“Neukölln hat unheimliche Schätze”

2_neues wohnen neukölln_neuköllner rathausLokalpatriotismus ist es nicht, der Prof. Dr. Paul Sigel zum Schwärmen bringt und Sätze wie “Neukölln hat unheimliche Schätze” sagen lässt. Nein, der Wis- senschaftler mit den Forschungsschwerpunkten Ar- chitektur- und Städtebaugeschichte sieht den Bezirk vor allem aus der fachlichen Perspektive. Mit 16 Stu- denten des Masterstudiengangs Historische Urba- nistik des Centers for Metropolitan Studies der TU Berlin hat er ihn nun mit dem Fokus auf bemer- kenswerte Siedlungs- und Gebäudekonzepte hin untersucht. Ergebnis des Projektseminars ist die Ausstellung “Neues Wohnen Neukölln – Wohnquar- vernissage_neues wohnen neukölln_neuköllner rathaustiere von 1900 bis heute”, die in Kooperation mit dem Mobilen Museum Neukölln entstand und gestern im Rathaus eröffnet wurde.

Zeitlicher Aufhänger ist der 100. Todestag von Reinhold Kiehl, an dessen Wirken eine Sondertafel erinnert. In “affenartiger Geschwindigkeit” habe der erste Neuköllner bzw. Rixdorfer Stadtbaurat seine Bauwerke geschaffen, stellte Bezirksbürgermeister buschkowsky+giffey_neues wohnen neukölln_neuköllner rathausHeinz Buschkowsky fest. Da möge man überhaupt nicht daran denken, “wie lange wir heute brauchen, um ein Pförtnerhaus zu bauen”. Wenn “Papa Kiehl” nicht so früh gestorben wäre, ist er überzeugt, würde man nun in der ganzen Welt über den sprechen, der in Neukölln sichtbarste Spuren hinterlassen hat. Einerseits in Form öffentlicher Gebäude, andererseits aber auch, wie der blesing_neues wohnen neukölln_neuköllner rathausamtierende Baustadtrat Tho- mas Blesing hinwies, durch die Planung und Anlage von Ensembles wie dem Richard- und dem Reuterplatz.

Von den 11 Wohnquartieren, die die Ausstellung porträtiert, hat Kiehl allerdings nur noch drei im Werden beobachten können: Die Schillerpromenade, die als “bessere Wohn- gegend” geplant war, dann aber überwiegend von Arbei-terfamilien bezogen wurde, die Ideal-Passage, wo 203 Wohnungen entstanden, die höchsten technischen und hygienischen An1_neues wohnen neukölln_neuköllner rathaussprü- chen genügten, und die zwischen 1912 und 1937 erbaute Kolonie Ideal in Britz, eine nach dem Vorbild einer Gar- tenstadt entworfene Reihenhaussiedlung.

“Es geht uns darum, auf innovative Wohn- konzepte in Neukölln hinzuweisen, die Antworten auf Aufgaben und Bedürfnisse des Wohnungsbaus paul sigel_neues wohnen neukölln_neuköllner rathausder Zeit gegeben haben, in der sie errichtet wurden”, erklärte Prof. Sigel. Aber allein dabei wollten es die Studenten bei ihrem Projektseminar ab- seits des “universitären Lernens im Elfenbeinturm” nicht belassen: “Das Augenmerk lag immer auf der histo- rischen und der gegenwärtigen Perspektive und der Frage, ob die Konzepte der Quartiere noch heute neues wohnen neukölln_vernissage_neuköllner rathausfunk- tionieren.” Außer- ordentlich beeindru- ckend sei die Viel- falt der Wohnfor- men, die man im Bezirk insbesondere ob der topographischen Möglichkeiten zwischen In- nenstadt und Peripherie vorfinde. Auf sehr prominente Quartiere wie die Hufeisensied- lung oder die Gropiusstadt, so Sigel, habe man bei der Auswahl ganz bewusst verzichtet.

Stadtrandsiedlung Neuland I-IV. Nie gesehen! Grüne Häuser in Britz. Wo sollen die denn sein? Pilotprojekt Ortolanweg und Siedlung am Schlierbacher Weg. Noch nie ausstellungseröffnung_neues wohnen neukölln_neuköllner rathausvon gehört! Nur wenige Besucher der Vernissage stehen mit wissender Miene vor allen 11 Text-Bild-Tafeln. Für die meis- ten wird hier das eine oder andere Rätsel rund um das breite Spektrum des Woh- nens im Bezirk gelöst.

Die Ausstellung “Neues Wohnen Neu- kölln – Wohnquartiere von 1900 bis heute” ist noch bis zum 26. April in der 2. Etage des Neuköllner Rathauses zu sehen. Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 8 – 18 Uhr.

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Kiehl, der Baumeister

Das Neuköllner Rathaus, das Stadtbad, die Carl-Legien-Oberschule, das alte Krankenhaus Neukölln, die Albrecht-Dürer-Schule, die Orangerie im Körnerpark, die Albert-Schweitzer-Schule, das ehemalige Kraftwerk am Weigandufer, die Friedhofs-albert-schweitzer-gymnasium_st. jakobi kirchhof neuköllnkapelle nebst Verwaltungsge- bäude des St. Jacobi-Kirchhofs: Überall in Neukölln sieht man sich Bauwerken gegenüber, die nach Reinhold Kiehls Plänen oder durch sein Mitwirken ent- standen.

Auf den Tag genau vor 100 Jah- ren starb Kiehl, der von 1905 bis 1912 erster Stadtbaurat von Rix- dorf war, gerade mal 38-jährig an einem Herzinfarkt. Am 14. März 1913 wurde er hinter der Albert-Schweitzer-Schule auf dem St. Jacobi-Kirchhof (Foto) beigesetzt. Über 20 Jahre nach Reinhold Kiehls Tod, 1934, wurde das östliche Ufer des Neuköllner Schiffahrtskanals zu Ehren des ehemaligen Stadtbaurats in Kiehlufer umbenannt.

Heute um 16 Uhr werden Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, Neu- köllns Baustadtrat Thomas Blesing und Prof. Dr. Jörg Haspel, der Leiter des Landesdenkmalamtes Berlin, anlässlich des 100. Todestags an Reinhold Kiehls Grabstätte einen Kranz niederlegen.

Ye… was?

yezidentum_info-veranstaltung neuköllnWenn Cengizkhan Hasso über sie spricht, klingt es, als würde er über die australische Hardrock-Band AC/DC reden und dabei das letzte C verschlucken. Doch um Musik ging es bei der Infoveranstaltung mit Podiums- diskussion nicht, zu der die Neuköllner Gleichstellungs- beauftragte Sylvia Edler und der Migrationsbeauftragte Arnold Mengelkoch eingeladen hatten. Zentrales Thema waren die Yeziden, eine  kurdische Volksgruppe mit eige- yeziden_info-veranstaltung neuköllnner, hierzulande noch weitgehend unbekann- ter  Religion.

Um dem Zustand des Un- wissens und fatalen Nährbodens für Vorurteile durch fundierte Informationen zu begegnen, hatten Edler und Mengelkoch vier Experten ins Neuköllner Rat- haus eingeladen: Sukriye Dogan, die Iranistik und Erziehungswissenschaften studierte und heute Mit- arbeiterin im Jugendmigrationsdienst des Diakoni- schen Werk Neukölln ist, die Dolmetscherin und Schulsozialarbeiterin  Nurhan Kizilhan, den Sozialpädagogen Yilmaz Günay und den Psychologen  Cengizkhan Hasso, der – ebenso wie Kizilhan und Günay – den Yezi- den angehört und den Status des Geistlichen inne hat.

Wer sind also diese Yeziden? Was macht ihre Kultur und Religion aus, was unterscheidet sie von anderen? Weshalb muss man sich mit dem Yezidentum beschäftigen und wie viele Anhänger der Religion gibt es denn überhaupt? Die Kapazitäten des Köln-Zimmers im Neuköllner Rathaus stießen an ihre Grenzen, noch nach Beginn der Veranstaltung ebbte der Zustrom Informationshungriger nicht ab, ständig mussten weitere Stühle herbei geschafft werden. Knapp 100 Menschen waren es schließlich, die sich die immer dünner werdende Luft im Saal zu teilen hatten. “Etwa 1 Million Yeziden gibt es weltweit, die Zahl der  in Deutschland lebenden yeziden gebote_info-veranstaltung neuköllnwird aktuell auf 120.000 geschätzt und in Berlin wohnen gut 250 Fami- lien yezidischen Glaubens”, erklärte Sukriye Dogan. Die Tendenz sei stei- gend, da Yeziden in der Türkei verfolgt würden, viele in den Irak und nach Syrien geflüchtet waren, dort nun ebenfalls um ihr Leben fürchten müssten und nach Deutschland kom- men, um der Bedrohung zu entgehen: “Hier sind sie schon seit 1989 als verfolgte religiöse Gemeinschaft anerkannt und im Raum Hannover, Bielefeld und Oldenburg mit größeren Gemeinden vertreten.” Dass das religiöse Leben der Yeziden unauffälliger als das von Christen oder Muslimen stattfindet, sei vor allem der Tatsache geschuldet, dass zur Ausübung der Religion keine Gotteshäuser ge- braucht werden. Sie haben lediglich die Tempelanlage im irakischen Lalisch als religiöses Zentrum. Was das Yezidentum außerdem von anderen Glaubensrich- yezidentum_info-veranstaltung_neuköllntungen unterscheidet, ist, dass es keine Buchreligion, sondern von der mündlichen Überlieferung geprägt ist, und dass man nicht konvertieren kann, sondern als Yezide geboren wird – in ein striktes Kastensystem hinein.

