Tür an Tür: Einprägsame Einsichten in das Leben in der Großsiedlung Britz vor und nach 1933

“Das Ende der Idylle?” heißt die neue Ausstellung im Museum Neukölln, und wenig idyllisch war auch deren Eröffnung am Freitagabend. das ende der idylle_großsiedlung britz-ausstellung_museum neukölln“Für so viele Leute ist die Aus- stellungsarchitektur wirklich nicht ge- macht”, entschuldigte sich Museums- leiter Dr. Udo Gößwald bei allen, die keinen Sitzplatz mehr fanden oder das Geschehen innerhalb der auf Stoff ge- druckten Nachbildung der Hufeisen- siedlung nur akustisch verfolgen konn- 3_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllnten. Künftig wird es im ehemali- gen Ochsenstall, in dem das Mu- seum Neukölln seit dem Umzug nach Britz seine Sonder-ausstellungen zeigt, weniger Gedränge und viel Zeit geben, sich mit den beeindruckenden Exponaten zu beschäftigen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung, die Neuköllns Beitrag zum Berliner Themenjahr “Zer- störte Vielfalt” ist, stehen die Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung, die als Pionierprojekt des sozialen Wohnungsbaus für Arbeiter und Angestellte geplant und zwischen 1925 und 1933 als Großsiedlung  Britz errichtet  wurden. Dass die ursprüngliche  Intention,

zeitstrahl ab 1918_großsiedlung britz_neukölln zeitstrahl ab 1933_großsiedlung britz_neukölln

komfortablen Wohnraum für kleinere Haushaltskassen anbieten zu können, schon an der Weltwirtschaftskrise über weite Strecken scheiterte, ist eine Sache. Weitaus größere Auswirkungen auf das Leben in der Siedlung hatte jedoch die Machtüber- peter lösche_museum neuköllnnahme der Nazis, und speziell dieser Aspekt wird durch “Das Ende der Idylle?” in den Fokus gerückt.

Einer, der in der Großsiedlung Britz geboren wurde, ist Prof. Dr. Peter Lösche, der als Parteien- und Wahlforscher bundesweit be- kannt wurde. 1935 waren seine Eltern, die SPD-Politiker Dora und Bruno Lösche, in die Fritz-Reuter-Allee 83 gezogen, 1945 zogen sie in eine Wohnung am Rande der Siedlung um. “Eine Idylle”, so Lösche, “herrschte in der Hufeisensiedlung aber auch vor 1933 nicht.” Realistisch betrachtet könne man die Atmosphäre innerhalb der Solidargemeinschaft von Künstlern, SPD- und KPD-Anhängern bestensfalls als brüchige Idylle bezeichnen: “Die Anarchos hatten für die sozialdemokratischen Spießer nur Hohn und Spott übrig und umgekehrt war es nicht anders.” Dennoch habe er beim “Rückspüren in der eigenen Biographie” sehr positive Erinnerungen an die Siedlung, franziska giffey_museum neuköllnmit seinem Buddelkastenfreund Wolfgang Hempel sei er sogar nach wie vor befreundet. “Ich bin ein Brit- zer!”, konstatierte Lösche, und als solcher freue er sich über den Fortschritt in der regionalhistorischen Forschung, den die Ausstellung bedeutet und doku- mentiert.

Den Wert der neuen Erkenntnisse hob auch Dr. Franziska Giffey in ihrer Begrüßungsansprache her- vor: “Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit hat eine lange Tradition in unserem Bezirk, mit der Forschung im Vorfeld der Ausstellung konnte die Geschichtsaufarbeitung entscheidend fortgeführt werden.” Aufgrund der guten Quellenlage sei es inzwischen möglich, die Alltagswirklichkeit und Handlungs- optionen der Menschen während des Nazi-Regimes viel differenzierter 1_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllnals noch vor ein paar Jahren darstellen zu können.

Rund 80 Familien jüdischer Herkunft und 130 Künstler lebten vor 1933 in der Groß- siedlung Britz. 18 Bewohner, so die Neu- köllner Kulturstadträtin, wurden Opfer des Regimes, andere zogen weg, bevor Schlim- meres passieren konnte. Parallel dazu nahm der Zuzug von Nazis verheerende Ausmaße an: Waren es 1928 noch 128 NSDAP-Mitglieder, die in der Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung wohnten, hatte sich ihre Zahl 12 Jahre später fast verzehnfacht. Auch Adolf Eichmann, einer der Hauptorganisatoren des Holocaust, gehörte drei Jahre lang zu den Mietern: 1945 zog einer der wenigen Auschwitz-Überlebenden in statue die deutsche familie_museum neuköllnsein ehemaliges Haus in der Onkel-Herse-Straße 34.

“Das Bezirksamt Neukölln”, hielt Giffey fest, “sieht es als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, Erkenntnisse der Geschichtsforschung für die Gegenwart und Zukunft zu nutzen.” Niemand solle die Gewalt unterschätzen, die von den Feinden der Demokratie ausgeht, mahnte sie mit Hinweis auf “das fatale Versagen rechtsstaatlicher Struktur” in Sachen NSU.

Dass es in Neukölln mit der Pflege eines aufmerksamen Umgangs mit der deutschen Vergangenheit nicht immer furchtbar genau genommen wurde, beweist das Standbild “Die deutsche Familie”, 2_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllndas ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Im Mai 1935 wurde die Statue des Bildhauers Bernhard Butzke im Akazien- wäldchen an der Fritz-Reuter-Allee einge- weiht, erst 2001 wurde sie dort abgebaut und eingelagert. Der Kopf des Vaters sei irgendwann abhanden gekommen.

Dafür, dass die Erinnerung an Menschen, die in der Krugpfuhl- und Hufeisensiedlung wohnten, nicht abhanden kommt, sorgt die Ausstellung “Das Ende der Idylle?”. Der udo gößwald_museum neuköllnWorpsweder Maler Heinrich Vogeler lebte hier, ebenso der Künstler Stanislaw Kubicki, der Anarchist und Dichter Erich Mühsam, der Leichtathlet Rudolf Lewy sowie zahlreiche SPD- und KPD-Parteigrößen. “Mit Beginn der Nazi-Herrschaft unterlagen sie als nichtkonforme Bewohner einer sehr ausgeprägten soziale Kontrolle und nahmen große Risiken in Kauf”, unterstrich Museumsleiter Dr. Udo Gößwald.

Es sind bedrückende Details und schier unvor-stellbare Lebensgeschichten, die von nun an durch die 2 1/2-jährige Arbeit seines Teams ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. “Dieses mikrohisto- rische Projekt macht deutlich, wie wichtig heute die Forschung regionaler Museen ist”, sagte Gößwald, und er sei sehr stolz auf das Ergebnis.

Seit der Vernissage ist die Sammlung des Museums um einige Schätze reicher. “Ich habe Ihnen etwas aus dem Konvolut meines Vaters als Geschenk franziska giffey+udo gößwald+peter lösche_museum neuköllnmitgebracht”, kündigte Prof. Dr. Peter Lösche an und überreichte Gößwald eine Map- pe. Die Ebert-Stiftung habe viel zu viele von diesen Akten, meinte der Britzer: “Sie sollten gefördert werden.” Dass Lösche – zu Gößwalds sicht- licher Irritation – ständig vom Heimat- museum gesprochen hatte, obwohl das Museum Neukölln bereits seit neun Jahren auf den zweisilbigen Zusatz verzichtet, war in diesem Moment verziehen.

Die Sonderausstellung “Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhl- siedlung vor und nach 1933″ wird noch bis zum 29. Dezember im Museum Neukölln gezeigt.

Zur Ausstellung ist ein 400-seitiger Katalog (18 Euro), der die Forschungs- ergebnisse detailliert dokumentiert, sowie die Begleitbroschüre „50 Türen in die NS-Zeit“ (5 Euro) erschienen.

