Geschichte(n) im Körnerkiez: Premiere einer neuen Steinle-Tour durch Neukölln

Den Richardkiez kennt er aus dem Effeff, den Reuterkiez ebenfalls, und auch die Quartiere um die Schillerpromenade und die Rollbergsiedlung sind längst keine nogatstraße_steinle-tour körnerkiez_neuköllnunbekannten mehr. Nun hat Reinhold Steinle ein weiteres Viertel beackert, um es in sein Repertoire als Stadtführer aufgzunehmen: den  Körnerkiez.

“Wie groß das Gebiet ist und wie weit die Laufwege dort sind, ist mir auch erst bewusst geworden, seit ich die Tour vorbereite”, gibt er zu. Rund 800 Meter sind es in Ost-West-Richtung zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße, über 400 Meter auf der Nord- Süd-Achse zwischen Thomas- und Siegfriedstraße. Das hat die ursprünglich ins Auge gefasste Route massiv schrumpfen lassen. Schließlich will Reinhold Steinle seine Kiezspaziergänge nicht in stundenlange Wanderungen ausarten lassen. “Am herr steinle_körnerkiez-tour_neuköllnAnfang waren es 16 Punkte, die in die Führung aufgenommen werden sollten”, denkt der gebürtige Schwabe und gefühlte Berliner zurück. Aber was auf dem Stadt- plan machbar erschien, erwies sich schon beim ersten Realitäts-Check als völlig unpraktikabel: “So ist das bisher bei jeder Tour gewesen.”

Im letzten Winter hat Reinhold Steinle be- gonnen, sich in die neue Materie einzu- lesen. Davor hatte die Erkenntnis gestanden, dass es sonst niemanden gibt, der Führungen durch den Körnerkiez anbietet. Unzählige Stunden verbrachte er im Museum Neukölln und mit  der Recherche in anderen stadthistorischen Archiven, um

neuköllner leuchtturm_steinle-tour körnerkiez_neuköllnilsenhof_steinle-tour körnerkiez_neuköllnhinterhof_neukölln

nach Informationen über Gebäude, Menschen und Einrichtungen zu suchen, an de- nen sich die Entwicklung des Kiezes skizzieren ließe. Dem folgte die Kontakt- aufnahme zu Institutionen vor Ort. “Die war zum Beispiel beim Nachbarschaftsheim Neukölln sehr kooperativ und ergiebig, bei anderen dagegen ziemlich mau oder mit schwulen-club trommel_thomasstraße neuköllndem Hinweis erledigt, dass ich doch auf die Homepage gucken soll”, sagt Steinle.

Dass Leute, die an geführten Kiezspazier-gängen teilnehmen, nicht nur an Geschicht- lichem sondern auch an Geschichten und Anekdoten interessiert sind und er diese Mischung in Barkeeper-Manier zusammen- rühren muss, weiß Reinhold Steinle dank langjähriger Stadtführer-Erfahrung nur zu gut. Genauso wichtig sei die Auswahl des richtigen Startpunktes: “Geeignet ist der, wenn man dort  noch etwas essen oder trinken und aufs Klo gehen  kann.” Wer will schon hungrig, durstig oder mit drückender Blase einen Kiez erkunden?

Durch die Altenbraker Straße geht es zur Emser Straße. Der Wissensdurst ist mit Zahlen zur baulichen Erschließung und Besiedelung des Kiezes, zur Veränderung der Bevölkerungsstruktur und mit Einzelheiten über die Geschichte der abseits der weiteren Route gelegenen Albrecht-Dürer-Oberschule mehr als gestillt. “Etwa 80 Prozent der Zahlen, die ich bei dieser ersten Testtour geliefert hab, sind für künftige walldorf-kindergarten lindenbaum_steinle-tour körnerkiez_neuköllnFührungen gestrichen, ebenso die Details zur ADO”, sagt Reinhold Steinle heute. Der  Grat zwischen Fordern und Überforderung ist schmal und wird oft erst durch ent- sprechende Reaktionen deutlich.

Mit einem Exkurs in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte gelingt es, die ächzenden grauen Zellen wieder in einen aufnahmebereiten Modus zu bringen: Die Mieter zweier Wohnungen in der Emser Straße 10 und 62, hat Steinle recherchiert, beherbergten in der NS-Zeit verfolgte Juden und verhalfen ihnen so zum Überleben. Um einen, der vom Nazi-Regime peter-petersen-schule_steinle-tour körnerkiez_neuköllnausgelöscht wurde, um Martin Weise, geht es in der Jonasstraße an einer der nächsten Stationen.

Nicht minder spannend, wenn auch ungleich leichter sind die Geschichten, die sich um andere Adressen wie die der ehemaligen Tanzschule im Hof des tanzschule will meisel_steinle-tour körnerkiez_neuköllnHauses mit der Num- mer 22, den Ilsenhof oder die Trommel, Ber- lins älteste Schwulen- Bar, ranken. Kurz vor dem Körnerpark, an der Peter-Petersen-Schule, hat dann auch noch Reinhold Steinle sein persön- liches Aha-Erlebnis. “Klar, das ist ein Wal! Jonas- straße … Jonas … biblische Geschichte. Weshalb bin ich nicht selber darauf gekommen?”, fragt er sich und notiert die neuen Erkenntnisse zum Emblem, das die neuköllner reitergrab_steinle-tour körnerkiez_neuköllnFassade der Schule ziert.

Bei der nächsten, nur einige Schritte entfernten Station gibt es nur wenig zu erzählen und noch weniger zu sehen: Im heute asphaltierten Knick zwischen Jonas- und Selkestraße wurde vor über 100 Jahren das Neuköllner Reitergrab entdeckt. Sehr offensichtlich ist dagegen, was der Unter-körnerpark_steinle-tour körnerkiez_neuköllnnehmer Franz Kör- ner in Neukölln hinterließ: Aus einer seiner Kiesgruben wurde zwischen 1912 und 1916 der mittlerweile denk- malgeschützte Körnerpark. “Den zu zeigen und mehr über den Namensgeber bekannt zu machen, war für mich eigentlich auch ein wesentlicher Anreiz zur Ge- staltung dieser Tour”, erklärt Reinhold Steinle. Welche Bedeutung andere Orte für die Entwicklung des Kiezes hatten, erfuhr auch er erst durch seine Recherchen. “Natürlich”, sagt er, “hätte ich außerdem gern das Albrecht- Dürer-Gymnasium und die  Feuerwache an der Kirchhofstraße  in die Route aufge- franz körner_steinle-tour körnerkiez_neuköllnnommen, aber das hätte den Rahmen deutlich gesprengt.”

Zudem wollte Reinhold Steinle, dass die Tour, in die kurz vor der Premiere mit zahlenden Mitläufern noch der Besuch bei einem Gitarrenbauer aufgenommen wur- de, im Körnerpark endet. Denn wo sonst im Kiez lässt sich adäquater der “Humoris- tischen Kultur-Anweisung für Körners Riesen-Sonnenblumen” lauschen? Sie ist einer der Schätze, die der Stadtführer im Museum Neukölln fand und nun in einen dicken Aktenordner sortiert wurde. “Einen zweiten Ordner mit Körnerkiez-Material hab ich noch zuhause”, verrät er. Es ist also unwahrscheinlich, dass bei dieser neuen Expedition durch ein Stück Neukölln auch nur eine einzige Frage unbeantwortet bleiben muss.

Die erste “Geschichte(n) im Körnerkiez”-Führung (10 Euro / erm. 7 Euro) mit Reinhold Steinle ist am 18. Mai. Sie startet um 15 Uhr an der Leucht- stoff-Kaffeebar in der Siegfriedstraße 19: Anmeldung unter 030 – 53217401 erwünscht.

=ensa=

Eine Insel für die Konrad-Agahd-Grundschule

konrad-agahd-grundschule_neuköllnIn der Konrad-Agahd-Grundschule im Neu- köllner Körnerkiez fand Freitagvormittag die Eröffnung von „Konrads Insel“ statt. Kon- rad Agahd (1867 – 1922), nach dem die Schule 1958 benannt wurde, war 23 Jahre Lehrer in Rixdorf/Neukölln. Bekannt wurde er für seinen Kampf gegen Kinderarbeit. Die Ergebnisse seiner Studien in meh- reren europäischen Staaten veröffentlichte er in Aufsätzen, Broschüren und Fach- büchern.

Die bisher leerstehende Hausmeisterwohnung der Schule konnte nach grund- legender Renovierung mit neu designten Räumen und neuer Funktion den Schülern,

konrads insel_konrad-agahd-grundschule_neukölln konrads insel_neukölln

Eltern und Lehrern übergeben werden. Die Kosten für Umbau und Renovierung in Höhe von 140.732 Euro trug der Bezirk Neukölln. Die Einrichtungskosten und Aufwendungen für den Betrieb der Schülerbibliothek und des Elterncafés von knapp 30.000 Euro wurden über Soziale Stadt-Mittel des Quartiersmanagements Körnerpark simone schützmann_eröffnung konrads insel_neuköllnfinanziert. Mit dem Anliegen, innerhalb der Schule eine Insel zu schaffen, entstanden in den wohnlich und zugleich zweckmäßig gestalteten Räumen eine Schülerbiblio- thek, ein Elterncafé und eine kleine Küche.

Bei der Einweihung wurden die Besucher von  Rektorin Simone Schützmann mit Ro- sen willkommen geheißen. Nach der Be- sichtigung der Räumlichkeiten und einem Auftritt des Kinderchores, der u. a. das sehr witzige Lied über die Stubenfliege zum Besten gab erfolgte die offizielle Eröffnung durch Heinz Buschkowsky und Dr. Franziska Giffey.

buschkowsky+giffey+schützmann_konrads insel_neuköllnDer Bezirksbürgermeister sprach da- bei vor allem die etwa 20 Kinder im Raum an. Er betonte, wie wichtig das Lesen ist. „Lesen”, sagte er, “ist für den Kopf wie Schokolade essen.“ Außerdem fragte er sie nach ihren späteren Berufswünschen. Die Be- zirksstadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport hob in ihrer Rede hervor, dass anhand der eingehenden Anmeldungen festgestellt werden könne, dass die Konrad-Agahd-Grundschule mit zu den beliebtesten Grundschulen in Neukölln gehört.