Insbesondere letzteres bereite nach Deutschland migrierten Yeziden der zweiten und dritten Generation größte Probleme, berichtete Nurhan Kizilhan, die seit 1986 in Berlin lebt und derzeit an einem Dokumentarfilm über yezidische Frauen arbeitet: “Die Religion schreibt ihnen vor, dass als Partner nur jemand infrage kommt, der ebenfalls Yezide ist und zur selben Kaste gehört. Aber wer erkundigt sich schon zunächst danach und verliebt sich erst dann?” Dazu kommen Konflikte, die denen vieler anderer Migranten aus traditionsbeladenen Kulturen gleichen, wenn reaktionen auf yeziden_info-veranstaltung neuköllnstarre Sitten und Gebräuche des Herkunftslandes auf neue Möglich-keiten in der neuen Heimat treffen. Es seien enorme psychosoziale Belas-tungen, die sich aus dieser ambiva-lenten Haltung hinsichtlich des Le- benskonzepts ergäben, und das gel- te gleichermaßen für yezidische Frau- en und Männer.

Um ihnen zu helfen, wurde 2004 u. a. durch Yilmaz Günay in Neukölln der MIB e. V. gegründet. “Das Anliegen war”, der Sozialpädagoge, “eine Anlaufstelle für yezidische Gemeindemitglieder und Neuankömmlinge zu sein und ihnen Orien- tierung für das alltägliche Leben in Deutschland zu bieten.” Schließlich dürfe man auch nicht außer Acht lassen, dass das Bildungsniveau in den Herkunftsländern sehr niedrig ist, es unter Yeziden viele An-Alphabeten gebe und die meisten erst in Europa mit Bildung und einer modernen Gesellschaft in Berührung kommen. Weil die Aus- stattung mit finanziellen Mitteln endete, musste der Verein seine Arbeit 2010 jedoch wieder einstellen. Der Ist-Zustand sei, dass die besondere Situation der  Yeziden bei yilmaz günay+cengizkhan hasso_info-veranstaltung yeziden_neuköllnallen staatlichen Integrationsmaßnah- men nicht berücksichtigt wird. “Und das ist ein Skandal!”, echauffierte sich Yilmaz Günay (l.).

Cengizkhan Hasso (r.), der zur Kaste der Sheikhs gehört, pflichtete ihm bei. Yezi- den seien seit Jahrzehnten Bestandteil der deutschen Gesellschaft, deshalb müsse Deutschland auch eine Infra- struktur schaffen und Aufklärungsar- beit finanzieren. “Aber stattdessen wer- den Angebote zum Nulltarif durch Ehren-amtliche erwartet”, warf er nicht nur Arnold Mengelkoch vor, der schweigend neben ihm saß. Mehr noch würde das Yezidentum schon dadurch, dass es häufig in einem Atemzug mit dem Islam erwähnt werde, gerne von einer Religion zum Politikum gemacht. “Tatsache ist aber, dass es zwischen Yeziden und Christen mehr Verbindungen als zu Muslimen gibt.” Auch das mit den Kasten werde oft aus Unwissenheit oder rigiden Verhaftungen im Traditionellen instrumentalisiert. “Das Kastensystem”, so Hasso, “ist wesentlich durchlässiger als meist behauptet wird.”

Wie es denn mit Gewalt sei, fragte jemand aus dem Publikum und erinnerte an die Ermordung zweier yezidischer Mädchen durch Familienangehörige in 2011. “Gewalt ist in unserer Religion verboten, nur zur Selbstverteidigung nicht”, räumt der Geistliche ein. Wie stehen Yeziden zum Thema Beschneidung? Die sei keine religiöse Vorschrift, antwortete Cengizkhan Hasso. Ob es bei Yeziden, wie bei Mus- nachtaufnahme_neukölln rathausturmlimen, Bestimmungen beim Essen gebe? “Nein, bei uns ist weder Schweinefleisch noch Alkohol verboten.” Überhaupt sei das Yezidentum eine äußerst tolerante Religion. Das klinge wirklich alles sehr fortschrittlich, bestätigte Sylvia Edler: “Leider erfahren wir aber in unseren Bera- tungsstellen oft genau das Gegenteil.”

Eine Mischung aus Verwirrung, gestilltem Wis- sensdurst und weiteren Fragen begleitete die meisten, die nach knapp drei Stunden das Rathaus verließen. In der Broschüre “Religionen in Neukölln”, deren überarbeitete Fassung am 21. März präsentiert wird, werden sie nichts Neues erfahren. “Obwohl die meisten yezidi- schen Familien, die nach Berlin kommen, in Neukölln leben, spielen die Yeziden in unserem Religionsführer keine Rolle”, musste Arnold Mengelkoch zugeben.

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Neuköllner Jugendliche zeigen ihre Sicht auf Berlin

Als Roland Hägler kurz vor Ostern gefragt wurde, ob an der Hermann-von-Helmholtz-Schule, wo er Rektor ist, eine Kleinklasse für Roma-Kinder eingerichtet werden könne, war er zunächst skeptisch. Was würde das für die Lehrer- und Schülerschaft bedeuten? Welche Probleme würden auf sie zukommen und welche auf die Neuen? Das waren Fragen, die ausstellung "die stadt in meinen augen", rathaus neukölln, hermann-von-helmholtz-schule neukölln, cordula simon, joscha remus, dr. franziska giffey, roland häglerihn beschäftigten – bevor er entschied, es probieren zu wollen. Inzwischen findet Roland Hägler (r.): “Die Roma-Klasse ist eine große Bereicherung für uns alle, weil die 14 Kinder äußerst lernwillig, neugierig und motiviert sind.” Vier von ihnen, das zeichne sich bereits ab, seien schon zum nächsten Schuljahr so- weit, dass sie in eine Regelklasse wech- seln können.

Nun zeigen 12 Schülerinnen und Schüler mit der  Foto-Ausstellung “Die Stadt in meinen Augen”, wie sie ihre neue Heimat sehen. “Für die meisten Roma”, weiß ausstellung "die stadt in meinen augen", rathaus neukölln, hermann-von-helmholtz-schule neukölln, joscha remusHägler, “ist die erstmal ein Kulturschock, weil sie aus Dörfern kommen, die sich mit deutschen Dör- fern nicht vergleichen lassen.” Initiiert und geleitet wurde das bislang einmalige, mit LSK-Mitteln geför- derte Fotoprojekt von Joscha Remus (2. v. l.), der nicht nur fachliches Know-how dazu beitrug, sondern auch selber väterlicherseits Wurzeln in Rumänien und bereits drei Bücher über ausstellung "die stadt in meinen augen", rathaus neukölln, hermann-von-helmholtz-schule neukölln, joscha remusdas Land geschrieben hat. “Bei dem Pro- jekt”, sagt er, “ging es mir in erster Li- nie um das Team- work unter den Ju- gendlichen und darum, ihnen die Chance zu geben, ihre  Kreativität zu entdecken und zu beweisen und durch das Bewegen in der Stadt und den Kontakt zu den Berlinern spielerisch die Sprachkompetenz zu erweitern.” Das Ergebnis sind rund 40 Fotos, die teils überraschende Eindrücke von Berlin zeigen, vor allem aber die Lebensfreude und Ausgelassenheit der jungen Roma widerspiegeln. Auch er selber, so Remus, habe durch die Zusammenarbeit viel über sein Deutsch gelernt und zugleich ausstellung "die stadt in meinen augen", rathaus neukölln, hermann-von-helmholtz-schule neukölln, joscha remusEinblicke in ein “neues Sehen des Alltäg- lichen” bekommen.

