Kommt er oder kommt er nicht?

Haufenweise

statt

Das hatte sich die Rentnerin, die vor sechs Jahren mit ihrem Mann von Neukölln auf die Kanareninsel Lanzarote zog, anders erhofft. “Vor zwei Jahren”, erinnert sie sich strahlend, “ist genau am Tag, als wir hier zum Heimatbesuch gelandet sind, der erste Schnee gefallen.” Früher, sagt sie, mochte sie den Winter gar nicht. Jetzt kommt das Rentnerehepaar einmal im Jahr für drei Wochen mit der Hoffnung nach Berlin, ihn zu treffen: “Unserer Familie und Freunden erzählen wir natürlich, dass wir ihretwegen und wegen des Weihnachtsmarkts auf dem Richardplatz hier sind.” Für die Sehn- sucht nach Schnee und Frost hätten die kein Verständnis.

Blasen, fegen, saugen

Täglich lassen sich momentan in Neukölln Szenen wie diese beobachten: Erst werden den  Straßen von emsigen  Frauen und Männern in  Orange akkurate  Seiten-

scheitel gefegt und geblasen, dann kommt der große Laubsammelwagen, verleibt sich die Spur aus Blättern und Verpackungsmüll saugend ein, und ruckzuck sieht alles wie geleckt aus. Vorübergehend.

Umnebelt

Den meisten Grillern ist es draußen längst zu kalt, die Raucher sind da unverzagter – nicht zuletzt durch das vor knapp fünf Jahren beschlossene Berliner Nichtraucher- schutzgesetz.

Enttarnt

Dass Schuhe paarweise an Neuköllner Ampeln, Verkehrs- oder Straßenschildern hängen, ist längst nichts Ungewöhnliches mehr. Wenn aber in einer schnöden, fast herbstlich kahlen Linde gleich mehrere Paare baumeln, dann guckt man doch etwas genauer hin und zählt … in diesem Fall bis 7!

Geschmackssache

So wie Lothar Matthäus davon überzeugt ist, dass die Farbe des Gürtels zu den Schuhen  passen  muss, finden  offenbar  manche  Leute, dass  sich  die  Farbe  des

Neuköllner Himmels auch am Boden wiederfinden sollte und tragen eifrig blaue und graue Accessoires dazu bei. Das wiederum nennen andere “Vermüllung”.

Auf dem Boden der Tatsachen

Auch wenn sich der Verdacht aufdrängt: Dass die gegenwärtige Jahreszeit im  Engli- schen  nicht nur als “autumn” sondern auch als “fall” bezeichnet wird, hat  nichts  da-

mit zu tun, dass die Lamas im Tierpark Neukölln gleich reihenweise umfallen, um liegend die Herbstsonne zu genießen.

Ein Sonn(en)tag ideal zum Vertrödeln

“Wie geil ist das denn?!” So wird heute beim Nowkoelln Flowmarkt  nicht nur das Aufstö- bern besonders be- gehrter Schnäpp- chen kommentiert, sondern immer wie- der auch das Wetter. Unter strahlender Herbstsonne drän- gen sich die Menschen durch die beiden Standreihen am Maybachufer, auf dem Landwehrkanal ziehen Ruderer und Ausflugsdampfer vor- bei. “Im Sommer haben wir hier schon in dicken Klamotten gesessen und uns mit Tee und Glühwein warm gehalten”, erzählt eine Frau, die im Reuter- kiez wohnt und sich mit einer Nach- barin einen Trödelstand teilt. “Heute wäre ‘ne Caipi das Richtige”, findet sie und legt ihre Strickjacke über die Lehne des Campingstuhls. Solange die Sonne in den Stand scheint, reicht ein T-Shirt.

Wer Wintersachen zum Kauf anbietet, muss sich trotzdem nicht über mangelndes In- teresse  beklagen. Die sind  ebenso gefragt wie kalte  Getränke, frische  Paella, alte

 Schallplatten und Bücher, Geschirr und Gläser,  Spielzeug und Plätze an der Sonne.

Regelkonform

Die Einbahnstraßenregelung gilt zwar eigentlich nur für die Fahrbahn, die um den Herrfurthplatz führt. Doch auch die Draußensitzer des Café Selig halten sich daran und rücken die Tische, Stühle und Bänke auf dem Platz vor der Genezareth-Kirche immer brav bis zum Geht-nicht-mehr in die erlaubte Richtung – der Sonne wegen.

Auf der Sonnenseite

“Das hab ich wirklich noch nie erlebt!”, sagt die rüstige 78-Jährige. Von der östlichen Straßenseite der Sonnenallee habe sie gestern Mittag auf die westliche hinüber gehen wollen, an einer Fußgängerampel. Die warme Herbstsonne strahlte auf die stadteinwärts führenden Fahrspuren und die Mittelinsel, alles westlich davon lag im Schatten. “Es war ein komplett spontaner Entschluss, noch ein wenig auf der Mittelinsel verweilen zu wollen, um dort die Sonnenstrahlen zu genießen”, er- zählt die Rentnerin. Um es beim Sonnenbaden etwas bequemer zu haben, habe sie sich an den Am- pelmast gelehnt: “Das war so herr- lich, dass ich mehrere Grünphasen vergehen lassen hab.” Der Gipfel der Herrlichkeit sei jedoch gewesen, dass keine einzige Grünphase ver- ging, ohne dass sie nicht von Wild- fremden besorgt gefragt wurde, ob es ihr nicht gut gehe oder sie Hilfe beim Überqueren der Straße brauche. Dass es solche Erlebnisse gibt, müsse man doch auch mal festhalten – bei all der Brutalität, Ignoranz und Gedankenlosigkeit, die in Berlin herrscht, findet sie.

