Mit der Zeitschleife im Nacken und Kontinuität im Blick: Offener Brief der “berliner jungs” zur Kündigung freier Jugendhilfe-Träger in Neukölln

Die Sommerferien hatten gerade begonnen und die Neuköllner Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (Grüne) eben ihren Urlaub angetreten, als Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD)  das Fallbeil in den Haushalt des Jugendamts krachen ließ: Da sich abzeichnen würde, dass der Jahresetat des Ressorts um 4,1 Millionen Euro überzogen werde, kündigte der Bezirk rund 50 freien Trägern der Jugendhilfe zum 30. September. Ähnliches hatte sich bereits im letzten Jahr abgespielt.

Zu den Betroffenen der Neuköllner Haushaltspolitik nach “Und jährlich grüßt das Murmeltier”-Manier gehören auch die berliner jungs. Jetzt nehmen sie in einem offe- nen Brief  Stellung:

berliner jungs, Fachstelle zur Prävention von sexueller Gewalt an Jungen, ist von der Kündigungswelle der sozialen Leistungen in Neukölln betroffen, und das in einem pädosexuellen Schwerpunktgebiet Berlins.

  • Jeder vierte Junge wurde durch Pädosexuelle angesprochen.
  • Jeder zwölfte Junge hat konkrete sexuelle Übergriffe erlebt.
  • (Quelle: Studie FU Berlin 2004)

berliner jungs hilft betroffenen Jungen direkt und ohne bürokratische Hürden durch:

  • Streetwork in pädosexuellen Aktivfeldern mit Infos für Jungen und Eltern;
  • Prävention gegen sexuelle Gewalt an Schulen, Kinder- & Jugendein- richtungen, Kitas; u.a. Präventionsmodul “Jibs-Jungen informieren, bera- ten, stärken” (mit Theater, Selbstbehauptung, Wissensvermittlung zu Täter- strategien, inkl. Elternabend, Lehrerschulung & Fachberatung bei Bedarf)
  • Beratung für betroffene Jun- gen und Angehörige, sowie für Fachkräfte.

In 2010 halfen und berieten wir mehr als 500 Jungen; mehr als 325 Neuköllner Fachkräfte holten sich bei uns Informationen und Unterstützung und es gingen mehr als 40 Hinweise auf pädosexuelle Aktivitäten in eng umgrenzten Sozialräumen ein. Dieses fachliche Angebot würde wegfallen: Das bedeutet aktiven Täterschutz. Die Vielzahl an Hinweisen zeigt, dass pädosexuelle Täter in Neukölln flächendeckend aktiv sind. Bis vor einigen Jahren gab es in Neukölln eine ausgeprägte pädosexuelle Kneipenstruktur, wo sich Männer mit Jungen im Grundschulalter trafen. Geblieben sind neuköllnweit  “Offene Wohnungen” (Täter laden Jungen unter 14 zu sich ein, zu Internet, Computerspielen, aber auch Alkohol, Pornografie, um sie auf sexuelle Übergriffe vorzubereiten). Und Pädosexuelle sind auf Spielplätzen, in Einkaufscentern oder im Internet unterwegs. Seit 2005 wird die Arbeit von berliner jungs durch das Ju- gendamt Neukölln gefördert. Neukölln nimmt damit eine Vorreiterrolle in der Prävention von sexueller Gewalt gegen Jungen ein.

Mit Betroffenheit haben wir erfahren, dass auch andere wichtige Neuköllner Projekte von den Kürzungen betroffen sind. berliner jungs arbeitet eng mit unterschiedlichen Koopera- tionspartnern wie Schulstatio- nen, Jugendclubs und Bera- tungsstellen zusammen. Sie sind oft die ersten Ansprech- partner der Kinder und Jugend- lichen, die von sexueller Gewalt betroffen sind. Auf Hilfen zur Erziehung (HzE) besteht ein gesetzlicher Anspruch, der sich immer auf einen individuellen Bedarf gründet. Auf den Anstieg der Bedarfe im Bereich der HzE mit einer Kürzung im Bereich der Prävention zu reagieren, bedeutet Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten zu nehmen Probleme und Konflikte zu thematisieren, bei Kinderschutzfällen Hilfe einzufordern. Damit steigt die Gefahr, dass Bedarfe von Kindern und Jugendlichen spät oder gar nicht “erkannt” werden. Für den Arbeitsbereich von berliner jungs bedeutet es, dass Jungen, die von sexueller Gewalt bedroht und/oder betroffen sind, allein gelassen werden.

