Kein Spielkram: Neuköllner Theatertreffen der Grundschulen mit Gruppen aus acht Berliner Bezirken

michael assies+orchester wetzlar-schule_neuköllner mischung_18. ntt_heimathafen neukölln“Ich freue mich, dass die Hütte voll ist.” Michael Assies, Lehrer an der Lisa- Tetzner-Schule und Organisator des Neuköllner Theatertreffens der Grund-schulen, konnte bei der Eröffnungsver- anstaltung des Festivals in restlos besetzte Stuhlreihen blicken. Sogar die Empore des Heimathafens musste geöffnet werden, damit alle Zuschauer die für den franziska giffey_neuköllner mischung_18. ntt_heimathafen neuköllnAuftakt zubereitete Neuköllner Mischung aus Theater, Tanz und Musik sitzend genießen können.

34 Gruppen aus acht Berliner Bezirken nehmen an der 18. Auflage des Neuköllner Theatertreffen der Grundschu- len teil, berichtete Schulstadträtin Dr. Franziska Giffey, fast die Hälfte – nämlich 15 – der Theater-AGs und -Klassen sind  aus Neukölln. Für alle der Schüler bedeute das Mitmachen samt der Vorbereitung ein sehr besonderes Lernen: das  durch Gefühl, Musik und Spiel.

“Theater”, bestätigte auch Sabine Hubrich, “liegt den Kleinsten im Blut”, Außerdem fördere es die Sprache und das Miteinander, schon deshalb dürfe man es “nicht als Spielkram  abtun”, führte die Lehrerin der  theaterbetonten Lisa-Tetzner-Schule in die

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Rotkäppchen-Adaption “Käppchen im Zauberwald” ein, die sie gemeinsam mit ihren Erstklässlern auf großer Bühne aufführte. “Nutzt den ganzen Raum aus! Nehmt die Musik mit euren Körpern auf!” Was für die zwischen Hibbeligkeit und äußerster Konzentration hin- und hergerissenen Kleinsten noch mancher Aufmunterung be- durfte, schafften die älteren Mädchen und Jungen mit Bravour. Von der Tanzgruppe der

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Rose-Oehmichen-Schule (l.) über das Schülerorchester der Wetzlar-Grundschule (r.) bis zur Theater-AG der Hugo-Heimann-Schule, die mit phantastischen Kostümen, flotter Choreographie und ergreifendem Gesang  Auszüge aus ihrer Produktion  “Die

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kleine Meerjungfrau” präsentierte. Von der Tanzgruppe der Wetzlar-Grundschule, die rund um ihr Stück “Follow Rivers” eine mitreißende Bühnenshow ablieferte, über die

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Theater-AG der Peter-Petersen-Schule, die mit Passagen aus Kästners “Emil und die Detektive” begeisterte, bis hin zu den Musical-Szenen  aus “Siegfried – Der Nibelun-

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tanz-gruppe rose-oehmichen-schule_neuköllner mischung_18. ntt_heimathafen neuköllngen erster Teil”, mit denen Schülerinnen und Schülern der Theater-AG und des Chors der Lisa-Tetzner-Schule brillierten, bevor Rose-Oehmichen-Absolventinnen mit der Tanzshow “Black And Gold” den Schlusspunkt hinter eine fulminante Neu- köllner Mischung setzten.

Wer dabei war, erlebte ein knapp zwei- stündiges, facettenreiches und voller Lei- denschaft vorgetragenes Programm, das Lust auf mehr Schülertheater machte. Inzwischen ist Halbzeit des 18. Neuköllner Theatertreffens für Grundschulen: Fünf Aufführungen finale_neuköllner mischung_18. ntt_heimathafen neuköllngingen bereits im Heimathafen Neukölln über die Bühne. Ab 29. Mai wird im Gemeinschaftshaus Gropius- stadt, im Süden des Bezirks, bei sechs öffentlichen Vormittagsauf- führungen (Eintritt: 1,50 €) ein wei- teres Dutzend Stücke gezeigt: Dann gibt es auch die Gelegenheit zum Wiedersehen mit der kleinen Meer- jungfrau Miriam und ihren singenden Fischen und tanzenden Quallen.

=ensa=

Was tun, wenn es knallt?