Neukölln wird bunt(er)

Selbst wenn er sich noch so sehr bemüht, allzu charakteristische Vorboten in ent- legenen Ecken Neuköllns zu verstecken, ist doch deutlich spürbar, dass er im Anmarsch ist: der Nachfolger des Herbstes 2011!

Oben wie unten

Die Bedingungen sind günstig, heute mal wieder einiges doppelt zu sehen: Zum  Bei-

spiel die Lohmühlenbrücke, die Neukölln mit dem Nachbarbezirk Treptow verbindet, sowohl über dem als auch im Neuköllner Schiffahrtskanal.

Dicke Suppe

.

Neuköllner Baumschmuck

Von Neuköllner Straßen- oder Parkbäumen mit Kastanien oder welken Blättern beworfen zu werden, ist eine Sache. Unter einer Linde, die in der Flughafenstraße steht, sollte man besser auf andere Kaliber gefasst sein: Die hat diverse Klamotten gehortet und wartet nun offenbar auf den richtigen Zeitpunkt, um mit Strümpfen, Shirts, Hosen und Unterwäsche um sich schmeißen zu können.

Zurück zur Natur

Vorbilder zur saisonalen Gestaltung von Autos sieht man momentan in den Straßen Neuköllns reichlich. Auf den Ton-in-Ton-Effekt wird dabei eher selten geachtet, und auch die Nachhaltigkeit der Natur-Deko lässt meist sehr zu wünschen übrig, da sie sich bei Nutzung des Fahrzeugs gemeinhin als äußerst flüchtig erweist. Wesentlich haltbarer ist da ein Overall aus Kunstrasen, der aber dummerweise keinerlei Ambitionen hegt, sein Grün im Rhythmus der Jahreszeiten zu verändern.

Bitte nicht stören!

Auch in Neukölln hätte man Bedenken und würde Zivilcourage statt Ignoranz walten lassen, wenn jemand im November regungslos in einem Park im Laub liegt – normalerweise. Doch in diesen Tagen ist alles ein wenig anders. Da lässt man ihn liegen und das Sonnenbad genießen.

Umparken unerwünscht

Damit die Straßen der Hufeisensiedlung im Neuköllner Ortsteil Britz richtig schnieke sind, haben die Berliner Stadtreinigung (BSR) und das Bezirksamt Neukölln dort vor einem Jahr das Modellprojekt “Umparken für die Straßenreinigung” eingeführt. In anderen  Vierteln gilt es (noch?) nicht, weshalb die  Müll- und  Laubkehrer gezwungen

sind, um diesen Vierbeiner drumrum zu fegen, der  seinen sonnigen Fleck am Stra- ßenrand partout nicht aufgeben wollen würde.

Neuköllner Bauernregel

straßenmüll neuköllnstraßenmüll neukölln

Liegen in Neukölln viele Regenschirme auf den Bürgersteigen, wird sich der Himmel am nächsten Tag in strahlendem Blau zeigen.

Stimmt!

=ensa=

Zurück in die 80er

Wer bei diesem Anblick nicht an Frl. Menke denken muss …

=ensa=

Vergleichsweise: Kreuzberg und Neukölln

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Was man den Kreuzbergern neidlos oder -voll lassen muss: Ihnen gehört eindeutig das sonnigere, idyllischere Ufer des Landwehrkanals.

weigandufer neuköllnDafür hat Neukölln aber dort, wo die Was- serstraße nicht mehr Landwehr- sondern Neuköllner Schiffahrtskanal heißt, den we- sentlich matschigeren, für Kinderwagen- schieber, Rollatornutzer und Rollstuhlfahrer unbenutzbareren Uferweg. Der Neid der Kreuzberger dürfte sich in Grenzen halten.

=ensa=

Das Pendant zum Neuköllner Sozialparkett

Monatelang haben Barbara Caveng und ihr Team ausrangiertes Holz gesammelt, um daraus einen laubteppich neuköllnBodenbelag für das Museum Neukölln zu gestalten: das Neu- köllner Sozialparkett, das noch bis Freitag dort zu besichtigen ist.

Sehr viel schneller ging es mit der Entstehung des Neuköllner Laubteppichs. Saft- und kraftlose Blätter, Wind und Regen sorgten dafür, dass er sich in null- kommanix auf Bürgersteigen ausbreiten konnte. Dort verdeckt er nun mit seinem harmonischen gelb-braun-grünen Design, was niemand sehen will: Hundekacke, Zigarettenkippen, verlorene Taschentücher, China-Instant-Nudeln-Tüten und anderen Verpackungsmüll. Sehr sozial.

=ensa=

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