Rekonstruktion des Zustands von 1951 sein, der von großen Fenstern und Türen und lichtdurchfluteten Räumen geprägt war. “Aus Sicherheitsgründen wurden viele der Glasflächen einfach zugemauert”, vermutet die Architektin, die die Düsternis ebenso aus dem Gebäude verbannen wird wie Sanitäranlagen aus der Nach- entwurf_sanierung lessinghöhe neuköllnkriegszeit, alte Stromleitungen und Hei- zungsrohre, die sich unverputzt durch alle Räume des Erd- und Kellergeschosses ziehen. Zusätzliche Eingänge und WCs sollen außerdem die Nutzung des Hauses für externe Veranstaltungen erleichtern.

Dass die Zeit bis zur Wiedereröffnung mit Schwierigkeiten einhergehen wird, liegt für Jürgen Schmeichler in der Natur der Sache: “Bei einem  Umbau bei laufenden Be- trieb geht das nun mal nicht anders.” Die vorübergehende Schließung des Hauses wäre jedenfalls für ihn keine Option gewesen. Da nehmen er, seine Mitarbeiter und auch die Kinder und Jugendlichen lieber Einschränkungen in Kauf: “Während zuerst der Keller umgebaut wird, muss sich eben alles im Erdgeschoss abgspielen. Danach zieht der Betrieb in den Keller um und der Umbau geht im Erdgeschoss liecke_lessinghöhe neuköllnweiter.”

Doch die Umgestaltung werde sich nicht nur auf bauliche Maßnahmen beschrän- ken. “Auch das inhaltliche Profil des Kin- der- und Jugendzentrums Lessinghöhe soll”, so Jugendstadtrat Falko Liecke, “an die Bedürfnisse der Anwohner angepasst werden.” Lose Konzepte für eine Ergän- zung durch Angebote für Familien mit Kleinkinder gebe es bereits, kündigt er an, bevor er sein Mitbringsel in die Schatzkiste stellt. Alles was der anvertraut wird, werde in Kunstharz gegossen und bei der Eröffnungsfeier der alten-neuen Lessinghöhe blesing_lessinghöhe neuköllnpräsentiert. Mit dem Dinosaurier wolle er an ein Klettergerüst erinnern, das lange auf dem Spielplatz der Freizeitzentrums stand, erklärt Liecke.

Sein Kollege Thomas Blesing ist mit klei- nerem Gepäck gekommen. Eine 1 $-Note, findet er, sei genau das richtige Souvenir für die Schatzkiste. Schon deshalb, weil sie ein Andenken an die Amerikaner ist, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Neukölln für den Wiederaufbau gesorgt haben.

=ensa=

“Neukölln hat unheimliche Schätze”

2_neues wohnen neukölln_neuköllner rathausLokalpatriotismus ist es nicht, der Prof. Dr. Paul Sigel zum Schwärmen bringt und Sätze wie “Neukölln hat unheimliche Schätze” sagen lässt. Nein, der Wis- senschaftler mit den Forschungsschwerpunkten Ar- chitektur- und Städtebaugeschichte sieht den Bezirk vor allem aus der fachlichen Perspektive. Mit 16 Stu- denten des Masterstudiengangs Historische Urba- nistik des Centers for Metropolitan Studies der TU Berlin hat er ihn nun mit dem Fokus auf bemer- kenswerte Siedlungs- und Gebäudekonzepte hin untersucht. Ergebnis des Projektseminars ist die Ausstellung “Neues Wohnen Neukölln – Wohnquar- vernissage_neues wohnen neukölln_neuköllner rathaustiere von 1900 bis heute”, die in Kooperation mit dem Mobilen Museum Neukölln entstand und gestern im Rathaus eröffnet wurde.

Zeitlicher Aufhänger ist der 100. Todestag von Reinhold Kiehl, an dessen Wirken eine Sondertafel erinnert. In “affenartiger Geschwindigkeit” habe der erste Neuköllner bzw. Rixdorfer Stadtbaurat seine Bauwerke geschaffen, stellte Bezirksbürgermeister buschkowsky+giffey_neues wohnen neukölln_neuköllner rathausHeinz Buschkowsky fest. Da möge man überhaupt nicht daran denken, “wie lange wir heute brauchen, um ein Pförtnerhaus zu bauen”. Wenn “Papa Kiehl” nicht so früh gestorben wäre, ist er überzeugt, würde man nun in der ganzen Welt über den sprechen, der in Neukölln sichtbarste Spuren hinterlassen hat. Einerseits in Form öffentlicher Gebäude, andererseits aber auch, wie der blesing_neues wohnen neukölln_neuköllner rathausamtierende Baustadtrat Tho- mas Blesing hinwies, durch die Planung und Anlage von Ensembles wie dem Richard- und dem Reuterplatz.

Von den 11 Wohnquartieren, die die Ausstellung porträtiert, hat Kiehl allerdings nur noch drei im Werden beobachten können: Die Schillerpromenade, die als “bessere Wohn- gegend” geplant war, dann aber überwiegend von Arbei-terfamilien bezogen wurde, die Ideal-Passage, wo 203 Wohnungen entstanden, die höchsten technischen und hygienischen An1_neues wohnen neukölln_neuköllner rathaussprü- chen genügten, und die zwischen 1912 und 1937 erbaute Kolonie Ideal in Britz, eine nach dem Vorbild einer Gar- tenstadt entworfene Reihenhaussiedlung.

“Es geht uns darum, auf innovative Wohn- konzepte in Neukölln hinzuweisen, die Antworten auf Aufgaben und Bedürfnisse des Wohnungsbaus paul sigel_neues wohnen neukölln_neuköllner rathausder Zeit gegeben haben, in der sie errichtet wurden”, erklärte Prof. Sigel. Aber allein dabei wollten es die Studenten bei ihrem Projektseminar ab- seits des “universitären Lernens im Elfenbeinturm” nicht belassen: “Das Augenmerk lag immer auf der histo- rischen und der gegenwärtigen Perspektive und der Frage, ob die Konzepte der Quartiere noch heute neues wohnen neukölln_vernissage_neuköllner rathausfunk- tionieren.” Außer- ordentlich beeindru- ckend sei die Viel- falt der Wohnfor- men, die man im Bezirk insbesondere ob der topographischen Möglichkeiten zwischen In- nenstadt und Peripherie vorfinde. Auf sehr prominente Quartiere wie die Hufeisensied- lung oder die Gropiusstadt, so Sigel, habe man bei der Auswahl ganz bewusst verzichtet.

Stadtrandsiedlung Neuland I-IV. Nie gesehen! Grüne Häuser in Britz. Wo sollen die denn sein? Pilotprojekt Ortolanweg und Siedlung am Schlierbacher Weg. Noch nie ausstellungseröffnung_neues wohnen neukölln_neuköllner rathausvon gehört! Nur wenige Besucher der Vernissage stehen mit wissender Miene vor allen 11 Text-Bild-Tafeln. Für die meis- ten wird hier das eine oder andere Rätsel rund um das breite Spektrum des Woh- nens im Bezirk gelöst.

Die Ausstellung “Neues Wohnen Neu- kölln – Wohnquartiere von 1900 bis heute” ist noch bis zum 26. April in der 2. Etage des Neuköllner Rathauses zu sehen. Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 8 – 18 Uhr.

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Kiehl, der Baumeister

Das Neuköllner Rathaus, das Stadtbad, die Carl-Legien-Oberschule, das alte Krankenhaus Neukölln, die Albrecht-Dürer-Schule, die Orangerie im Körnerpark, die Albert-Schweitzer-Schule, das ehemalige Kraftwerk am Weigandufer, die Friedhofs-albert-schweitzer-gymnasium_st. jakobi kirchhof neuköllnkapelle nebst Verwaltungsge- bäude des St. Jacobi-Kirchhofs: Überall in Neukölln sieht man sich Bauwerken gegenüber, die nach Reinhold Kiehls Plänen oder durch sein Mitwirken ent- standen.

Auf den Tag genau vor 100 Jah- ren starb Kiehl, der von 1905 bis 1912 erster Stadtbaurat von Rix- dorf war, gerade mal 38-jährig an einem Herzinfarkt. Am 14. März 1913 wurde er hinter der Albert-Schweitzer-Schule auf dem St. Jacobi-Kirchhof (Foto) beigesetzt. Über 20 Jahre nach Reinhold Kiehls Tod, 1934, wurde das östliche Ufer des Neuköllner Schiffahrtskanals zu Ehren des ehemaligen Stadtbaurats in Kiehlufer umbenannt.

Heute um 16 Uhr werden Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, Neu- köllns Baustadtrat Thomas Blesing und Prof. Dr. Jörg Haspel, der Leiter des Landesdenkmalamtes Berlin, anlässlich des 100. Todestags an Reinhold Kiehls Grabstätte einen Kranz niederlegen.

Weihnachtsstimmung, Aquaplaning und Kurt Krömer im Körnerpark

1_weihnachtsmarkt körnerpark_neukölln3_weihnachtsmarkt körnerpark_neuköllnEngel, ein Weihnachtsmann, der kleine Gaben an Kinder ver- teilte, rund 20 Marktstände, an denen von Initiativen aus dem Kiez Dinge für das leibliche Wohl sowie für Geschenke-sucher angeboten wurden, ein kleines stimmungsvolles Büh- nenprogramm und Kurt Krö- mer als Stargast, der den Weihnachtsmarkt im Körnerpark blesing+lautenschläger+krömer_weihnachtsmarkt körnerpark_neuköllnzusammen mit Neu- köllns Baustadtrat Tho- mas Blesing (l.) und Ulli Lautenschläger (M.) vom Quartiersmanagement eröffnete.