“Es ist fachlich unvertretbar, dass die verschiedenen Formen der Jugendhilfe gegeneinander ausgespielt werden. Die sog. freiwilligen sozialen Leis- tungen der Jugendhilfe wirken präventiv und setzen ein, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Sie sind ebenso wichtig wie die gesetzlichen Hilfen zur Erziehung!” (aus: Pressemitteilung des Paritätischen Wohlfahrtsver- bandes zur “vorsorglichen Kündigung” durch das Bezirksamt Neukölln)

Das Team von berliner jungs                                 Berlin, den 07.07.2011
Ansprechpartner: Henk Göbel, Koordination Neukölln

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Drei für Neubritz

Der Reuterkiez ist bekannt, der Richardkiez auch, ebenso der Rollberg-, Schiller- und Körnerkiez. Fragt man Neuköllner jedoch nach Neubritz, könnte es mit der Antwort schon ein wenig länger dauern. Möglicherweise braucht die sogar nur Gesten statt Worte: ein Achselzucken oder irritierte Blicke.

Dieses Problem ist auch den Neubritzern bestens bekannt. Einer davon ist Bertil Wewer (2. v. r.): “Der Kiez wird gerne über- sehen”, weiß er.  Dabei hat das Gebiet Ausmaße, die mit der Fläche anderer Quartiere locker mithalten können. Nördlich wird es von der Ringbahn begrenzt, südlich vom Teltowkanal, öst- lich von der Karl-Marx-Straße/ Buschkrugallee und im Westen von Hermannstraße und Britzer Damm. Um das Übersehen zu erschweren, mehr Aufmerksamkeit auf den Kiez zu lenken und die Lebensqualität der Anwohner zu verbessern, wurde vor gut 2 1/2 Jah- ren der Verein proNeubritz gegründet.

Doch jetzt wollen die Neubritzer so richtig durchstarten und dafür sorgen, dass künftig auch in der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung (BVV) mehr über ihren Kiez gesprochen als geschwiegen wird. Die Berlin-Wahl am 18. September soll’s richten, und die Weichen dafür sind vorbildlich gestellt: Mit Bertil Wewer, Bernd Szczepanski (2. v. l.) und Mahwareh Christians-Roshanai (l.) haben es gleich drei der Neubritzer Aktivposten in die Top Ten der BVV-Kandidatenliste der Neuköllner Grünen ge- schafft, die von Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (r.) angeführt wird.

=ensa=

Mit 2 PS durch Neubritz

Hufgetrappel, Kutschen, Pferdeäpfel auf der Straße, schnaufende Gäule – was im Richardkiez zum Alltag gehört, führt im einige Minuten entfernten Neubritz zu jeder Menge Aufsehen. sanierungsgebiet wederstraße, neukölln,kutschenfahrtHunde bellen die Verursacher der ungewohn- ten Geräusche irritiert an. Passanten bleiben stehen, win- ken, fotografieren. Kleine Mäd- chen bestaunen mit großen Augen, was sie sonst nur in Büchern oder im Fernsehen zu sehen kriegen. Autofahrer mit Streetfighter-Attitüde reagieren genervt auf die lebendigen Ver- kehrsentschleuniger, verzichten dann aber doch lieber aufs Hupen und versuchen sie zu überholen.

An eine neue optische, akustische und olfaktorische Facette muss in Neubritz nun sanierungsgebiet wederstraße, neukölln,thomas blesing,wolf schulgenaber niemand gewöhnen: Die beiden Kutschen mit den Kaltblütern aus der Schorfheide rumpelten nur gestern durch das Gebiet. Sie waren Ab- schiedstouren für das Sanierungs- gebiet Wederstraße, das nun durch rechtskräftigen Beschluss keines mehr ist. Rund 39 Mio. Euro wurden aus verschiedenen Fördertöpfen in den letzten 15 Jahren in zahlreiche große und kleine Projekte auf dem etwa 24 Hektar großen Areal gepumpt.

