Ein Hauch von Oranje in Neukölln

Es sind – abgesehen von der Britzer Mühle, einer vor fast 150 Jahren erbauten Hol- ländermühle – vornehmlich dezente Spuren, die in Neukölln auf niederländische Einflüsse hinweisen: Moghul Rikschas bezieht seine Lastenräder aus dem Land, in dem  heute König Willem-Alexander Königin Beatrix ablöst und  Troonswisseling  ge-

britzer mühle_neukölln

feiert wird. Vor dem Rathaus des Bezirks ist das Wappen der Neuköllner Partnerstadt Zaanstad zu finden, und der Künstler Marc van der Kemp, der das Sowieso Neukölln betreibt, stammt aus dem Land der Tulpen, Klompen, Grachten und Poffertjes, des Käses und Campingurlaubs. Sonderlich viele Landsleute sind es nicht, die sich ebenfalls in Neukölln niedergelassen haben: Gerade mal 487 ermittelte das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zum letzten Jahreswechsel. 18 davon sind älter als 65; fast so viele Windmühlen – nämlich 16 – drehten sich einst in Neukölln.

Neukölln: Einfach und kompliziert und der Ort, wo Abbas Khider die besten Geschichten finden kann

Für den Literaturkritiker Denis Scheck ist die Sache klar: Abbas Khider stellt “eine enorme Bereicherung für die deutsche Gegenwartsliteratur” dar, weil er die “formal erstaunlichsten Bücher” schreibt und es beherrscht, “große Kunst mit ganz einfachen Mitteln”  zu produzieren. “Wie machen Sie das?”, fragte er  den Schriftsteller in einem

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Interview für die ARD-Sendung “ttt – titel thesen temperamente” während der Leip- ziger Buchmesse. Er habe das große Glück gehabt, in bestimmten Städten gelebt zu haben, in denen alles kompliziert und einfach ist, erklärte der gebürtige Iraker, der 1973 in Bagdad zur Welt kam, als 19-Jähriger für zwei Jahre inhaftiert wurde, an- schließend im Exil lebte, vor 13 Jahren nach Deutschland kam und 2002 die deut- sche Staatsbürgerschaft annahm. Bagdad, Kairo und Benghazi nannte Abbas Khider als Beispiele für eben solche Städte. “Der letzte Ort, wo ich wirklich die besten Geschichten finden kann, die einfach und kompliziert sind”,  ist Neukölln in Berlin – und da wohne ich”, beendete Khider die Aufzählung. Kürzlich erschien mit  “Brief in die Auberginenrepublik” das dritte Buch des Neuköllners, dessen Literatur für Denis Scheck zu den “schönsten Entdeckungen” gehört.

Olle Kamellen

flaggen-parade_reuterkiez-balkon_neuköllnMenschen aus mehr als 160 Natio- nen leben in Neukölln: Immer wieder bekommt man diese Zahl zu hören. Oder zu lesen, wie auch auf dem offiziellen Webportal des Bezirks: “Ge- tragen wird unser Neukölln von sei- nen 307.000 Einwohnern aus mehr als 160 Nationen”, heißt es dort in dem Text, mit dem Bezirksbürger- meister Buschkowsky die Besucher der Seite begrüßt.

Der Realität entspricht die Zahl trotz- dem nicht bzw. nicht mehr. Schon im Juni 2010 war sie nach Erhebungen des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg auf 156 gesunken. Und der Abwärtstrend hält – bei wachsender Bevölkerungszahl – an: Die 318.356 Neuköllner, die zum Jahreswechsel 2012/2013 verzeichnet wurden, “stammen aus 147 verschiedenen Ländern”, stellt Arnold Mengelkoch, der Migra-tionsbeauftragte des Bezirks, in seiner Unterrubrik des offiziellen Webportals fest. Eine Zahl, für die man sich schämen müsste oder die an Neuköllns Multikulti-Image rütteln könnte, ist auch das nicht. Aber die olle Kamelle “mehr als 160″ klingt eben doch beeindruckender als “weniger als 150″ – und somit die aktuellere Wahrheit.

=ensa=

Obama vs. Romney auch mit Kreuzen aus Neukölln

Zur Entscheidung, ob Barack Obama weiterhin Mr. President der USA ist und im Weißen Haus das Sagen hat oder ob Mitt  Romney dort einzieht und in den  nächsten

vier Jahren das Land regiert, können auch zahlreiche Neuköllner beitragen. 912 voll- jährige und damit wahlberechtigte US-Staatsbürger waren am Stichtag 30.12.2011 im Bezirk gemeldet. Das sind 140 mehr als bei der letzten Präsidentschaftswahl – und 902 mehr als in Dixville Notch/New Hampshire, wo die heutige Wahl begann: Fünf der Wähler stimmten für Romney und die anderen fünf für eine Verlängerung der Amtszeit von Obama.