Es hätte alles so schön werden können vorgestern Nachmittag. Doch dann kam erst das Tauwetter, das den zuvor verschneiten  Platz  vor der  Orangerie in  eine hochgradig  glitschige Seenlandschaft  verwandelte, und  pünktlich  zum Beginn der Veranstaltung

4_weihnachtsmarkt körnerpark_neukölln

gesellten sich noch Niesel- und Regenschauer dazu. Alles zusammen führte dazu, dass  nicht nur die Bänke vor der Bühne  weitgehend unbesetzt blieben, sondern der

nogat-singers_weihnachtsmarkt körnerpark_neukölln6_weihnachtsmarkt körnerpark_neuköllnsultaninen-chor_weihnachtsmarkt körnerpark_neukölln

2_weihnachtsmarkt körnerpark_neukölln5_weihnachtsmarkt körnerpark_neuköllnpyramidengarten_weihnachtsmarkt körnerpark_neukölln

Markt insgesamt wesentlich weniger Besucher als in den Vorjahren anzog bzw. deren Verweildauer drastisch reduzierte. Einer, der sich jedoch völlig unbeeindruckt davon 7_weihnachtsmarkt körnerpark_neuköllnkurt krömer+weihnachtsmann_weihnachtsmarkt körnerpark_neuköllnzeigte, war Kurt Krömer, der am Vortag der Pre- miere von “Die Abenteuer des Huck Finn”, sei- nem ersten Kinder-Kinofilm, stundenlang über den Markt watete und geduldig jeden Auto- gramm- und Fotowunsch erfüllte. Damit be- wies er wieder einmal, dass die Patenschaft für den Körnerkiez etwas ist, wofür er mehr als seinen Namen zu geben bereit ist.

=ensa=

ZukunftsBaum für Neukölln

zürgelbaum_fontanestr 26_neukölln“Das macht dem nichts aus”, beruhigt Jürgen Detering alle, die zweifeln, ob es denn wirklich angebracht ist, bei Minustemperaturen einen jungen Baum anzupflanzen. Strenge Kälte, heiße Sommer, Trockenperioden im Wechsel mit sintflutartigen Regenfällen: Der Zürgelbaum trotze allen Auswirkungen des Klimawandels, weiß der Gartenbau-Ingenieur der Firma Sievers garten & land- schaft, die das Exemplar lieferte und setzte – in ein hervorragendes Substrat und eine Baumscheibe mit Idealmaßen von 2 x 4 Metern, wie Detering betont.

Schließlich ist der Baum, der nun vor dem Haus in der Fontanestraße 26 steht und dort zu einer Endhöhe von über 15 Metern heranwachsen soll, nicht irgendein stadtbaumkampagne_fontanestraße neuköllnBaum. Er ist einerseits Pro- tagonist der neuen Stadt-baumkampagne des Berli- ner Senats und anderer- seits der erste Zukunfts- Baum, der von der Umwelt- Initiative Zukunft Stadt & Na- tur des Deutschen Fran- chise-Verbandes (DFV) ge- pflanzt wurde. Den Standort in Neukölln habe man ganz bewusst ausgewählt, weil hier Straßenbäume rarer als in anderen Bezirken seien, erklärt DFV-Geschäftsführer Torben L. Brodersen (r.),  bevor er gemeinsam mit Staats- gaebler+blesing+brodersen_stadtbaumkampagne neuköllnsekretär Christian Gaebler (l.) und Neuköllns Baustadtrat Thomas Ble- sing (M.) zur Schippe greift.

Er würde sich wünschen, dass sich andere Institutionen und Unterneh- men den DFV als Vorbild nehmen und das Programm Stadtbäume für Berlin tatkräftig unterstützen, sagt Gaebler. Rund 1.600 neue Bäume sollen im nächsten Jahr in den Straßen der Hauptstadt gepflanzt werden: Die An- schaffungskosten von 1.000 Euro pro Baum teilen sich die Spender und die Senats- verwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, die finanziellen Aufwendungen für die stadtbaumkampagne berlin_fontanestraße neuköllnPflege übernimmt der jeweilige Bezirk.

Der Zürgelbaum in der Fontanestraße ist der erste von etwa 200 jungen Bäumen, die Neu- kölln im Rahmen der Stadtbaumkampagne bekommen soll. “Die Standorte und die dort zu pflanzenden Baumarten”, so Thomas Blesing, “wurden schon vom Bezirksamt ausgewählt und sind in einer interaktiven Karte eingetragen.” Was noch fehlt, sind Spender. Das könnten – außer Einzelpersonen und Firmen – durchaus auch Hausgemeinschaften sein, die die erfor- derlichen 500 Euro zusammenlegen, um endlich einen eigenen Baum vor der Haustür oder in deren Nähe zu haben.

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Statt Hirn

Schmierereien am Sockel, zertrümmerte Gedenktafeln, Taubenkot auf dem Kopf und den Schultern, Schriftzeichen und Graffiti an den Stiefeln und am Mantel – die bronzene Statue des Turn- vaters Friedrich Ludwig Jahn im Volkspark Hasen- heide hat sich in den letz- ten 140 Jahren schon eini- ges gefallen lassen müs- sen. Mit den aktuellen Van- dalismusschäden ist nun eine neue Dimension der Zerstörungslust am vor ei- nem Jahr sanierten Denk- mal erreicht:

Seit vorletzter Woche sind nicht nur erneut die Ehren- tafeln am Sockel mit Farb- schmierereien überzogen, sondern steckt zudem Jahns Kopf in einem mit Bauschaum ausgefüllten blauen Sitzball. “Das ist nichts, was man spontan tut, sondern war eindeutig geplant”, echauffierte sich der Neuköllner Baustadtrat Thomas Blesing dieser Tage am Rande einer Ver- anstaltung. Schon Ende September habe es einen Anschlag auf das Jahn-Standbild gegeben: “Rund 3.000 € hat das Bezirk aus dem Etat investiert, der eigentlich für die Pflege der Grünanlagen im Bezirk gedacht ist, um die Bitumen-Schicht, die über das Denkmal gekippt wurde, wieder zu entfernen.” Für die Beseitigung der aktuellen Schäden, schätzt Blesing, würde ein ähnlicher Betrag fällig werden. “Deshalb lassen wir das Denkmal jetzt erstmal so wie es ist.”

“Mehr als Bauschaum können die auch nicht im Kopf haben, die das gemacht haben”, stellte ein Spaziergänger beim Anblick der verschandelten Statue fest. Laut Blesing gibt es gesicherte Erkenntnisse, dass die Vandalismus-Schäden linken Gruppierungen zuzuordnen sind. Begründet werden die Aktionen damit, so der Baustadtrat, dass “Turnvater Jahn eine rechte Socke” gewesen sei.

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Mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer, weniger für Autos

Die Bürgersteige sind breiter geworden und die Straßenbeleuchtung heller, für Radler gibt es eine eigene Fahr- spur, für den Autover- kehr einen Parkstrei- fen und statt zwei Fahrbahnen nur noch eine pro Richtung. Das ist das vorläufige Ergebnis der Umgestaltung der südlichen Karl-Marx-Stra- ße. “Noch in diesem Herbst werden außerdem ein paar Bäume gepflanzt und Stadtmöbel montiert”, kündigte Neu- köllns Baustadtrat Thomas Blesing gestern bei der Einweihung des Bauabschnitts in Höhe der Schierker Straße an. Für die Anwohner und Geschäftsleute des Bereichs nördlich vom Neuköllner Tor ende damit eine  “harte Geduldsprobe”, für die Karl-Marx-

straße beginne eine neue Ära: “In den letzten 20 Jahren war sie wirklich nicht mehr das  Lieblingskind der Neuköllner, nun soll sie es wieder werden.” Das Ergebnis, so Blesing (r.), sei jedenfalls vorzeigbar und – im Gegensatz zu anderen Baumaßnah- men in Berlin – sogar pünktlich fertig ge- worden.

Insgesamt 2,8 Millionen Euro wurden für den Umbau investiert; rund 800.000 Euro davon steuerte der Bezirk selber bei, der große Rest stammt aus EU-Budgets zur Förderung der regionalen Entwicklung. Diese Reaktivierung des Neuköllner Zentrums bestehe einerseits aus der neuen, großstädtischen Optik der Karl- Marx-Straße. Andererseits beinhalte sie aber auch ein Geschäftsstraßen-Manage- ment, das Gewerbetreibende in die Planungen und Entwicklungen einbezieht und so “ein Wir-Gefühl vermittelt”, betonte Ephraim Gothe (l.), Berlins Staatssekretär für Bauen und Wohnen, bevor er sich zusammen mit Blesing an die finalen gärtnerischen Arbei- ten rund um einen neu gepflanzten Japani- schen Schnurbaum machte.

Erst im übernächsten Jahr wird es in der Karl-Marx-Straße mit den Baumaßnahmen weitergehen, dann ist der Bereich zwischen Schierker- und Werbellinstraße dran. 2013, sagte Blesing, wolle man sich ganz auf die Umgestaltung des Platzes der Stadt Hof und die Planung des weiteren Vorgehens konzentrieren.

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Senat erteilt Absage zur Erweiterung des islamischen Friedhofs Neukölln

sehitlik-moschee neuköllnSeit neun Jahren gibt es auf dem städtischen Friedhof Columbiadamm an der Sehitlik-Moschee ein Areal, auf dem Bestattungen nach den Be- stimmungen des Koran durchgeführt werden. Um die 200 Muslime fanden dort bislang Jahr für Jahr ihre letzte Ruhestätte. Nun stehen nur noch rund 50 Grabstellen zur Verfügung – und zugleich zerschlu- gen sich die Hoffnungen des Neuköllner Bezirks- amts, den islamischen Friedhof durch eine 5 Hektar große Fläche des Tempelhofer Felds erweitern zu können. Heute musste Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing bekanntgeben, dass der Senat den Forderungen eine Absage erteilt habe: “Unsere jahrelangen  Bemühungen für eine Zukunft der muslimischen Bestattungskultur an zentraler Stelle sind damit buchstäblich zu Grabe getragen worden!“ Andere Flächen könnten in Neukölln nicht angeboten werden.  „Insbesondere die Neuköllner und Kreuzberger Muslime sind”, so Blesing, die Leidtragenden dieser Entscheidung – und das im doppelten Sinne.” Die Absage des Senats, erklärt der Baustadtrat, wird mit der seit Öffnung der Tempelhofer Freiheit gewachsenen Nutzung des bean- städtischer friedhof columbiadamm, muslimische bestattungen, neuköllnspruchten Geländes als baumbe- standene Picknick-Area begründet. Eine Umwidmung der Fläche würde demzufolge zu Nutzungskonflikten führen.