=ensa=

Geschichte(n) im Körnerkiez: Premiere einer neuen Steinle-Tour durch Neukölln

Den Richardkiez kennt er aus dem Effeff, den Reuterkiez ebenfalls, und auch die Quartiere um die Schillerpromenade und die Rollbergsiedlung sind längst keine nogatstraße_steinle-tour körnerkiez_neuköllnunbekannten mehr. Nun hat Reinhold Steinle ein weiteres Viertel beackert, um es in sein Repertoire als Stadtführer aufgzunehmen: den  Körnerkiez.

“Wie groß das Gebiet ist und wie weit die Laufwege dort sind, ist mir auch erst bewusst geworden, seit ich die Tour vorbereite”, gibt er zu. Rund 800 Meter sind es in Ost-West-Richtung zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße, über 400 Meter auf der Nord- Süd-Achse zwischen Thomas- und Siegfriedstraße. Das hat die ursprünglich ins Auge gefasste Route massiv schrumpfen lassen. Schließlich will Reinhold Steinle seine Kiezspaziergänge nicht in stundenlange Wanderungen ausarten lassen. “Am herr steinle_körnerkiez-tour_neuköllnAnfang waren es 16 Punkte, die in die Führung aufgenommen werden sollten”, denkt der gebürtige Schwabe und gefühlte Berliner zurück. Aber was auf dem Stadt- plan machbar erschien, erwies sich schon beim ersten Realitäts-Check als völlig unpraktikabel: “So ist das bisher bei jeder Tour gewesen.”

Im letzten Winter hat Reinhold Steinle be- gonnen, sich in die neue Materie einzu- lesen. Davor hatte die Erkenntnis gestanden, dass es sonst niemanden gibt, der Führungen durch den Körnerkiez anbietet. Unzählige Stunden verbrachte er im Museum Neukölln und mit  der Recherche in anderen stadthistorischen Archiven, um

neuköllner leuchtturm_steinle-tour körnerkiez_neuköllnilsenhof_steinle-tour körnerkiez_neuköllnhinterhof_neukölln

nach Informationen über Gebäude, Menschen und Einrichtungen zu suchen, an de- nen sich die Entwicklung des Kiezes skizzieren ließe. Dem folgte die Kontakt- aufnahme zu Institutionen vor Ort. “Die war zum Beispiel beim Nachbarschaftsheim Neukölln sehr kooperativ und ergiebig, bei anderen dagegen ziemlich mau oder mit schwulen-club trommel_thomasstraße neuköllndem Hinweis erledigt, dass ich doch auf die Homepage gucken soll”, sagt Steinle.

Dass Leute, die an geführten Kiezspazier-gängen teilnehmen, nicht nur an Geschicht- lichem sondern auch an Geschichten und Anekdoten interessiert sind und er diese Mischung in Barkeeper-Manier zusammen- rühren muss, weiß Reinhold Steinle dank langjähriger Stadtführer-Erfahrung nur zu gut. Genauso wichtig sei die Auswahl des richtigen Startpunktes: “Geeignet ist der, wenn man dort  noch etwas essen oder trinken und aufs Klo gehen  kann.” Wer will schon hungrig, durstig oder mit drückender Blase einen Kiez erkunden?

Durch die Altenbraker Straße geht es zur Emser Straße. Der Wissensdurst ist mit Zahlen zur baulichen Erschließung und Besiedelung des Kiezes, zur Veränderung der Bevölkerungsstruktur und mit Einzelheiten über die Geschichte der abseits der weiteren Route gelegenen Albrecht-Dürer-Oberschule mehr als gestillt. “Etwa 80 Prozent der Zahlen, die ich bei dieser ersten Testtour geliefert hab, sind für künftige walldorf-kindergarten lindenbaum_steinle-tour körnerkiez_neuköllnFührungen gestrichen, ebenso die Details zur ADO”, sagt Reinhold Steinle heute. Der  Grat zwischen Fordern und Überforderung ist schmal und wird oft erst durch ent- sprechende Reaktionen deutlich.

Mit einem Exkurs in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte gelingt es, die ächzenden grauen Zellen wieder in einen aufnahmebereiten Modus zu bringen: Die Mieter zweier Wohnungen in der Emser Straße 10 und 62, hat Steinle recherchiert, beherbergten in der NS-Zeit verfolgte Juden und verhalfen ihnen so zum Überleben. Um einen, der vom Nazi-Regime peter-petersen-schule_steinle-tour körnerkiez_neuköllnausgelöscht wurde, um Martin Weise, geht es in der Jonasstraße an einer der nächsten Stationen.

Nicht minder spannend, wenn auch ungleich leichter sind die Geschichten, die sich um andere Adressen wie die der ehemaligen Tanzschule im Hof des tanzschule will meisel_steinle-tour körnerkiez_neuköllnHauses mit der Num- mer 22, den Ilsenhof oder die Trommel, Ber- lins älteste Schwulen- Bar, ranken. Kurz vor dem Körnerpark, an der Peter-Petersen-Schule, hat dann auch noch Reinhold Steinle sein persön- liches Aha-Erlebnis. “Klar, das ist ein Wal! Jonas- straße … Jonas … biblische Geschichte. Weshalb bin ich nicht selber darauf gekommen?”, fragt er sich und notiert die neuen Erkenntnisse zum Emblem, das die neuköllner reitergrab_steinle-tour körnerkiez_neuköllnFassade der Schule ziert.

Bei der nächsten, nur einige Schritte entfernten Station gibt es nur wenig zu erzählen und noch weniger zu sehen: Im heute asphaltierten Knick zwischen Jonas- und Selkestraße wurde vor über 100 Jahren das Neuköllner Reitergrab entdeckt. Sehr offensichtlich ist dagegen, was der Unter-körnerpark_steinle-tour körnerkiez_neuköllnnehmer Franz Kör- ner in Neukölln hinterließ: Aus einer seiner Kiesgruben wurde zwischen 1912 und 1916 der mittlerweile denk- malgeschützte Körnerpark. “Den zu zeigen und mehr über den Namensgeber bekannt zu machen, war für mich eigentlich auch ein wesentlicher Anreiz zur Ge- staltung dieser Tour”, erklärt Reinhold Steinle. Welche Bedeutung andere Orte für die Entwicklung des Kiezes hatten, erfuhr auch er erst durch seine Recherchen. “Natürlich”, sagt er, “hätte ich außerdem gern das Albrecht- Dürer-Gymnasium und die  Feuerwache an der Kirchhofstraße  in die Route aufge- franz körner_steinle-tour körnerkiez_neuköllnnommen, aber das hätte den Rahmen deutlich gesprengt.”

Zudem wollte Reinhold Steinle, dass die Tour, in die kurz vor der Premiere mit zahlenden Mitläufern noch der Besuch bei einem Gitarrenbauer aufgenommen wur- de, im Körnerpark endet. Denn wo sonst im Kiez lässt sich adäquater der “Humoris- tischen Kultur-Anweisung für Körners Riesen-Sonnenblumen” lauschen? Sie ist einer der Schätze, die der Stadtführer im Museum Neukölln fand und nun in einen dicken Aktenordner sortiert wurde. “Einen zweiten Ordner mit Körnerkiez-Material hab ich noch zuhause”, verrät er. Es ist also unwahrscheinlich, dass bei dieser neuen Expedition durch ein Stück Neukölln auch nur eine einzige Frage unbeantwortet bleiben muss.

Die erste “Geschichte(n) im Körnerkiez”-Führung (10 Euro / erm. 7 Euro) mit Reinhold Steinle ist am 18. Mai. Sie startet um 15 Uhr an der Leucht- stoff-Kaffeebar in der Siegfriedstraße 19: Anmeldung unter 030 – 53217401 erwünscht.