Das neue Elterncafe soll dazu beitragen, die Zusammenarbeit mit den Eltern zu verstärken. An zwei Tagen in der Woche initiieren die Eltern ein Elternfrühstück. Dies soll die Vernetzung unter den Eltern verbessern und die Eltern näher an die Schule und ihre Projekte heranführen. Eines davon ist das kostenlose Frühstück von schülerbibliothek_konrad-agahd-grundschule_neuköllnbrotZeit, einer Initiative der Schauspielerin Uschi Glas. Jeden Morgen wird es von ehrenamtlichen Senioren für die Grundschüler zubereitet, die so nicht nur in den Genuss von regelmäßigem Frühstück kommen, sondern von den Ehrenamtlichen auch viel über eine gesunde Ernährung lernen können.

Futter für Kopf und Seele gibt es nun in der neuen Schülerbibliothek, die etwa zur Hälfte mit Buchspenden bestückt wurde. Da sich die Schülerinnen und Schüler über noch mehr Auswahl freuen würden, gilt: Wer gut erhaltene Kinderbücher zuhause hat, die er nicht mehr benötigt, darf sich gerne mit der Konrad-Agahd-Schule in Verbindung setzen, um sie zu spenden.

=Reinhold Steinle=

Unser Autor, der in Neukölln bereits Führungen durch den Reuter-, Schiller-, Rollberg- und Richardkiez anbietet, führt ab nächsten Monat auch durch den Körnerkiez: Die erste Tour ist am 18. Mai und startet um 15 Uhr an der leuchtstoff–Kaffeebar.

In Neukölln begraben: Anita Berber – mehr als zwei Begriffe

Der Vater einer schwäbischen Freundin hat mir einmal vor Jahren erzählt, dass er Josephine Baker live in Stuttgart auf einer Bühne gesehen hat. Für viele ist Josephine Baker auch heute noch ein Begriff und auf die Frage “Was fällt Ihnen zu ihr ein?”, würden viele wohl die Stichworte „Tanz“ und „Bananenrock“ nennen. Eine andere Frau, sieben Jahre vor Josephine Baker im Jahr 1899 geboren, kannte ich fast nur vom Namen her: Anita Berber. Und wenn mich jemand Näheres zu ihr gefragt hätte, dann wären mir wohl nur die Begriffe „Tanz“ und „Skandal“ eingefallen. Umso portal ehem. st. thomas-friedhof_neuköllnüberraschter war ich, als ich vor kurzem feststellte, dass Anita Berber auf dem alten Friedhof der St. Tho- mas-Gemeinde in der Neuköllner Hermannstraße  begraben wurde.

Anita Berber wurde nur 29 Jahre alt. Am 10. November 1928 starb sie im Krankenhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg. Doch welch exzessives Leben hat sie in diese 29 Jahre gepackt!

Als Tochter eines Künstlerehepaares geboren, das sich schon nach einigen Jahren trennte, lebte Anita Berber zusammen mit ihrer Mutter und weiblichen Anverwandten wohnhaus anita berber_zähringerstr. 13 berlin-wilmersdorfin einer Wohngemeinschaft in der Zähringer- straße 13 im Berliner Bezirk Wilmersdorf. In Berlin nahm sie Schauspiel- und Tanzunter- richt bei bekannten Lehrerinnen und wurde schon in jungen Jahren eine gefeierte Solotänzerin, die in Varietes wie dem Win- tergarten auftrat und bald Auslandstourneen machte.

Nach einer dreijährigen Ehe mit einem Offizier zog sie zu ihrer Freundin, mit der sie eine lesbische Beziehung hatte. Mit ihrem späteren zweiten Ehemann, Sebastian Droste, gestal- tete sie ein Tanzprogramm mit dem Titel „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“, das in Wien uraufgeführt wurde. Dieses Tanzprogramm löste einen großen Skandal aus. Die Zeitungen berichteten ausführlich darüber und natürlich wollte jeder diese Aufführung sehen. Staatliche Stellen zwangen beide, 1923 Österreich zu verlassen. Droste ging für einige Jahre nach New York und starb 1927, nach der Rückkehr aus den USA, in Hamburg. Anita Berber heiratete 1924 zum dritten Mal: den amerikanischen Tänzer Henri Châtin Hofmann, mit dem sie zusammen auftrat. Und immer wieder kam es nach Tanzdarbietungen der beiden zu Skandalen. Zusammen mit ihrem Mann brach sie 1927 zu einer langen Tournee in den Nahen Osten auf, bei der sie 1928 in Damaskus gedenktafel anita berber_zähringerstr. 13 berlin-wilmersdorfauf der Bühne zusammenbrach.

Seit Jahren schon war Anita Berber kokainabhängig gewesen, nun er- krankte sie schwer an Tuberkulose. Nur mit Spenden von Berliner Künst- lerfreunden gelangte sie, zusammen mit ihrem Mann, nach Berlin zurück. Dort wurde sie in das Krankenhaus Bethanien eingeliefert, wo sie nicht mal 30-jährig verstarb.

Die direkt neben dem Kreuzberger Krankenhaus gelegene Kirchengemeinde St. Thomas hatte schon im Jahr 1865 ihren Friedhof vor die Tore Berlins, an die Neuköllner Hermannstraße, gelegt. Andere Gemeinden machten es ebenso; Grund hierfür war, dass innerstädtische Flächen für den Wohnungsbau benötigt wurden. Am 14. November 1928 wurde Anita Berber auf dem St. Thomas-Friedhof in einer Erd- ehem. st. thomas-friedhof_neuköllnbestattung beigesetzt. Ob es jemals einen Grabstein für sie gab, ist nach wie vor unklar. In einem alten Fried- hofsführer fand sich der Eintrag „Ani- ta Berber, eingeritzt auf einer Bank.“ Auch von dieser Bank gibt es keine Spuren mehr. Denn 2007 wurde der Friedhof, auf dem 1978 die letzte Be- erdigung stattfand, geschlossen und geräumt. 55 Jahre vor der Schließung wurde hier noch Anita Berbers Mutter bestattet.

Der Modeschöpfer Karl Lagerfeld hat die Tänzerin und Schauspielerin einmal als „gewagteste Frau ihrer Zeit“ bezeichnet, und Rosa von Praunheim drehte 1987 den Film „Anita – Tänze des Lasters“, in dem Lotti Huber mitspielte, sich als Bewohnerin eines Altersheims für Anita Berber hielt und aus deren Leben erzählte. Die künst- lerische Beratung für diesen Film kam von Lothar Fischer, der das Anita Berber Archiv betreut, und dem ich für seine Informationen, die er dort zusammengetragen hat, herzlich danken möchte. Sein Buch „Anita Berber – Göttin der Nacht“ kann wenigstens noch antiquarisch erworben werden.

=Reinhold Steinle=

Neukölln! Man hört’s!

steinle-tasche_itb berlinGestern ging in den Hallen der Messe Berlin am Funkturm die Internationale Tourismusbörse (ITB) zu Ende. Insgesamt 11.000 Messestände boten an drei Fachbesucher- und zwei Publikumstagen die Möglich- keit, sich über 180 Länder zu informieren. Auch die Länder Brandenburg und Berlin waren dabei und teilten sich die Messehalle 12. Direkt nebenan in Halle 13 warb die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH für den im Bau befindlichen Flughafen BER. Lag es an den mehrmals verschobenen Eröffnungsterminen und an den baulichen Mängeln des Flughafens, dass hier so gar kein Publikumsandrang herrschte?

Anders in dem Bereich, wo sich an Doppelcounter die Bezirke der Hauptstadt präsentierten. Gestern Vormittag durfte ich zusammen mit Tanja Dickert und Norbert Kleemann von der Kreativen Gesellschaft Berlin (KGB 44) interessierten Messe- besuchern Neukölln touristisch nahe bringen. Am Nachbarstand war in dieser Zeit der Bezirk Steglitz-Zehlendorf vertreten.

Wie unterschiedlich die Bezirke die Bedeutung des Tourismus als Wirtschaftsfaktor gewichten, dies ließ sich auch anhand der Broschüren und Informationsmaterialien gut ablesen: Haben einige Bezirke Hochglanzprospekte über touristische Highlights in ihren Kiezen aufgelegt, halten andere lediglich einen Wegweiser bereit. Für Neukölln wurde das kleine Heft „Neukölln auf den Punkt gebracht“ mit Adressen für Gastronomie, Übernachtung, halle 12_itb berlinShop- pen und Kultur verteilt.

Der Besucherandrang war stetig, so dass sich durchgehend mindestens vier, fünf Interessierte vor dem Stand aufhielten. Auf Nachfrage erfuhr man, dass es vor allem BerlinerInnen waren. Es verwundert auch wenig, dass sie zuerst nach touristischen Infomaterialien über ihren Wohnbezirk fragten. Man könnte es vielleicht vermuten, doch das Interesse an anderen Bezirken war sehr gering. Wollte ich den Standbesuchern das Neukölln-Heft mitgeben, wurde die Annahme erstaunlich oft mit den Antworten „In Neukölln arbeite ich schon“ oder „In Neukölln habe ich früher mal gewohnt“ abgelehnt. Einige wenige Besucher meinten dagegen, dass sie es spannend finden, in Berlin immer wieder Neues entdecken zu reinhold steinle_neukölln-stand_itb berlinkönnen.

Durchgehend groß war dagegen das Interesse an der von visitberlin ver- öffentlichten Broschüre „Kiez erleben – Berlins 12 Bezirke“. In ihr werden 12 Insidertouren vorgestellt, der Bezirk Neukölln mit dem Slogan „Neukölln für die große Multikulti-Party“.

Und multikulti repräsentiere auch ich. Öfters wollten Leute wissen, für wel- chen Bezirk ich hier stehen würde. Und wenn ich mit meinem schwäbischen Dialekt entgegnete „Neukölln!“, bekam ich oft die manchmal trockene, manchmal auch amüsierte Antwort „Man hört’s!“.

=Reinhold Steinle=

“Das Buch vom Böhmischen Dorf”: Neukölln-Geschichte von Kindern für Kinder

Das Buch vom Böhmischen Dorf+Parthas VerlagGestern wurde am Richardplatz im Salon der Kreativen Gesellschaft Berlin das neu erschienene Buch „Das Buch vom Böhmischen Dorf“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Raum war schnell gefüllt – und nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von Kindern, die an dem Buch maßgeblich mitgearbeitet haben.

Die Idee eines Stadtführers von Kindern für Kinder, der sich schwerpunktmäßig mit der Ge- schichte der böhmischen Exulanten beschäftigt, ging von Dr. Dorothea Kolland, der langjährigen Leiterin des Kulturamts Neukölln, aus. Eigentlich hätte das Buch schon im letzten Jahr zum 275-jährigen Bestehen des Böhmischen Dorfes fertiggestellt werden sollen, erzählt sie, aber dann verzögerte es S.12+13_Das Buch vom Böhmischen Dorf_Parthas Verlagsich doch.