Damit ist nun fakt, was Ender Cetin von der Sehitlik-Moschee bereits im Frühjahr befürchtete: Dass Muslime in Berlin bald nicht mehr entspre- chend ihrem Glauben bestattet wer- den können. Zwar gibt es auf dem Landschaftsfriedhof Gatow im Bezirk Spandau ebenfalls einen islamischen Teil, doch auch auf dem sind nur noch Restplätze vorhanden, und eine Erweiterung ist – wie es heißt – nicht möglich, weil dem Bezirk die finanziellen Mittel zur Erschließung des vorhandenen Platzes fehlen.

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Zwischen Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft

Spektakulär soll es werden. Eine “einzigartige Sinfonie aus Flugakrobatik, Licht-installation und Sounddesign” erwartet die Schaulustigen  morgen  bei der  Fassa- denperformance am Ideal-Hochhaus, gropiusstadt berlin-neukölln, ideal-hochhausdem Höhe- punkt der Festivitäten rund um das 50-jährige Bestehen der Gropiusstadt. “Regen”, sagt Katja Richter, “würde die Show nicht gefährden.” Schwierig könne es nur bei Sturm oder Gewitter werden. Aber die Sprecherin des aus Dramaturgen, Stuntleuten, Technikern sowie Licht- und Sound- designern bestehenden Team Wired ist zuver- sichtlich, dass derartige Wetterereignisse den Ak- teuren erspart bleiben. Und natürlich hofft sie, dass sich reichlich Zuschauer auf der Wiese vor dem Haus einfinden, um das Spektakel weit über ihren Köpfen gebannt zu verfolgen. Eines, das gewissermaßen erst durch den Bau der Mauer möglich gemacht wurde.

Hochhaus an Hochhaus, eines neben, vor und hinter dem anderen – so hatte sich Walter Gropius die Großsiedlung im Neuköllner Süden eigentlich nicht vorgestellt. Sicher, es ging dem Architekten darum, Wohnraum für zehntausende Menschen zu schaffen, aber  “bei den ersten Planungen von Gropius ging es nur um etwa 14.000 Wohnungen und eine erheblich niedrigere Bebauung”, erinnert Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing. Fünfgeschossig, höher sollten die Häuser nicht werden, und alle sollten von großzügen Grünflächen umgeben sein. Doch dann kam im August 1961 der  Bau der gropiusstadt, berlin-neuköllnMauer. Von einem Tag auf den ande- ren musste umdisponiert werden. Das ans Gebiet der Gropiusstadt an- grenzende Bundesland Brandenburg, das anfangs als Ausdehnungsfläche in Kalkül gezogen worden war, war plötzlich ein anderer Staat. Folglich musste höher und enger gebaut werden.

Nichtsdestotrotz bedeute das Woh- nen in der Gropiusstadt immer noch ein  Wohnen im Grünen, sagt Frank Bielka vom Vorstand der degewo, die einen gropiusstadt berlin-neuköllnBestand von rund 4.500 Wohnungen in der Groß- siedlung hält. “Der Grünflächenanteil”, so seine Er- fahrung, “wird aber oft unterschätzt.” Vielleicht ist es aber auch ein Fakt, der nicht ins Klischee der Gro- piusstadt passt, das von Schlagwörtern wie Beton- wüste, Anonymität und Ghetto dominiert  wird. Wie so oft stehen sich auch hier die Außenwahrneh- mungen und die Empfindungen und Meinungen der Bewohner über ihren Stadtteil unvereinbar diametral gegenüber.

pk 50 jahre gropiusstadt, berlin-neukölln

(v. l.: Dr. Martin Steffens, Heike Thöne, Michael Abraham, Thomas Blesing, Frank Bielka, Falko Liecke, Dr. Franziska Giffey, Prof. Jörg Stollmann

Was beim Blick von außen ebenfalls häufig vergessen werde, sei, dass die Gropius- stadt nicht nur aus Wohntür- men bestehe, sondern auch Reihenhäuser, Einfamilien- häuser und Wohnblocks da- zugehören. Diese architekto- nische Vielfalt sei in Groß- siedlungen äußerst selten und mache die Gropiusstadt zum attraktiven Exkursionsziel für Architekten, ergänzt Michael Abraham, Mitglied des Vorstands der Ideal eG. Insbesondere das Modell des genossenschaftlichen gropiusstadt, neuköllnWohnens habe sich im Viertel als wichtiger  Sta- bilisator im sozialen Bereich  bewährt. Aspekte, die die Trabantenstadt vor allem für Familien attraktiv machen, lägen vor allem in  vielfältigen Angeboten für Kinder und Jugendliche sowie einer ambitionierten Bildungs- und Kulturlandschaft, verweisen Jugend- stadtrat Falko Liecke und Bildungs-, Kultur- und Schulstadträtin Franziska Giffey. So habe mit dem Bildungsverbund Gropiusstadt ein effektives Instrument zur Vernetzung lokaler Kitas und Schulen initiiert werden können. Zugleich solle mit dem Campus Efeuweg per- gropiushaus, gropiusstadt neuköllnspektivisch im Süden von Neukölln das Gegenstück zum Campus Rütli geschaffen werden.

Die Weichen für die Gropiusstadt sind also eindeutig in Richtung Zukunft gestellt und daran ist das 50-jährige Jubiläum alles andere als unbeteiligt. Die Vorbereitung des Festprogramms habe bei allen Akteuren  spannende Prozesse ausgelöst, die Ge- schichte und Perspektiven des Stadtteils neu zu denken, schwärmt Quar- tiersmanagerin Heike Thöne. Eine wichtige Rolle wird bei den Visionen der Akademie einer neuen Gropiusstadt zukommen. Die solle, erklärt Prof. Jörg Stollmann, nicht nur Klammer zwischen Architektur, Sozialem und Historischem sein, sondern auch zur Optimierung der Bürgerbeteiligung beitragen und sich mit der Frage  “Wie kann Stadtentwicklung stattfinden?”  beschäftigen. Also mit einer, die für ganz Berlin von enormer Wichtigkeit ist.

=ensa=

König Buschi, Bausteinrat Blase und ein Plätzchen, das zum Platz der Neuköllner werden soll

spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neuköllnWunder dauern etwas länger – so heißt es wenigs- tens. Manchmal aber scheint Neukölln den Gegen- beweis antreten zu wollen. Aktuelles Beispiel dafür ist der  Umbau des Platzes der Stadt Hof: Freitagmorgen wurden Absperrungen aufgestellt, vormittags rückte spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neuköllnein Bagger an, mittags kamen Bezirksbürger- meister Heinz Busch- kowsky, Baustadtrat Tho- mas Blesing nebst Staatssekretär Ephraim Gothe, um Reden zu halten und den  ersten Spa- tenstich  zu machen, und schon wenige Stunden danach war die Baustelle wieder passé. Ein Wunder? Das wäre es in der Tat, wenn in so kurzer Zeit der Platz der Stadt Hof umgestaltet worden wäre. Ist er aber nicht.

Innerhalb der nächsten 14 Tage werde es aber wirklich losgehen, kündigt Horst Evertz von der [Aktion! Karl-Marx-Straße] an, dann werde der Platz komplett gesperrt und innerhalb von knapp 1 1/2 Jahren dessen Umgestaltung vollzogen. Danach solle spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, thomas blesing, ephraim gothe, heinz buschkowskyer seine Größe von aktuell 1.250 Quadrat- metern verdoppelt haben und nicht nur eine at- traktivere Optik, sondern auch eine deutlich verbesserte Aufenthaltsqualität  aufweisen. Zu- dem fordert er auch von den Autofahrern ein spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neuköllnUmdenken: “Der Platz”, er- klärt Evertz, “wird bis zur Ecke Richardstraße ausge- dehnt. Das Abbiegen aus der Ganghofer- wird dann nur noch in die Richard- und nicht mehr in die Karl-Marx-Straße und umgekehrt mög- lich sein.” Die  Befürchtungen eines Anwohners der Richardstraße, dem Schlimmes schwant, sind nachvollziehbar. In Heinz Buschkowskys Begeisterung darüber, dass die Umgestaltung des Platzes der Stadt Hof ein weiteres Stück Modernisierung der Karl-Marx-Straße  bedeute, mag er nicht so recht einstimmen.

Mit 100.000 Euro beteiligt sich der Bezirk Neukölln, 600.000 Euro finanziert der Berliner Senat aus dem Städtebauförderungs-Programm, um den “Modernisierungs- rückstau der letzten 20 Jahre” in der Karl-Marx-Straße aufzulösen. Durch die Kombination aus Baumaßnahmen und einem neuen Geschäftsstraßen- management, prognostiziert Ephraim Gothe, bringe man die Magistrale Neuköllns spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, heinz buschkowsky, thomas blesing, ephraim gotheauf einen guten Weg. Wann das Ende des Wegs, sprich: der Hermannplatz, erreicht sein wird, bleibt offen. Von “weiteren Bauabschnitten im Sause- schritt” spricht Buschkowsky und unkt, dass 2024 alles abgeschlossen sei. Dass es schneller gehen wird, hofft Staatssekretär Gothe.