Alltäglich neue Herausforderung bedeutet der unverminderte Zuzug von Roma in den Bezirk indes für Neuköllns Schulstadträtin Franziska Giffey (Foto oben: 2. v. r.): “Die Zahl der schulpflichtigen Roma-Kinder er- höht sich jeden Monat um etwa 20, was heißt, dass wir alle vier Wochen eine neue Kleinklasse einrichten müssten, um den Bedarf zu decken.” Da das unmöglich sei, würden Neuankömmlinge zunächst in Deutsch-Kursen der Volkshochschule auf die Schule vorbereitet werden. Den Eltern der Kinder und Jugendlichen die deutsche Sprache näher zu bringen, hat auch Roland Hägler vor: Eigens für sie wird in der Hermann-von-Helmholtz-Schule zur Förderung der Integration vormittags ein kosten- loser Deutsch-Kurs angeboten. Bislang, muss der Schulleiter feststellen, sei die Resonanz aber leider sehr verhalten.

Die Foto-Ausstellung “Die Stadt in meinen Augen – Roma-Jugendliche zeigen ihre kreative Sicht auf Berlin” ist  noch bis zum 14. Dezember im Foyer in der 2. Etage des  Neuköllner Rathauses  zu sehen; Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 8 – 18 Uhr.

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Weite Kreise

Im Hauptbahnhof der Stadt Nürnberg gilt seit dem vergangenen Wochenende ein striktes Alkoholverbot. Nun denken die Stadtoberen auch darüber nach, das Unter- sagen des Genusses alkoholischer Getränke auf den Bahnhofsvorplatz auszuweiten.

In Neukölln hat man da längst weitere Kreise gezogen. Alkoholverbot außerhalb des Cafébereiches  besagt  ein Schild, das vom  Neuköllner Bezirksamt in  Richtung Bür-

gersteig am Rande des “La Grappa”-Areals auf dem Rathausvorplatz angebracht wurde. Kann das etwas anderes als den Umkehrschluss zulassen, dass Alkohol in Neukölln nur noch rund um den Café-Pavillon am Rathaus konsumiert werden darf und das Bier auf einer Parkbank in der Hasenheide ebenso verboten ist wie der Alcopop auf dem Elsensteg?

Denn sie wissen nicht, was es alles gibt

1. interkultureller seniorentag neuköllnComputerkurse, Tanz- und Theatergruppen, Gymnas- tikstunden, Bastel-, Strick- und Singnachmittage, Aus- flüge in andere Bezirke und das Berliner Umland – es ist ja nicht so, dass sich Neuköllner Senioren mangels Alternativen in den eigenen vier Wänden einigeln müssen. Ange- bote für sie gibt es reichlich, wenn auch nicht in jedem Kiez, was vor allem Alten mit Mobilitätseinschränkungen den Zugang erschwert. Zudem, so die Erfahrungen 1. interkultureller seniorentag neukölln, haus des älteren bürgers neuköllneinschlägiger Einrichtungen, reagieren besonders Senioren mit Migrationshintergrund mit größter Zu- rückhaltung auf die Offerten.

Deshalb fand gestern auf dem Vorplatz des Neuköll- ner Rathauses der 1. Interkulturelle Seniorentag statt. An diesem schönen Herbsttag gehe es vorrangig um Menschen, die im Herbst des Lebens stehen, betonte 1. interkultureller seniorentag neukölln, candan ögütcu (navitas ggmbh), bernd szczepanski (sozialstadtrat neukölln)Sozialstadtrat Bernd Szczepanski (r.), der auch Schirmherr der Veranstaltung war, bei seiner Eröffnungs-ansprache. Es gebe von Hilfs- und Beratungs-organisationen viele Angebote zur Freizeit-gestaltung und sozialen sowie rechtlichen Aspekten im Bezirk, doch die, so Szczepanski seien oft nicht bekannt: “Diesem Informations-defizit  soll der Seniorentag  abhelfen.” Candan Ögütçü (l.), Geschäftsführer der navitas gGmbH, die den Infotag gemeinsam mit dem Neuköllner Bezirksamt organisierte, unterstrich dieses Anliegen und hob die Verantwortung des Landes hervor, das für Einwanderer zur zweiten Heimat wurde. “Sie sind als junge Leute gekommen und haben mitgeholfen, Deutschland zu einem lebenswerten Land zu machen.” Folglich seien jetzt alle gefordert, diesen Menschen auch ein lebens- 1. interkultureller seniorentag neukölln, navitas ggmbhwertes Altern  zu ermöglichen – trotz sprachlicher Barrieren und kultureller Traditionen, die von denen der Mehr- heitsgesellschaft abweichen.

Mit dem interkulturellen Seniorenzen- trum EM-DER, dessen Name mit “Verein für die Rentner” frei übersetzt werden kann, ist Ögütçüs Einrichtung schon seit 2006 im Bereich der kul- tursensiblen Altenhilfe aktiv. Andere Instititutionen haben erst später be- gonnen, multiethnische Bedürfnisse in ihren Programmen zu bedienen, oder scheinen dem noch ein gutes Stück hinterher zu hinken. Weil entsprechendes Personal fehlt oder das Umdenken auf die grundsätzliche Neuausrichtung der Angebote für Senioren konzentriert ist, die eben längst nicht mehr mit 75 per se alt und einzig auf gemütliche Kaffee-und-Kuchen-Runden aus sind.

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Tabubruch im Neuköllner Rathaus

Dass man im Rathaus Neukölln überraschende Dinge erfährt, ist nicht selten. Meist sind es Statements von Bezirkspolitikern, die abseits des Offiziellen geäußert werden und deshalb auch privat bleiben statt hier veröffentlicht zu werden. Dass im Neuköllner Rathaus Veranstaltungen stattfinden, die wenig bis gar nichts mit Politik zu tun haben, ist dagegen recht selten. Umso größer ist ihr Überraschungspotenzial. Jüngstes Beispiel: ein  Infotag  zum  Krankheitsbild  “Inkontinenz”, das  in Deutsch- land  weit mehr als  6 Millionen  Menschen  betrifft und zu den großen Tabu-Themen

gehört – selbst in Pflegeheimen, wo die  Quote Blasenschwacher  mit rund 80 Pro- zent  eher Regel als Ausnahme  ist.

In etlichen kirchlichen Heimen seien sogar noch Inkontinenzunterlagen aus Baumwolle im Gebrauch, kritisiert Hans Günter Weiß (r.), dessen Firma Moda Textilagentur eine Inkontinenzunterlage entwickeln ließ, die dünner als ein Bierdeckel ist und eine Flüssigkeitsmenge aufnehmen kann, die fünfmal über ihrem Eigen- gewicht liegt. Dass der Wasser- und Waschmittelverbrauch für die Reinigung des Hightech-Produkts erheblich unter den Mengen für konventionelle Materialien liege, komme hinzu. “Aber viele”, so Weiß, “die als Heim- oder Pflegedienstleiter in der Verantwortung stehen, kümmern sich einfach nicht um eine optimale Versorgung der Patienten.”

Bessere Nachrichten, zumindest hinsichtlich des Themas Inkontinenz, hatte Dr. Reinhold-Alexander Laun (l.) parat, der in seinem Vortrag insbesondere auf die Blasenschwäche bei Frauen einging. Das Gerücht, dass das häufige Tragen von Highheels einen Einfluss auf die Inkontinenz-Quote habe, halte sich zwar hartnäckig, aber wissenschaftlich sei es definitiv nicht belegbar, beruhigte der  Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie im Vivantes Klinikum Neukölln. Fakt seien dagegen die Auswirkungen halsbrecherischer Absatzhöhen auf die Anatomie.

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Zu Wort gekommen

ausstellung "arbeit ohne wert?", nachbarschaftsheim schöneberg, rathaus neukölln“In den Neubau des Rathauses, wo auch Publikumsverkehr ist, hätte die Ausstellung viel besser gepasst”, findet Bernd Szczepanski. Doch alle seine Bemühungen nützten nichts. Eben we- gen des Publikumsverkehrs und der damit verbundenen Brandschutzverord- nungen komme der Neubau nicht in- frage, musste Neuköllns Sozialstadtrat  erfahren. Deshalb ist die Ausstellung “Arbeit ohne Wert?”, die 14 im öffent- lichen Beschäftigungssektor tätige Frau- en und Männer porträtiert, nun in der 2. Etage des Altbaus vom Rathaus zu se- hen. Dort, wohin sich kaum Besucher verirren. “Wer hier zu einem der Büros will”, so Sczcepanskis Eindruck, “nimmt den Aufzug.” Und wer den nehme, kriege leider von der Ausstellung  im Foyer vor dem Eingang zum BVV-Saal  nichts mit. Mehr

ausstellung "arbeit ohne wert?", nachbarschaftsheim schöneberg, rathaus neuköllnausstellung "arbeit ohne wert?", nachbarschaftsheim schöneberg, rathaus neuköllnausstellung "arbeit ohne wert?", nachbarschaftsheim schöneberg, rathaus neuköllnausstellung "arbeit ohne wert?", nachbarschaftsheim schöneberg, rathaus neukölln

Treppensteiger würden Szczepanski folglich freuen: “Es ist ja nicht so, dass die ausstellung "arbeit ohne wert?", nachbarschaftsheim schöneberg, rathaus neuköllnDiskussion um öffentliche Beschäftigungsprogramme an Aktualität verliert.”