Kolland konnte für ihre Idee zunächst Marita Stolt, die Rektorin der Richard-Grundschule, begeistern: Ihre Schüle-rinnen und Schüler der Klassen 5a und 6a erkundeten in einer Projekt- woche den Richardplatz, zeichneten markante Orte am und um den Richardplatz wie das Denkmal Fried- rich Wilhelm I. oder die Bethlehems- kirche und fertigten mit Bleistift einen Straßenplan des Richardkiezes an. Diese beate klompmaker+anna faroqhi_buchpräsentation_kgb44 neuköllnZeichnungen sind nun neben vielen anderen im Buch wiederzufinden.

Als Autoren konnte die Ex-Chefin des Kultur- amts Anna Faroqhi (r.) und Haim Peretz ge- winnen, die schon den Neukölln-Comic „Welt- reiche erblühten und fielen“ erarbeitet hatten. Später kam noch Beate Klompmaker (l.) hinzu, die selbst am Richardplatz wohnt. Von ihr wurde im vergangenen Jahr das Buch „Das Böh- mische Dorf in Berlin – ein Rundgang“ ver- öffentlicht.

Der Projektfonds Kulturelle Bildung des Landes Berlins war es schließlich, der die Finanzierung des Buches ermöglichte. Auch Arnold Bischinger nahm als Vertreter des Projektfonds bei der Buchpremiere neben dorothea kolland+arnold bischinger+richard-grundschule_buchpräsentation kgb44 neuköllnDoro- thea Kolland sowie Jaanu Rajendran und Angelika Michonska von der Richard-Grundschule auf dem Podium Platz. Er gab dem Buch gar eine berlin- weite Bedeutung, indem er es in eine Reihe mit der „Route der Integration“ (2011) sowie „Stadt der Vielfalt“ (2012) des Berliner Senats stellte.

Diese kulturelle Vielfalt findet sich auch in dem Stadtführer wieder, der nicht allein auf die böhmische Geschichte oder Traditionsbetriebe am Richardplatz beschränkt bleibt. So schreiben die Kinder handschriftlich im Buch, was die Wörter „Stern“ und S.32+33_Das Buch vom Böhmischen Dorf_Parthas Verlag„Kelch“ in der Heimatsprache ihrer Eltern oder Großeltern heißen, und sie verglei- chen Migrationsgeschichten aus der fernen Vergangenheit mit denen ihrer eigenen Familien.

“Das Buch vom Böhmischen Dorf” ver- mittelt aber nicht nur Wissenswertes in lebendiger und verständlicher Form, es enthält auch zahlreiche Einladungen, sel- ber kreativ zu werden: So dürfen Kinder ein Foto von sich ins Buch kleben, in ihm malen und sogar auf der letzten Seite das Bild der Bethlehemskirche ausschneiden, um es zu falten und damit ein S.55_Das Buch vom Böhmischen Dorf_Parthas Verlagdrei- dimensionales Modell von der Kirche zu erhalten. Ratespiele regen weiterhin dazu an, sich aktiv mit dem Buch und der Geschichte des Böhmischen Dorfes zu beschäftigen – und dies nicht zuhause, sondern draußen, direkt an den Orten und Gebäuden, die vorgestellt werden.

Durch Dorothea Kollands Initiative und das Mitwirken aller Beteiligten gibt es nun eine wunderbare Möglichkeit, Neuköllner Kin- der an die Geschichte ihres Wohnorts heranzuführen. Angesichts des dörflichen Ambientes rund um den Richardplatz wäre aber Dorfführer fast ein passenderer Begriff als Stadtführer gewesen.

Das Buch ist im Parthas Verlag erschienen, hat 55 Seiten und kostet 9,80 €. Es ist bei der Kreativen Gesellschaft Berlin, direkt beim Verlag und im Buchhandel erhältlich.

=Reinhold Steinle=

Frauenpower – die Rixdorfer Perlen verteidigen Neukölln

Die Handlung des neuen Stücks der Rixdorfer Perlen, das vorgestern im Heimathafen Neukölln Premiere hatte, ist schnell erzählt: Eine RixdorferPerlen_06_Heimathafen NeuköllnNeuköllner Eck- kneipe, die seit Urzeiten besteht, ist in Gefahr in die Hände eines Groß- investors zu fallen, der hier ein neu- es Gastronomiekonzept verwirklichen will. Dies hätte auch den Verlust der Arbeit für die Kneipenbesitzerin Ma- rianne Koschlewsky (Britta Steffen-hagen), der Amüsierdame Jule (Inka Löwendorf) und der Putzfrau Mieze (Johanna Morsch) zur Folge. Mari- anne hatte die Kneipe von einem guten Freund geschenkt be- kommen, doch leider die Schenkung nie im Grundbuchamt eintragen lassen. Ihr zur Seite stehen der Getränkehändler Ritchie (P.R. Kantate) und scheinbar auch Dr. Dr. Fiedler (Jörg Kowslowsky), der sich im Laufe der Handlung allerdings als einfacher Beamter im Grundbuchamt Neukölln entpuppt. Am Schluss hat der fiese Großinvestor Friedbert Klauke (Andreas Frakowiak), der Donald Trump aus Lichterfelde-West, die Kneipe doch nicht übernehmen können. Ebenso wenig kam Sülzheimer (Alexander Ebeert) zum Zug, denn als Eigentümer hat sich jetzt überraschend … Nein, die Pointe soll hier nicht verraten werden. Dass aber alle RixdorferPerlen_03_Heimathafen Neuköllndrei Frauen aus dem “Feuchten Eck” am Ende des Stückes keine Singles mehr sind, sondern glücklich verliebt, das muss kein Geheimnis bleiben.

Die Kulisse zeigte die Innenausstattung der Kneipe. Gelungen war die Integration des tollen Klavierpianisten (Felix Raffel) im hinteren Teil der Kneipe. Inka Löwendorf spielte die Jule in hohen roten Stiefeln und mit hohen Absätzen, so dass sie ausschließlich über die Bühne stöckeln musste. Herrlich, wie sie mit diesen Tretern von der Horizontalen in die Vertikale kam. Beim Spiel von P.R. Kantate musste ich unwillkürlich an Kurt Krömer denken. Ich vermute, dass beide ähnlich auf der Bühne RixdorferPerlen_01_Heimathafen Neuköllnagieren und sich deshalb diese Vor- stellung bei mir ergab.

Zurecht einen Riesenapplaus gab es bei dem Lied „Allein“ von Johanna Morsch. Musikalisch eine Cover-version „I Can’t Live Without You”, mit einem schönen deutschen Text. Überhaupt waren die meisten Texte der eingängigen, bekannten Melodien (u. a. Willi Kollo, Udo Jürgens) sehr passend und einfallsreich. Und aus dem Song „We Are The World“, 1985 ein Single-Hit der Band Aid, ein “Wir in Neukölln” zu machen, war ein ausgesprochen schöner Einfall, der witzig dargeboten wurde. P.R. Kantate ließ mich hier Kurt Krömer vergessen und an Michael Jackson RixdorferPerlen_08_Heimathafen Neuköllndenken.

Die Ankündigung „mit Schoten, Songs und Schnäp- perken für alle!“ wurde in allen Teilen erfüllt. Dem Applaus nach zu urteilen war es für die 270 Zu- schauer der Premiere im ausverkauften Saal ein unterhaltsamer Abend. Den Rixdorfer Perlen ist mit „Zum Feuchten Eck an der Sonnenallee“ ein schönes Stück leichter Unterhaltung gelungen. Wobei: Das Thema Gentrifizierung, das das Stück aufgreift, ließ mich auch etwas nachdenklich nach Hause gehen.

Weitere Aufführungen am 25., 26. + 31. Januar sowie am 1., 2., 9. + 10. Februar um 20 Uhr. Eintritt: 20 €/erm. 15 €; Ticket-Hotline: 030 – 61 10 13 13, Vorverkauf im Heimathafen Neukölln-Büro: 030 – 56 82 13 33

=Reinhold Steinle=

Sechs von 18: verfolgt, deportiert, ermordet

stolpersteine oderstr. 52 neuköllnEs herrscht ein Wetter, wie es novembriger nicht sein könnte. Dennoch haben sich an diesem Morgen erstaunlich viele Menschen, sogar eine ganze Schulklasse vor dem Haus Oderstraße 52 im Neuköllner Schillerkiez eingefunden. Für die Kinder ist es sicher kaum, für die Erwachsenen nur schwer vor- stellbar, was sich hier im Sommer 1942 abspielte. Vor den Augen des 12-jährigen Max wird seine Großmutter „abgeholt“. Gemeint war damals damit: aus der Familie gerissen, deportiert und ermordet zu werden. Noch unbegreiflicher, dass auch Max zusammen mit seiner Mutter ein halbes Jahr später mit dem 26. sogenannten Ost- transport des Reichssicherheitshauptamts ins KZ Auschwitz deportiert wird.

Heute werden hier zum Gedenken an diese drei Menschen Stolpersteine in den Bürgersteig eingelassen: “Hier wohnte Martha Meth / geb. Lewin / Jg. 1903 / deportiert 12.1.1943 / ermordet in Auschwitz”, informiert der eine. “Hier wohnte Max Meth / Jg. 1930 / deportiert 12.1.1943 / ermordet in Auschwitz”, besagt ein anderer. gunter demnig_stolpersteine oderstr. 52 neukölln“Hier wohnte Selma Lewin / geb. Meyer / Jg. 1868 / deportiert 31.8.1942 There- sienstadt / ermordet 28.4.1944″, verrät der dritte.

Gunter Demnig arbeitet mit seinem Assis-tenten wie ein Uhrwerk, jeder Handgriff sitzt, inzwischen hundertemal ausgeführt. Nachdem die letzte Schaufel Sand in die Fugen gefegt und die demnig_wetzlar-schule_stolpersteine meth + lewin_neuköllnMessingoberflächen geputzt worden sind, kommt ein Junge, der inzwischen in Charlottenburg zur Schule geht, mit einem Strauß weißer Rosen, die er nun um die Gedenksteine drapiert. Er gehörte der Arbeitsgemeinschaft von Schülern der damali- gen 6. Klasse der Wetzlar-Schule an, die sich mit den Hintergründen der NS-Diktatur be- fasste und sich besonders für das Leben von rassisch verfolgten Kindern inte- wetzlar-schüler_stolpersteine meth + lewin_neuköllnressierte. Auf ihrem Schulfest sammelten sie Geld für diesen Stolperstein.