Dass man mit dem Umbau des Platzes der Stadt Hof auch schon weiter sein wollte, will Thomas Ble- sing dann doch nicht unerwähnt lassen. Durch die Haushaltssperre des Senats hänge man  bereits jetzt vier Monate hinterher. Bestens gediehen sei jedoch die Bürgerbeteiligung, die maßgeblich dazu beitragen habe, dass hier umgesetzt werde, was die Neuköllner widerspiegelt: Kernstück des Platzes wird ein etwa 750 Quadratmeter großes demographisches spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, mosaikstein demografisches pflasterMosaik. Sieben unterschiedliche Steinsorten symboli- sieren in dem sieben Weltregionen und somit die Herkunftsländer der Neuköllner, Glassteine repräsen- spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, bauausführung: fa. dalhofftieren Staatenlose bzw. Menschen mit ungeklär- ter Herkunft. “Natürlich”, weiß Blesing, “ist das alles teurer als Beton.”

Aber es gehe eben auch um eine Identifikation mit dem Platz, der bisher kaum als solcher wahrgenommen wurde. “Genau deshalb haben wir uns dafür eingesetzt, dass er auch eine kleine Festfläche bekommt und so als Veranstaltungsort genutzt werden kann”, ergänzt Andreas Altenhof. Er gehört hauptberuflich dem Direktorium der Neuköllner Oper an und engagiert sich ehrenamtlich in der aus Anwohnern, Akteuren und Gewerbetreibenden bestehenden Lenkungsgruppe der [Aktion! Karl-Marx-spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, namenswettbewerbStraße]. Das Gremium will zugunsten der Akzeptanz des Platzes aber noch einen Schritt weitergehen. “Damit es wirklich ein Platz von uns Neuköllnern und für uns Neuköllner werden kann, braucht er einen neuen Namen”, findet Altenhof, der sich längst auf PdSH beschränkt, wenn er über den Platz der Stadt Hof spricht. Wer noch keinen Namensvorschlag in die Box geworfen hat, so sein Hinweis, solle ihn per spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, puppentheater k+k volkart, könig buschyMail oder Post schicken.

Gedanken um das “verkrüppel- te Büdchen”, den einstigen China-Imbiss unter der Platane, muss sich indes niemand mehr machen. Das kommt weg und dürfte, ginge es nach dem Willen der Puppenspieler von K & K Volkart, gerne als Puppentheater auf den Böhmischen Platz gestellt werden. Schon als Dankeschön für ihr  launiges Stück um König Buschi, Bausteinrat Blase und Herrn Kowalski vom Ordnungsämtchen hätten sie es verdient. Und der Platz der Stadt Hof wird, wie immer er dann auch heißt, ein neues Büdchen bekommen – nebst einem Wall-Klo, sieben sonder- angefertigten Bänken, neun Mastleuchten und etwa 10 Bäumen. Was ihm bleibt, ist aber definitiv die Platane.

=ensa=

Gabelstecherei in der Richardstraße

1. spatenstich umgestaltung richardstraße neukölln, betsaal ev. ref. bethlehemsgemeinde neukölln“So voll ist es hier sonst nicht”, sagt der alte Herr, als endlich alle, die sich vor dem Haus versam- melt hatten, im Betsaal Platz genommen haben. “Doch, am Heiligabend!”, korrigiert der Mann grin- send, der sich neben ihn gesetzt hat. Die beiden Senioren sind seit Jahrzehnten Mitglieder der Ev. ref. Bethlehemsgemeinde Neukölln. kirchgarten ev. ref. bethlehemsgemeinde neukölln“Ich bin hier schon in den 1930er Jahren immer zum Gottesdienst gegangen, Sonntagsschule hieß das da- mals”, erzählt der, der sogar auf einem alten Foto im Eingangsbereich des Gemeinde- hauses zu sehen ist. “Und ich komme heute noch gerne. Auch weil wir nach dem Gottes- dienst immer noch hinten im Kirchgarten zusammen sitzen. Welche Kirche hat schon einen so großen Garten?”

Nun bekommt die Gemeinde an der Richardstraße auch wieder einen Vorgarten. Deshalb sind die beiden Männer sowie einige andere Gemeinde- mitglieder ausnahmsweise an einem Freitagvor- spatenstich umgestaltung richardstraße neukölln, dr. bernd krebs (pfr. ev. ref. bethlehemsgemeinde neukölln)mittag im Betsaal. Auch Dr. Rudolf Jin- drak, Botschafter der Tschechischen Republik, und Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky sind zur Feier des Tages gekommen.

“Ich freu mich auf den Vorgarten”, sagt Gemeinde- pfarrer Bernd Krebs (r.) und eröffnet den Redner- reigen mit dem Hinweis auf die Besonderheit des Datums, an dem nun der erste Spatenstich für das Grün vor dem Haus in der Richardstraße 97 gesetzt wird: “Genau heute vor 275 Jahren bezogen die böh- mischen Flüchtlingsfamilien ihre neuen Häuser in dr. rudolf jindrak (tschechischer botschafter), spatenstich umgestaltung richardstraße neuköllnBöhmisch-Rixdorf.” In nur drei Monaten habe man die damals gebaut. Das Fundament, das damit – auch im übertragenen Sinne – für die neuköllnisch-tschechischen Beziehungen gelegt wurde, trägt noch heute. Einige Häuser werden nach wie vor von Nachfahren einstiger Exulanten bewohnt. Das  Hervorheben der Besonderheit des Böhmischen Dorfs durch die Umgestaltung der Richardstraße  sei ein wichtiges Zeichen der Verbundenheit und des Traditions-bewusstseins, für das er dem Bezirk Neukölln sehr danke, bekräftigt Dr. Rudolf spatenstich umgestaltung richardstraße neukölln, heinz buschkowsky (bezirksbürgermeister neukölln)Jindrak, der Botschafter der Tschechischen Republik.

Auch Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky ist froh, dass es nun endlich losgeht. Bereits zu Beginn der vorherigen Wahlperiode habe man sich im Rat- haus auf das Ziel verständigt, dem Böhmischen Dorf auch optisch mehr Bedeutung einzuräumen. Die  ers- ten Planungen habe es schon 1988  gegegeben, raunt einer der Anwohner, doch eine Initiative von unten sei an internen Interessenkonflikten gescheitert. “Jede andere Stadt “, so Buschkowsky weiter, “wäre dankbar, etwas wie das Böhmische Dorf zu haben, würde damit werben und Wegweiser spatenstich umgestaltung richardstraße neukölln, thomas blesing (baustadtrat neukölln)aufstellen und Stadtführungen anbieten.” Dem Bezirk Neukölln gehe es jedoch lediglich darum, dass der Charakter des Dorfes deutlicher zutage tritt. “Wenn alles fertig ist”, verspricht er, “werden alle – auch die Kritiker – zufrieden sein.”

Bis alles fertig ist, werden rund 1 1/2 Jahre vergehen, kündigt Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing an. Bis dahin werde die Richardstraße mit “historischen Vor- gaben” ausgestattet, etwa 30 neue Bäume, breitere Gehwege und einen neuen Fahrbahnbelag  bekommen. Im Bereich von Böhmisch-Rixdorf werde Großstein- pflaster auf der Richardstraße verlegt, im  anderen Teil asphaltiert. Auf 1,2 Mio. Euro kalkuliert der Baustadtrat nunmehr die Kosten der Maßnahme. Anfangs hatte man mit 3 Millionen, später mit 1,8 Mio. Euro spatenstich umgestaltung richardstraße neukölln, thomas blesing (baustadtrat neukölln), dr. rudolf jindrak (tschechischer botschafter), heinz buschkowsky (bzm neukölln), dr. bernd krebs (pfr. ev. ref. bethlehemsgemeinde neukölln)ge- rechnet. “Aber teurer bauen, kann ja jeder”, meint Blesing und hofft zugleich, “dass wir auf keine historischen Bauten unter der Fahrbahndecke stoßen”.

Die Steingabelstiche für den 1 Meter 50 schmalen Gartenstreifen vor dem Bethaus spatenstich umgestaltung richardstraße neuköllnder Bethlehemsge- meinde waren der offizielle Auftakt zu den Bauarbeiten in der Richardstraße. Morgen geht es richtig los. Zunächst werde man die Bürgersteige angehen, kündigt Neuköllns Tiefbauamt-Leiter Wieland Voskamp an. Mit Stra- ßenbauarbeiten und -sperrungen, schätzt er, sei erst ab Ende Juli oder Mitte August zu rechnen: “Wir machen das Stück für Stück, auch wegen der Anwohner und der Gewerbebetriebe entlang der Straße.”

=ensa=

“Welch ein Reichtum”: Glaubensfreiheit und 275 Jahre Böhmisches Dorf

“Abkunft – Niederkunft – Herkunft – Ankunft – Auskunft – Unterkunft – Übereinkunft – Zukunft”  Diese Abfolge hätte als Motto zur Einladung zu einem „besonderen“ bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorfPressegespräch in der Bethlehemskirche am Richardplatz dienen können, bei dem das Pro- gramm “Glaubensfreheit – 275 Jahre Böhmisches Dorf” vorgestellt wurde. Nichts Besonderes war, dass es auch bei der von  Horst Evertz  von der [Aktion! Karl-Marx-Straße] moderierten Veranstaltung nicht ohne das akademische Viertel ging.

Nach der obligatorischen Verspätung heißt Viola Kennert, Superintendentin des evangelischen Kir- chenkreises Neukölln, die anwesenden Presse- vertreter willkommen, nimmt Bezug auf den Ort und erinnert, dass der Kirchbau älter sei als das bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, viola kennertEreignis, nämlich die Ankunft der Böhmen vor 275 Jahren, das in diesen Tagen gefeiert wird.