Die Erlebnisse und Empfindungen derer, die in Maßnahmen wie MAE, Bürgerarbeit, ÖBS etc. stecken, können wichtige Beiträge dazu leisten und zum Nachdenken über Wert- schätzung und gesellschaftliche Perspektiven anregen. “Arbeit ohne Wert?” hat 14 von ihnen unverblümt zu Wort kommen lassen.

Die vom Nachbarschaftsheim Schöneberg konzipierte Wanderausstellung gastiert noch bis zum 28. September im Rathaus Neukölln; Öffnungs- zeiten: Mo. – Fr. 8 – 20 Uhr.

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Ein Herz fürs Neuköllner Rathaus

ein herz reist durch berlin, rathaus neukölln, gerhard hoffmannEs wäre zwecklos, die Situation beschönigen zu wollen. Falko Liecke sieht auf das große rote Herz neben dem Eingang zum BVV-Saal: Liebe? Nein, viel Liebe gebe es nicht bei den Versammlungen der Neuköllner Bezirks-ein herz reist durch berlin, rathaus neukölln, falko liecke, luci van org, roman shamovgerhard hoverordneten. “Da sind eher Streit und Aus- einandersetzungen auf der Tagesordnung”, hält der Stadtrat für Jugend und Gesund- heit realistisch fest. Von Hass spricht Liecke nicht. Das wäre wohl auch der falsche Begriff für Antipathien, die auf unterschiedlichen Parteibüchern, kontroversen politischen Anliegen oder dem Streben nach Sieg statt Niederlage basieren.

“Es gibt Liebe, warum hasst du?”  steht in weißer Schrift auf dem schwarzen Sockel, der das knallrote Herz aus Kunstharz trägt. Der Berliner Künstler Gerhard Hoffmann hat es geschaffen, um zum Nachdenken über die Liebe und das, was Hass an- ein herz reist durch berlin, rathaus neukölln, luci van org, roman shamovrichtet, zu bewegen. Die Plastik versuche, sagt Falko Liecke, einen Kontext zwischen der Liebe unter ver- schiedenen Kulturen und der unter Menschen unterschiedlichen oder gleichen Geschlechts her- ein herz reist durch berlin, rathaus neukölln, yaron shamir, luci van org, roman shamovzustellen. Sie wer- be für Toleranz und gegenseitiges Verständnis.

Imposant unter- strichen wurde das Motiv des Künstlers bei der Vernissage: Luci van Org, die 1994 als Lucilectric mit dem Song “Mädchen” die Singlecharts stürmte, und Roman Shamov  machten das Rathaus zum Konzertsaal und hoben dessen akustische Qualitäten hervor. Eine bedrückende Soundcollage diente dem israelischen Tänzer Yaron Shamir als Kulisse für seine Performance, die die gesamte Bandbreite der Gefühle zwischen Liebe und Hass, zwischen Antisemitismus und Lebensfreude ein herz reist durch berlin, rathaus neukölln, yaron shamir, luci van org, gerhard hoffmann, roman shamovwiderspiegelte.

Im November 2010 begann Gerhard Hoff- manns Herz-Installation seine Reise durch Berlin. “Die Station hier im Neuköllner Rathaus ist die 19., Start war im Rathaus Schöneberg”, berichtet der 66-jährige Künstler, der zu einer der Kultfiguren der Berliner Lesben- und Schwulenszene wur- de, seit er 1977 das Café “Anderes Ufer” eröffnete. Zu sehen ist das Herz  bis zum 31. August werktags während der Rat- haus-Öffnungszeiten. Anschließend, sagt Hoffmann, werde es zum Amtsgericht Tiergarten weiterreisen: “Und im November kehrt es wieder ins Rathaus Schöneberg zurück.”

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Verboten ist verboten, basta!

Anfangs konnte man sie nur in Florenz, Bologna und Rom entdecken, später noch in London. Nun war der französische Künstler  Clet Abraham  auch in Berlin, um seine StickerArt-Spuren zu  hinterlassen. Und das tat  er nicht nur in der  historischen  Mitte am  Gendarmenmarkt,  in der  Nähe des Alexanderplatzes oder im Bezirk  Charlotten-

stickerart clet abraham, neukölln, streetart stickerart clet abraham, neukölln, streetart

burg, sondern ebenfalls in Neukölln. Seitdem werden  zwischen Rathaus und Amts- gericht die weißen Balken des Verkehrszeichens 267 einerseits  zersägt und ande- rerseits gleich weggetragen. Die kleinen Kunstwerke von Clet Abraham ändern trotzdem nichts daran, dass die  Einfahrt von der Karl-Marx- in die Schönstedtstraße verboten  ist.

Sie zumindest Radfahrern zu erlauben, war im Dezember 2009 durch Politik statt durch Kunst in greifbare Nähe gerückt: Dem entsprechenden Antrag der Neuköllner Grünen  stimmte erst der Ausschuss für Verkehr und Tiefbau bei seiner Sitzung im Oktober 2009 zu, knapp zwei Monate später wurde dessen Beschluss von der Bezirksverordnetenversammlung bestätigt. Damit sollte die Sache entschieden und alles für ihre praktische Umsetzung in die Wege geleitet sein – könnte man meinen.

Doch das Ignorieren der Einbahnstraßenregelung  in der Schönstedtstraße ist Radfahrern bis heute nicht erlaubt, weil das  Bezirksamt Neukölln den Beschluss der BVV kurzerhand aushebelte. In seinem Schlussbericht teilte es den Mitgliedern der BVV-Fraktionen mit, dass die Schönstedtstraße mit 4 Metern für eine Aufhebung der Regelung zu schmal sei. Auf der linken Fahrbahnseite der Schönstedtstraße gebe es Schrägparkplätze, und zum Ausfahren aus diesen in einem Winkel von 45 Grad sei eine Fahrbahnmindestbreite von 3 Metern erforderlich.  Für den Rad- fahrverkehr entgegen der Einbahnstraßenregelung sei ferner eine Mindestbreite von 1,25 – 1,60 Metern vorgesehen. Da diese Mindestbreiten nicht erreicht würden, könne das  Radfahren in der  Schönstedtstraße entgegen der  Einbahnstraßenregelung aus verkehrlicher Sicht nicht eingerichtet werden, informierte die am 18. Mai 2010 datierte Vorlage zur Kenntnisnahme die gewählten Bezirksverordneten: Damit sehe das Bezirksamt den Beschluss als erledigt an.

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“Betütteln ist kein guter Zugang!”

Wird in Neukölln über das Thema Integration gesprochen, ist Heinz Buschkowsky normalerweise nicht weit. Das war vorgestern Abend im BVV-Saal des "stadt und land" im gesellschaftlichen dialog, rathaus neukölln, prof. dr. gesine schwan, ingo malter (gf stadt und land berlin)Rathauses auch so. Doch statt des Platzes am Rednerpult hatte der Bezirksbürger- meister einen als Zuhörer  in der ersten Reihe, das Wort hatte eine Andere: Prof. Dr.  Gesine  Schwan. Sie war als Referentin der 13. Auflage der Veranstal-tungsreihe “STADT UND LAND im gesellschaftli- chen Dialog” eingeladen worden, ihre Überlegungen zur Frage  “Was ist Inte- gration?”  vorzutragen. Das große Interesse der städtischen Wohnungsbauten-Gesellschaft an der Antwort liegt auf der Hand: “Ein Viertel unseres Immo- bilienbestands befindet sich in  Neukölln, wo Menschen aus etwa 160 Her- kunftsländern leben”, betonte Geschäftsführer Ingo Malter (r.), bevor er an die renommierte Politikwissenschaftlerin übergab.