Wenn mein Nachbar seiner Frau – mal wieder – das Gesicht mit den Fäusten neu verziert und ich sie schreien und weinen höre, stehe ich seit Jahren vor derselben Frage: Was tun? Diskussionen mit anderen Nachbarn offenbarten auch deren Ratlosigkeit. Ist es richtig sich einzumischen? Und wenn ja: wie? Schön, dass es die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG), gibt. Hier kümmert man sich um Frauen und Kinder, die häusliche Gewalt erleben müssen, und bietet auch Menschen, die nicht wissen wie sie helfen sollen, Rat.

Jenni Rotter+Forumtheater Häusliche GewaltHarald Hahn+Forumtheater Häusliche GewaltMittwoch stellten Jennifer Rotter vom BIG e. V. und der Theaterpädagoge Harald Hahn im Studio des Heimat- hafen Neukölln das jüngste Ergebnis ihrer Arbeit vor: “Keine Angst vor Hilfe”, eine mit Laiendarstellerinen in einem dreitägigen Workshop als Forumtheater erarbeitete Inszenierung. Forumtheater ist das von dem Brasilianer Augusto Boal entwickelte „Theater der Unter- drückten“, eine Theaterform, bei der die  Zuschauer nicht passiv bleiben müssen, sondern aktiv mitwirken können. Denn oftmals stellen wir uns theoretisch Situationen vor und wie wir handeln würden, bewegen uns in der Praxis dann aber ganz anders. Vor allem in unbeForumtheater Häusliche Gewalt+Heimathafen Neuköllnrechenbaren Extremsituationen. Diese Theaterform bietet eine Übungsfläche.

Die acht Darstellerinnen im Alter zwi- schen etwa 20 und etwa 50 Jahren spielten zwei Alltagssituationen häus- licher Gewalt durch. Und das Publi- kum wurde aufgefordert sich einzu- mischen, den Platz einer Darstellerin einzunehmen und so zu agieren, wie man es selbst gern im Ernstfall tun würde. Es war beeindruckend und bedrückend. Die Situationen realistisch dargestellt. Die Menschen in ihrer Ratlosigkeit oder auch Ignoranz gut getroffen.

Mir war es ein wenig zu sozialpädagogisch im Zuschauerraum. Aber die Atmosphäre war gut. Manche der Frauen und Männer im Publikum erzählten von ihren Erfah- Heimathafen Neukölln+Forumtheater Häusliche Gewaltrungen mit Gewalt, und am Ende der Szenen zeigte Jennifer Rotter auf, was es noch für Reaktionsmöglichkeiten gibt. Denn wichtig ist natürlich der Selbst- und Opferschutz in eskalie- renden Situationen.

Harald Hahn führte souverän durch diesen außergewöhnlichen und lehr- reichen Theaterabend, für den leider keine Wiederaufführung geplant ist. Dabei müsste das Thema “Häusliche Gewalt”, von dem statistisch jede vierte Frau in Deutschland betroffen ist, dringend mehr in den Mittelpunkt gerückt werden, damit mehr Opfer und mehr, die helfen wollen, sich trauen etwas zu unternehmen.

Ich rief immer wieder die Polizei, wenn es nebenan wieder losging. Inzwischen reicht es auch schon, wenn ich darauf aufmerksam mache, dass ich Ohrenzeugin und bereit bin, die Ordnungshüter zu rufen. Da aber meine Nachbarin ihren Gatten nicht verlassen möchte, kann ich mehr leider nicht tun. Denn auch das offenbarte der Abend: Wenn ein Opfer nicht bereit ist, sich helfen zu lassen, hat man nur eine sehr geringe Handhabe. Aber hilflos ist man nicht. Ich wünsche mir mehr Zivilcourage – und das nicht nur in Neukölln.

=Anna Sinnlos=

“Gewalt ist kein ethnisches Problem”: Gedenken am Tatort

kundgebung_flughafenstraße neuköllnMontag, am späten Nachmittag: Die Polizei hat die Zufahrt von der Hermann- in die Flughafenstraße  gesperrt, weil vor dem Haus mit der Nummer 35, wo vor einem Monat zwei Frauen erschossen wurden, eine Anti-Gewalt-Kundgebung stattfindet.