Die Kirche wurde Ende des 15. Jahrhunderts gebaut und 1884 der lutherischen Bethlehems- gemeinde zur Nutzung übergeben. Seit 1912 hat sie den Namen Bethlehemskirche in Erinnerung an die Ursprungskirche, die Bethlehemskirche in Prag. Der Ort erzähle vom Ankommen, vom Heimat-Finden, vom Sich-Arrangieren mit denen, die schon da sind,  sagt Viola Kennert. 275 Jahre Böhmisches Dorf sei auch die Geschichte von Flucht. Flucht derjenigen Böhmen, die einen Ort suchten, an dem sie weder römisch-katholisch noch lutherisch sein mussten und ihre reformierte Konfession leben durften. Eine Konfession, für die Jan Hus bereits hundert Jahre vor Martin Luther gestritten hatte und dafür sterben musste.

Es war aber auch die Erfahrung, dass Integration und Zusammenleben zwar Raum gegeben, aber nicht angeordnet werden kann. Integration sei ein Stückchen Arbeit. Die Voraussetzung dafür sei, dass die Freiheit gewährt wird, den eigenen Glauben zu leben, zu gestalten und in die Gesellschaft einzubringen. Wenn das möglich wäre, würden Fremde zu loyalen Bürgern und Bürgerinnen, und das Zusammenwachsen von ganz Unterschiedlichen würde möglich, die Unterschiede würden aufgehoben, es entstünde etwas Neues. Abschließend weist Viola Kennert auf ein – wie sie findet – bedeutsames Zeichen der Zusammenarbeit der Brüdergemeine und der Rixdorfer Gemeinde hin, nämlich innerhalb der Reformationsdekade im Oktober im Gedenken an Jan Hus das Oratorium von Carl Loewe zur Aufführung zu bringen. „Vielfalt gelingt, wenn Unterschiede geachtet, vielleicht sogar geliebt werden. Ich denke, davon zeugt diese Geschichte – 275 Jahre – und die wollen wir mit unseren bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorfunterschiedlichen Gaben fortsetzen. Ich freue mich über den Austausch, den wir haben werden über das weiter- gehende Programm, das entstanden ist.“ Mit diesen Worten beschließt die Superintendentin ihren Begrüßung.

Launig beginnt Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing: „Das letzte Mal, dass ich – glaube ich – in einer Kirche was sagen durfte, war am Tag meiner Konfirmation.“ Weiter geht es im vom ihm angekündigten „normalen Neu- kölln-Deutsch“. So gäbe es bei vielen, wenn sie Böhmen hören, die Assoziation mit böhmischem Bier, böhmischer Musik, böhmischem Schweinsbraten und böhmischen Knödeln – nicht so bei denen, die sich sowohl in Rixdorfer wie Neuköllner Zeit den Böhmen freundschaftlich verbunden fühlten und fühlen. Er selbst sei seit sechs Jahren in seiner beruflichen Eigenschaft dicht an diesem Thema dran und hätte u. a. vieles vom Comeniusgarten-Initiator Henning Vierck erfahren und gelernt, aber auch mit ihm auf den Weg gebracht. Das Vorhandensein des Böhmischen Dorfes sei zur Normalität geworden und zum Neuköllner Alltag geraten, Fremdlinge seien zu Mitbürgern geworden. Bei den Überlegungen, wer die Vorbereitungen für die Feiern zu diesem Jubiläumsjahr begleiten solle, seien Bezirksbürgermeister und -amt zu dem Schluss gekommen, bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, thomas blesingihm diese Aufgabe zu übertragen, damit sichergestellt sei, dass auch der Bezirk seinen Anteil an dem Gesamtvorhaben habe.

Damit leitet er über zu den Absichten, die Richardstraße umzugestalten, diese u. a. mit Vorgärten und Bäumen zu versehen. Auftakt dazu wird ein 1. Spatenstich zusammen mit dem tschechischen Botschafter am 15. Juni vor dem Haus Richardstraße 97 sein. Bauarbeiten, so Blesings Credo, sind Ausdruck von Veränderung, und sollten unter diesem Gesichtspunkt akzep- tiert werden.

Mit dem Wunsch, es mögen viele Menschen anlässlich der vielen Veranstaltungen rund um das Jubiläum des Böhmischen Dorfs in diesen Bezirk finden, um feststellen zu können, wie viel Kultur – nicht nur beim Festival 48 Stunden-Neukölln – in Neukölln geboten wird, richtet er abschließend den Dank an die Initiatoren, und den Appell an die Presse, das entsprechend zu publizieren und wie in der Kirche üblich, die „Frohe Botschaft“ nach außen zu tragen.

Nun richtet der Kameramann vom tschechischen Fernsehen sein Equipment auf die nächste Rednerin, auf Lenka Štetková. Die Botschaftssekretärin vertritt den tschechischen Botschafter Rudolf Jindrák und schildert mit einigem emotionalem Ausdruck ihre Erfahrungen, die sie als Kind in Ostböhmen, in Litomyšl und dem Pflichtausflug zur „Rosenwiese”, im Nachbarort Ružový paloucek, machte. An diesem Ort, sollen sich die Glaubensflüchtlinge von ibethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, lenka stetkovahrer Heimat verabschiedet haben, bevor sie für immer ins Ausland gingen. Auch Jan Ámos Komenský war unter ihnen. Angeblich haben die Böhmischen Brüder an diesem Ort sogar einen goldenen Kelch vergraben. Dass dieser jedoch niemals gefunden worden sei, erheitert die Zuhörenden. Damals, während dieser Pflichtausflüge, hätte sie gespürt, sagt Štetková, dass es auf Ružový paloucek um etwas Trauriges gegangen sei, um den Anfang einer langen Reise. Wohin aber, warum und wie diese Reise ausging, das hätte sie damals nicht verstanden. Erst viel später, als sie begann, mehr über die Auswanderung der Exulanten in die Welt und auch nach Berlin zu lesen und als sie bei ihrem ersten Besuch des Böhmischen Gottesackers Ortsnamen ihrer Heimat entdeckte, wurde ihr damaliges Kindheitsgefühl der Traurigkeit durch ein neues Empfinden bereichert, der Gewissheit, dass es für die Böhmischen Brüder, die 1737 oder auch später nach Berlin gingen, ein Ankommen nach einer langen Reise gab, dass die genossenen Vergünstigungen und der eigene Fleiß ihnen schließlich die nötige Anerkennung verschafften.

Henning Vierck, der Initiator des Projekts “Glaubensfreiheit”, nimmt das Thema Rosenwiese seiner Vorrednerin auf  und weist auf die sich derzeit wunderschön präsentierende Rosenwiese im Comeniusgarten hin. Dann gerät er vor seinem Hintergrund als Politikwissenschaftler ins Schwadronieren. Bereits um 1968, einer Zeit, in der man über „Basisdemokratie“ nachdachte, bekam er von seinem erzkonservativen Professor Hans Maier, dem späteren Kultusminister in Bayern, bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, henning vierckfolgenden Hinweis: „Wenn Sie etwas über Basisdemokratie wissen wollen, dann müssen Sie sich über die Brüder und Schwestern des Gesetzes Christi informieren, und das sind die Böhmischen Brüder.“ Ab da hat sich Vierck mit der Rosenwiese beschäftigt. Die Rosenwiese stehe im Übrigen für Johann Valentin Andreae, ein Nachfahre von ihm arbeite übrigens im Jugendamt Neukölln. Andreae sei derjenige, der die Rosenkreuzermär verfasst und dazu aufge- fordert habe, dass alle Wissenschaftler ihre Werke nach Tübingen schicken, sollten, damit es Gemeingut wird.

Die Rosenwiese, so Henning Vierck, stehe für Vielfalt, für Vitalität und für das Zusammenkommen ganz unterschiedlicher Blüten. Wenn Tschechen ihr Land verlassen mussten, weil sie in ihrem Land ihrem Glauben nicht nachgehen konnten, dann haben sie geweint und aus den Tränen der Trauer sei die Rosenwiese entstanden. “Als die Exulanten am 25. März 1737 hier in Rixdorf ankamen, habe der König das Schulzengericht gekauft und dort innerhalb kürzester Frist ein preußisches Kolonistendorf errichten lassen.” Wie Soldaten hätten die Häuser an der Straße gestanden, zwei Familien in einem Haus. Das Ackergerät habe man sich geteilt. So habe die Architektur das Zusammenleben unterstützt. Das Dorf Cervená Voda, deren Bewohner geflohen waren und hier angesiedelt wurden, sei heute noch in letzten Resten sozial existent. Eigentlich, meint Vierck, müsse Manfred Motel hier stehen; er habe eine Chronik verfasst, die irgendjemand weiterführen müsse. In der 10./11. Generation leben hier Böhmen, was es seines Wissens so nur in Neukölln gäbe: “Welch ein Reichtum.”

Neukölln hätte in den letzten Jahren nicht viel an ökonomischem Reichtum, dafür aber immer viel an kulturellem Reichtum gehabt, und es gelte die kulturelle Vielfalt gerade jetzt in dem sozialen Wandel zum Nutzen der Menschen zu unterstützen, fordert Henning Vierck.

Horst Evertz merkt an, dass es insbesondere zu diesem Redebeitrag im Anschluss bestimmt viele Nachfragen gäbe – er sollte sich irren. Dann übergibt er an Dorothee Bienert, die Koordinatorin des Kulturprogramms. Einige Veranstaltungen – wie beispielsweise das Forschen von Kindern und Wissenschaftlern zum Thema “Himmel” – würdenbethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, dorothee bienert schon laufen, erklärt sie, andere erst beginnen. Bienert verweist auf die  morgige Eröffnung der Ausstellung “Das Leben ist anderswo”  in der Galerie im Körnerpark, auf  vielfältige Führun- gen, wissenschaftliche Exkursionen und “Begehun- gen toleranter Orte”. Hingewiesen wird Auch beim Kulturfestival in zwei Wochen werde man sich dem Thema „275 Jahre Böhmisches Dorf“ widmen:  Für den 17. Juni organisiere der Ökumenische Arbeitskreis einen ökumenischen Gottesdienst mit anschließender Festveranstaltung am Denkmal Friedrich Wilhelm I. und langer Kaffeetafel. Bis zum Ende des Jahres gebe es viele weitere Veranstaltungen, die ins Programm- heft Einzug gehalten hätten: das Ramadanfest im August, das Rixdorfer Strohballenrollen Anfang Sep- tember und diverse thematische Diskussionsrunden.