“Einschließlich der Vorbereitungszeit waren es sogar 17 Jahre”, sagt Bertil Wewer, der Vorsitzende der Betroffenenvertretung, die sich aus Anwohnern und Ge- werbetreibenden formierte und den gesamten Prozess aktiv begleitete. Ende 2009 wurde er mit der Neuköllner Ehrennadel  für seinen unermüdlichen Einsatz ausgezeichnet, den er sich in einem Impuls aufgehalst hatte: “Als für die Betrof- fenenvertretung ein Kassenwart gesucht wurde, sagte ich spontan, dass ich das schon mal gemacht habe.” Beim Posten des Kassenwarts blieb es nicht, aber Bedauern darüber lässt der omnipräsente Macher nicht erkennen.

sanierungsgebiet wederstraße, neukölln,thomas blesing,wolf schulgenEine “tolle Entwicklung” sei es, die das Gebiet rund um den Deckel der Autobahn gemacht habe, findet Neu- köllns Baustadtrat Thomas Blesing (2. v. l.).  Insbesondere für Familien habe die Gegend durch neue Ein- richtungen für Kinder und Jugendliche deutlich an Attraktivität gewonnen, der Bau von Townhouses solle die weiter steigern. “Doch schon jetzt lässt sich sagen, dass es hier alles für ein angenehmes urbanes Leben gibt”, sagte Blesing gestern Mittag bei der Abschiedsrede vor der Abschiedstour im Carl-Weder-Park. Und er muss es als jemand, der “in fußläufiger Entfernung” wohnt, wissen. Was er auch weiß – dass es durch den A 100-Bau, der die Grundlage für die Ernennung zum Sanierungsgebiet lieferte, “viele Opfer” gab: Anwohner hätten umgesiedelt und Gewerbetrieben der Wegzug auch durch finanzielle Bonbons schmackhaft gemacht sanierungsgebiet wederstraße, neukölln,autobahndeckel,wederparkwerden müssen. 75 Gebäude ent- lang der Wederstraße wurden daraufhin abgerissen.

Auch um die ging es, im Vordergrund stand jedoch das Entwicklungs- potenzial, das in Neubritz erkannt und beackert wurde. Von “großen Fortschritten, die erreicht wurden” spricht dann auch Wolf Schulgen (l.), der Projektverantwortliche des Senats für Stadtentwicklung. Grün- und Freiflächen habe man angelegt, Spielplätze entstanden und das neue Gewerbegebiet Juliushof erfreue sich so großer Beliebtheit, dass innerhalb weniger Monate alle Parzellen verkauft waren. Straßen wurden frisch asphaltiert und verkehrsberuhigt, Kitas, Freizeit- und Kulturorte geschaffen. Noch gearbeitet werde indes am Erweiterungsbau der Zürich-Schule; am 3. November werde dieser eingeweiht und die rundum erneuerte Grundschule dann fit  für den Ganztagsbetrieb.  Darüber hinaus  würden  nur noch einige Folgemaßnah-

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men im Gebiet ausgeführt werden: Schulwegsicherungen, Straßen- und Gehweg- erneuerungen und andere Kleinigkeiten. Der Berliner Senat habe mit denen nichts mehr zu tun. “Die Verwaltungshoheit und Verantwortung für das ehemalige Sanierungsgebiet”, so Schulgen, “liegt jetzt komplett beim Bezirk Neukölln.”

Montag wird Baustadtrat Blesing bereits wieder in Neubritz sein. Dann eröffnet er zusammen mit Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold die Spiel- und Bewegungs- fläche für Hortkinder am Jugendberatungshaus Neubritz sowie dessen Kellerge- schoss, das für die Jugendarbeit hergerichtet wurde. Und auch Bertil Wewer wird es sich vermutlich nicht nehmen lassen, dieses Ereignis mitzuerleben – obwohl das Ende der Sanierungsgebiet-Ära auch das der Betroffenenvertretung bedeutete.

_ensa_

Unübersehbar: Neukölln ist alles!