=ensa=

Wider das Vergessen: Heute beginnt das Berliner Themenjahr “Zerstörte Vielfalt”

80 Jahre ist es heute her, dass die Nazis für mehr als eine Dekade die Macht in Deutschland übernahmen. Knapp sechs Jahre später, am 9. November 2013_LOGO_300X_www1938, schlug der Antisemitismus des Regimes in staatlich organisierte Gewalt um. Diese Eckdaten, der  80. Jahrestag der Machtergreifung der National-sozialisten und der 75. Jahrestag der Novemberpogrome, sind Anlass für das Berliner Themenjahr 2013. Unter dem Motto “Zerstörte Vielfalt”  wird ab heute stadtweit mit  über 500 Veranstaltungen insbesondere an Menschen erinnert, die zur Vielfalt Berlins beigetragen hatten und nach 1933 bedroht, verfolgt, deportiert und ermordet wurden.

gedenkstätte, ausstellung, ns-zwangsarbeiterlager friedhof hermannstraße, neuköllnAuch in Neukölln bereitet man sich auf die Teilnahme am Berliner Themenjahr 2013 vor: “Verschleppt. Ge- treten. Beschimpft. Bedroht” steht als Titel über der Führung, die am 14. April um 14 Uhr von der Evan- gelischen Kirche Berlin-Brandenburg angeboten wird und über NS-Zwangsarbeiter im kirchlichen Lager auf dem Neuköllner St. Thomas-Friedhof informiert.

“Ende einer Idylle? – Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933″ heißt eine Ausstellung, die hufeisensiedlung britz, unesco welterbe, neukölln, hüsungdas Museum Neukölln ab 16. Mai zeigt. Zur Einstimmung hat das Museum in seinem Blog den Themenschwerpunkt “50 Türen in die NS-Zeit” gesetzt und schildert in ihm Schicksale von Britzern street view neukölln, lilienthalstraße, neukölln, friedhof lilienthalstraßeim Nationalsozialismus.

Schon seit einem Vierteljahr und noch bis zum 30. April ist in der Feierhalle des ehemaligen Militärfriedhofs in Neukölln immer dienstags bis sonntags (10 – 17 Uhr) die Wanderausstellung “Die polnische Minderheit im KZ” zu sehen, bei der es um Mitglieder polnischer Verbände im Deutschen Reich in den Konzentrations- lagern Sachsenhausen und Ravensbrück geht.

Des Themas “Die politischen Häftlinge des Konzen- trationslagers Columbia-Haus 1933 – 1936″ nimmt denkmal columbia-haus_columbiadamm neuköllnsich die GDW – Gedenk- stätte Deutscher Wider- stand ab 19. Juli an. Heute erinnert nur ein Denkmal am Columbiadamm, wenige Schritte von der Neuköll- ner Bezirksgrenze entfernt, an das KZ, dem eine besondere Bedeutung unter den Berliner Konzentra- tionslagern beigemessen wird. “Es ist das einzige Lager”, so GDW-Leiter Prof. Dr. Johannes Tuchel, “das von Beginn an unter Aufsicht der SS steht und zum Ausbildungszentrum für viele spätere KZ-Komman- danten wird.” Im November 1936 wurde das Lager geschlossen, 1938 das Gebäude abgerissen. In der Ausstellung stehen die Häftlinge im Vordergrund. Ihr Alltag wird durch ausgewählte Biographien veranschaulicht und so ein individueller Zugang zu den Schicksalen der Menschen sowie den Haftbedingungen, denen sie ausgesetzt waren, infotafeln zur geschichte des tempelhofer felds, zwangsarbeiterlager, berliner forum für geschichte und gegenwartermöglicht.

Auf dem Tempelhofer Feld wird anlässlich des The- menjahrs “Zerstörte Vielfalt” ein Open-Air-Geschichts- pfad zur NS-Historie des Flughafengeländes angelegt: Dazu werden zunächst  im Frühjahr zu den drei bereits bestehenden Infotafeln zehn weitere installiert. Insge- samt soll der vom Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart (BFGG) e. V. erarbeitete Infopfad einmal 27 Tafeln umfassen und so den Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses umsetzen, am Columbiadamm einen Gedenk- und Informationsort einzurichten.

stolpersteine für berlin 8.10.2011, gunter demnigIn das Internetportal des Themenjahres, das über alle “Zerstörte Viel- falt”-Veranstaltungen informiert, wurde auch der Datenpool des Projektes „Stolpersteine“ einge- bunden, der nun mittels einer interaktiven Stadtkarte die über 1.500 Stolpersteine in Berlin darstellt. Seit Oktober letzten Jahres liegen 123 davon vor Häu- sern in Neukölln.

=ensa=

Dahinter geht’s nicht weiter

„Muss man denn immer wieder daran erinnern?“ Diese Frage wird oft gestellt, auch und gerade im Zusammenhang mit dem 9. November. Gemeint ist nicht der Jah- restag des Mauerfalls und auch nicht der der Ausrufung der Republik in Deutschland, sondern das Gedenken an die furchtbare Pogromnacht vor nunmehr 74 Jahren, in der auch der Versammlungsort des Israelitischen Brüder-Vereins zu Rixdorf, die 1907 eingeweihte Synaehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllngoge in der Isarstraße 8 in Neukölln, zerstört wurde. Auch heute noch eine bemerkenswerte Adresse.

Das gelb angestrichene Wohnhaus aus der Gründerzeit steht zwar in der Isarstraße, aus den Fenstern des Vorderhauses sieht man aber zur Neckarstraße hinaus, die dadurch ihren Abschluss findet und so zur Sackgasse wird. Unmittelbar daneben sieht man eine gewaltige Stützmauer, ein Relikt der Rollberge, das vor Abbruch und Bodenerosion schützt. ehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllnDieser Schutz setzt sich auf dem engen Hof in der Isarstraße fort und ist in handwerklich gut ausgeführter Klempner- arbeit mit Blechen abgedeckt. Der Hauseigentümer wird wohl wissen, dass diese Anschüttung nicht entfernt werden sollte; dahinter befinden sich die Tiefgeschosse der ehe- maligen Kindl-Brauerei.

Im schmucklosen Quergebäude haben laut Klingeltableau die Historischen Siebenten-Tags-Adventisten ihren Ge- meindesaal. „Die sind seit vier Jahren hier und vorher die Zeugen Jehovas, aber die sind in die Naumburger Straße gezogen. Das war eine gute Nachbarschaft mit denen“, ist von einer Hausbewohnerin zu erfahren, die seit 46 Jahren hier wohnt. Von der ehemaligen Synagoge an dieser Stelle weiß auch sie nur vom Hörensagen, beziehungsweise von den Angaben auf der Berliner Gedenktafel, die an der Haus- ehemalige synagoge isarstraße 8 neukölln, berliner gedenktafel georg kantorowskyfront angebracht ist.

Georg Kantorowsky, der 1917 Rabbi- ner der Neuköllner Synagoge  wurde,  deutete die Maßnahmen, die bereits 1933 gegen die jüdische Bevölke- rung gerichtet waren, richtig und schaffte das bis dahin obligatorische Gebet für den Landesherrn ab. Zeit- gleich begannen sich die Reihen in der zuvor stark frequentierten Ge- meinde zu lichten.

Scheinbar spontan, doch in Wirklichkeit gut geplant wurden in der Nacht vom 9. zum 10. November im gesamten Reich jüdische Gotteshäuser in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte wurden verwüstet oder fielen Plünderungen zum Opfer, viele Juden wurden misshandelt, verhaftet oder verschleppt. Wegen der vielen zu Bruch gegangen Fensterscheiben und der vielen Feuer wurde dieses Pogrom als Reichskristallnacht bezeichnet. Auch die Synagoge in der Isarstraße wurde in Schutt und Asche gelegt. Die Gemeinde traf sich seitdem in der Jugendsynagoge am heutigen Fraenkelufer. Wer konnte, emigrierte; denen, die blieben, fehlten entweder die finanziellen Mittel oder die Beziehungen. Es gab allerdings auch welche, die gern bleiben wollten, die sich nicht vorstellen konnten, dass es noch schlimmer kommen könne. So auch Georg Kantorowsky, der bei entsprechenden Empfehlungen immer gefragt hatte: „Was soll ich in Amerika, was soll ich in Shanghai?“ Es war wohl die Ironie des Schicksals, dass er nach der Deportation seines Sohnes dann doch floh und zwar via ehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllnShanghai in die USA.