Der zweite Stolperstein wurde von Verwandten gestiftet, von denen drei bei dieser Gedenkstunde anwesend sind. Herr Schicke erläutert die verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Opfern und veranschaulicht, wie schwer es für sie auch heute noch sei, sich diesem Teil ihrer Familien- geschichte zu nähern. Von ihm ist auch zu erfahren, dass von den insgesamt sieben Kindern der Selma Lewin weitere drei mit ihren Familien in Auschwitz oder There- sienstadt umgekommen sind. Andere konnten emigrieren, z. B. nach Argentinien, oder franziska giffey_stolpersteine oderstr. 52 neuköllnunter falschem Namen in Thü- ringen unter- tauchen. So sachlich Herr Schicke (2. v. r.) das auch schildert, so bedrückend sind die Vorstellungen, die sich damit verbinden.

Auch Dr. Franziska Giffey (r.), Bezirks-stadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport, dankte für das Interesse und das Engagement der Beteiligten. Der Schulleiterin der Wetzlar-Grundschule, Brigitte Schmidt, überreichte sie ebenso wie einer Angehörigen, stellvertretend für die Familie, das Buch „Zehn Brüder waren wir gewesen… Spuren Jüdischen Lebens in Neukölln“. demnig_stolpersteine meth + lewin_neuköllnGiffeys für die Pressearbeit zuständige Mitarbeiterin, Bärbel Ruben, hebt ebenfalls das Bürgerengagement hervor, das solche Aktionen erst ermög- licht. Der Pate des dritten Stolpersteins, der an Martha Meth erinnert, wohne in der Nachbarschaft, erzählt sie. Falls er anwe- send sein sollte, will er sich nicht zu erkennen geben. Gunter Demnig will wei- ter: Die Verlegung 18 neuer Stolpersteine hat er für den Vormittag in Neukölln auf dem Programm.

Schon für 5 nach 10 war die Stolperstein-Verlegung vor dem Haus Richardstraße 86 geplant, und fast auf die Minute pünktlich fährt ein rotes Auto vor, dem der Künstler Gunter Demnig sowie ein junger Mann entsteigen. Die Station in der Richardstraße ist bereits die vierte des Tages. Mit großer Routine und im Beisein von Beate Motel (r.) und Brigitta Polin- na, Vertreterinnen des Förderkreises Böhmi- sches Dorf in Neukölln e. V., der Pate der beiden Mahnmale ist, entnimmt Gunter Dem- nig  Steine aus Gehwegbelag und passt in den freien Platz die Stolpersteine für Karoline Basch, geb. Schütz, und Josef Basch ein.

Beide stammten aus Böhmen: Josef Basch wurde am 17. Mai 1879 in Reitschoves geboren, Karoline am 14.3.1875 in Myss. Am 17. November 1941 wurden die Neuköllner nach Kowno depor- tiert, wo die Nazis einige Monate zuvor ein Konzentrationslager errichtet hat- ten. Kauen, der Ort an dem beide acht Tage nach ihrer Deportation starben, ist eine alte deutsche Bezeichnung für die litauische Stadt Kaunas; Kowno ist deren russischer Name.

Mehr als diese nackten Zahlen sind von den Baschs bisher nicht bekannt. Es liegt jetzt an der Initiative jedes Einzelnen, weiteres über Karoline und Josef Basch zu recherchieren. Volker Banasiak vom Museum Neukölln, der bezirkliche Stolpersteine-Koordinator, nannte mir einige der Möglichkeiten der Spurensuche: Zum Beispiel seien das Brandenburgische Landes- hauptarchiv (dort die Akten des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg), die Archivalien jüdischer Gemeinden, Institutionen und Privatpersonen, Berliner Adress- bücher (verfügbar in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin), sowie die Gedenk- stätte in Yad Vashem wertvolle Quellen.

Josef Basch und Karoline Basch. Was immer sie beruflich taten, mit wem sie im Böhmischen Dorf Kontakt hatten, wer ihre Freunde waren? Wir wissen es noch nicht. Was wir wissen: Sie wa- ren Bürger von Neukölln.

Dem Initiator der Stolpersteine, Gun- ter Demnig (r.), konnte ich noch einige Fragen stellen. 1993, erzählt er mir, habe er die Idee gehabt, durch Stol- persteine an Verfolgte der NS-Zeit zu erinnern. Ab 1996 verlegte er die ers- ten illegal im Berliner Bezirk Kreuz- berg, legitimiert wurde das Projekt erst im Jahr 2000. Seitdem werden die Stolper- steine von ihm das ganze Jahr über verlegt. Einzig Minustemperaturen unter 9 Grad, sagt er, könnten seine Arbeit verhindern. Da störte dann der Regen gleich weniger.

Eine knappe halbe Stunde später erreichen Gunter Demnig und sein Zwei-Mann- Team das sechste Etappenziel in Neukölln: Bis zum Oktober 1940 lebte Paul Fürst in der 3. Etage des Hauses in der Bruno-Bauer-Straße 17a. Dass nun ein Stolperstein an ihn erinnert, ist dem Verein  proNeubritz  zu verdan- ken, der die Patenschaft für das Messing-Mahn- mal des Mannes übernahm, der “wegen politi- scher Unzuverlässigkeit” ermordet wurde.

Paul Fürst war zunächst Justizangestellter ge- wesen, machte sich aber später selbstständig und gründete den Neukultur- und den Kosmos-Verlag. Schon 1920 war er in die SPD eingetreten und bis zum Verbot der Partei im Jahr 1933 ihr Mitglied. Weil Fürst “so- zialistische und wissenschaftliche Bücher” vertrieb, wurde er 1938 mit einem Berufs- verbot belegt. Zwei Jahre später beschlag- nahmte die SA den kompletten Bücher- bestand, und die Gestapo nahm Paul Fürst wegen ille- galer Arbeit in “Schutz- haft”. Nach einigen Tagen wurde er  in das KZ Sach- senhausen eingeliefert, wo er am 6. Juni 1941 um 18.30 Uhr starb. Als Todesursache nennt die vom Lagerarzt ausgestellte Todesbescheinigung, die auch in der Publikation “Widerstand in Neukölln” dokumen- tiert ist: doppelseitige Lungenentzündung und Kreis- laufschwäche.

Bei anderen Anga- ben hätten sich die Nazi ebenfalls viel Mühe gegeben, durch absicht- lich verfälschte Daten die Spurensuche nach Geg- nern des Regimes zu erschweren, sagt Bertil We- wer vom proNeubritz-Vorstand. So werde im Ster- bebuch des Standesbeamten Paul Fürsts alte Ge- schäftsadresse in der Gontardstraße 2 als Wohn- ort genannt: “Sehr wahrscheinlich lebten aber außer Paul Fürst auch seine Mutter, seine Schwes- ter und sein Bruder während der NS-Zeit hier in der Bruno-Bauer-Straße.” Fürsts Schwester starb, wie Recherchen des Vereins ergaben, bruno-bauer-str. 17a_neuköllnim Dezember 1944, die Mutter, die als Opfer des Natio-nalsozialismus anerkannt wurde, am 14. März 1947. Eine Entschädigungszahlung blieb Paul Fürsts Bruder Wilhelm verwehrt, der später in Moabit wohnte und bis zu seinem Lebensende unter den Folgen des Nazi-Regimes litt. “Was von 1933 bis 1945 in Deutschland den Menschen an Verbrechen und Unmenschlichkeiten angetan wurde, hat auch Gott erzürnt und er wird den Schuldigen nie ver- geben, niemals”, hielt er schriftlich fest.

“Wir gehen jetzt weiter zur Jahnstraße 12, wo der proNeu- britz einen weiteren Stolperstein für Karl Tybussek ver- legen lässt. Danach werden wir die älteren Stolpersteine in Neubritz reinigen”, kündigte Wewer zum Abschluss der Gedenkzeremonie vor Fürsts Wohnhaus an. “Scheiß- wetter!”, brummelt Gunter Demnig und setzt sich zu seinem Assistenten und seinem Fahrer ins Auto. Nachdem der 18. neue Stolperstein weiter im Süden Neuköllns verlegt ist, setzt er seine Mission in anderen Berliner Bezirken fort.

=kiezkieker / Reinhold Steinle / ensa=

Bereits erschienene Beiträge über Stolpersteine im FACETTEN-Magazin: hier!

Entertainment mit Botschaft vom “Fujiama Nightclub”

Für Momente war vorgestern Abend der Geist von Leonhard Cohen und Marilyn Mon- fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinleroe im Saal des Heimathafens Neu- kölln spürbar.

Die Vorstellung des Fujiama Night- club begann erst eine halbe Stunde später als angekündigt. Verzeihlich, da man danach von Morris Perry, dem Initiator des Bühnenprojekts, erfuhr, dass sämtliche Akteure der Show quasi bis zum Heben des Vorhanges für den Abend geprobt hatten.

Die Vorstellung war sehr gut besucht. Was mich freute, war, dass neben vielen jüngeren Leuten auch Menschen in meinem Alter da waren. Das hat für mich immer fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinleetwas Beruhigendes. Im Saal gab es aus- reichend runde Tische, um die jeweils vier Gäste Platz finden konnten. Ich hängte zuallererst meine Jacke zur Platzmarkierung über einen Stuhl und holte mir an der Bar ein Getränk. Und dann hatte ich so richtig Reporterglück: Als ich zurück kam, hatten an meinem Tisch zwei Damen Platz genommen. Schon nach einer Minute waren wir übereingekommen, uns zu duzen, und eine der beiden, Catharina, verriet mir, dass sie die älteste Tanz- schülerin von Morris Perry sei. Sie kenne Morris schon seit den 1980er Jahren, erzählte sie, und vervollkommne seit drei Jahren wieder ihre Stepptanz-Kenntnisse bei ihm.

Perry, der aus Detroit/Michigan stammt, lebt seit Jahrzehnten in Berlin und begann seine Karriere u. a. als Modell, Theater- und  und Filmschauspieler. Er habe auch im Kultfilm „Saturday Night Fever“ mitgetanzt, berichtete Catharina. Inzwischen ist Morris Perry überwiegend als Entertainer, Choreograph und Tanzlehrer tätig. Mit der gleichermaßen von jungen Talenten wie etablierten Künstlern getragenen Mu- sik- und Tanzshow Fuji- ama Nightclub will er „das moderne, interkulturelle Gesicht Deutschlands zei- gen” und „andere inspi- rieren, die eigenen Träume zu verwirklichen und selbst zum Motor für Optimismus, Mut und Lebendigkeit zu werden“.