Eine endgültige Antwort sei von ihr nicht zu erwarten, stellte Gesine Schwan gleich zu Beginn klar, denn die habe sie auch nicht. Wichtig sei, sich zunächst mal mit den Prämissen zu beschäftigen, die zu Integration führen sollen. Im gegenwärtigen Alltagsszenario  sähen die so aus, dass man von einer  deutschen Mehrheits- gesellschaft und Zuwanderern ausgehe, die durch ihre andere Kultur, Sprache und Religion Probleme bereiten. “Als gelungene Integration”, kritisiert Schwan, “wird in diesem Alltagsszenario die  Einordnung von Individuen in die vorgefundene Gesellschaft bezeichnet.” Erwartet werde von den Migranten, dass sie viel von der Kultur der "stadt und land" im gesellschaftlichen dialog, rathaus neuköllnMehrheitsgesellschaft anneh- men und im Gegenzug viel von ihrer mitgebrachten Kultur ablegen.

Auf gänzlich anderen Prämissen fußt das eigene Integrations-Szenario der 69-Jäh-rigen, das sich gar nicht erst der Illusion einer einheitlichen Mehrheitsgesellschaft hingibt, sondern anerkennt: Zuwanderer finden in Deutschland eine pluralistische Gesellschaft vor, die  Vielfalt in allen Le- bensbereichen  bietet und sich durch verschiedenste Faktoren ständig verändert. “Integration verlangt nach der politischen Teilhabe demokratischer Bürger  und ist ein dauernder Prozess”, ist Gesine Schwan überzeugt. Deutsch als gemeinsame Sprache reiche nicht aus: “Was verstehen denn der Vorstandsvorsitzende eines DAX-Unternehmens und ein Hartz4-Empfänger voneinander, selbst wenn beide Deutsch sprechen?” Der  beidseitige Wille zur Verständigung in Freiheit und Toleranz  müsse vorhanden sein und  Integration als symmetrische Aufgabe be- griffen werden, die schon in der Schule zu beginnen habe. “Deshalb ist eine radikale "stadt und land" im gesellschaftlichen dialog, rathaus neukölln, prof. dr. gesine schwanWende im Bildungssystem nötig!”, fordert die Mit- gründerin und amtierende Präsidentin der Hum- boldt-Viadrina School of Governance. Dass Kinder aus Zuwandererfamilien Deutsch lernen, reiche einfach nicht, parallel müsse ihnen zur  Wahrung der eigenen Identität die Möglichkeit eingeräumt werden, auch ihre Herkunftssprache zu lernen und zu pflegen. Nur mit einem Konzept, das reali- tätstüchtig und einer freiheitlichen Demokratie angemessen ist, könne gelingen, was Ziel sein sollte: Dass Integration die Fenster zu einem hellen weltoffenen Deutschland in einem hellen weltoffe- nen  Europa  weit  aufmacht.

“Welche Empfehlung würden Sie uns aber für unser tägliches Tun geben?”, erkundigte sich Ingo Malter, als der Applaus des Publikums im Saal verklungen war, um die Fragerunde mit Gesine Schwan zu eröffnen. Ein respektvoller Umgang miteinander sei das Wichtigste, entgegnete die: “Der Andere sollte als Partner gesehen werden, dem man auf Augenhöhe begegnet.” Betütteln sei jedenfalls kein guter Zugang und  Asymmetrie eine Weichenstellung, die alles andere torpediert.

Nach einer guten Viertelstunde sind diverse Fragen aus dem Publikum beantwortet. Um das Zusammenspiel von Integrationsdiskussion und Euro(pa)-Krise ging es, um das Betreuungsgeld, das Schwan für “völlig disfunktional” hält, und die Frauenquote, die inzwischen von ihr begrüßt wird. “Ist es nicht verrückt, dass wir jetzt plötzlich bei der Familienpolitik gelandet sind?”, fragt die zweimalige Kandidatin für  das Bundespräsidentenamt. “Aber das ist mir sehr lieb, weil Integration eben viele Bereiche betrifft.” Ihr Vortrag habe Mut gemacht, resümiert Ingo Malter, ebenso allerdings auch unterstrichen, dass komplexen Fragen nicht unbedingt mit einfachen Antworten beizukommen sei.

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Bunte Zeichen gegen Homophobie vor Neuköllns Rathaus

regenbogen-fahne rathaus neukölln, lsvdZiemlich undicht und grau ist seit gestern der Himmel über Neukölln. Ungewöhnlich bunt wurde es al- lerdings mittags vor dem Rathaus, und das wird es auch bis Montag bleiben – wetterunabhängig.

Vier Regenbogen-Flaggen schmü- cken seitdem die Fahnenmasten auf dem Rathausvorplatz, um zu zeigen: Das multikulturelle Neu- kölln ist gegen Homophobie und ein Bezirk, zu dem auch Lesben und Schwule gehören. “Daran darf es keinen Zweifel geben”, sind sich der Neuköllner Sozialstadtrat Bernd Szczepanski und Sylvia Edler, die Gleichstel- regenbogen-fahne rathaus neukölln, jörg steinert (lsvd), sylvia edler (gleichstellungsbeauftragte neukölln), bernd szczepanski (sozialstadtrat neukölln)lungsbeauftragte des Bezirks, einig. Zusammen mit Jörg Steinert (l.) vom Lesben- und Schwulen-verband Berlin-Brandenburg (LSVD) hissten sie die erste der vier Flaggen. An den anderen Masten machten sich Neuköllner Vereine wie RUT und ABqueer sowie Mitglieder der in der Bezirks- verordnetenversammlung  vertretenen Fraktionen zu schaffen. Einzig die CDU verzichtete darauf, durch Anwesenheit und Anpacken Solidarität zu demonstrieren.

Auf Initiative des LSVD wird seit 1996 anlässlich des Christopher Street Day an den Berliner Bezirksrathäusern die Regenbogenfahne aufge- zogen. “Am Anfang waren es nur Schöneberg, Tiergarten und Kreuzberg, die sich daran beteiligt haben”, erinnert sich Jörg Steinert. Spandau und Reinickendorf seien 2008 als letzte Bezirke zu Unterstützern der Aktion geworden. “Neukölln hat sich nicht ganz so lange Zeit gelassen und ist seit 2006 regenbogen-fahne rathaus neukölln, lsvddabei”, sagt er.

Für Bernd Szczepanski, der erst vor rund einem halben Jahr den Posten des Sozialstadtrats übernahm, ist das Hissen der Regenbogenflagge eine Premiere. In den Vorjahren war es immer seine Grüne-Kollegin Gabriele Vonnekold gewesen, die anstelle des Bezirksbürgermeisters als Vertreterin des Bezirksamts Spektralfarben vor dem Rathaus aufgezogen hat. Die Regenbogenfahne sei ein wichtiges Zeichen des Respekts gegenüber Lesben und Schwulen, findet Szczepanski und hofft, dass die CSD-Parade irgendwann auch durch Neuköllner Straßen  ziehen wird: “Durch den diesjährigen  Start in Kreuzberg  ist sie uns ja schon ein ganzes Stück näher gekommen.”

=ensa=

“Im eigenen Zuhause leben Frauen am gefährlichsten”

Zwei auf einen Schlag – mit diesem Slogan begannen die in der letzten Mai-Woche verschickten Presse-Informationen, die die Doppelveranstaltung am 7. Juni vor dem bzw. im 5. infobörse für frauen in neukölln, rathaus neuköllnRathaus Neukölln ankündigten. Sylvia Edler, die Gleichstellungsbeauftragte des Be- zirks, hatte damit zur  5. Infobörse für Frauen auf dem Rathausvorplatz eingeladen, Jugend- stadtrat Falko Liecke zum Projekttag des Lokalen Aktionsplans Nord-Neukölln  im BVV- Saal. Doch dann kam die Nacht vom 3. auf den 4. Juni, in der im Nachbarbezirk Kreuzberg eine 30-Jährige zum Opfer bestialischster häuslicher Gewalt wurde. Das Wort  “Schlag” 5. infobörse für frauen in neukölln, rathaus neukölln, anti-gewalt-flaggetrifft – mitten ins Zentrum des Deplatzierten. Ließe es sich doch klammheimlich durch “Streich” oder etwas ähnlich Unbelastetes ersetzen.

Um die 40 frauenpolitische Projekte, Vereine und Institutionen gehören dem Netzwerk Frauen in Neu- kölln an, das von Sylvia Edler initiiert wurde, jährlich die Infobörse veranstaltet und sich dafür einsetzt, “die  Chancengleichheit für Mädchen und Frauen  Realität werden zu lassen”. Wohlwissend, dass es in diesem Bereich “noch viel Handlungsbedarf” gibt. Doch Themen wie Bildung, berufliche Orientierung und Qualifizierung rückten bei diesem Aktionstag aus aktuellem Anlass in den Hintergrund.