Von der alten Synagoge sind lediglich ein paar Stützmauern und damit der Grund- riss des Gebäudes erhalten geblieben. Auch eine Außentreppe, die zu Zeiten der Synagoge zur Frauenempore führte, ist noch da. Wie es im Inneren der Synagoge aussah, die religiöses Zentrum von an- ehemalige synagoge isarstraße 8 neukölln, foto: museum neuköllnfangs mehr als 2.000 Rixdorfer Juden war, zeigt Bildmaterial aus dem Archiv des Museums Neukölln.

In den Folgejahren der Pogromnacht erlosch jeg- liches jüdische Leben in Neukölln. Und so darf die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nur lauten: „Ja, es muss!“

Wer mehr aus dieser Zeit und den jüdischen Mitbürgern in Rixdorf/Neukölln erfahren möchte, dem sei das von Dorothea Kolland heraus- gegebene Buch “Zehn Brüder waren wir ge- wesen … Spuren jüdischen Lebens in Neu- kölln”  empfohlen.

Auch sei darauf hingewiesen, dass Gunter Demnig am  29. November nach Neukölln kommen wird, um  weitere 18 Stolpersteine im Bezirk  zu verlegen.

=kiezkieker=

Erinnerungen für die Zukunft

Eigentlich sind sie zu zwölft, doch diesmal sind nur neun Frauen und Männer ge- kommen. Nun ja, es ist Fußball-EM, da mischen viele vorübergehend ihre Prioritäten neu. Gut möglich, dass die drei Fehlenden nach den Sommerferien auch wieder am workshop-reihe "geteilte erinnerungen", hufeisensiedlung britz, museum neuköllngroßen Tisch unter dem Dach des Museums Neukölln sitzen und mit dem  Workshop “Ge- teilte Erinnerungen”  weitermachen.

Noch bis Oktober läuft er. Zweimal pro Monat trifft sich die Gruppe, die von der Ethnologin Barbara Lenz und der Künstlerin Roos Versteeg geleitet wird. Zentrales Thema der Gesprächs- und Erin- nerungswerkstatt ist die aus Hufeisensiedlung und Krugpfuhlsiedlung bestehende  Großsied- lung Britz. Um ihre Architekturgeschichte und um zeitgeschichtliche Ereignisse geht es, aber auch um die Menschen, die früher dort gelebt haben und heute dort wohnen. Auf eine Frau aus der Gruppe trifft beides zu; sie ist vor vielen Jahrzehnten in diesen Kiez im Ortsteil Britz gezogen. Andere nehmen an dem Workshop teil, weil sie eine Beziehung zu Britz haben und/oder ihr bezirkshis- torisches Wissen erweitern wollen.

Alte Fotos, Literatur über die Hufeisensiedlung und Arbeitsbögen, die die Aspekte ankündigen, die an diesem Abend diskutiert werden sollen, liegen auf dem Tisch: Gemeinschaft und Gesellschaft. Für welchen dieser Begriffe ist die von Bruno Taut nach dem Alle-wohnen-gleich-Prinzip entworfene Siedlung Beispiel? Führt(e) die geschlossen anmutende Bauweise dazu, dass die Bewohner workshop-reihe "geteilte erinnerungen", hufeisensiedlung britz, museum neuköllnsich als Teil einer Gemeinschaft  fühl(t)en? Nein, ist ein Mann überzeugt, die Bauweise an sich spiele für das Gemeinschafts- gefühl keine Rolle, das werde eher durch die Mietwirtschaft bzw. bei- spielsweise Genossenschaftswoh- nungen initiiert. Die Rentnerin aus der Hufeisensiedlung stimmt ihm zu. Sie habe den Gemeinschaftsgedanken dort zumindest nicht erlebt, sagt sie. Wohl aber habe es  Orte gegeben, an denen Gemeinschaft im Sinne von Kommunikation entstand: Die Männer aus der Siedlung hätten sich am Kiosk Berta getroffen, die Frauen am Bolle-Milchwagen, beim Teppichklopfen in den Höfen oder auch in den Waschküchen, die jedes Mehrfamilienhaus hatte. Eine Frau, die vor einigen Jahren aus Polen nach Berlin kam, erzählt, dass sich solche gemeinsamen Waschküchen in ihrer Heimat eben- falls durchgesetzt hätten und es sie noch heute oft dort gebe.

Die  Brücke von der Historie in die Gegenwart ist geschlagen. Auch das gehört zu  den An- liegen von Barbara Lenz und Roos Versteeg, die dem Erzählen durch ihren Input einen roten Faden geben und es moderieren. Eines der Ergebnisse des “Geteilte Erinnerungen”-Work- shops soll  Audio-Material für einen Hörspa- ziergang  durch die Großsiedlung Britz sein. Doch, ja, ein bisschen von Tauts Ambition, Raum für gemeinschaftliches Wohnen zu schaf- fen, sei schon umgesetzt worden: Für mehr als den kleinsten gemeinsamen Nenner reicht es nach Meinung der Workshop-Teilnehmer nicht. Die Siedlung sei ja ob der Aus- stattung ihrer Wohnungen schnell auch für Mieter attraktiv geworden, die mehr als all jene verdienten, für die sie ursprünglich konzipiert worden war. Vor allem an den Gärten sei das deutlich geworden: “Die Mieter der ersten Stunde haben sie als Nutzgärten angelegt, später wurden sie immer öfter  als Ziergärten zweckent-fremdet.”  Inzwischen, berichtet einer aus der Gruppe, werde die Rückkehr zur Anlage eines klassischen Gartens sogar vom Landesdenkmalamt gefördert.

Auch nach den Sommerferien ist für Interessierte noch ein Einstieg in den  Workshop “Geteilte Erinnerungen”  möglich; weitere Infos hier.

=ensa=

Geschichtsstunden für alle Sinne

mittelalterspektakel gutshof britz neukölln“Das ist ja wie im Mittelalter!” Als Lob ist diese Bemerkung meist nicht gemeint. Birgit Katins sieht das aber ganz anders. Wenn sich alle wie im Mittelalter fühlen, ist das für sie der Applaus für ihre Arbeit.

Der Himmel über dem Gutshof Britz, wo noch bis Dienstag ein Mittelalterspektakel Hof hält, könnte nicht blauer sein, die Temperaturen scheinen sich im Monat geirrt zu haben, und Jonas schwitzt unter seinem Ritterhelm. Das Schwert hat der Siebenjährige lässig in den Gürtel über seiner Tunika geschoben. Jonas’ kleine Schwester trägt ein langes, wallendes Burgfräulein-Kleid, die Eltern der beiden Jeans und T-Shirts. Ein Kostümfest für mittelalterspektakel gutshof britz neuköllnKinder sei die Veranstaltung mit über 50 Händler- und Handwerkerständen und zahlreichen anderen Attraktio- nen aber nicht, betont Birgit Katins: “Mindestens genauso oft sind es Erwachsene, die in historischen Ge- wändern zu unseren Mittelalter- märkten kommen und sich von dem Ambiente in den Bann ziehen lassen.”

mittelalterspektakel gutshof britz neuköllnEs ist in der Tat die nahezu perfekte Illusion einer Zeitreise, die Katins seit nunmehr 12 Jahren als Organisations-Chefin für die Eventagentur Coex schafft. Das fängt schon bei der Auswahl der Location an und endet bei Details wie den mit Jute-Holz-Konstruktionen verhüllten Mülleimern. Ein stim- mittelalterspektakel gutshof britz neuköllnmiges Umfeld müsse sein, und das böten eben meist nur Rittergüter, Schlösser und Bur- gen. Der Gutshof Britz sei so ein optimaler Platz, obwohl er gerne ein bisschen mehr Schatten haben dürfte, findet nicht nur Birgit Katins, sondern auch die etwa 500 Protagonisten, die am Mittelalterspektakel beteiligt sind und zuvor alle ein Bewerbungsverfahren durchliefen: “Ohne das geht es nicht, wegen der Qualität und der handwerklichen Bandbreite, die den Besuchern geboten werden sollen.”  Schließlich würde man nicht einen Filzer oder Schmied oder  Bogen-

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bauer neben dem anderen stehen haben wollen. Eben dieser Anspruch gilt auch für Anbieter, die  sich des leiblichen Wohls der Besucher annehmen. “Nur Ritter haben wir richtig viele, um die 40″, sagt die Organisatorin.  Seit Freitag haben die ihre Kämpfe zu Fuß ausgefochten, ab morgen tragen sie Ritterturniere zu Pferd  aus und