In der ersten Hälfte der Show gehörte die Bühne vornehmlich Tanz-, Musik- und Gesangstalente aus Berlin. Folgende zwei Namen werden Ihnen jetzt noch nichts sagen, aber wenn sie in einigen Jahren noch einmal diesen Artikel durchlesen, dann fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinlewerden Sie sich sagen: „Ach, die traten damals schon im Fujiama Nightclub auf!“ Suska Ihracky (Ge- sang) & Janis Hagmann (Gitarre, Keyboard) zum Beispiel. Die Stimme von Suska Ihracky ist der Hammer! Ein Ausspruch, der normalerweise seit über 20 Jahren nicht mehr in meinem Wortrepertoire ist. Doch vorgestern kramte ich sogar wieder „Das hat so richtig gefetzt!“ aus meinem Gedächtnis hervor. Zum Beispiel die wunderbare Capoeira-Darbietung von Rogèrio Capoeira Do Mundo, dargeboten von zwei Brasilianern. (Für die Freunde muskulöser Männerkörper: Die sind auch ein Hingucker.) Oder die Band  Heartsbeats. Als die das Lied „Hallelujah“ sangen, da spürte ich doch für einen Moment den Geist von Leonhard Cohen im Raum.

Nach sechs abwechslungsreichen Acts im ersten Teil, gab es eine Pause. Doch was heißt Pause? Es wurden von den Künstlern kostenlos an jedem Tisch Tapas gereicht, und Morris Perry forderte auf, beim Verzehr der Snacks mit den Tisch- nachbarn ins Gespräch zu kommen. Dazu gab es auf der Bühne weiter Gesang und fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinleMusik, was hervorragend zur lockeren Pausenatmosphäre beitrug.

Für den zweiten Teil der Show kündigte Perry dann die Auftritte „der Lehrer“ an: Künstler, die seit langem neben ihren Auftritten auch Schüler unterrichten. So gab es zum Beispiel eine tolle Stepp-tanz-Einlage von Katrin Lehmann oder den Auftritt von 4xSample, einem Beat- box-Duo. Augen zu und man hörte eine Möwe schreien, einen Wal blasen und einen Ozeandampfer tuten. War echt der Hammer!

Und das galt für die komplette Show, die an diesem Abend von etwa 40 Künstlerinnen und Künstlern im Saal des Heimathafens Neukölln dargeboten wurde. Besonders unvergesslich wird der Abend für einen Zuschauer sein, der genau an diesem Tag seinen 40. Geburtstag feierte: Ihm zu Ehren stimmte eine Sängerin im kurzen, weißen Kleid das Lied „Happy Birthday“ an. Und ihre Posen dazu – eindeutig Marilyn Monroe!

Die Frage, warum das Projekt Fujiama heißt, beantwortete mir Morris Perry kurz in der Pause: “Der Berg Fuji”, sagte er, “steht für mich als Sinnbild für die Begriffe Frieden und Kraft.” Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die nächste Show des Fujiama Nightclub ist am 23. November ab 20 Uhr im Heimathafen Neukölln zu erleben.

=Reinhold Steinle=

Und abends mit Beleuchtung

Bis in den Bezirk Mitte strahlen die Feierlichkeiten um das 275-jährige Bestehen des Böhmischen Dorfs in Neukölln: Auf dem  Bethlehemkirchplatz  wurde am 26. Juni die

"wandering church"-installation, bethlehemkirchplatz berlin-mitte, foto: reinhold steinle "wandering church"-installation, bethlehemkirchplatz berlin-mitte, foto: reinhold steinle

“Wandering Church”-Installation von Juan Garaizabal eingeweiht, die an die Bethlehemskirche erinnern soll. Diese wurde 1943, im 2. Weltkrieg, stark beschädigt und 20 Jahre später abgerissen.

=Reinhold Steinle=

Ein Fest für Beatles-Fans

Zwei Ereignisse in meinem Leben haben mich derart beeindruckt, dass ich noch heute dankbar bin, diese miterlebt zu haben. Das eine war 1969: Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mondboden,  und ich durfte damals bis nach Mitter- nacht aufbleiben, was mir schon allein deswegen unvergesslich geblieben ist. Das andere war, als  Rainer Bonhof   1974  von rechts auf Gerd Müller passte. Der drehte sich und Deutschland wurde Fußballweltmeister. Beide Ereignisse kann man sich heute auch auf DVD ansehen, doch dies kann niemals an das Gefühl herankommen, damals am Fernseher live dabei gewesen zu sein.

Für ein weiteres Ereignis bin ich leider etwas zu spät geboren. Doch selbst wenn ich – statt 1958 – ein paar Jahre früher zur Welt gekommen wäre, mein Vater mit seinem gänzlich anderen Musikgeschmack hätte mir sicher nicht erlaubt, ein Konzert der beatles-musical "all you need is love", estrel festival center neuköllnBeatles zu besuchen. Ich weiß, jetzt wird die Hälfte der Leserschaft meiner Altersklasse mit dem Lesen aufhören: Viel Spaß weiterhin beim Hören der Rolling Stones. Ich war und bin dagegen ein Beatles-Fan. Und als solcher möchte ich vom Besuch des  Beatles-Musi- cals “all you need is love!”  im  Estrel Festival Center in Neukölln berichten.

Zuerst der Rahmen: Ein großer Saal mit runden Tischen, an denen jeweils vier Personen Platz nehmen konnten. Darauf Sektkübel mit weißen Tüchern. Ein Publikum mit etwa 200 Zuschauern, von denen beatles-musical "all you need is love", estrel festival center neuköllnvermutlich die meisten meine zwei anfangs geschilderten Ereignisse auch miterlebt haben. Und ich, der nach einem Blick in den Raum mit dessen Bestuhlung und auf das Publikum dachte: „Es ist gut, dass die Beatles 1970 aufgehört haben. Man muss zur rechten Zeit den Abgang schaffen.” (Schade, dass das die Stones-Fans jetzt nicht mehr lesen.)

Schließlich traten sie auf, die vier ame- rikanischen Musiker, die die Songs der Fab Four coverten: Tony Kishman als Paul McCartney, Gary Gibson als John Lennon, Carmine Grippo als Ringo Starr und John Brosnan als George Harrison.  Mithilfe weiterer Protagonisten ließen sie die Geschichte der Beatles Revue passieren.

Es wurden viele unvergessene Songs der Beatles gespielt und zumeist auch gut gesungen. Dabei gewann – wie schon bei den Originalen – der John Lennon-Imitator um Längen gegenüber dem von Paul McCartney. (Sorry Paul, aber darüber brauchen wir nicht diskutieren.) Zu den Liedern wurde auf drei Großleinwänden überwiegend historisches Bildmaterial zu den Beatles eingespielt. beatles-musical "all you need is love", estrel berlin, estrel festival center, foto: stars in concertZwischen den Liedern erzählte ein Hamburger Junge aus der Perspektive eines Roadies von den Anfängen der Beatles in der Hanse- stadt. Ein weiterer Mitspieler, Ian Wood, stellte den Sänger Tony Sheridan dar, der damals in Hamburg von einer jungen, unbekannten Band – nämlich den Beatles – begleitet wurde. Dieser spielte in einer spä- teren Szene außerdem Brian Samuel Epstein, den Manager der Beatles. Beides machte er so lebendig, dass ich ihn auch gerne noch in der Rolle des mich wenig überzeugenden Roadies gesehen hätte. Mit diesem Gedanken und weiteren dramaturgischen Ideen ging ich in die beatles-musical "all you need is love", estrel berlin, estrel festival center, foto: stars in concertPause.

Danach begannen die Musiker mit „Ticket to Ride“, natürlich von John Lennon/Gary Gibson gesungen. Und jetzt fing für mich die Show richtig an: Die Videoleinwände zeigten Szenen von den Auftritten der Beatles 1965 in den USA, mit kreischenden Fans und ohnmächtig gewordenen Mädchen. Dann folgten „A Hard Day´s Night“ und „Help“. Als die vier schließlich in den Phantasieuniformen der Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band auftraten, war es um mich geschehen. Die live gespielten Lieder und die psychedelischen Filme auf den Leinwänden wurden für mich zu einer Einheit. Mir kamen die merkwürdigsten Gedanken, zum Beispiel die Idee eines Konzerts der Beatles-Coverband in den Sgt. Pepper’s-Uniformen mitten in Neukölln bei der Einweihung des neuen Platzes der Stadt Hof nach dessen Umgestaltung.

Dann ging es Schlag auf Schlag, über 30 Songs waren es am Ende: „Yesterday“, „Something“, „All You Need Is Love“, “Ob-La-Di, Ob-La-Da”, “Hey Jude”.  Zu “Twist and Shout” tanzten wir im Stehen und forderten eine Zugabe.  Die kam folgerichtig mit „Day Tripper“, und „Back in the U.S.S.R.“ und „Let It Be“. Hätte ich jetzt ein Feuerzeug gehabt, hätte ich es beatles-musical "all you need is love", estrel berlin, estrel festival center, foto: stars in concertwie die Raucher geschwenkt. So blieb mir nur, das weiße Tuch aus dem Sektkübel zu nehmen und dieses wie ein Lasso über meinem Kopf zu schwingen.

Der mitreißende Schwung dieser zweiten Showhälfte hätte auch in die erste gehört, die leider vergleichsweise behäbig daher gekom- men war. Dabei wäre es ein Leichtes, ihr durch wenige dramaturgische Änderungen mehr Pep zu geben. Hier meine Überlegungen dazu:  1) Zu Beginn: Der Manager-Darsteller kommt auf die Bühne und fragt das Publikum: „Wollt ihr die Beatles hören?“ … „Ich kann euch nicht hören!“ Unter 110 Dezibel „Jaaaaa!“ wird gar nicht erst angefangen. 2) Musik lauter: Leute, das sind die BEATLES! 3) Wenn man ein Tonstudio zeigen will und das Publikum zwei Tonbänder sieht, dann müssen diese sich auch drehen. Es reicht nicht, dass allein eine rote Lampe leuchtet! 4) Das Publikum mehr einbeziehen, zum Beispiel indem man ein paar Takte anspielt und das Publikum raten lässt, welches Beatles-Lied so beginnt. (Für das Inszenieren von Abba-, Johnny beatles-musical "all you need is love", estrel berlin, estrel festival center, foto: stars in concertCash- und Peter Alexander-Revivalshows wäre ich übrigens auch der richtige Ansprechpartner.)