“Wir sind schockiert”, sagt Sylvia Edler. Ihre Stimme kippt immer wieder, als sie über 5. infobörse für frauen in neukölln, rathaus neukölln, gleichstellungsbeauftragte sylvia edler, stadtrat falko lieckedas grausame Verbrechen an Sema- nur S. spricht. “Gewalt ist nicht hin- nehmbar und sie ist unabhängig von Einkommen, Bildung, Alter und Reli- gion.” Frauen, berichtet die Neuköll- ner Gleichstellungsbeauftragte, wür- den  im eigenen Zuhause am gefähr- lichsten leben. Jede vierte Frau in Deutschland sei dort bereits Opfer seelischer oder körperlicher Gewalt gewesen, 80 Prozent der Taten wür- den von Männern verübt werden. Vor der Rathaustreppe haben sich einige Mitglieder des “Männer gegen Gewalt”-Projekts versammelt, das von der türkischen Väter- initiative männer gegen gewalt, aufbruch neukölln e.v., kazim erdogan, 5. frauen-infobörse neuköllngruppe des Aufbruch Neukölln e. V. angestoßen wurde. Sylvia Edler begrüßt den Initiator Kazim Er- dogan, betont die Wichtigkeit des Anliegens und des Signals, das durch das Projekt von der Community ausgehe. “Die Kapazitäten der Frauenhäuser sind immer ausgelastet, trotz des Gewaltschutzgesetzes, das viele Möglichkeiten geschaffen hat”, so die Gleich-stellungsbeauftragte. Die adäquateste Maßnahme sei der Platzverweis, der auf der Grundlage  “Wer schlägt, der geht”  fußt.

16.108 Fälle häuslicher Gewalt weise die Kriminalstatistik 2011 für Berlin aus. “Das sind  über 40 Einsätze pro Tag!”, mahnt Edler. Um ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen zu setzen, habe sie heute extra die Terre des Femmes-Fahne hissen lassen, schweigeminute für semanur s., 5. frauen-infobörse neukölln, rathausturm neuköllndie  sonst eigentlich nur am 25. November  über dem Rathaus-Vorplatz flattert. Um zehn nach 12 bittet Sylvia Edler um ein weiteres Zeichen: eine Schweigeminute für die getötete Kreuzbergerin.

“Die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt in der Ber- liner Kriminalstatistik steigt eher, als dass sie sinkt”, sagt später ein Polizist vom Info-Stand der Polizei. Daraus dürfe man aber nicht schließen, dass die Gewalt zugenommen hat. Vielmehr sei es so, dass die massive Auf- klärungsarbeit über das Gewaltschutzgesetz Früchte trage und Vorkommnisse häuslicher Gewalt häufiger gemeldet würden.

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Vom Schlag getroffen

Die ärztliche Versorgung war perfekt gestern Nachmittag im Köln-Zimmer des Neuköllner Rathauses. “In diesem Raum kann Ihnen heute nichts passieren”, versicherte Gesundheitsstadtrat Falko Liecke. Ein Chefarzt und zwei Oberärzte des Vivantes Klinikums Neukölln saßen sechs Frauen und einem Mann gegenüber, die stroke unit vivantes klinikum neukölln, tag des schlaganfalls, bezirksinitiative gesundes neuköllnsich über das Thema Schlaganfall informieren wollten.

“Ein Ziel haben wir ja schon erreicht”, stellt Prof. Dr. med. Darius G. Nabavi schmunzelnd fest. “Es sind mehr Gäste als Dozenten hier.” Unumwun- den gibt der Oberarzt des Schlag- anfall-Zentrums (Stroke Unit) im Neu- köllner Vivantes Klinikum zu, dass es gerne noch mehr hätten sein dürfen, weil wirklich jeder von einer Sekunde auf die andere mit dem Thema Schlaganfall konfrontiert werden könne – sei es als Patient, als Familienangehöriger oder als zufälliger Augenzeuge. “Jährlich werden bundesweit etwa 250.000 neue Schlaganfälle diagnostiziert”, sagt Nabavi. Und bei denen gehe es vor allem um eines: um  schnelles Erkennen und Handeln. Denn pro Minute gehen ohne therapeutische Maßnahmen 2 Millionen Nervenzellen zugrunde.

Um Panikmache geht es dem Mediziner wahrlich nicht: “Nicht jedes Schwindelgefühl ist ein Schlaganfall, also auf eine Minderversorgung des Gehirns zurückzuführen!” Plötzlich  auftretende  Ausfälle von Kraft, Gefühl, Sehen, Sprache und Gleichge- wicht  seien hingegen dringende Verdachtsmomente. “Selbst wenn die nur Minuten oder Sekunden dauern”, ermahnt Nabavi, “sofort die 112 wählen! Denn solchen Warnschlägen folgen meist schwere Schlaganfälle.” Die Sepp Herberger-Weisheit “Nach dem Spiel ist vor dem Spiel” lasse sich somit 1:1 auf den Schlaganfall über- tragen.

Auch Nabavis Mitarbeiter Dr. med. Olaf Crome, Facharzt für Neurologie, untermauert den Hinweis seines Chefs, unbedingt die Notrufnummer zu kontaktieren: “Nur über die wird die Schlaganfall-Rettungskette in Gang gesetzt und der Patient umgehend in eine Stroke Unit eingeliefert.” Von denen gebe es 14 in Berlin, die im Vivantes Klinikum Neukölln sei eine der bundesweit größten. 36 Betten stünden dort für Schlaganfall-Patienten bereit, um die sich ein rund 40-köpfiges Team aus Ärzten und Pflegekräften kümmert, das eng vernetzt  alle Bereiche von Diagnostik über Akut- therapie bis zur Sekundär-Prophylaxe  abdeckt. “Damit”, so Crome, “bieten wir bestmögliche Bedingungen, dass alles gut ausgehen kann.” Bedenklich sei allerdings, ergänzt Darius G. Nabavi, dass nur etwa 30 Prozent aller Schlaganfall-Patienten innerhalb von drei Stunden nach dem Auftreten der Symptome kämen. Trotz vermehrter Aufklärung hänge der Faktor in Deutschland seit Jahren in diesem Wert- bereich fest.

Doch wie lässt sich die Gefahr, einen oder einen weiteren Schlaganfall zu erleiden, reduzieren? Vor allem darüber referierte Dr. med. Boris Dimitrijeski, der als Funk- tionsoberarzt in der Stroke Unit Neukölln tagtäglich das alte Herberger-Bonmot zu durchbrechen versucht. Wohlwis- send, dass statistisch ein Drittel aller Schlaganfall-Patienten innerhalb von fünf Jahren den nächsten hat. Ge- schuldet sei das insbesondere der Tatsache, dass nicht jeder Genesene den Warnschuss als solchen ver- stehen will und ihn als Auftakt zu einem gesünderen Lebensabschnitt nimmt. “Natürlich”, sagt Dimitrijeski, “gibt es unveränderbare Risikofak- toren wie Geschlecht, Alter oder eine genetische Disposition.” Aber es gebe eben auch die Kriterien, die jeder selber beeinflussen kann. Man müsse einfach auf optimale Blutdruck- und Blutfettwerte sowie eine gesunde Ernährung achten, Übergewicht verhindern, den Alkoholkonsum einschränken, aufs Rauchen verzichten und sich ausreichend Bewegung verordnen. “Die Motivation des Patienten ist bei der Schlaganfall-Reha de facto das A und O”, weiß der Mediziner. Das gelte auch für alle, die das Risiko eines Infarkts des Gehirns von vornherein minimieren möchten.

In Neukölln scheint das Bedürfnis, auf diese lebensbeeinträchtigende oder gar -bedrohende Erfahrung verzichten zu wollen, nicht wirklich stark ausgeprägt. “Wir stellen hier  erschreckend viele jüngere Schlaganfall-Patienten und eine deutlich höhere Schlaganfall-Häufigkeit fest”, konstatiert Chefarzt Darius G. Nabavi. Derzeit werde eine vom Vivantes Klinikum und der Berliner Charité erstellte Studie ausgewertet, die die Interaktion zwischen Migrationshintergrund und Schlaganfall-Frequenz untersucht hat. Mit dieser Neuköllner Schlaganfall-Studie (NESS) habe man totales Neuland betreten, da es bisher in Deutschland keinerlei spezifisches Datenmaterial gab. Längst erforscht war indes das höhere Schlaganfall-Risiko bei Lateinamerikanern und Afrikanern.

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Prokrastination leicht gemacht

Für Neuköllner, die etwas auf die lange Bank schie- ben wollen, sind die Mög- lichkeiten beschränkt, das innerhalb des Bezirks zu tun. Auch die vor 34 Jahren von den Partnerstädten An- derlecht, Boulogne-Billan-court, Hammersmith, Mari- no und Zaanstad gespen- dete Bank im Rathaus Neukölln ist  – wenn über- haupt – nur unwesentlich länger als eine handels- übliche Parkbank.