Nächste Rednerin ist die in einem der Büdnerhäuser der böhmischen Brüder- gemeine aufgewachsene Dr. Cordelia Polinna. Das Engagement für ihr Projekt erklärt sie einerseits mit dieser persönlichen Situation und anderseits mit ihrer Fachkompetenz als Planungs- und Architektursoziologin. In letzterer Funktion habe bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, cordelia polinnasie sich schon mehrfach mit benachteiligten Stadtteilen und mit Stadtteilen, die von Migran- ten geprägt sind, befasst.

Zum Programm “Glaubensfreiheit – 275 Jahre Böhmisches Dorf” trägt Polinna die Ausstel- lung „Keine Urbanität ohne Dörflichkeit“ bei, die am 30. Juni in der Galerie im Saalbau zu sehen sein wird. Kern der Arbeit sei es gewesen, anhand des Böhmischen Dorfes zu analysieren, wie die dörflichen Strukturen am Rande einer großen Stadt den Ankömmlingen geholfen haben, sich hier heimisch zu fühlen. Wie ist die Beziehung von Dorf und Großstadt? Welche Orte machen das Böhmische Dorf zu einem Stadtlabor, in dem ausgetestet wird, wie Menschen verschiedenster ethnischer, kultureller und sozialer Hintergründe miteinander leben können? Welches sind historische Orte des Glaubens, Orte des Lernens, Orte des Arbeitens und Orte der Gemeinschaft? Das waren die Kernfragen für Cordelia rixdorf 1755, foto: -jkb-Polinna.

Sie zeigt  u. a.  ein Bild vom Relief am Sockel des Friedrich Wilhelm I.- Denkmals. Die aufgereihten Häuser im Vordergrund entsprächen durch- aus der Realität, die Hügel im Hintergrund würden jedoch nicht die Rollberge, sondern eine Reminis- zenz an die Heimat darstellen, weiß Polinna. Um die Orte der Migration heute herausfinden zu können, wurden Stadtbegehungen und Interviews mit heute hier Lebenden durchgeführt. Aus einigen der Begehungen wurden Stadtteilführungen.

Zwei dieser Stadteilführerinnen stellen sich vor, es sind Rascha und Rima Akil, die seit 2008 Stadtspaziergänge begleiten. Die einzelnen Stationen, an denen sie ihre bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, rascha akil, rima akilpersönlichen Eindrücke über diesen Kiez an die Teilnehmer vermitteln, hätten sie selbst ausgesucht. Stolz berichten sie, dass sie ihre Führungen in deutscher, englischer, französischer und arabischer Sprache anbieten. Als sie bei der Aufzäh- lung der zahlreichen Herkunftsorte ihrer Teilnehmer auch Neukölln erwähnen, wird das mit Lachen honoriert. Sie verraten bei der persönlichen Vorstellung, mit denen sie auch ihre Touren jeweils beginnen, dass Rascha 23 ist und Informatik studiert und die 22-jährige Rima ein Jura-Studium absolviert. Ihre Eltern, erzählen sie, seien strohballenrollen, wandbild frauenschmiede neukölln1989 aus dem Libanon hierher gekom- men. “Unsere Heimat ist Rixdorf”, sind sich die beiden Schwestern einig.

Die in der Ausstellung präsentierten Orte sollen im Quartier kenntlich gemacht werden, ergänzt Moderator Horst Evertz noch. Seiner Einladung, nunmehr nach- zufragen, will niemand folgen; offenbar waren alle Beiträge hinreichend informativ.

=kiezkieker=

Endlich!

innsportplatz neukölln (august 2009)innsportplatz neukölln (november 2011)Wer erst seit etwa fünf Jahren rund um die Kreuzung Innstraße/ Sonnenallee oder am Anfang der Finowstra- ße wohnt, musste seit- dem nur aus dem Fenster gucken, um einen   Eindruck vom stetigen Wandel Neuköllns   zu bekom- men. Erst sah man sich einer eingezäunten Kraterlandschaft gegenüber, dann einer Baustelle mit Christo-Attitüde, später einer riesigen Buddelkiste und schließlich einem asphaltierten Areal. Wie es ist, einen Sportplatz direkt vor der Haustür zu haben, konnten nur jene erzählen, die schon vor dem Sommer 2007 in die Gegend gezogen waren.

Nun dürfen das wieder alle erleben, der Innsportplatz hat die fünfjährige spielfreie Zeit endlich hinter sich. Eigentlich sollte er damals nur saniert werden. Doch dann wurden bei den Bauarbeiten Waffen und Munition aus dem 2. Weltkrieg entdeckt – und der Sportplatz an der Innstraße wurde zum Fall für das LKA und zum Sorgenkind für die Kassen des Berliner Senats und des Bezirks Neukölln. Bis in 3 Meter Tiefe wurde der Boden gesiebt und kontaminiertes Erdreich abgetragen, bevor erneut ein Kunst- rasenfeld für Kicker aller Alters- und verschiedener Spielklassen angelegt werden konnte. Letzten Freitag wurde das über 800.000 Euro teure Bauprojekt beendet und der Innsportplatz samt neuer Flutlichtmasten, Beregnungsanlage, Stehplatztribünen und innsportplatz neukölln, foto: simonwiedereröffnung innsportplatz neukölln, foto: bertil wewerBallfangzäune wie- der offiziell seiner Be- stimmung übergeben.

Das Bezirksamt Neu- kölln trat mit Bürger- meister Buschkowsky,  Baustadtrat Thomas Blesing und Sportstadträtin Franziska Giffey  zur feierlichen Wiedereröffnung an. Der  1. FC Neukölln und der Rixdorfer SV Berlin (ehem. 1. SV Galatasaray) schickten ihre E-Jugend-Mannschaften, um den alten neuen Inn- sportplatz einem spielerischen Belastungstest zu unterziehen. Die Anwohner müssen künftig genauer hingucken, wenn sie den Wandel vor ihrer Haustür erkennen wollen, denn der wird sich nur noch auf wechselnde Teams und Trikots beschränken.

=ensa=

Bald ganz dicht: Neuköllns ehemalige Tropfsteinhöhle

Man kann es wohl als glückliche Fügung bezeichnen, dass sich die Pläne, aus dem ehemaligen Neuen St. Thomas Friedhof einen Camping- platz zu machen, zerschlagen haben. Denn wäre der Pachtvertrag zwischen der Tentstation und dem Evangeli- schen Friedhofsverband Berlin Stadt- mitte (EVFBS) Realität geworden, der noch vor einem halben Jahr be- schlossene Sache zu sein schien, wäre hinter der Friedhofsmauer an der Hermannstraße längst ein Parkplatz für die Camper entstanden. Da der aber nun nicht gebraucht wird, kann sich seit geraumer Zeit das Tiefbau-Unternehmen dort breit ma- chen, das von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) mit der Sanierung des Tunnels der U8 rund um die Station Leinestraße beauftragt wurde.

Dass die im September letzten Jahres begon- nenen Reparaturen dringend nötig sind, sieht auch Thomas Blesing ein. “Der Tunnel”, sagt er, “war ja wie eine Tropfsteinhöhle.” Nur das Timing gefällt Neuköllns Baustadtrat so gar nicht. Zeitgleiche Staustellen auf der Karl-Marx- und der Hermannstraße würden natürlich große Probleme aufwerfen. Und die belasten nicht nur den stockenden bis zähfließenden Autoverkehr und die Bewohner der angrenzenden Kieze. Insbesondere rund um den U-Bahnhof Leinestraße gibt es zudem enorme Engpässe bei den Fahrrad-Parkplätzen. Das werde wohl auch noch eine Weile so bleiben, vermutet Blesing: “Erst war nur von sieben Monaten Bauzeit die Rede, inzwischen zeichnet sich ab, dass erst im Oktober alles wieder fertig ist.” Etwas optimistischer sind die Prognosen von BVG-Pressespre- cher Klaus Wazlak: “Die Außendich- tung des U-Bahntunnels U-Bahnhof Leinestraße (U8) wird voraussichtlich Ende April fertig gestellt. Der Straßen- bau ist beauftragt und wird voraussichtlich bis Ende Juli 2012 beendet sein.”

Wer der bessere Schätzer ist, wird sich zeigen. Fakt ist, dass mit der Sanierung des unter der Hermannstraße verlaufenden U-Bahntunnels nicht bis zum Abschluss der Umgestaltung der Karl-Marx-Straße gewartet werden konnte: Denn bis dahin werden, so der aktuelle Stand, noch etwa 15 Jahre vergehen.

=ensa=

Schön für die Neuköllner, teuer für den Bezirk

Sechs Monate lang lag der Körnerpark im Winterschlaf. Damit ist es nun vorbei. Die Beete der denkmalgeschützten Neuköllner Gartenanlage sind neu bepflanzt, die brunnenanlage körnerpark neuköllnBäume und Sträucher gestutzt, die Grünflächen ohne Herbstlaub und kleine Schönheitsreparaturen erle- digt. Seit gestern Mittag ist auch erneut in Betrieb, was als ultimatives Indiz für den Beginn der Sommer- saison gesehen werden darf: der Brunnen vis-à-vis der Orangerie.

Bis Oktober können sich die Besu- cher des Körnerparks wieder an den Wasserspielen erfreuen, die täglich von 12 bis 20 Uhr geschaltet sind. Im alternierenden Dreier-Rhythmus, wie Stadtrat Thomas Blesing nach seinem “Wasser marsch!”-Kommando erklärte. Eine Stunde wasser marsch, auftakt brunnensaison 2012, stadtrat thomas blesing, körnerpark neuköllnlang seien die Wassersäulen der Hauptfontäne zu sehen, danach sprudeln für jeweils eine Dreiviertelstunde die Kas- kaden in den terrassenartig an- gelegten Becken und die Quelle.