Sie waren auch schon einmal in der Show und haben gänzlich andere Eindrücke davon gewonnen? Nun, es gibt auch Menschen, die behaupten, dass Neil Armstrong nie die Mondoberfläche betreten hat und die Aufnahmen in einer abgedunkelten Halle auf der Erde nachgestellt worden sind. Kann alles sein, auch dass Sie finden, dass der Ringo Starr-Imitator  Carmine Grippo im Beatles-Musical “all you need is love!” mehr wie Leslie Mandoki ausgesehen hat. Aber über eines lässt sich wirklich nicht diskutieren: Das 2:1 für Deutschland im Endspiel der Fuß- ballweltmeisterschaft 1974. Danke, Gerd Müller!

Das Beatles-Musical „all you need is love!“ gastiert noch bis zum 29. Juli im Estrel Festival Center (Sonnenallee 225, Berlin-Neukölln) und beginnt mittwochs bis samstags um 20.30 Uhr sowie sonntags um 19 Uhr. Karten kosten von 20 bis 48,50 € und sind bei der Ticket-Hotline 030 – 6831 6831 sowie unter  www.stars-in-concert.de  erhältlich.

=Reinhold Steinle=

Beziehungsweise

Die Weisestraße liegt im Neuköllner Schiller- kiez und ist eine Paral- lelstraße zur prominen- ten Schillerpromenade. Letztere ist der Ku- damm des Schillerkie- zes, erstere dafür ein kleines Stück länger. In der Weisestraße ist auch die Karl-Weise-Grundschule ansässig. Viele haben diese – oft nicht ganz freiwillig – näher kennen gelernt.

Wer war aber dieser Karl Weise? Als Schüler brachten ihm seine Streiche häufig Prügel ein und mehr als einmal wechselte er die Schule. Auch nicht immer auf eigene Initiative hin. Dass einmal eine Schule seinen Namen trägt hat er zu Lebzeiten nicht mehr erlebt. Oder sollte man besser sagen: nicht mehr erleben müssen? Doch zurück ganz an den Anfang.

Karl Weise wurde im November 1813 in Halle an der Saale geboren. Sein Kreißsaal war der Kellerraum einer Essigbrauerei. Mit seinen Geschwis- tern hätte er eine eigene Fußball- mannschaft plus eines Auswechsel- spielers stellen können; insgesamt zwölf Kinder gehörten zur Familie.

Als Sohn eines Zimmermanns erlernte auch Karl ein Handwerk – das des Drechslers. Nach seiner Lehre ging er, wie damals üblich, für drei Jahre auf Wanderschaft. In Berlin, wo er von 1842 bis 1848 lebte, schloss er bei einem Berliner Drechslermeister seine Meisterprüfung ab. Im Mai 1848 zog er nach Freienwalde (heute ist es eine 12.000 Einwohner-Stadt, die sich Bad Freienwalde nennt) und lebte dort bis zu seinem Tode im Jahr 1888.

Kinder hatte Karl Weise auch. Jedoch brachte er es nur auf eine halbe Fußballmannschaft. Beide Geschlechter paritätisch verteilt. Neben Auguste, Henriette Clara und Ottilie Marie Adophine gab es einen Karl Friedrich, einen Friedrich Wilhelm karl weiseund einen Barnim Friedrich Johannes. Barnim? Ein Blick in wikipedia zeigt, dass Freienwalde noch innerhalb der Begrenzung der Barnimhochfläche liegt. Daher nur Mut, wenn Sie überlegen, Ihren Sohn Berlin oder Neukölln zu nennen.

Als Karl Weise von 1842 bis 1848 in Berlin wohnte und lebte, besuchte er nicht ein einziges Mal Rixdorf, das damals noch weit vor den Toren Berlins lag. Weshalb dann die Benennung einer Straße, dies im Jahre 1894, und der Namensgeber für eine Schule in Rixdorf? Gemach.

Neben seinem Beruf als Drechslermeister pflegte Karl Weise noch ein großes Hobby. Er drechselte mit Leidenschaft Verse. Theodor Fontane hat Karl Weise in Freienwalde besucht und beginnt seine schriftliche Schilderung dieses Besuches passenderweise mit einem Vers:
Drechselt Pfeifen in guter Ruh
Und macht auch wohl
´nen Vers dazu.
Aus der Begegnung zwischen Fontane und Karl Weise entwickelte sich eine Freundschaft, die lebenslang anhielt. Als Karl Weise im Alter zu verarmen drohte, weil die aufkommende Zigarettenraucherei seiner Pfeifendrechslerei, von der er hauptsächlich lebte, schwer zu schaffen machte, wurde er u. a. von Fontane finanziell unterstützt. In einem Brief von Fontane aus dem Jahr 1862 findet sich folgende Bemerkung: „Von sechs bis acht reizende Fahrt nach dem Schlossberg, von acht bis elf mit dem Dichter und Drechslermeister Weise beim Biere geplaudert.“ Theodor Fontane widmete Karl Weise in seinen „Betrachtungen durch die Mark Brandenburg“ ein ganzes Kapitel mit dem Titel „Hans Sachs in Freienwalde“.

Jetzt aber schlussendlich zu der Beziehung zwischen Rixdorf und Karl Weise. Im Jahre 1874 trug er im Rixdorfer Handwerker-Verein sein Gedicht mit dem Titel „Loblied auf Rixdorf“ vor, dessen Eingangssätze abschließend zitiert werden. Dieser Vortrag und das Gedicht waren der Anlass, dass dann im Jahr 1894 im Schillerkiez eine Straße seinen Namen bekam: Weise- straße. Glücklicherweise hat sich bei der Namensgebung für die Schule niemand nach den Schulerfahrungen des jungen Karl Weise erkundigt. Obwohl, eigentlich hätte er mit seinem damaligen Betragen gut auch in heutiger Zeit die Karl-Weise-Grundschule besuchen können. Weshalb er in seinem Gedicht eingangs schreibt, dass er 10 Jahre in Berlin gewesen sei, obwohl es doch nur sechs Jahre waren? Vielleicht erinnerte er sich nicht mehr richtig daran oder ihm kam die Zeit länger vor. Oder die zehn Jahre sind einzig und allein dem Versmaß geschuldet.

Hier nun der Anfang seines Gedichts „Loblied auf Rixdorf“:

Zehn Jahre einst in Berlin gewesen
und heute Rixdorf erst gesehen?
Wo hätt´man je gehört, gelesen,
dass so Entsetzliches geschehn! –
Drum, Freunde, wahr´ ich keiner Zunge,
die heut mich durch den Gruss blamiert,
solch´ Dichter ist ein fauler Junge,
der nie nach Rixdorf hinspaziert!
Doch zwischen sonst und jetzt, ihr Lieben,
liegt vieles, ja das wissen wir,
wär´ Rixdorf, wies einst war, geblieben,
so wär´t ihr allesamt nicht hier.
Jetzt ist im Glanz und Schmuck gegeben.
Doch wem verdankt´s auch dieser Ort?
Des Volkes geistig regerm Streben,
der Bildung und dem freien Wort.
Wer von Berlin nach Rixdorf reiste,
den gab man einst verloren schon,
und wen der Sand nicht ganz verspeiste,
der hiess Fortunas Lieblingssohn.
So klangs vor mehr denn dreissig Jahren,
drum stand nach Rixdorf nie mein Sinn,
denn nichts als Dünger sah man fahren,
aus Spree-Athen nach Rixdorf hin.
Jetzt gibt´s Palais und prächt´ge Strassen,
dass jedes Augen staunen muss,
nicht eine Kuh sieht man mehr grasen,
auch fährt, und ich mach´ keine Phrasen,
jetzt schon dorthin ein Omnibus.

=Reinhold Steinle=
(unter Zuhilfenahme von Hainer Weißpflugs Artikel „Hans Sachs in Freienwalde“)

Reinhold Steinle ist am 26. Mai wieder in der Gegend rund um die Weisestraße unterwegs. Seine Stadtführung “Vom Schillerkiez zum Roll- bergviertel” startet um 15 Uhr am Backparadies in der Hermannstr. 221. Anmeldung erwünscht: Tel. 53 21 74 01; die Teilnahme an der mindestens 90-minütigen Tour kostet 10 Euro (erm. 7 Euro).

Positive Schwingungen in einem Berliner U-Bahn-Tunnel

Lange Zeit ging ich nicht gerne in den U-Bahnhof Schönleinstraße, der auf der Strecke der U8 direkt unter der Bezirksgrenze zwischen Neukölln und Kreuzberg liegt. Das hat sich gebessert seit dort leckere japanische Reispäckchen verkauft und von mir verzehrt werden. Aber jetzt hat eine unbekannte Künstlerin oder ein Künstler – ich u8 berlin, schönleinstraße, schönseinstraße, foto: reinhold steinletippe aber auf eine Frau, weil es so einfallsreich und kreativ ist – den U-Bahnhof verwandelt.

Als erstes wurde er in Schönsein- straße umbenannt. Und vom eigenen Schönsein kann man sich gleich überzeugen, wenn man in einen dort angebrachten Spiegel schaut: „Du foto: reinhold steinlesiehst toll aus“ bestä- tigt der. An die Berlin-Touristen und die immer zahlreicheren englisch- sprachigen Berliner aus Amerika, England oder Grie- chenland hat der/die unbekannte Künstler/in auch gedacht:  u8 schönleinstraße berlin, king of the day, foto: reinhold steinleRichtig positioniert werden sie mit dem Titel „King of the day“ geadelt. Das greift doch tatsächlich meine Idee auf, dass wir täglich einen neuen Bundespräsidenten/ eine neue Bundespräsidentin bekommen sollten: Ein Tag müsste doch skandalfrei rumzukriegen sein.

Durch die neue Station Schönseinstrasse und die dort zahlreich angebrachten Spie- gel kann man im Nu neues Selbstbe- wusstsein tanken. Ich sehe schon Berliner/innen aus Charlottenburg, Marzahn und anderen Bezirken in der U-Bahnstation Schönseinstraße aussteigen, um sich dort für ein anstehendes Vorstellungsgespräch oder ein Date in eine positive Schwingung zu bringen. Der/die Künstler/in ist jedenfalls mein King, meine Queen of the day.

=Reinhold Steinle=

Samstag ist Reinhold Steinle wieder als Stadtteilführer in Neukölln unter- wegs: Um 15 Uhr startet seine Tour durch den Richardkiez. Seine “Entdeckungen im Reuterkiez”, die unweit der besagten U8-Station beginnen, zeigt er am 17. März zum nächsten Mal.