Geradezu himmlische Be- dingungen bieten sich eif- rigen Prokrastinierern da- gegen am Bahnhof Süd- kreuz im Nachbarbezirk Tempelhof-Schöneberg. Dass deshalb dort alles ein wenig länger dauert als in Neukölln, darf aber bezweifelt werden.

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Das Ziel ist das Paradies

finale ecopolicyade 2012 neukölln, bvv-saal rathaus neuköllnViel Zeit zum Üben hatten Benedikt und Alexander nicht. “Wir haben erst vorletzten Montag von einer Lehrerin von dem Computerspiel und dem Wett- bewerb erfahren”, sagen sie. Das Spiel heißt Ecopolicy, fördert und fordert strategisches Denken nebst verantwortungsvollem Han- deln und wurde von Frederic  Vester konzipiert; der Wettbe- werb heißt Ecopolicyade, wurde vom Schweizer Unter- nehmen Malik Management ins Leben gerufen und ermittelt die besten Ecopolicy-Teams an Deutschlands Schulen.

Donnerstag ging es im BVV-Saal des Neuköllner Rat- hauses, der kurzerhand zur Spielhalle umgebaut wurde, um den Ecopolicyade-Bezirksentscheid. Außer Benedikt und Alexander, die das Team 1 der Evangelischen Schule Neukölln bildeten, nahmen sechs weitere Minigruppen von insgesamt drei Neuköllner Schulen daran teil. Auch die Lokalmatadore von der Albrecht-Dürer-Oberschule, die sich im Vorjahr erst auf Bundesebene geschlagen geben mussten, waren wieder dabei. Natürlich mit dem Ziel, diesmal den Durchmarsch bis zum Deutschland-Sieg zu schaffen. Dazu müssten sie aber zuerst finale ecopolicyade 2012 neukölln, bvv-saal rathaus neukölln, finalist evangelische schule neuköllnheute beim Ecopolicyade-Landeswettbewerb gewin- nen, für den sich Alexander und Benedikt (auf dem Foto rechts neben Stadträtin Franziska Giffey) ebenfalls qualifizierten – aus dem Stand belegten sie den 3. Platz der Neuköllner finale ecopolicyade 2012 neukölln, bvv-saal rathaus neuköllnTeams.

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die beiden Teenager in den letzten Tagen noch mehr Zeit am Computer verbracht haben. “Dabei ist das Ecopolicy eigentlich gar kein Spiel mit Suchtpotenzial“, finden beide. “Dazu sind die Grafiken zu einfach.” Spannend sei es, obwohl Action keine Rolle spiele, und eine echte Herausforderung. Aufs Begreifen, dass alles mit allem zusammenhängt, komme es an. Und auf kluges Handeln. Bei Ecopolicy werden die Spieler zu Regierenden, die fiktive Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländer durch clevere Investitionen, die die Interaktion zwischen Wirtschaft, Sozialem und Ökologie berücksichtigen, bestenfalls bis zum Status des Paradieses aufsteigen lassen sollen. “Das zu schaffen”, weiß  Alexander, “ist aber wirklich nicht finale ecopolicyade 2012 neukölln, bvv-saal rathaus neuköllnleicht.”

Jugendliche zur Beschäftigung mit fiktiven Szenarien und strategischen Spielereien anzuregen ist allerdings nur Seite des Anliegens, das hinter Ecopolicy und der Ecopolicyade steckt. Die Fähigkeit herauszukitzeln, die beim Spiel gemachten Erfahrun- gen auf das eigene Lebensumfeld herunterbrechen zu können, ist die andere. Schon bei der kurzen Feedbackrunde der Neuköllner Finalisten wurden die Effekte deutlich.  “Was ist denn Neukölln”, fragte der Moderator, “wenn man es in Ecopolicy-Kategorien misst?” Naja, antwortete einer der Schüler, zum Teil sei der Bezirk wie ein gut entwickeltes Industrieland, aber es gebe auch Dinge, die an ein Schwellenland anknüpfen können. “Was müsste man für die Entwicklung Neuköllns tun?” Für eine bessere Lebensqualität sorgen, warf eine Schülerin in die Runde, die Straßen sauberer halten, eine andere. Der soziale Zusammenhalt müsse gestärkt und das Interesse der Bewohner für ihren Bezirk geweckt werden. Außerdem sollten, wandten sich die Ecopolicyadisten an Franziska Giffey, die Defizite in den Schulen beseitigt werden, um sie für die Zukunft zu rüsten. “Seht ihr denn eure Zukunft in Neukölln? Wollt ihr hier bleiben?” Bei dieser Frage war es vorbei mit der Einigkeit unter den Schülerinnen und Schülern. Ihre Antworten reichten von “Auf gar keinen Fall!” bis hin zu “Neukölln ist meine Heimat, deshalb würde ich gerne hier bleiben!”.

Beim von Malik Management, der Bürgerstiftung Neukölln und dem Neu- köllner Bezirksamt initiierten Workshop  “Jugend gestaltet Zukunft – Schü- ler machen Politikberatung”, der am 18. April in der Albrecht-Dürer-Schule stattfindet, werden die Gewinner der Ecopolicyade Neukölln Ideen für die Entwicklung Neuköllns erarbeiten und diese anschließend mit Politikern, Unternehmern und Stiftungsvertretern diskutieren.

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Update (28.3.2012): Die Neukölln-Sieger von der Albrecht-Dürer-Oberschule haben auch den Berlin-Entscheid gewonnen und treten nun im Bundesfinale an.

Und das in Neukölln …

Wirklich kurz ist der Aufenthalt in einer Bibliothek nur für die, die lediglich Bücher abgeben wollen. Sonst dauert er länger. Wie lange, das hängt in erster Linie davon ab, wie konkret die Vorstellungen bezüglich der Leih-Lektüre sind. Je mehr Bücher hör(spiel)box, stadtbibliothek neukölln, lesen und schreiben e.v., krimoangelesen werden müssen, um eine Entschei- dung treffen zu können, desto mehr Zeit vergeht.

Nun könnte die Verweildauer der Nutzer in der Stadtbibliothek Neukölln weiteren Aufwind be- kommen: dank einer blauen Box, die das Ergeb- nis eines Projekts der Künstlerin krimo mit Teilnehmern der Alphabetisierungskurse beim Lesen und Schreiben (LuS) e. V. ist. In ihr steckt das Hörspiel “Und das in Neukölln – Die Ratte Rix, ihre Freunde und der Raub des roten BMWs”. Etwa ein Jahr hätten nach ersten technischen Experimenten die Arbeiten daran gedauert, rund 20 Leute seien beteiligt gewesen, erzählt krimo.

Aus 12 kurzen Episoden ist ein flotter Streifzug durch den Norden des Bezirks entstanden. Eine von den LuS-Lernern  erdachte und geschriebene Geschichte um die Ratte Rix, einen BMW-Fahrer, den Reporter Rudi Rastlos und andere Personen und Tiere zieht sich als roter Faden durch das Hörspiel. Unterbrochen wird die phantasievolle Fiktion von Interviews, die die ehemaligen funktionalen Analphabeten mit Angestellten verschiedener Neuköllner Institutionen über deren Arbeitsalltag führten: Dass Bezirksbürgermeister Buschkowsky zuweilen in der Rathaus-Kantine anzu- treffen ist, erfährt man da beispielsweise. Ebenso, dass es schon vorkam, dass Tauben durch offene Fenster in Rathausbüros flatterten, um dort ihre Runden über den Schreibtischen zu drehen.  Und der Kassiererin des Stadtbads Neukölln entlockten die Hörspielmacher den Namen eines prominenten Schauspielers, der häufig zu den Badegästen gehört.

Ergänzend zum Hörspiel finden sich in der Box von den LuS-Schülern gelesene eigene Stücke und Texte, die noch mehr Gründe dafür liefern, dass der Besuch der Bibliothek in den Neukölln Arcaden etwas länger als üblich dauern könnte. Knapp 50 Minuten  muss einkalkulieren, wer nur das Hörspiel hören will. Das komplette Audio-Programm bringt es auf rund zwei Stunden.

Die Hör(Spiel)Box steht noch bis zum 2. Mai in der Stadtbibliothek Neukölln. Danach macht sie Station vor dem Neukölln Info Center (NIC), bevor sie zum Kunst- und Kulturfestival 48 Stunden Neukölln im Info-Café des LuS e. V. aufgestellt wird.