Rund 20.000 Euro investiert der Bezirk Neukölln in das nasse Vergnügen – pro Saison und Brunnen. “Und das sind nur die normalen Betriebskosten”, sagt der Stadtrat für Bauen, Natur und Bürgerdienste. “Bei Reparaturen”, ergänzt Bernd Kanert, Leiter des Neuköllner Natur- und Grünflä- chenamts, “kommt leicht noch mal der gleiche Betrag dazu.” Die mit normalem Stadtwasser gespeisten Wasserspiele im Körnerpark führen ob ihrer Übernutzung und Zweckentfremdung die Hitliste der unkalkulierbaren Zusatzkosten der bezirks- finanzierten Brunnen konkurrenzlos an. Die filigrane Technik mit Düsen und Pumpen sei vor allem im Hochsommer, wenn der Park von vielen als Freibadersatz genutzt wird, förmlich einem Dauerbelastungstest ausgesetzt, sagt Kanert: “Was meine hauptfontäne körnerpark neuköllnMitarbeiter dann alles aus dem Wasser holen müssen, ist unglaublich.” Spielzeug, Zeitun- gen, Flaschen, Socken. Es gäbe kaum etwas, was noch nicht die Siebe verstopfte. Verhin- dern ließe sich das nur, indem man die Ordnungsamt-Patrouillen verstärke, meint Tho- mas Blesing, aber “die haben Wichtigeres zu tun als erholungsbedürftige Neuköllner aus Grünanlagen zu verscheuchen.” Und die rund 60 Mitarbeiter im operativen Bereich des Natur- und Grünflächenamts könnten auch nicht überall sein, da sie bezirksweit für die Pflege der Straßenbäume, Spielplätze und anderer Gartendenkmäler zuständig seien.

Selbstverständlich, sagt Blesing, hätte es auch für Neukölln die Option gegeben, wie andere Bezirke die Betriebskosten für die Wasser- anlagen durch ein Brunnensponsoring der Wall AG einzusparen: “Der Preis dafür wäre aber ein Mehr an Wall-Straßenwerbung gewesen und dagegen gab es einen parteiübergreifenden Konsens.” In monetärer Hinsicht sei es also durchaus von Vorteil, dass nur noch sechs der ursprünglich neun Brunnen im Bezirk in Betrieb sind: Die im Körnerpark, vor dem Neuköllner Rathaus und im Von-der-Schulen- burg-Park sprudeln zulasten der Bezirkskasse, die im Britzer Garten, vor dem Schloss Britz und auf dem Parkfriedhof auf Kosten anderer.

=ensa=

Neuköllns Comenius-Garten geht stiften

Irgendwie ist es bisher immer weitergegangen mit dem Comenius-Garten. Das ändert sich nun, allerdings nicht in der Form, dass der Garten geschlossen wird. comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.Nein, es ist das Wort “irgendwie”, das bei der Fortschreibung der Geschichte des einzigartigen Neuköllner Kleinods ver- zichtbar sein soll.

comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.

(v. l.: Thomas Blesing (Baustadtrat von Neukölln), Dr. Jiri Benes (Prager Institut für Philosophie), Henning Vierck (Geschäftsführer Comenius-Garten)

“Um den Come- nius-Garten dau- erhaft erhalten zu können, wollen wir eine Stiftung grün- den”, erklärte Geschäftsführer Henning Vierck vorgestern bei einem Pressege- spräch. Insbesondere für den Mittsech- ziger erfüllt sich damit ein Lebenstraum. Denn das Bedürfnis nach einer langfristigen Perspektive für die grüne Oase an der Richardstraße, die heute vor 20 Jahren gegründet wurde, ist kaum jünger als sie selber. “Jetzt”, sagte Vierck, “passt es einfach, den Schritt  zu echter Nachhaltigkeit zu machen.” Einerseits sei er noch fit genug, um sich des Aufbaus der Stiftung anzunehmen. Andererseits hätten mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und dem Institut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik wichtige Kooperationspartner gewonnen werden können.

comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.

(v. l.: Prof. Cornelia Müller (Garten- und Landschaftsarchitektin), SE Dr. Rudolf Jindrak (Botschafter der Tschechischen Republik), Prof. Dr. Jürgen Renn (Direktor Max-Planck-Institut Berlin)

Letzterer symboliert zudem einen Spa- gat von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. “Früher waren es die Glaubensflüchtlinge, die die Protestanten in ihrer böhmischen Heimat unterstützt haben, indem sie in Böhmen verbotene Bücher hier in Rixdorf druckten”, erinnerte Dr. Jiri Benes vom Institut für Philosophie in Prag. Er sei immer wieder beeindruckt, in welchem Maß in diesem Gebiet Neuköllns die Historie gepflegt werde, ergänzte Dr. Rudolf Jendrak, der  Botschafter der Tschechischen Repub- lik: “Das Böhmische Dorf und der Comenius-Garten sind Teile Böhmens in Berlin. Daher ist es mir wichtig, das Engagement zur Gründung einer Stiftung zu unterstützen.” Auch das Neuköllner Bezirksamt wird dazu einen Beitrag leisten. “Geld können wir ja nicht beisteuern”, sagte Baustadtrat Thomas Blesing. Stattdessen sei es “ein Filetstück aus der Verfügungsmasse des Liegenschaftsfonds”, die der Bezirk gemeinsam mit dem comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.Berliner Senat  als Stiftungskapital einbringe, um die Weichen für die Zukunft des Comenius-Gartens zu stellen: ein 7.332 Quadratmeter gro- ßes Areal mit zwei Gebäuden, dem comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., werkstatt des wissenskleinen Seminar-Haus und der Werk- statt, die nun nach jahrelan- gem Leer- stand als Werkstatt des Wissens reichlich Platz für sehr spezielle Begegnungen bietet.

“Wir sind sehr glücklich, dass wir diesen Raum haben”, schwärmte Prof. Dr. Jürgen Renn. Der amtierende Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte kennt Henning Vierck bereits seit rund 30 Jahren: “Die Vision eines philosophischen Gartens hatte er schon damals, und es gab wohl niemanden, der sie nicht sehr gewagt fand.” Dass solche kühnen studentischen Träume wahr werden, sei ja doch eher ungewöhnlich. Nicht minder comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., werkstatt des wissensatypisch ist auch das, was mit der Werkstatt des Wissens entstand: ein Ort, an dem sich Kinder und Wissenschaftler auf Augenhöhe begegnen. Hat die Welt ein Ende? Wo ist auf der Erde oben und unten? Alle Fragen würden ernst genom- men werden, versicherte Renn. “Für uns ist das gemeinsame Forschen mit den Kindern äußerst wichtig, weil es die Insichgeschlossenheit der Wissenschaft aufbricht”, so der Wissenschaftshistoriker. “Es ist ein gemeinsamer Erkennt- nisprozess, sich der Unschuld des Erkenntnisvorgangs bei Kindern zu stellen.” comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., werkstatt des wissens, jan dillingDass die Wissenschaft ein offenes Ohr für diesen Kontext hat, sei langfristig unabdingbar.

Wie das gemeinsame Forschen in der Praxis aussieht, stellten Kinder der Klassen 1 bis 6 der benachbarten Richard-Grundschule bei einem Rundgang durch den maßgeblich durch Prof. Cornelia Müller nach dem Weltbild von Comenius gestalteten Garten vor: “Wie viele Heliumballons braucht man, um eine kleine Holzpuppe zum Abheben zu comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., wissensworkshop,richard-grundschulebringen?” lautete die Frage, aus der sich viele weitere ergaben. Was Helium ist. Welchen Einfluss die Größe der Ballons haben. Wie man jemandem, der das Wort Kilo nicht kennt, den Begriff Gewicht erklären kann. Am Ende fehlte der Ballon, der einem comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.Kind aus der Hand geflutscht war, um das Experi- ment erfolgreich beenden zu können. Einerseits ein Missgeschick, andererseits aber auch dramaturgisch passend – trägt doch das aktuelle Forschungsprojekt von Kindern und Max-Planck-Wissenschaftlern in der Werk- statt des Wissens den Titel  “Zum Himmel”.

=ensa=

Ehre, wem Ehre gebührt

“Neuköllner Naturschutz- und Grünflächenamt wurde mit dem Deutschen SPIEL- RAUM-Preis ausgezeichnet!” teilte Thomas Blesing (SPD), Neuköllns Bezirks- stadtrat für Bauen, Natur und Bürgerdienste, dieser Tage in einer Presse-Info mit. Eine Fachjury hatte den neugestalteten Spielplatz zwischen Schinkestraße und Maybachufer beim Wettbewerb “Spielräume im kulturellen Wandel” zum Zweit- platzierten gewählt. „Zu Recht”, so Blesing, “waren und sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Naturschutz- und Grünflächenamtes auch auf diesen neugestalteten Spielplatz stolz.” Der Preis sei wohl- verdient, stellte der Neuköllner Stadt- rat fest.

Eine Ehrung anderer Art wurde Ble- sings Ressort kurz zuvor zuteil: Die im Juni 2009 vom damaligen Bundes- bauminister Wolfgang Tiefensee aus- gezeichnete Lichtinstallation “Neu- köllner Tor” unter der Ringbahn- brücke am S-Bahnhof Neukölln wurde vom Bund der Steuerzahler Deutschland e. V. ins Schwarzbuch 2011 aufge- nommen. Unter dem Titel  “Kindische Lichtspiele im S-Bahnhof Neukölln” wird nicht nur auf den drastisch entglittenen Kostenrahmen hingewiesen, sondern die Wirkung und Sinnhaftigkeit des Objekts grundsätzlich hinterfragt. Das bilde mit seinen 75 beleuchteten grünen Glasplatten “nun einen attraktiven Blickfang am Eingang zur Karl-Marx-Straße”, gibt die Senatsver- waltung für Stadtentwicklung auf der Stadtumbau Berlin-Website zum Besten. Das Neuköllner Tor sei, ist dort außerdem zu lesen, von einem ungemütlichen Ort zu einem nachts weithin leuchtenden Blickfang  ge- worden. Die Zustimmung seitens der Neuköllner für dieses vollmundige Statement dürfte im Promillebereich liegen.