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markieren so weitere Höhepunkte auf dem – u. a. mit dem Gaukler Götz von B und den rockenden Dudelzwergen besetzten – ohnehin schon hochklassigen Enter- tainment- und Bühnenprogramm. Aber auch an den Ständen und vor den Zelten auf der  Wiese kommt die  Unterhaltung nicht zu kurz, denn dort wird  nicht nur gearbeitet,

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sondern die Tätigkeit auch gerne erklärt und viel über das Mittelalter und von den Menschen, die in dieser Epoche lebten, erzählt. Jonas trägt seinen Ritterhelm inzwischen in der Hand, Schwester Lina einen Burgfräulein-Kranz auf dem Kopf und mittelalterspektakel gutshof britz neuköllndie Mutter der beiden, die sich zum Besuch des Mittelalterspektakels überreden lassen musste, bereut kein bisschen, dass das ihrer mittelalterspektakel gutshof britz neuköllnFamilie gelungen ist. Lina will gleich unbedingt ei- ne Runde reiten, Jo- nas danach auf jeden Fall die kleine Einfüh- rung in den Schwert- kampf mitmachen. Letztere ist gratis, das Reiten schlägt mit 2 Euro zu Buche. “50 Euro werden wir hier heute bestimmt los”, kalkuliert der Vater. Inklusive der Familien- eintrittskarte für 12 Euro, deren Preis an den beiden Ritter- turnier-Tagen sogar auf 20 Euro angehoben wird. Dass die Kosten für viele Berliner Familien ein Problem sind, weiß auch Birgit Katins. “Aber das ließe sich alles nicht stemmen, wenn wir keinen Eintritt nehmen würden”, sagt sie.

Ein organisatorisches Problem ergibt sich dadurch indes für das auf dem Gutshof-Gelände angesiedelte Museum Neukölln. “Das geht gar nicht, dass Leute, die nur zu uns und nicht zum Mittelalterspektakel wollen, erstmal vorne am Kassenhäuschen ewig lange diskutieren müssen, um das Eintrittsgeld zu umgehen”, kritisiert der Mitarbeiter der bezirklichen Einrichtung, für die normalerweise “Eintritt frei” gilt.

=ensa=

Experimente mit den Spielarten der Sprache

atrium kinderkünstezentrum berlin-neukölln, tibetischer baumEs ist schon ein beträchtlicher Kontrast zwischen der Außenanlage und dem Inneren des KinderKünsteZentrums – optisch und atmosphärisch. Still ist es draußen und so gräulich wie der Himmel über Neukölln. Drinnen dagegen tobt das Leben, es imitmachausstellung kunst + sprache, kinderkünstezentrum berlin-neuköllnst laut und bunt – nicht nur wenn, wie vorgestern, eine neue Ausstellung in den Räumen eröffnet wird. “Kunst & Sprache” heißt sie. Fast 80 Zwei- bis Fünfjährige aus sechs Berliner Kitas sowie Künstler, mitmachausstellung kunst + sprache, kinderkünstezentrum berlin-neuköllnMusiker, Schauspieler und Bühnenbildner haben sie entstehen lassen und sich dafür wochenlang spiele- risch-kreativ mit verschiedensten Facetten der Kom- munikation beschäftigt.

Wie funktioniert  Verständigung ohne Worte? Kann man auch durch Gesang oder Musikinstrumente miteinander sprechen? Wie klingt es, wenn die Bäume und Sträucher im Wald reden? Weshalb muss Schrift so aussehen, wie sie aussieht? Warum nicht einfach mal  neue Buchstaben erfinden und die in einem Schwarzlichttheater tanzen lassen? mitmachausstellung kunst + sprache, kinderkünstezentrum berlin-neuköllnAll das haben die Kinder in Workshops ausprobiert. In der Ausstellung, die nun im KinderKünsteZentrum gezeigt wird, können aber nicht nur die Ergebnisse angeguckt, -gehört und erlebt werden. Außerdem ist dort  mitmachen angesagt.

“Sagt mal Cheese!”, fordert eine Fotografin die Kinder der Kita Tausendfüßler auf, als die die sich im Halbkreis aufgestellt haben. “Ameisenscheiße” klinge schöner und mache ein fotogeneres Grinsen, entscheiden die Kleinen und brüllen das Wort mehrmals durch den Raum. Leise ist mitmachausstellung kunst + sprache, kinderkünstezentrum berlin-neukölln, kita tausendfüßlerauch ihr Auftritt bei der Vernissage nicht: Auf selbstgebastelten Gipsbuchstaben trom- meln sie und sagen dazu im Takt das mitmachausstellung kunst + sprache, kinderkünstezentrum berlin-neuköllnAlphabet auf.

Wieviel Spaß Spra- che machen kann, spürt man auf Schritt und Tritt in den Räumen, in denen früher das Museum Neukölln untergebracht war. Im September 2011 ist das KinderKünsteZentrum hier einge- zogen, das sich ganz der frühkindlichen kulturen Bildung verschrieben hat und damit einzigartig in Berlin ist. “Dass sich die Berliner Bäderbetriebe als Eigentümer des Gebäudes wieder für eine kulturelle Einrichtung als Pächter entschieden haben, begrüßen wir sehr”, sagt Bezirksstadträtin Franziska Giffey. Für 10 Jahre sei der Standort erstmal gesichert. Auf wackeligen Füßen steht mitmachausstellung kunst + sprache, kinderkünstezentrum berlin-neukölln, kita rixdorfer rüpeldagegen noch die von viel Fundraising und Förder- mittelakquise geprägte Finanzierung. Die aktuelle Aus- stellung werde aus Mitteln des Projektfonds Kulturelle Bildung gespeist, erklärt KiKüZ-Leiterin Karen Hoff- mann: “Wir hoffen wirklich sehr, dass wir demnächst eine Regelförderung vom Senat bewilligt bekommen.” Schließlich würden Kitas aus der ganzen Stadt die Angebote wahrnehmen. Im Mai starte zudem eine Fortbildungsreihe für Erzieher/innen und Künst- mitmachausstellung kunst + sprache, kinderkünstezentrum berlin-neukölln, claudia herrler/innen.

Eine der Dozentinnen ist die Sängerin Claudia Herr, die zuletzt über die Bezirksgrenzen Neuköllns hinaus mit ihrer Unterwasser- Oper “AquAria PALAOA” im Stadtbad für Furore sorgte. Für die Ausstellung im KinderKünsteZentrum hat sie zusammen mit den Kindern der Kita Waschbär eine Puppen-Oper eingeübt, um zu zeigen, dass man nicht nur miteinander sprechen, sondern Gespräche genauso gut singen kann. Abgeschworen hat sie dem Element Wasser allerdings nicht: geplant ist eine Unterwasser-Oper mit Kindern.

Die Mitmach-Ausstellung “Kunst & Sprache” kann noch bis zum 13. Mai im KinderKünsteZentrum in der Ganghoferstraße 3 sonntags von 11 – 18 Uhr ohne Anmeldung besucht werden. Beim heutigen ersten Öffnungstag zeigen Claudia Herr und Kinder der Kita Waschbär um 15 Uhr ihre Puppen-Oper. Eintritt: 2,50 Euro/pro Person, für Familien 6 Euro.

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Was wird aus der ehemaligen Frauenklinik Neukölln?

ehemalige frauenklinik/kinderklinik des krankenhauses neukölln, mariendorfer wegErst ließ man sie jahrelang verfallen, dann setzte ihr am 6. Oktober letzten Jahres auch noch ein Dachstuhl- brand zu. Eine ruinierte Ruine ist seit- dem von der ehemaligen Frauen- und Kinderklinik Neukölln übrig.