Begegnung der anderen Art: Expedition trifft Demonstration

Gestern Nachmittag im Neuköllner Schillerkiez: Wochenmarkt auf dem Herrfurthplatz, mehr Inventar des städtischen Fuhrparks als Privatautos rund um die Genezareth-Kirche, viele Leute im schwarzen Demonstranten-Outfit und Polizeibe- amte in obligatorischen Schutzmon- turen zwischen Anwohnern und Spa- ziergängern. Und mittendrin: Rein- hold Steinle samt Aktentasche und Gerbera und mit einer Gruppe im Gefolge, die sich von Neuköllns pro- minentestem Stadtführer den Schiller- sowie den benachbarten Rollbergkiez zeigen lassen will.

Knapp 10 Frauen und Männer waren diesmal dabei, obwohl das Wetter eher dazu einlud, es sich an der warmen Heizung gemütlich zu machen. Die Temperatur schaffte es nicht ins Plus, lag gefühlt sogar im zweistelligen Minusbereich. “Ein Mann schwächelte schon etwa eine Viertelstunde nach dem Start und verabschiedete sich wegen der Kälte”, erzählt Reinhold Steinle. “Wir anderen sind dann aus rein kul- turellem Interesse länger im Schillerpalais und in der Genezareth-Kirche geblieben, man könnte aber auch sagen: Wir wollten uns in beiden Orten aufwärmen.”

Die Demonstration beeinflusste die Dauer der Kiezerkundung erheblich weniger: “Wir liefen einfach zwischen den ganzen Grünen und Demonstranten hindurch. Einige Polizisten schmunzelten und andere schauten erst recht ganz streng.” Wofür oder gegen was die Protestler auf den Beinen waren, wussten weder Steinle, noch seine Expeditionsteilnehmer, noch die von ihnen befragten Passanten. Das erfuhren manche erst durch die Meldung im ersten Nachrichtenblock der rbb Abendschau (ab 1:29 Min.). Auf die Frage eines Teilnehmers, ob Demonstrationen im Schillerkiez ein Dauerzustand seien, hatte Steinle dagegen sehr wohl eine Antwort: “Ich konnte ihn beruhigen und das zum Glück verneinen.” Die nächste Möglichkeit, sich davon zu überzeugen, gibt es am 25. Februar: Dann sind die International Urban Operations Conference und der 15. Europäische Polizeikongress schon Vergangenheit.

=ensa=

Substituiert

Wenn Reinhold Steinle in Neukölln unterwegs ist, dann oft mit einer Menschentraube im Schlepptau. Was wäre ein Stadtführer schließlich ohne die, die mit ihm mehr oder weniger unbekanntes Terrain erkunden wollen? Häufig spaziert Steinle aber auch in (semi-)privater Mission durch Neukölln, und dann ist nur seine ständige Begleiterin dabei: Die kompakte Digitalkamera, mit der er Facetten des Alltäglichen in Neukölln sammelt. Oder Skurrilitäten am Straßenrand wie diese.

neukölln, troll statt mercedes-stern, foto: reinhold steinle

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Neukölln-Gewinnspiel: Die Bescherung geht weiter (3)

Heute, am dritten von insgesamt sieben Tagen unseres Zwischen-den-Jahren-Gewinnspiels, geht es – wie schon vorgestern – um einen Preis, der nach Neukölln führt. Und durch Neukölln, denn er wird von Stadtführer Reinhold Steinle zur Verfügung gestellt. Hoffnungen auf den Gewinn darf sich machen, wer folgende Frage richtig beantwortet:

Mit ihrem Projekt zum Thema Energiesparen gewann eine Neuköllner Schule im März einen der mit 10.000 € dotierten Hauptpreise eines Schul- wettbewerbs, der 2009 erstmals ausgeschrieben wurde. Um welche Schule handelt es sich? 

Der/die Gewinner/in des heutigen Quiz-Tages wird von Stadtführer und Moderator Reinhold Steinle am 14. Ja- nuar 2012 nachmittags zur Erkundung des Richardkiezes eingeladen. Der geführte Spaziergang steht unter dem Motto “Damals und heute am Richard- platz” und informiert unterhaltsam über die Geschichte Neuköllns sowie aktuelle Entwicklungen im Kiez.

Wer die Teilnahme am Kiez-Rundgang mit dem gebürtigen Schwaben und gefühlten Berliner gewinnen möchte, schreibe den Namen der gesuchten Schule sowie (3) in die Betreffzeile einer E-Mail und schicke sie bis morgen (28. Dezember) 12 Uhr an: Der/die Gewinnerin wird direkt benachrichtigt. Gehen mehrere richtige Lösungen ein, entscheidet das Los. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Wir wünschen viel Glück!

Update (28.12., 13:10 Uhr): Heinrich-Mann-Schule war die korrekte Antwort auf diese Quizfrage. Schülerinnen und Schüler der KG 10.5 wurden im Frühjahr für ihr Projekt “Energiesparen – Geht Dir ein Licht auf?” mit dem Deutschen Klimapreis 2011 ausgezeichnet.

Der Gewinner des Richardkiez-Spaziergangs mit Reinhold Steinle wurde per Los ermittelt und über sein Glück informiert.

Jedem das Seine

adventsmarkt herrfurthplatz, pro schillerkiez e.v., neuköllnDie einen wollten nur Obst, Gemüse, Brot, Käse oder Fisch kaufen, die anderen steuerten zielstrebig den Kaffeewagen oder Glühweinstand an. Wiederum ande- re  schlenderten von Stand zu Stand, bestaunten Kunst und Kunsthandwerkli- ches oder lauschten Weihnachtsge- dichten, Reinhold Steinle als Auktionator oder Günther Stolarz. Derweil hofften die adventsmarkt herrfurthplatz, pro schillerkiez e.v., neuköllnMenschen hinter den Marktständen, dass endlich die Windböen abflauen und aufhören, an Waren, Deko und Planen zu rütteln.

Dass nicht nur Erwachsene höchst unterschiedliche Wünsche haben, ließ sich außerdem sehr gut auf dem Ad- adventsmarkt herrfurthplatz, pro schillerkiez e.v., neuköllnventsmarkt im Neu- köllner Schillerkiez beobachten, der sich gestern ins obligatorische samstägliche adventsmarkt herrfurthplatz, pro schillerkiez e.v., neuköllnMarkttreiben einreihte. Da gab es einer- seits die Kleinen, die  exzessiv in der Geschenkekiste der Weihnachtsfrau kramten. Und andererseits die genügsa- meren Naturen, die einfach erstmal nur sitzen und sich ausruhen wollten – zur  Not  auch  auf  Mutters  Fuß.

=ensa=

Stroh ‘n’ Roll

popraci rixdorfer strohballenrollen, neuköllnDass am zweiten Advents- wochenende kein Durch- kommen auf dem Richard- platz ist, wussten sie. Ebenfalls, dass der Platz rund um die Rixdorfer Schmiede während des Kunst- und Kulturfestivals “48 Stunden Neukölln”  mehr Trubel als histori- sche Idylle zu bieten hat. Was seit 2008 immer am zweiten Septembersams- tag in der guten Stube des Bezirks stattfindet, das war allerdings bisher nicht bis zu ihnen in den Ortsteil Rudow tief im Süden Neuköllns vorgedrungen: “Wir haben übers Wochenende Besuch aus Westdeutschland und wollten denen den Richardplatz und das Böhmische Dorf zeigen und danach auf der Terrasse der Villa Rixdorf was essen.” Nun steht das Rentner-Paar aus dem Süden Neuköllns am westlichen Eingang zum Richardplatz und blickt ebenso irritiert wie die beiden Besucher aus Bonn auf das Treiben.

Kinder bewerfen sich gegenseitig mit Stroh, eine Männerstimme mit schwäbischem Zungenschlag  schallt  durch   den   Kiez,  kostümierte   Erwachsene  rollen  in  Vierer-

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Teams riesige, über 200 Kilo schwere Strohballen über die kopfsteingepflasterte Straße, die den Platz umgibt. “Was soll das? Weshalb machen die das?”, fragen die auswärtigen Gäste ihre Gastgeber, bekommen aber nur ein Schulterzucken samt einer Gegenfrage: “Aus Jux und Dollerei?”. Das sei Popraci, das Rixdorfer Stroh- ballenrollen, ein traditioneller Wettkampf, der nun schon zum 178. Mal ausgetragen werde, mischt sich ein Mann mit einem Kind auf den Schultern ein, der hinter den bei-

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den Paaren steht und ihren kurzen Dialog mitbekommen hat. “Buschkowsky”, ergänzt er, “hat das Fest vorhin eröffnet.” Was Traditionelles also, wiederholt die graumelierte popraci rixdorfer strohballenrollen, neukölln, heinz buschkowsy, christoph agi böhm, rudolf jindrakRudowerin bestimmt.  Dass der Neuköllner Bezirksbürgermeister mitten im Wahlkampf für einen Auftritt bei einem Jux-und-Dollerei-Wett- bewerb gewonnen werden kann, scheint für sie außerhalb des Vorstellbaren zu liegen. “Lasst uns mal gucken, ob das Remmidemmi bis zur Schmiede geht”, schlägt ihr Mann vor. Dem Begleiter aus Bonn ist deutlich anzusehen, dass hinter seiner Stirn die eben gehörten popraci rixdorfer strohballenrollen, neukölln, reinhold steinleInformationen skeptisch verarbeitet werden.

Großartig, einfach nur großartig und wunderbar findet eine junge Familie vom Bodensee das Fest. Die Eltern halten ihre Tochter, die Stroh in den Haaren und sich das Gesicht bemalen lassen hat, an den Händen und stehen im Zielbereich, wo Moderator Reinhold Steinle im für sie vertrauten Idiom erschöpfte Wettkämpfer interviewt. Der einzige Kritikpunkt betrifft das Personal des Estrel Hotels, wo die Touristen aus dem Schwäbischen für ein verlängertes Wochenende logieren: “Mit keinem Wort haben die das Strohballenrollen erwähnt, als wir heute Morgen an der  Reception gefragt  haben, welche  kindgerechten Veranstaltungen  es  gerade  in

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Berlin gibt. Dabei findet das doch fast vor der Haustür statt.” Auf der Suche nach einem Spielplatz in Hotelnähe seien sie dann in das Rixdorfer Strohballenrollen am Richardplatz geraten. “Wo ist denn die nächste Apotheke, die noch offen ist?”, er- kundigt sich der Mann. Er brauche dringend ein Antiallergikum.

=kiezkieker/ensa=

Geschlossene Gesellschaft?

Ich war zu meiner Freundin und Lebensgefährtin Monika unterwegs. Die Anzeigetafel auf der S-Bahnstation informierte mich, dass der zweite Wagen des S-Bahn-Zuges geschlossen sei. Gut zu wissen. Dann brauchte ich nur noch darauf zu achten, welche Türen defekt sind; zu erkennen an den roten Aufklebern darauf.