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Drei Pfund voller Spuren jüdischen Lebens in Neukölln

Glücklicherweise gibt es im Neuköllner Rathaus größere Räume als das Köln- Zimmer. Das wäre nämlich vorgestern Abend aus allen Nähten geplatzt, so groß war der Andrang derer, die an der Präsentation des Buches “Zehn Brüder waren wir buchpräsentation "zehn brüder waren wir gewesen ... spuren jüdischen lebens in neukölln", verlag hentrich & hentrichgewesen … Spuren jüdischen Lebens in Neukölln” teilnehmen wollten. Deshalb wurde die Veranstal- tung kurzerhand in den BVV-Saal verlegt.

Am Vormittag hätten in dem noch Kinder einer Neuköllner Schule gesessen, um etwas über den Bezirk und die Kommunalpolitik zu erfahren, be- richtete Kulturstadträtin Franziska Giffey: “Für die Schülerinnen und Schüler ist vollkommen unvor- stellbar, was damals in der NS-Zeit auch in unserem Bezirk passiert ist.” Entsprechend nötig sei es, immer wieder von diesem Kapitel der Geschichte zu erzählen. “Die Erziehung zu Demo- kratie, Respekt und Toleranz”, so Giffey, “muss unser wichtigstes Ziel sein.” Neukölln betreibe daher eine sehr aktive Gedenkarbeit, die sich einerseits durch Stolpersteine als  Stück bürgerschaftlicher Erinnerungskultur im öffentlichen Raum zeige, ande- rerseits aber auch durch das von Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland für das buchpräsentation "zehn brüder waren wir gewesen - spuren jüdischen lebens in neukölln", hentrich & hentrich, bvv-saal rathaus neuköllnBezirksamt herausgegebene Buch über die Spuren jüdischen Lebens in Neukölln.  Als eines der wichtigsten Bücher der Bezirkshistorie bezeich- nete Giffey das von 28 Autoren erstellte 608-Seiten-Werk, das glei- chermaßen eine Quelle an Wissen sei wie auch Geschichte sichtbar mache. Es erinnere in beeindrucken- der Weise daran, in welchem Ausmaß Menschenleben und Kultur von den Nazis vernichtet wurden.

“Ich lese seit Freitag unaufhörlich in dem Buch”, bekannte dann auch Hermann Simon, nachdem er ans Rednerpult getreten war. Neukölln habe, so der Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin, mit der Publikation, die den Fokus auf die Juden in verlag hentrich & hentrich berlin, "zehn brüder waren wir gewesen ... spuren jüdischen lebens in neukölln"der Bezirksgeschichte legt, eine Vorreiter- rolle eingenommen. Schon vor fast einem Vierteljahrhundert war die erste Auflage des Bandes erschienen, die seit vielen Jahren vergriffen ist. Die nun veröffentlichte überarbeitete und erweiterte Neuauflage werde garantiert nicht die letzte sein, meinte Hermann Simon, während Archiv- Fotos der zerstörten Synagoge in der Isarstraße auf eine Leinwand projiziert wurden. “Wir sehen uns also 2036 bei der Präsentation der 3. Auflage wieder”, kündigte der heute 62-Jährige schmunzelnd an.

Dorothea Kolland lächelte skeptisch zurück: Im Herbst wird sie 65 und nach 31-jähriger Tätigkeit als Leiterin des Neuköllner Kulturamts pensioniert. Restlos verlag hentrich & hentrich berlin, "zehn brüder waren wir gewesen ... spuren jüdischen lebens in neukölln"überzeugt ist sie jedoch vom Wert der von ihr herausgegebenen Publikation: Wie wichtig das Erinnern an das ist, was Menschen erlebt haben, habe kürzlich Marcel Reich-Ranicki mit seiner großartigen Rede im Bundes- tag verdeutlicht. “Dieses Erinnern ist deshalb auch die wichtigste Aufgabe des Buches. Es soll Menschen und ihre Geschichten in die Köpfe der Leserinnen und Leser bringen”, so Dorothea Kolland. Ihr Wunsch sei es, dass “Zehn Brüder waren wir gewesen … Spuren jüdischen Lebens in Neukölln” als Basiswissen in den Neuköllner Schulen verankert wird. Es täte dem Bezirk gut, wenn sich dieser Wunsch erfüllen würde.

Das bei Hentrich & Hentrich erschienene Buch kann über den Online-Shop des Verlags bezogen werden. Es wiegt 1.520 Gramm und kostet 29,90 Euro.

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Endstation Kreuzkölln

Vor 100 Jahren also wurde unser schönes Neukölln benamst. Der alte Name Rixdorf hatte ausgedient – in der Hoffnung, dass der mit ihm verbundene schlechte Ruf auch verloren ginge.

Dazu gibt es zurzeit im Rathaus Neukölln eine Ausstellung des Mobilen Museums Neukölln, die auf 15 Schautafeln Geschichte und Geschichten rund um Rixdorf und Neukölln veranschaulicht. Außerdem wird mit einer hübschen Besucherumfrage ver- sucht zu eruieren, womit die Neuköllner Neukölln bzw. Rixdorf heute verbinden und was sie von dieser Benamsung halten. Offiziell habe die Befragung natürlich keinen tieferen Sinn. Es gehe lediglich um ein Meinungsbild, versichert ein Mitarbeiter des Mobilen Museums.

Für mein subjektives Empfinden hat die Umbennenung an dem Ruf nichts geändert. Wenn ich mein Kind Tobias jetzt Bernd oder Claudia nenne, ändert es doch auch nicht sein Sozialverhalten – na ja, bei Claudia vielleicht doch irgendwann.

Aber weil Rixdorf ja wesentlich gemütlicher und kleiner klingt, Neukölln aber auch einen inzwischen heimatlichen Klang in meinem Gehörgang findet, begrüße ich den Umfragenvorschlag durchaus, Neukölln einfach alle 100 Jahre umzubenennen. Das wird dann auch nicht langweilig, wir Bewohner können uns jedesmal neu erfinden und hätten noch mehr zu feiern.

Vor etwa zwei Jahren fingen Zugezogene damit an, den immer szenigeren Reuterkiez Kreuzkölln zu nennen. Leider hat dieser Trend massiv zugenommen, und somit muss Kreuzkölln bei der nächsten Namenswahl wohl mit vorgeschlagen werden. Das wäre für mich dann allerdings wirklich die Endstation.

Die Ausstellung “100 Jahre Umbenennung Rixdorfs in Neukölln” ist noch bis zum 24. Februar (Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 8 – 20 Uhr) zu sehen. Morgen und übermorgen werden jeweils ab 14 Uhr Führungen angeboten; eine telefonische Anmeldung unter 030 – 627 27 77 27 ist erforderlich.

=Anna Sinnlos=

Einmischen erwünscht!

Der Entwurf zum Neuköllner Bezirkshaushalt 2012/2013 wurde bereits erstellt. Nun finden die Haushaltsberatungen in den Fachausschüssen statt, die allesamt öffentlich stattfinden und den Neuköllnern so die Gelegenheit geben, die Haushaltsplanungen kennenzulernen und eigene Anregungen ein- zubringen. Nachfolgend die Termine der Ausschusssitzungen:

7. Februar: Gesundheitsausschuss (17 Uhr; Rat- haus Neukölln, Köln-Zimmer, A104), Ausschuss für Bildung, Schule und Kultur (17 Uhr; Rathaus Neukölln, Wetzlar-Zimmer, A203), Wirtschafts- ausschuss (17 Uhr; Ordnungsamt, Juliusstr. 67, Zi. 2.07)

8. Februar: Sportausschuss (17 Uhr; BSV Hürtür- kel, Sonnenallee 181), Ausschuss für Verwaltung und Gleichstellung (17 Uhr; Rathaus Neukölln, Köln-Zimmer, A104)

9. Februar: Integrationsausschuss (17 Uhr; Rathaus Neukölln, Köln-Zimmer, A104)

14. Februar: Sozialausschuss (17 Uhr; Rathaus Neukölln, Köln-Zimmer, A104)

15. Februar: Ausschuss für Verkehr und Tiefbau (17 Uhr; Rathaus Neukölln, Wetzlar-Zimmer, A203), Ausschuss für Bürgerdienste  (18 Uhr; ebenfalls im Wetzlar-Zimmer)

16. Februar: Ausschuss für Grünflächen, Natur- und Umweltschutz (17 Uhr), Jugendhilfeausschuss (17 Uhr). Die Räume werden, wie vom BVV-Büro zu erfahren war, erst am Donnerstag im Sitzungskalender bekanntgegeben.

Der Entwurf zum Bezirkshaushalt 2012/2013 steht als pdf-Datei zum Download bereit. Am 22. Februar soll der Beschluss des Haushaltsplans durch die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung erfolgen.

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