1913 wurde das Haus erbaut, das im Sommer 1917 als Brandenburgische Hebammen-Lehranstalt eröffnet wur- de. Eine “zentrale Institution im Be- zirk” sei das Klinikum, in den 1970er- und 1980er-Jahren habe es “euro- päisches Ansehen” genossen – so umschrieb das Museum Neukölln die me- dizinische Einrichtung, die es vor 11 Jahren mit der Ausstellung “Der erste Schrei oder wie man in Neukölln zur Welt kommt”  würdigte. Parallel erschien ein 80-seitiges Buch. Nur fünf Jahre später wurde das denkmalgeschützte Gebäude als Standort der Neuköllner Frauen- und Kinderklinik auf- und dem Verfall preisgegeben.

Dem soll nun ein Ende gesetzt werden. Auf Antrag von Bündnis 90/Die Grünen, die Linke und der Piratenpartei beschäftigt sich morgen der Ausschuss für Stadtentwicklung in seiner öffentlichen Sitzung mit der Zukunft der ehe- maligen Frauenklinik. Ein breites bezirkliches Bündnis, so die Drucksache 0045/XIX, solle zum Erhalt des Baudenkmals entstehen, eine Not- verdachung erfolgen und ein Erhaltungs- und Nutzungskonzept erarbeitet werden. Zudem erwarten die Antragsteller vom besitzenden Immobilien-Investor eine maßnahmenorientierte Stellungnahme sowie eine Ortsbegehung mit den Ausschussmitgliedern. Von der “Suche nach einer gemeinwohlorientierten Nutzung” ist in der Begründung des Antrags die Rede.

Zu den Visionen der Comer Group mag das so gar nicht passen. “Für die Zukunft ist geplant, hochwertige Apartment-Wohnungen für den Verkauf zu bauen”, heißt es in der Projektbeschreibung auf der Homepage der Immobilienmanager.

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Außergewöhnliche Töne

Was haben der Sänger und Komponist Udo Jürgens und der Neuköllner Musiker Jürgen Heidemann gemeinsam? Zunächst sind es selbstverständlich die nament- lichen Übereinstimmungen, die ins Auge fallen. Aber die Künstler verbindet noch mehr: Beide sind nach ihren Konzerten oft klatschnass.

Bei Jürgen Heidemann ist es allerdings kein Schweiß, der sein Hemd durchtränkt. Er rackert sich nicht am Piano ab, singt nicht bis zur Erschöpfung oder tobt über die Bühne. Nein, es ist vor allem die Nähe zum Instrument und die Art und Weise, wie ihm Töne entlockt werden, die den 34-Jährigen nass macht. Denn Jürgen Heidemann gehört zu denen, die die alte Kunst des Musizierens mit Klangsteinen für sich entdeckt haben und meisterhaft beherrschen.

Ohne eine Schüssel mit Wasser geht bei den Instrumenten gar nichts. Heidemanns Hände müssen nass sein,  will er Granitsteine zum Klingen bringen, die ob ihrer Formen- und Farbenvielfalt auch als Deko- Elemente fürs Wohnzimmer geeignet wären oder als Skulpturen in Galerien durchgingen. Ihre akustischen Qualitäten werden erst durch einen wie Jürgen Heidemann offenbar. Streicht er sanft mit flachen Händen über die Steine, steigen imposante Klangwolken aus satten Basstönen, melodischen Mitten und intensiven hohen Tönen zwischen den La- mellen auf.

Noch eindrucksvoller und facet- tenreicher wird das Hörerlebnis, wenn der Klangsteinmusiker  Jürgen Heidemann zusammen mit seiner Partnerin, der Vio- linistin Hoshiko Yamane, auftritt: Am 3. Dezember sind die bei- den Künstler mit ihrem musika- lischen Dialog der Elemente Holz (=Ki) und Stein (=Seki) als Duo KiSeki im Museum Neukölln auf dem Gutshof Schloss Britz zu Gast.

Heidemann geht es jedoch längst nicht nur um Klangkunst und Konzertantes. 2009 gründete der examinierte Lehrer die private Musikschule Klangwolke, in der Kinder das Musizieren mit Steinen und verschiedenen anderen Instrument erlernen können. Sehr spezielle Kurse wird es dagegen im Vorfeld des KiSeki-Konzerts im Museum Neu- kölln geben: “Ende November starten dort Workshops zum Musizieren mit Kiesel- steinen”, kündigt Jürgen Heidemann an. Er demonstriert mit zwei Exemplaren, dass die bei gekonnter Handhabung nicht nur einen Takt anschlagen, sondern auch höchst unter- schiedliche Töne von sich geben können. In erster Linie seien die Workshops jedoch ein Projekt zur Gewaltprävention, bei dem Kinder erfahren, dass Steine zu mehr als zu Wurfgeschossen taugen.

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Ins Gedächtnis Neuköllns abgetaucht

Es wäre schon eine bodenlose Gemeinheit, unter normalen Umständen im Hochsommer einen Besuch des Neuköllner Geschichtsspeichers zu empfehlen. Denn bei Temperaturen um die 30° und hoher Luftfeuchtigkeit ist es dort schier unerträglich. Ebenso gut könnte man zu einem Saunabesuch in Wintermantel und Fellstiefeln raten. Doch dieser Sommer ist so weit von dem entfernt, was landläufig geschichtsspeicher museum neuköllnSommer genannt wird wie die Ber- liner Bäderbetriebe (BBB) von den erwarteten Einnahmen für die aktuelle Badesaison: Lediglich “gut 30 Prozent des Vorjahresumsatzes zur gleichen Zeit” seien bis Mitte Juli in die Kassen geflossen, erklärte BBB-Chef Klaus Lipinsky kürzlich im Interview mit der Berliner Morgenpost. Verständlicher- weise hofft er auf einen heißen Au- gust. Für die Expedition ins (barriere- freie!) Gedächtnis Neuköllns unterm Dach des Museums sollte man aus genannten Gründen besser auf das Gegenteil hoffen.

Die Tickets für den Selbstversuch in Sachen Zeitreise sind gelöst: Sie sind gratis, kosten lediglich das vorherige Grübeln darüber, welche Aspekte aus der Historie des Bezirks erforscht werden sollen. Der Wunsch einfach mal gucken zu wollen, reicht nicht, um eine Eintrittskarte zu bekommen. “Wir würden gerne im Geschichtsspeicher zu folgenden Themen recherchieren: 1. Zwangsarbeit der in der Gradestraße ange- siedelten Firmen (z. B. Pintschöl, Kasika, Efha), 2. Stadtbad Neukölln (vorrangig Bild- hauerarbeiten/Skulpturen), 3. Architekt Rossa/Genezareth-Kirche”, stand in der Mail, geschichtsspeicher museum neuköllnmit der wir uns beim Geschichtsspei- cher anmeldeten. Danach passierte erstmal lange nichts. Aus personellen Gründen, so Projektleiterin Barbara Hoffmann, sei das historische Archiv des Bezirks über Wochen geschlos- sen gewesen. Erst Ende Mai öffnete die im Oktober letzten Jahres in Be- trieb genommene Einrichtung wieder.

“Über Rossa hab ich nur wenig ge- funden”, kündigt Barbara Hoffmann mit Blick auf den großen Tisch an. Der Stapel mit Informationen über das Stadtbad Neukölln ist ein ganzes Stück höher, die bedrückenden Zeitzeugnisse über Zwangs- geschichtsspeicher museum neukölln, stadtbad neuköllnarbeit bei Neuköllner Firmen füllen mehrere Ordner.

Nach einigen Stunden des Stöberns in jahrzehntealten Dokumenten, Fo- tos, Zeitungsartikeln, Schriftverkehr und Aktennotizen sind wir um vieles schlauer, was unweigerlich zur Ge- schichte Neuköllns gehört. Wir wis- sen sogar, was sowohl bei den Ber- liner Bäderbetrieben als auch beim Berliner Landesdenkmalamt nicht be- kannt ist: Dass die Bronze-Skulpturen im Stadtbad Neukölln Arbeiten des Malers und Bildhauers Richard Guhr sind, dass sie 10 Zentner wiegen und in den 1960er Jahren im Hof des Bades statt in der Schwimmhalle standen.

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Der Wassergeist vom Körnerpark

Er macht sich ausge- sprochen rar und ist insofern dem diesjäh- rigen Berliner Sommer verblüffend ähnlich. Nass ist er außerdem – noch eine Gemein- samkeit also.