Die Fußball-EM wirft ihre Schatten voraus

neukölln, fußball-em 2012, balkon-flagge deutschlandNoch zehn Tage, dann beginnt die Fußball-EM 2012, und mit jedem Tag, den sie näher rückt, wird es in Neukölln bunter. Denn außer 186.665 potenziel- len Deutschland-Fans,  sprich: Neuköllnern ohne Migrations- hintergrund, sind Menschen aus allen 16 Ländern, die an der EURO 2012 teilnehmen, mehr oder weniger reichlich im neukölln, fußball-em 2012, balkon-flagge portugalBezirk vertreten: 5.747 stammen aus Polen, 1.207 aus Griechen- land, 583 aus Russland, 126 aus Tschechien, 386 aus den Niederlanden, 232 aus Däne- mark, 263 aus Portugal, 863 aus Spanien, 1.846 aus Italien, 155 aus Irland, 1.501 aus Kroatien, 466 aus der Ukraine, 337 aus Schweden, 873 aus England und 1.172 aus Frank- reich (Stand: 30.6.2011). Für Fanartikel-Hersteller bieten sich folglich paradiesische Zustände und ein breitgefächerter Absatz- markt.

Inzwischen dürfte die Zahl der Einwohner Neuköllns, die vor knapp einem Jahr bei 309.682 (Stichtag in 2010: 305.230) lag, sogar noch um einiges ange- wachsen sein, und gefühlt hat sich der Anteil der Spanier deutlich erhöht. Die Fans wel- cher Mannschaft am längsten und lautesten jubeln dürfen, wird sich zeigen. Auch, ob in zehn Tagen statt Decken, Kis- sen und Teppichen nur noch Flaggen gelüftet werden.

Mehr Wege als Einweg: Stofftaschen vs. Plastiktüten

life e.v. mehr wege statt einweg, bolu markt neukölln, stofftaschen-aktion“Es ist schwierig”, sind sich die drei Umweltbotschafterinnen des Life e. V. einig. Den ganzen Vormittag standen sie vor dem Bolu Markt, um ihre blauen Stofftaschen gegen eine klei- ne Spende an die Frau oder den Mann zu bringen. Sonderlich groß war das Interesse an den vom Designer- Label aluc ausgetüftelten Beuteln aber nicht, die in Handarbeit aus recycelten aluc design, life e.v.-stofftaschen-aktion, bolu markt hermannstraße neuköllnStoffen entstanden, in sechs Sprachen daran erinnern, dass sie zum Einkaufen mitgenommen werden wollen und für das Motto “Mehr Wege als Einweg!” stehen.

Seit Februar und noch bis Ende April läuft die Aktion, die für die Probleme bei der Nutzung von Plastiktüten sensibi- lisieren soll, in elf von Migranten geführten Geschäften in den Berliner Bezirken Wedding und Neukölln. Meist sind es türkische Supermärkte oder arabische Läden – solche, in denen die Kassiererinnen Plastiktüten gratis mit dem Wechselgeld überreichen. “Zwischen 2 und 7 Cent”, wissen die Umweltbotschafterinnen, “kostet das den Ladeninhaber pro Tüte.” Da kämen pro Woche leicht 400 € zusammen, und die würde natürlich jeder gerne bolu markt hermannstraße neukölln, life e.v.-stofftaschen-aktioneinsparen. Entsprechend positiv hätten die Geschäftsleute auf das Angebot reagiert, Aktionstage in und vor ihren Läden durch- zuführen, die die Kundschaft zum Benutzen von Stofftaschen animieren sollen.

Die Erfahrungen mit dem Bolu Markt in der Neuköllner Hermannstraße zeigen jedoch, dass ein Umdenken nicht nur beim Verbraucher, sondern auch bei den Be- schäftigten einsetzen muss: “Wenn die noch während unserer Stofftaschen-Aktion weiter automatisch Plastiktüten rausgeben, ist es für uns doppelt schwierig. Aber das ist in großen Supermärkten normal.” Wesentlich leichter sei es jedenfalls letzte Woche bei Pyza, einem kleinen polnischen Lebens- mittelgeschäft, gewe- sen. Manche dieser kleinen Läden würden inzwischen sogar von sich aus plastiktütenfreie Tage ausrufen: “Wobei wir nicht mal sagen wollen, dass die Tüten grundsätzlich schlecht sind. Auch die kann man ja mehrfach verwenden.” Doch das würden eben leider nur wenige tun. Noch besser sei es aber zweifellos, wenn man einen “Mehr Wege als Einweg!”-Stoffbeutel mit zum Einkaufen nimmt, da der ob dazugehöriger Bonuskarte außer der Umwelt auch das eigene Portemonnaie schone.