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Zwangsläufig unüberraschend

“Nee, wa? Dit gloob ick jetzt nich!” Für einen, der die Sitzungen der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung (BVV) häufig von der Besuchertribüne aus verfolgt, begann die gestrige konstituierende Sit- zung mit einer  echten Überraschung. Und das noch bevor die Zuschauerränge unter der düsteren Holzdecke des BVV- Saals bis auf den letzten Platz besetzt waren und die Sitzung um 17.11 Uhr an- geklingelt wurde: Der Mann hatte exakt den Stuhl direkt hinter der Brüstung zugeteilt bekommen, auf dem er auch Mitte Juli beim letzten BVV-Termin gesessen hatte. “Hier!”, ruft er einem Bekannten zu, der zwei Reihen weiter hinten sitzen muss, nimmt eine angebrochene Tabletten-Blister- packung von der Balustrade und winkt ihm damit zu. “Die hatte ich vor ‘nem Vierteljahr vergessen. Da sieht man doch mal, wie hier geputzt wird.”

Danach hielten sich die Überraschungsmomente jedoch weitgehend in Grenzen: Der von der Piratenpartei, den Grünen und der Linken eingereichte Antrag auf Änderung der Geschäftsordnung wurde durch die Gegenstimmen der 40-köpfigen SPD/CDU-Zählgemeinschaft  abgelehnt. Die Wiederwahl von Jürgen Koglin (SPD) zum Be- zirksverordnetenvorsteher wurde dagegen mit 51 Ja-Stimmen der insgesamt 55 Stimmberechtigten parteienübergreifend befürwortet.

Ein erheblich schwächeres Votum erhielt später Heinz Buschkowsky (SPD) für eine weitere Legislaturperiode als Bezirksbürgermeister von Neukölln: 40 Abge- ordnete stimmten für ihn, sieben dagegen und acht mit Enthaltung. Mit jeweils 39 Pro-Stimmen sicherten sich Thomas Blesing (SPD) und Falko Liecke (CDU) ihre Posten als Bezirksstadträte. Liecke bekam zusätzlich den als stellvertretender Bezirksbürgermeister, muss dabei jedoch auf das fachliche Vertretungsrecht verzichten, das die SPD für sich beansprucht. Mit 42 Ja-Stimmen, ergo: mindestens zwei Stimmen aus dem Lager der Oppositionsparteien, wurde Dr. Franziska Giffey als Bezirksstadträtin wiedergewählt.

Nach knapp dreistündiger Sitzung begann schließlich der mit Spannung erwartete Tagesordnungspunkt 9.5 “Wahl zur Bezirksstadträtin auf Vorschlag der Fraktion der Grünen”. Kurz zuvor hatte Gabriele Vonnekold (Grüne) vor der Bezirksverordne- tenversammlung zum offensichtlichen Missfallen der SPD/CDU-Zählgemeinschaft ihre Kandidatur erklärt. Die Quittung dafür erhielt sie nicht nur im ersten Wahlgang, sondern auch im anschließenden zweiten: Bis auf ein Mitglied des rot-schwarzen Pakts unterwarfen sich alle dem Koalitionszwang. So standen am Ende den 16 Ja-Stimmen für Gabriele Vonnekold 39 Gegenstimmen gegenüber; die Wahl- entscheidung wird bis zur nächsten BVV-Sitzung am 16. November vertagt.

Die Fraktion bedauere es zutiefst, erklärten die Grünen noch am gestrigen Abend, dass entgegen parlamentarischer Gepflogenheiten, das Vorschlagsrecht aller Parteien zu respektieren, Gabriele Vonnekold nicht gewählt wurde. “Viele Be- zirksverordnete”, so Fraktionschef Bernd Szczepanski, “haben noch vor der Wahl in privaten Gesprächen ihre Anerkennung und Sympathie gegenüber Gabriele Vonnekold ausgedrückt. Umso trauriger ist das Ergebnis dieser Wahl.” Die Grünen würden nun  über das weitere Vorgehen beraten.

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Nachspiel als Vorspiel

Könnte die Glücksgöttin Fortuna, die auf dem Turm des Neuköllner Rathauses steht,  den Kopf schütteln, würde sie es seit gestern tun – gelangweilt und ange- widert von den Machtspielen, die nun weit unter ihr in die nächste Runde gehen sollen.

Nach konstruktiven Gesprächen hätten die Kreisverbände der Neuköllner SPD und CDU eine Zählgemeinschaft zur Wiederwahl von Heinz Buschkowsky zum Bezirksbürgermeister vereinbart. Zudem seien die Geschäftsbereiche im Bezirksamt Neukölln neu strukturiert worden, teilte das rot-schwarze Interes- senbündnis mit und benannte auch gleich – bis auf eine Ausnahme – die Abteilungsleiter:

Buschkowsky (SPD) werde weiterhin die Abteilung Finanzen und Wirtschaft (mit Steuerungsdienst, Facility Management und Ordnungsamt) leiten, Franziska Giffey (SPD) auch künftig das ebenfalls unveränderte Ressort Bildung, Schule, Kultur und Sport (mit Schulstationen und dem Bereich der Europabeauftragten).

Die Zuständigkeit von Thomas Blesing (SPD), des alten und neuen Stadtrats der Abteilung Bauen, wird um die Bereiche Natur und Bürgerdienste (mit Quartiers- management) erweitert. Auf den Visitenkarten von Falko Liecke (CDU), bisher für das Ressort Bürgerdienste und Gesundheit verantwortlich, steht fortan Bezirksstadtrat für Jugend und Gesundheit.

Gänzlich neu ist, dass der Bereich Soziales (mit Trägerangelegenheiten JobCenter), der bislang zusammen mit Wohnen und Umwelt verwaltet wurde, nun zur separaten Abteilung wird – und die sollen, nachdem die SPD und ihr Juniorpartner CDU wie in einem Selbstbedienungsladen bei den Bezirksamtsposten zugegriffen haben, die Neuköllner Grünen übernehmen. Von der ehemaligen Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (Grüne), die von ihrer Partei als Stadtrats-Kandidatin benannt wurde, ist ausdrücklich nicht die Rede: Sie könne nicht erwarten, so die gestern veröffentlichte Presse-Info, “dass SPD und CDU ihr aufgrund der gewonnenen Erfahrungen erneut das Vertrauen für eine pflichtgetreue Amtsführung aussprechen werden. Beide Parteien  stellen den Grünen jedoch anheim, eine alternative Personalentscheidung zu ermöglichen.”

Ein Vorschlag, dem Vorstand und Fraktion der Neuköllner Grünen noch gestern prompt eine Absage erteilten:  “SPD und CDU missachten mit dieser Ankündigung das Vorschlagsrecht der Grünen. Das ist der Höhepunkt einer Reihe von Diffamierungsversuchen gegen die Grüne Stadträtin und die Grüne Partei. Gabriele Vonnekold wurde mit großer Mehrheit als Kandidatin für die Bezirksamtswahl von den Grünen Neukölln nominiert. Zu dieser Nominierung stehen wir auch weiterhin und werden Gabriele Vonnekold am 27. Oktober 2011 der BVV zur Wahl vorschlagen”, stellten sie ihrerseits in einer Presse-Information klar.

Es wird also stürmisch zugehen beim Start in die neue Legislaturperiode der Neu- köllner Bezirksverordnetenversammlung.  Im Sinne der Fortuna ist das sicher nicht.

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In den Startblöcken

Genau ein Monat ist seit der Wahl vergangen, die über die neue Zusammensetzung des Berliner Abgeordnetenhauses und der Bezirksverordnetenversammlungen entschied. Noch acht Tage dauert es bis zur ersten öf- fentlichen und zugleich konstituierenden Sit- zung der Neuköllner BVV: am 27. Oktober um 17 Uhr ist es soweit.

Während die künftig im Rathaus Neukölln vertretenen Fraktionen in ihrer Phase der Findung und des Auslotens unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagten, machten die neu in die BVV eingezogenen Mitglieder der Piraten-Partei ihre Ankündigung einer Transparenz-Offen- sive wahr. In der öffentlichen konstituierenden Sitzung am vergangenen Mittwoch (Protokoll: hier) wurde Steffen Burger zum Fraktions- vorsitzenden gewählt.

Fest steht inzwischen auch, wie die von sechs auf fünf gestutzten Stadtratsposten im Neuköllner Bezirksamt personell besetzt werden: Heinz Buschkowsky, Dr. Franziska Giffey und Thomas Blesing werden per SPD-Ticket Ressorts leiten, auch Gabriele Vonnekold wurde in einer parteiinternen Wahl der Neuköllner Grünen erneut als Bezirksstadträtin bestätigt. Für die CDU Neukölln wird mit Falko Liecke ebenfalls ein Routinier die Spitze eines Geschäfts- bereichs im Bezirksamt übernehmen. Lieckes Parteikollege Michael Büge hat – als Konsequenz für das schlechte Wahlergebnis – auf eine abermalige Kandidatur für einen Stadtratsposten verzichtet, bleibt der Neuköllner  Lokalpolitik aber als CDU-Kreis- und neuer  Fraktionsvorsitzender erhalten. Wer welche Abteilung leiten wird, ist indes noch unklar: Über die Verteilung der Zuständigkeitsbereiche soll dieser Tage entschieden werden.

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