Doch sonderlich sym- pathisch dürfte die aktuelle Ausgabe der Jahreszeit zwischen Frühling und Herbst dem Wassergeist vom Körnerpark trotzdem nicht sein. Denn um sich überhaupt zeigen zu können, braucht er Sonne, weil der Bezirk Neukölln natürlich kein Geld für Kunstlicht hat. Würde der Wasser- geist samt seines Brunnens nach Britz umziehen, wo in genau sechs Wochen neben dem Museum Neukölln das Kulturzentrum Gutshof Britz eröffnet werden soll, sähe die Sache höchst- wahrscheinlich ganz anders aus.

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“Drei Dinge meines Lebens” – eine spannende Variante der Insel-Frage im Museum Neukölln

drei dinge meines lebens, museum neukölln“Was würdest du mit auf eine ein- same Insel nehmen?” – diese Frage kennt wohl jeder. Mit einer ähnlichen Frage wurde neun Frauen und Män- ner, die unterschiedlichste Verbin- dungen zu Neukölln haben, vom Museum Neukölln konfrontiert. Aller- dings ging es nicht darum, etwas mitzunehmen, sondern sie sollten et- was abgeben: drei persönliche Ge- genstände, die ihnen wichtig sind. Dinge ihres Lebens oder eines Lebensabschnitts, an die Erinnerungen geknüpft sind. “Ein Vierteljahr”, sagt Museumsleiter Udo Gößwald, “hatten sie Bedenkzeit.” Noch bis zum Jahresende werden die Objekte und ihre Geschichten nun unter dem Motto “Drei Dinge meines Lebens” im Museum Neukölln präsentiert.

drei dinge meines lebens, museum neukölln, otmar l.Der heute 90-jährige Otmar L. ist der älteste der Protagonisten. Das Gemälde, das seine Frau Christa zeigt, hängt normalerweise im Wohn- zimmer des ehemaligen Augenarztes.   Im Museum wacht sie nun über die gläserne Vitrine mit einer koreanischen Vase, die ein Hochzeitsgeschenk drei dinge meines lebens, museum neukölln, beate f.war, und dem ver- schnörkelten Rahmen mit dem  “Lied der Bayern”.

Für Beate F. hätte die Vitrine auch etwas kleiner ausfallen dürfen. Sie hat einen winzigen Aschen- becher, eine Pfeife, die einst einem Freund gehörte, und einen Klopapierhalter aus Porzellan zu den Dingen ihres Lebens auserkoren.

drei dinge meines lebens, museum neukölln, seray i.Seray L., mit 24 Jahren die Jüngste derer, die dem Museum in Britz drei Leihgaben zur Verfügung stellte, brauchte dagegen reichlich Platz für ihre Objekte: ein Mo- nopoly-Spiel, ein Kinderbuch mit dem Titel “Woher stammt die Freiheitsstatue?” und Nike-Basketballschuhe aus der Air Jordan-Kollektion. Vor 10 Jahren, drei dinge meines lebens, museum neukölln, daniella g.erfährt man, ha- be ihre Mutter sie ihr für 120 Mark gekauft.

Nur 75 DDR-Mark hat die Geige gekostet, die – ne- ben dem Teddy Traudl und einem Gemälde – zu den drei Dingen des Lebens von Daniella G. gehört. Das Musikinstrument mausert sich kurioserweise zum Objekt, das am Infotresen des Museums für allerhand Gesprächsstoff sorgt, denn … es ist nicht da. So unsichtbar wie die imaginären Turnschuhe in einer anderen Vitrine. Die Vermutung liegt nahe, dass es der Violine im ehemaligen Ochsenstall zu warm sein könne. Doch die Erklärung ist noch profaner: “Das Instrument wird täglich benutzt.”

Ihm ginge es wohl genauso, wenn er sich für drei Dinge, die ihm wichtig sind, entscheiden müsste, sagt der Museums-Mitarbeiter, der – wie Daniella G. – Musik macht. Ein Mikrofon, meint er, wäre ganz sicher dabei. “Bestimmt auch ‘ne Lederhose oder ‘ne andere Klamotte”, frotzelt ein Kollege von ihm, der selber höchstwahr- scheinlich ein Foto von früher als Exponat präsentieren würde. Über die Gegenstände zwei und drei müsse er länger nachdenken. Einfach, finden beide, sei es wirklich nicht, die richtigen drei Dinge auszuwählen.

Die Ausstellung “Drei Dinge meines Lebens” ist noch bis zum 30. De- zember im Museum Neukölln zu sehen; der Eintritt ist frei. Die Geschichten zu den Gegenständen werden mit einem audiovisuellen Führungssystem sowie in einem Begleitbuch zur Ausstellung erzählt.

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Zwischen Ochsenstall und BVV-Saal

Auch in dieser Woche lässt sich wieder reichlich Zeit mit dem Besuch öffentlicher Sitzungen Neuköllner Bezirkspolitiker verbringen. Bereits heute tagen die in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) vertretenen Fraktionen: Öffentlich tun das jedoch nur die GRÜNEN - ab 19 Uhr.

Morgen zieht sich dann der Ausschuss für Verwaltung und Gleichstellung ab 17 Uhr mit seiner öffentlichen Sitzung in den Ochsenstall im Gutshof Britz zurück. Auf der Tagesordnung steht u. a. ein Sachstandsbericht über den Umbau des Areals, auf dem auch das bvv neukölln, rathaus neukölln, bvv-saalMuseum Neukölln eine neue Hei- mat fand, zum Kultur- zentrum.

Mittwoch kann Augen- und Ohrenzeuge der insge- samt 678. Sitzung der Be- zirksverordneten Neu- köllns werden, wer sich ab 17 Uhr auf der Empore des BVV-Saals einfindet. Nach Dringlichkeiten, Ge- schäftlichem und dem Programmpunkt “Der Bürgermeister hat das Wort” gilt es, eine umfangreiche Tagesordnung mit Entschließungen, Vorlagen, Beschlussempfeh- lungen, Anfragen und Anträgen abzuarbeiten. Die Palette reicht dabei von der bezirklichen Investitionsplanung für die nächsten vier Jahre über die Dauerthemen Bürgerbeteiligung, Tempelhofer Feld und Spielautomaten bis hin zum Busverkehr  der Linie 171.

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Das Pendant zum Neuköllner Sozialparkett

Monatelang haben Barbara Caveng und ihr Team ausrangiertes Holz gesammelt, um daraus einen laubteppich neuköllnBodenbelag für das Museum Neukölln zu gestalten: das Neu- köllner Sozialparkett, das noch bis Freitag dort zu besichtigen ist.

Sehr viel schneller ging es mit der Entstehung des Neuköllner Laubteppichs. Saft- und kraftlose Blätter, Wind und Regen sorgten dafür, dass er sich in null- kommanix auf Bürgersteigen ausbreiten konnte. Dort verdeckt er nun mit seinem harmonischen gelb-braun-grünen Design, was niemand sehen will: Hundekacke, Zigarettenkippen, verlorene Taschentücher, China-Instant-Nudeln-Tüten und anderen Verpackungsmüll. Sehr sozial.

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Das Gedächtnis Neuköllns ist eröffnet

“Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen” – mit diesem Zitat von Winston Churchill eröffnete Neuköllns Stadträtin Franziska Giffey eröffnung des geschichtsspeichers, museum neuköllngestern das Gedächtnis des Mu- seums Neukölln: den Geschichts- speicher.