Wer dachte, dass die Mühlen der Bürokratie den Turbo eingelegt haben und das Treiben der letzten Wochen auf dem Platz der Stadt Hof bereits mit dessen Um- gestaltung zu tun hat, lag gründlich daneben. Nun ist klar: Hier ist ein Denkmal entstanden – eines für Neukölln und die Vielfalt der Sprachen im Bezirk! Gestern denk-mal enthüllung, denkmal der vielfalt,neukölln ist alles,platz der stadt hofdenk-mal enthüllung, denkmal der vielfalt,neukölln ist alles,platz der stadt hofdenk-mal enthüllung, denkmal der vielfalt,neukölln ist alles,platz der stadt hofNachmittag wurde es feierlich-tatkräftig von Franziska Giffey (SPD) und Gabriele Vonnekold (Grüne), den beiden Frauen in der Neuköllner Bezirksstadträte-Mann- schaft, enthüllt.

Über 100 Kinder und Jugendliche hatten sich, angeleitet von vier Künstlern, mit der Frage beschäftigt, was Neukölln für sie ist, was sie mit ihrem Bezirk verbinden. Heraus kam eine lange Liste von Wörtern, jedes für sich ein Statement: Angst, Tischtennis, Unabhängigkeit und Hoffnung war dabei, ebenso Eltern, Geld, Erfolg, Bücher, JobCenter, international, Schmerz, Lehrer,  Liebe, Schule, Geborgenheit und Zuversicht. So stand am Ende die Erkenntnis: Neukölln ist alles!

“Wenn Neukölln für unsere Kinder und Jugendlichen alles ist,” schlussfolgerte Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (M.), “dann kann man das nur als Kompliment für den Bezirk sehen.” Zwar hieße das, dass Neukölln etwas ist, was zeitweilig nervt, doch andererseits bedeute es auch, dass Neukölln Heimat ist. Und wenn das so sei, habe der denk-mal enthüllung, denkmal der vielfalt,neukölln ist alles,platz  der stadt hofBezirk eine gute Zu- kunft. Nervereien, findet sie, solle man nicht überbewerten, denn “die kommen ja auch unter Freunden oder in der Familie denk-mal enthüllung, denkmal der vielfalt,neukölln ist alles,platz der stadt hofvor.” (Un- ter den drei am Denkmal beteilig- ten Kin- dern, mit denen Vonnekold einen bunten Buddy-Bären gegen ein Schild mit der Aufschrift “alles” tauschte, brechen sie hoffentlich nicht aus.) Beeindruckt von der Zahl der kleinen und größeren Künstler, die das Denk-mal der Vielfalt wachsen und einige weitere Objekte entstehen ließen, zeigte sich auch Auguste Kuschnerow (l.), die Vorstandsvorsitzende des Kulturnetzwerks Neukölln, das die Trägerschaft für das Projekt übernommen hat. Es werde bis Ende Oktober auf dem Platz der Stadt Hof denk-mal enthüllung, denkmal der vielfalt,neukölln ist alles,platz der stadt hofverbleiben, kündigte sie an. Für die nächtliche Strahlkraft des plexiverglasten Domizils von Wörtern und Sprachen sorgen auf dem Dach installierte Sonnenkollektoren. Sie sei sehr gespannt, wie das temporäre Denkmal von der Bevölkerung angenommen werde, sagte Fran- ziska Giffey (r.), Neuköllns Bildungsstadträtin, bei ihrer Begrüßung. “Vielfalt”, merkte sie an, “wird gerne als Problem dargestellt, aber sie ist auch eine Chance.” Man müsse einfach viel mehr auf denk-mal enthüllung, denkmal der vielfalt,neukölln ist alles,platz der stadt hofPosi- tives schauen.

Nimmt man  Buntheit als Sy- nonym für das Bejahende, hat Neukölln jetzt dort, wo laut Auguste Kuschnerow bis zum 1. Weltkrieg ein Kriegerdenkmal stand, einen vor Positivem strotzenden Kern. Die einzelnen Buchstaben des Bezirksnamens wurden als Gruppenarbeit in unterschiedlichsten Macharten und Materialien hergestellt, die Glaswände des Hauses mit der Übersetzung des Wortes “alles” in 100 verschiedene Sprachen verziert. “101!”, kor- rigiert Projektleiterin Carolina Kecskemethy, denn “dit janze” sollte natürlich auch nicht fehlen.

_ensa_

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