Aufgerufen zu ihr hat der Aufbruch Neukölln e. V., der sich mit seiner türkischen Väter- kundgebung_aufbruch neukölln_flughafenstraßesowie der Mütter- und Frauengruppe und verschiedenen anderen Projekten gegen Gewalt ein- setzt. Rund 80 Menschen, unter ihnen auch doppelmord_flughafenstraße neuköllndie Neuköllner Gleichstellungsbeauftragte Sylvia Edler, sind gekommen, um zu demonstrieren, dass sie Gewalt ächten, und am Tatort mit einer Schweigeminute der ermordeten Frauen zu gedenken.

“Gewalt ist kein ethnisches Problem”, sagt Kazim Erdogan, der Vorsitzende des rührigen Vereins. Richtig, es sei ein Män- ner-Problem, findet eine Mutter, die zu gern wüsste, wie sie ihrem Sohn die Faszination an Ballerspielen nehmen kann. Natürlich ist ihr klar, dass nicht jeder, der als Kind oder Jugendlicher virtuell wild um sich schießt, später zum realen Gewalttäter wird. Aber sie kann sich auch nicht vorstellen, dass einschlägige PC-Spiele keine Spuren hinterlassen. Mit den Kids in Kontakt bleiben, offene Ohren für das haben, was sie bewegt, und reden, reden, reden – das sei das Wichtigste, was Eltern tun können. Oder müssen. Nicht nur die von Söhnen.

Unter dem Motto “Keine Angst vor Hilfe” lädt die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG e. V.) am 27. Februar um 19.30 Uhr zu einem parti- zipativen Theaterabend im Heimathafen Neukölln ein.

=ensa=

Frauenpower – die Rixdorfer Perlen verteidigen Neukölln

Die Handlung des neuen Stücks der Rixdorfer Perlen, das vorgestern im Heimathafen Neukölln Premiere hatte, ist schnell erzählt: Eine RixdorferPerlen_06_Heimathafen NeuköllnNeuköllner Eck- kneipe, die seit Urzeiten besteht, ist in Gefahr in die Hände eines Groß- investors zu fallen, der hier ein neu- es Gastronomiekonzept verwirklichen will. Dies hätte auch den Verlust der Arbeit für die Kneipenbesitzerin Ma- rianne Koschlewsky (Britta Steffen-hagen), der Amüsierdame Jule (Inka Löwendorf) und der Putzfrau Mieze (Johanna Morsch) zur Folge. Mari- anne hatte die Kneipe von einem guten Freund geschenkt be- kommen, doch leider die Schenkung nie im Grundbuchamt eintragen lassen. Ihr zur Seite stehen der Getränkehändler Ritchie (P.R. Kantate) und scheinbar auch Dr. Dr. Fiedler (Jörg Kowslowsky), der sich im Laufe der Handlung allerdings als einfacher Beamter im Grundbuchamt Neukölln entpuppt. Am Schluss hat der fiese Großinvestor Friedbert Klauke (Andreas Frakowiak), der Donald Trump aus Lichterfelde-West, die Kneipe doch nicht übernehmen können. Ebenso wenig kam Sülzheimer (Alexander Ebeert) zum Zug, denn als Eigentümer hat sich jetzt überraschend … Nein, die Pointe soll hier nicht verraten werden. Dass aber alle RixdorferPerlen_03_Heimathafen Neuköllndrei Frauen aus dem “Feuchten Eck” am Ende des Stückes keine Singles mehr sind, sondern glücklich verliebt, das muss kein Geheimnis bleiben.

Die Kulisse zeigte die Innenausstattung der Kneipe. Gelungen war die Integration des tollen Klavierpianisten (Felix Raffel) im hinteren Teil der Kneipe. Inka Löwendorf spielte die Jule in hohen roten Stiefeln und mit hohen Absätzen, so dass sie ausschließlich über die Bühne stöckeln musste. Herrlich, wie sie mit diesen Tretern von der Horizontalen in die Vertikale kam. Beim Spiel von P.R. Kantate musste ich unwillkürlich an Kurt Krömer denken. Ich vermute, dass beide ähnlich auf der Bühne RixdorferPerlen_01_Heimathafen Neuköllnagieren und sich deshalb diese Vor- stellung bei mir ergab.