Für mich unverständlich, weshalb man darüber nicht gleich auf der Anzeigetafel mit informiert. Es könnte doch einfach angezeigt werden, dass zum Beispiel die dritte, siebte und achte Tür des S-Bahn-Zuges defekt sind. Wozu hat man denn solch eine moderne Technik an den S-Bahnstationen eingeführt? Die muss man doch nutzen. Dann vielleicht noch darauf hinweisen, dass man die Bier- lache unter dem zweiten Sitz im dritten Wagen mit Sandalen möglichst meiden sollte, und man könnte sich prima auf die S-Bahnfahrt einstellen. Leider blieb es jedoch bei der unvollständigen Information, dass der zweite Wagen des S-Bahn Zuges geschlossen sei.

Auf die Plätze neben mir im ersten Wagen setzte sich ein Paar mit ihrem etwa 12 Jahre alten Sohn, der sich nach dem Hinsetzen sofort mit seinem Gameboy beschäftigte. Sein Vater stellte eine, wie mir zuerst schien, rein rhetorische Frage, denn er sagte: „Weshalb lassen die uns denn nicht in den zweiten Wagen?“ Ohne von seinem Gameboy aufzublicken, meinte sein Sohn: „Vielleicht fährt mit dem die Regierung.“ Eine originelle Idee. Angela Merkel, Guido Westerwelle und das ganze übrige Kabinett steigen irgendwo auf der Strecke von Tempelhof nach Neu- Westend in den zweiten Wagen der S-Bahn ein. Und wenn alle drinsitzen steigt an der nächsten Station ein „Motz“-Verkäufer zu. Und wenn das Kabinett vorhat, sogar eine ganze Runde mit der Ringbahn zu drehen, dann lernen sie, dass manche störenden Geräusche nicht durch einen Schaden an der S-Bahn entstehen, sondern dadurch, dass leere Bierflaschen durch den Wagen rollen. Ich fand es jedenfalls sehr bedauerlich, dass bis Neu-Westend nicht ein einziges Mitglied der Regierung in den zweiten Wagen eingestiegen ist.

=Reinhold Steinle=

Reinhold Steinle moderiert morgen Popráci, das Rixdorfer Strohballenrol- len am Richardplatz in Neukölln. Die nächsten Termine für seine Stadt- führungen  durch  Neuköllner  Kieze  sind  hier  aufgelistet.

Rätselhaftes Wrack am Straßenrand

innsbrucker platz, berlin-schöneberg, foto: reinhold steinleNeuköllns prominentester Stadtführer Reinhold Steinle ist nicht nur häufig in den Neuköllner Kiezen unterwegs (z. B. morgen ab 15 Uhr in der Gegend rund um den Richardplatz). Auch in an- deren Berliner Bezirken kann man ihm oft begegnen. Dort hat er allerdings nie sein Erkennungszeichen, die Gerbera, dabei, meis- innsbrucker platz, berlin-schöneberg, foto: reinhold steinletens aber seine Digitalkamera.

Mit der machte er vor drei Tagen in Schöneberg am Innsbrucker Platz diese Bilder, die er dem FACETTEN-Magazin zumailte. Welcher Umstand zur weitgehenden Zer- störung des Fahrrads führte, ist Reinhold Steinle ein Rätsel. Möglich, dass es sich um einen Kollateralschaden der in Berlin wütenden Autoabfackler handelt oder hier Trittbrettfahrer an einem unmotorisierten Zweirad für das große Inferno geübt haben.

Sicher ist Steinle jedoch: “Von allein brennt kein Fahrrad! Zum einen ist die Hitze hier nicht stark genug und zum anderen regnet es dann gleich wieder.”

=ensa=

Mit Reinhold Steinle durch den Reuterkiez (2)

(Fortsetzung) Ein Umfeld, in dem sich auch Gabriele Prellwitz mit der Ladenwerkstatt reuterkiez-führung,reinhold steinle,neukölln,anyonion strickmaschineihres Strickdesign-Labels anyonion wohlfühlen könnte – theoretisch. Praktisch würde im Schokofabrik-Hof aber die Laufkundschaft gehörig fehlen. Insofern war die Ansiedlung des Geschäfts in der Bürknerstraße eindeutig die bessere Wahl. “Seit einiger Zeit kommen auch immer mehr Laufkunden in den Laden”, sagt die Mitarbeiterin als alle Fragen zur 3,5 Tonnen schweren Strickmaschine beantwortet sind, auf der alle Teile der Kollektion sowie Accessoires hergestellt wer- den: “Wir merken also durchaus, dass sich im Kiez etwas zum Positiven verändert.”

reuterkiez-führung,reinhold steinle,neukölln,bürknerstraßeReinhold Steinle lenkt die Blicke auf die Fassaden der Häuser auf der gegenüber liegenden Seite der Bürk- nerstraße. Die Gebäude seien alle nach 1912, ergo: nach der  Umbenen- nung Rixdorfs zu Neukölln, errichtet worden – mit geräumigen, repräsen- tativen Wohnungen. Analog zur Schil- lerpromenade sollte hier eine Ge- gend für das Bürgertum entstehen. Das sähe man auch an den teils aufwändig verzierten Haustüren, merkt ein Mann aus der Gruppe an. “Architekten”, weiß er, “haben damals oft Türen extra für die von ihnen konstruierten Häuser ent- worfen.” Eine Information, die auch dem Stadtführer bisher unbekannt war. Er bedankt sich dafür und kündigt an, bei künftigen Touren darauf hinzuweisen. So wie darauf, dass schräg gegenüber des Ladens von Gabriele Prellwitz früher der Geschäftsführer der Karstadt-Filiale am Hermannplatz wohnte.

Weiter geht’s zur Kreuzung Bürkner-/Hobrechtstraße, wo Steinle an James Hobrecht, den Erfinder und Konstrukteur der Berliner Kanalisation erinnert. Am 13. August 1873 wurde mit dem Bau des Abwassernetzes für die Stadt begonnen;  im heutigen reuterkiez-führung,reinhold steinle,neukölln,kids gardenReuterkiez herrschten noch Wiesen und Felder vor.

Heute sind Grünflächen auf dem etwa 70 Hektar großen Gebiet rar. Eine, die erst 1999 dazu kam, liegt zwischen Hobrecht- und Friedelstraße. Reinhold Steinle zieht einen Schlüssel aus seiner braunen Ak- tentasche. Wer den nicht hat, muss sich mit einem Blick durch die Bullaugen in den Toren begnügen. Früher habe auf dem Gelände eine Papierwarenfabrik gestanden, erzählt Steinle. Nun heißt das Areal Kids’ Garden und bietet den im Kiez lebenden Familien zumindest ein wenig Grün. reuterkiez-führung,reinhold steinle,neukölln,kids garden“Hundekackefrei”, wie Steinle betont. Der große Sandspiel- platz ist bei Kleinkindern heiß begehrt, für Größere gibt es Rasenflächen zum Austoben. Nahe dem Tor zur Friedelstraße wurden Beete angelegt, auf denen Blumen, Kräuter und Nutzpflanzen gedeihen. “Jede Kita”, erzählt Reinhold Steinle, “hat hier ihr eigenes Beet, das nach dem Geschmack der Kin- der bepflanzt werden kann.” Wie lange ihnen dieses kleine Paradies noch bleibt, ist unklar. “Das ist ein ständiges nerviges Hin und Her wie bei so vielen Projekten”, kritisiert eine Mutter, die sich mit anderen dort regelmäßig trifft. Der aktuelle Stand sei, dass der Nutzungsvertrag bis reuterkiez-führung,reinhold steinle,neukölln,hüttenpalastzum Frühjahr nächsten Jahres verlängert wurde.

Der “Hüttenpalast” ist die letzte Entdeckung im Reuterkiez, die Reinhold Steinle bei dieser Tour präsentiert. In zwei ehemaligen Fabrikhallen in der Hobrecht- straße haben sich Silke Loren- zen und Sarah Vollmer einen Traum erfüllt: Alle aus der Grup- pe haben sich dessen Umset- zung schon im Fernsehen ange- guckt, nun stehen sie zum ersten Mal selber staunend in der ehemaligen Staubsaugerfabrik, die durch ein innovatives Raum-in-Raum-Konzept zu einer Mischung aus Camreuterkiez-führung,reinhold steinle,neukölln,hüttenpalastreuterkiez-führung,reinhold steinle,neukölln,hüttenpalastpingplatz, Ferienhaus-An- lage und Bed & Breakfast-Pen- sion für 12 Per- sonen wurde. Ein Schlafplatz mehr hätte die behördliche Ge- nehmigung des ungewöhnlichen Übernachtungsbetriebs sehr viel komplizierter gemacht. Doch auch so sei eine gute Portion Überraschungseffekt und Überrumpelungs- taktik im Spiel gewesen: Dass jemand ein paar alte Wohnwagen in eine Fabrikhalle stellen, zusätzlich einige Holzhütten aufbauen, daraus Doppelzimmer machen und alles Hotel nennen will, kommt schließlich nicht jeden Tag vor.

Nicht mal im angesagtesten Kiez Neuköllns. “Jede Woche”, sagt Reinhold Steinle, “macht hier irgendwo ein neues Geschäft auf.” Einige Läden und Einrichtungen, die der Stadtteilführer noch vor Jahresfrist bei seinen Touren vorstellte, sind inzwischen nicht mehr da. “Die Gentrifizierung frisst ihre Kinder”, fasst Christina Both von der Café-Galerie “Klötze und Schinken” den Wandel des Reuterkiezes zusammen, der erst zum Problem-Quartier abgestempelt war und nun Szene-Viertel ist – mit neuen Problemen. Über die will Reinhold Steinle eigentlich nicht gerne reden. Ihm geht es in erster Linie darum, die positiven Seiten des Bezirks zu zeigen. “Als ich vor drei Jahren unter diesem Motto meine Neukölln-Führungen begann”, erinnert er sich, “haben mich alle für verrückt gehalten.” Auch das hat sich geändert.

Die nächste “Entdeckungen im Reuterkiez”-Tour mit Reinhold Steinle findet am kommenden Freitag (22.7.) statt. Der Kiezspaziergang, der dann von einem Kamera-Team begleitet wird, startet um 15 Uhr an der Café-Galerie Klötze und Schinken. Die Teilnahme kostet 10 €; telefonische Anmeldung unter 030 – 53 21 74 01 erwünscht.

=ensa=

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