Auf 240 Quadratmetern ist nun unter dem Dach des alten Britzer Gutshofs deponiert, was zur Historie und zur Alltagskultur des Bezirks beitrug. “Hauptsponsor dieses wichtigen re- gionalgeschichtlichen Archivs”, beton- te Giffey, “ist die Bevölkerung.” Sie spendete massenhaft Fotos und alte Dokumente, Gegenstände von monetärem und eröffnung des geschichtsspeichers, museum neukölln,dr. udo gößwaldideellem Wert sowie die Zutaten für eine ansehnliche Sammlung historischer Post- karten. Im Grunde, so Museumsdirektor Dr. Udo Gößwald, sei so ein Archiv ein großes Geheimnis. “Auch wir”, gestand er, “ent- decken fast täglich Dinge, die wir nie zuvor gesehen haben.” Kennt man die räum- lichen Verhältnisse, mit denen das Depot am alten Standort in der Ganghofer Straße auskommen musste, überrascht das nicht. Erst durch den Umzug vor fünf Monaten ergab sich die Möglichkeit, dem Bereich zu einer größeren Bedeutung zu verhelfen. Eine Spende der Stiftung Deutsche Klassenlotterie in Höhe von 150.000 € floss in die eröffnung des geschichtsspeichers, museum neuköllnAnschaffung neuer Archivschränke und -regale und damit in ein optimiertes Ordnungssystem. Und das eröffnung des geschichtsspeichers, museum neuköllnist alles andere als unwichtig für die Idee, ein mehrdi- mensionales Bil- dungsangebot zur Beschäftigung mit der Regionalge- schichte für jeder- mann zu schaffen. Im nächsten Jahr sollen zu den hap- tischen Schätzen auch noch akusti- sche kommen, wie Franziska Giffey ankündigte. “Neuköllner Geräusche” heißt die Serie, die den Sound alter Straßenbahnen, die einst durch Neukölln fuhren, auf Audio-Trägern konserviert. Ab Mitte nächsten Jahres werden dann zudem digitalisierte Medien zur Ansicht zur Verfügung stehen.

An drei Tagen pro Woche (Di. – Do. 12 – 18 Uhr) können Interessierte den Ge- schichtsspeicher ab Anfang November unentgeltlich  nutzen. Allerdings nur nach schriftlicher Voranmeldung und genauer Angabe dessen, welches Stück Neukölln-Geschichte man erforschen möchte, schränkt Gößwald ein: “Entscheidend ist also, wie konkret die Frage gestellt ist.” Das Suchen nach den passenden Materialien übernehmen dann die Mitarbeiter des Museums.

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Durch Wände und Dächer gucken – das Wimmelbuch über die Neuköllner Passage macht’s möglich

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Gabriele Fink im Gespräch mit Winfried Radeke

Was ein Wimmelbuch ist, erfuhren “Genial da- neben”-Zuschauer am vorletzten Samstag. Schon einen Tag später konnten die Geburtstagsgäste der Neuköllner Passage selber in einem blättern. Denn die Illustratorin Gabriele Fink und ihre Freundin Regina Gößwald, die die Texte beisteuerte, haben dem Bauwerk zum 100. Bestehen ein Wimmelbuch geschenkt, das sie beim Passage-Fest vorstellten.

Es heißt “Kreuz und quer durch die Passage” und kommt mit gleich neun faszinierenden Wimmelbildern daher, auf denen sich schier unzählige Details ent- wimmelbuch, kreuz und quer durch die passage,passage  neukölln,gabriele fink,regina gößwalddecken lassen. Schon beim Cover- bild wird deutlich: Hier war jemand am Werk, der jeden Winkel der Neuköllner Passage kennt, sich intensiv mit deren Geschichte be- schäftigt hat und zudem über eine beneidenswerte Gabe zum räum- lichen Denken und akkuraten per- spektivischen Zeichnen verfügt. Bei Gabriele Fink liegt das in der Natur der Sache: sie ist Architektin.

Für die Aquarelle in dem großfor- matigen, 36-seitigen Buch hat sie Mauern, Fußböden und Dächer der Passage gedanklich eingerissen und durch Glas ersetzt. Das bedeutet für den Betrachter, dass er unge- wöhnliche Einblicke in die Räume sämtlicher Etagen bekommt und anschaulich erfährt, was sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in ihnen zutrug. “Ich hab die Ergebnisse meiner Recherchen einfach in Bilder umgesetzt” , beschreibt Gabriele Fink das unprätentiös.

Ergänzt wurden ihre Wimmelbilder durch alte Fotos, abgelichtete Zeitungsartikel und Dokumente. In den Texten des Buches, das für Kinder und Erwachsene gleichermaßen spannend ist, führt Regina Gößwald durch die Geschichte der Passage und lässt auch Zeitzeugen zu Wort kommen: Kirsten Kuwatsch, die in den 70er-Jahren mit ihrem Mann das Gesellschaftshaus im Keller der Passage betrieb. Erika Cohn, die direkt gegenüber wohnte und nach dem 2. Weltkrieg ihren Mann in der Passage kennen lernte.  Victor Kopp, den jetzigen Besitzer des historischen Bauwerks. Und Winfried Radeke, der bis 2007 künstlerischer Leiter der Neuköllner Oper war, die in den 80er-Jahren in die Passage zog.

“Kreuz und quer durch die Passage” ist im Selbstverlag erschienen und kann direkt bei den Herausgeberinnen bestellt werden (12,50 € + 0,85 € Versandkosten). Außerdem ist das Buch im Museum Neukölln und bei der Neuköllner Oper erhältlich.

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Gefährliches Pflaster

Stünde das Museum Neukölln auf amerikanischem Grund und Boden, würde mo- mentan sicher ein Schild mit der Aufforderung “WARNING! WATCH YOUR STEP!” am Eingang hängen. Da es aber in Deutschland steht, hat jeder, der das “Neuköllner Sozialparkett” der Künstlerin Barbara Caveng zu begehen gedenkt, vor dem Betreten des Raumes eine Vereinbarung zu unterschreiben: Ja, ich habe zur Kenntnis genommen, dass die Installation Bodenunebenheiten aufweist, dass ich sie auf eigenes Risiko betrete und das Museum bei Verletzungen nicht haftet. Erst dann heißt es: Schuhe aus (!) und rein ins Vergnügen.

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120 Quadratmeter misst der Raum, den die Schweizer Künstlerin innerhalb von zwei Wochen mit Parkettstäben ausgelegt hat, die aus ausrangierten Möbelteilen zurechtgesägt wurden: Tisch- und Küchenarbeitsplatten, Regalbretter, Schränke und neuköllner sozialparkett,museum neukölln,barbara cavengBetten, die gespendet oder auf Neuköllner Bür- gersteigen und an Straßenrändern wild entsorgt wurden. Auf manchen sind noch Sticker neuköllner sozialparkett,museum neukölln,barbara cavengund Dekor- elemente zu sehen, die zu wilden Phan- tasien verfüh- ren, wie wohl das Möbel- stück einst ausgesehen haben mag und wie das Zimmer, in dem es stand, wer wohl darin wohnte. Viele der Parkettstäbe, die aus Schranktüren oder Schubladenfronten neuköllner sozialparkett,museum neukölln,barbara cavengneuköllner sozialparkett,museum neukölln,barbara cavengentstanden sind, haben ihre Scharniere, Schlösser und Griffe behalten und erweisen sich bei ihrer unorthodoxen Verwendung als Bodenbelag als perfekte Stolperfallen. Oder – ob der losen Verlegung – als gelungene Teststrecke zur Überprüfung der Feinmotorik von Füßen und Zehen.

Verletzungen hat es bislang nach Auskunft der Mitarbeiter des Museums noch nicht gegeben. Diskussionen mit Eltern, die meinen, ihre Kinder könnten sich – während sie selber nebenan die Dauer-Ausstellung “99 x Neukölln” genießen – auf dem “Neuköllner Sozialparkett” austoben, dafür umso häufiger. Ein weiterer verbaler Dauerbrenner ist die Frage, weshalb man denn vor der Begehung des Raumes die Schuhe ausziehen muss: Einerseits, weil es dem Parkett nicht gut täte, mit Pfennigabsätzen oder derben Sohlen betreten zu werden. Andererseits aus hygienischen Gründen. Denn auch der bis ins Detail instruierte Putztrupp des Museums trägt einen wesentlichen  Teil dazu bei, dass das imposante Kunstwerk von Barbara Caveng so prächtig bleibt wie es ist.

Das “Neuköllner Sozialparkett” ist noch bis zum 12. November von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr im Museum Neukölln begehbar. Der Eintritt ist frei, Socken sind mitzubringen.

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