Die nächsten Aktionen der Life e. V.-Umweltbotschafterinnen in Neukölln sind am 4. April im Gizem-Market in der Hermannstr. 222 und am 18. April im Elfi-Markt in der Karl-Marx-Straße 163.

=ensa=

Platt in Neukölln

Neukölln hat nun seinen eigenen Begegnungsort für gestrandete Nordlichter: Die Muschelschubser haben  vor einigen Tagen spontan bei Facebook eine Gruppe gegründet und auch schon ein erstes Treffen in der realen statt der vir- tuellen Welt abgehalten.

Zusammen kam die Gruppe aus ein und demselben Grund. Sie wollen ihre Kultur hochhalten und Platt in Neukölln schnacken. Natürlich sind auch Kohlfahrten mit Boßeln und Köm geplant.

Viele der Mitglieder bekannten sich dazu, dass sie der plattdütschen Sprache nicht ganz mächtig sind. Verstehen ist nicht das Problem, beim Schnacken stoßen die meisten aber noch an ihre Grenzen. Dies soll mit viel Fleiß und Spaß in den nächsten Wochen und Monaten geändert werden.

Da das erste Treffen im „Ungeheuer“ im Körnerkiez sehr spontan war, konnten leider nur zwei Nordlichter teilnehmen, die platt in neukölln, stammtisch für norddeutsche, plattdeutsch lernenan- deren waren per Facebook zugeschaltet. Lustig ging es trotzdem zu. Bei einer ostfriesische Teezeremonie wurden die Lehrbücher ausgewählt und die ersten Ideen für zukünftige Treffen skizziert.

Die Treffen sollen alle 14 Tage statt- finden – öffentlich im „Ungeheuer“ und fürs harte Büffeln und die ersten Sprach- versuche in den Räumlichkeiten der aus Bremen stammenden Heilpraktikerin Kena Maier im Neuköllner Leuchtturm.

Wer sich angesprochen fühlt, aus Norddeutschland kommt, Platt lernen oder schnacken möchte, der ist herzlichst eingeladen und kann auch telefonisch Kontakt zu den Muschelschubsern aufnehmen: 030 – 303 467 11

=kena=

Die Ostfriesen erobern Neukölln

Schlimme Zustände stehen Neukölln bevor, wenn erst die Schwaben – auf direktem Wege oder nach einem Zwischenstop in Prenzlauer Berg – invasionsartig in den Bezirk einfallen und ihn mit Traditionellem wie Spätzle und Kehrwoche beglücken: Davor wird immer wieder gewarnt.

Vor Migranten aus dem Norden Deutschlands, beziehungsweise speziell aus Ostfriesland, warnt niemand. Gut möglich, dass noch weitgehend unerforscht ist, welche Auswir- kungen eine wachsen- de Durchmischung Neuköllns mit Water- kantlern hätte. Dabei ist für jeden, der ge- nauer hinguckt, im öffentlichen Raum er- sichtlich, dass die längst begonnen hat.

Ein Teebeutel, der an einer Hauswand klebt: Ganz klar, hier hat jemand eine spontane Trainingseinheit des ostfriesischen Nationalsports Tee- beutelweitwurf eingelegt. Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auf dem Tempelhofer Feld tideunabhängige Wattwanderungen angeboten und auf den Lan- debahnen Wettkämpfe im Boßeln durchgeführt werden. Und wer glaubt denn ernsthaft, dass die Nachfrage nach Gummistiefeln für Erwachsene, die in diesem Jahr auch in Neukölln sprunghaft gestiegen ist, einzig aus dem Wetter  resultiert? Trainingsgeräte sind das – für die in Ostfriesland ebenfalls sehr beliebte Sportart Gummistiefelweitwurf. Elk sien pläseer!

=ensa=

Glückliches Moldawien

Der European Song Contest-Drops ist gelutscht und es waren weder Lena, noch der im Vorfeld hoch gehandelte französische Tenor, die richtig viel davon abbekommen haben. Stattdessen gab es für Ell/Nikki aus Aserbaidschan, Raphael  Gualazzi, den Überraschungs-Zweiten aus Italien, und den Schweden Eric Saade reichlich Punkte-Futter.

Fast genau zwischen Deutschland und Frankreich, nämlich auf dem 12. Rang, reihte sich bei den Platzierungen die Band Zdob și Zdub ein, die für Moldawien antrat. Eine von Rumänien und der Ukraine umgebene Republik, die insgesamt nur rund 100.000 Einwohner mehr als Berlin hat und am Stichtag 30.6.2010 mit gerade mal 49 Leuten in Neukölln vertreten war.

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=ensa=

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