Zurecht einen Riesenapplaus gab es bei dem Lied „Allein“ von Johanna Morsch. Musikalisch eine Cover-version „I Can’t Live Without You”, mit einem schönen deutschen Text. Überhaupt waren die meisten Texte der eingängigen, bekannten Melodien (u. a. Willi Kollo, Udo Jürgens) sehr passend und einfallsreich. Und aus dem Song „We Are The World“, 1985 ein Single-Hit der Band Aid, ein “Wir in Neukölln” zu machen, war ein ausgesprochen schöner Einfall, der witzig dargeboten wurde. P.R. Kantate ließ mich hier Kurt Krömer vergessen und an Michael Jackson RixdorferPerlen_08_Heimathafen Neuköllndenken.

Die Ankündigung „mit Schoten, Songs und Schnäp- perken für alle!“ wurde in allen Teilen erfüllt. Dem Applaus nach zu urteilen war es für die 270 Zu- schauer der Premiere im ausverkauften Saal ein unterhaltsamer Abend. Den Rixdorfer Perlen ist mit „Zum Feuchten Eck an der Sonnenallee“ ein schönes Stück leichter Unterhaltung gelungen. Wobei: Das Thema Gentrifizierung, das das Stück aufgreift, ließ mich auch etwas nachdenklich nach Hause gehen.

Weitere Aufführungen am 25., 26. + 31. Januar sowie am 1., 2., 9. + 10. Februar um 20 Uhr. Eintritt: 20 €/erm. 15 €; Ticket-Hotline: 030 – 61 10 13 13, Vorverkauf im Heimathafen Neukölln-Büro: 030 – 56 82 13 33

=Reinhold Steinle=

Neues Jahr – neues Glück

Jedes Jahr nehmen wir uns vor, was wir dieses Mal besser machen wollen: In diesem Jahr wird alles anders. Ich höre auf zu rauchen, zuviel zu essen, zu trinken, 2013Blödsinn zu schreiben oder zu sagen. Oder ähnliches. Doch in den meisten Fällen ändert sich nichts.

Genau darüber schreibt auch Claudia Langer, Gründerin von utopia.de – Die Verbraucher-machtzentrale und Autorin der Streitschrift „Die Generation Man-müsste-mal“ in ebendieser. Sie spricht die Defizite unserer Konsumgesellschaft aus, die sich gern schon für sozial und ökologisch hält, weil sie einmal bio gekauft haben und manchmal sogar ihren Müll trennt. Sie hält uns den Spiegel vor. Das ist nicht sehr schön, aber dringend notwendig. Denn unser Klima, unsere Wirtschaft, unsere Bildung, unsere ganze Welt geht den Bach runter. Und Claudia Langer zeigt uns, dass wir zwar viel reden, aber im Grunde wenig tun.

Zugegeben, ich habe mich schwer getan. Schon auf den ersten Seiten fühlte ich mich erkannt, getroffen und dadurch angegriffen. Denn ich bin auch so ein Man-müsste-mal-Sager.

Doch Claudia Langer stellt sich selbst nicht als Heilige hin, und sie erwartet auch nicht von uns, dass wir Heilige werden. Sie klagt an und das seitenlang. Jedoch sie weiß, was sie tut. Und wenn man es schafft, sein Ego und seinen inneren Schweinehund zu überwinden und einfach mal weiterliest und reflektiert, wird manclaudia langer, die generation man-müsste-mal feststellen, dass die Frau recht hat. Dass es Zeit wird, endlich mehr zu tun, als nur zu reden, und dass man gar nicht so ein kleines Licht ist, wie man denken mag. Vor allem aber, dass auch kleine Dinge Großes bewirken können. Denn die Unternehmerin tadelt eben nicht nur, sie zeigt auch Lösungs- ansätze und Ideen auf. Sie stellt sich ihren Lesern in Diskussionen, zum Beispiel bei der Buchpräsentation von “Die Generation Man-müsste-mal” im Heimathafen Neu- kölln oder auf ihrer utopia-Plattform. Sie möchte diskutieren und anregen und im Zweifel auch streiten. Hauptsache, es passiert endlich etwas und die Menschen fangen an sich zu bewegen. Jeder wird aufgefordert sich einzumischen und endlich wirklich einzubringen, gerne auch mit eigenen Ideen.

Also, planen wir doch heute einfach mal was Gutes für dieses neue Jahr – und ziehen das dann auch durch! Liebe Claudia Langer, ich nehme mir fest vor, endlich wirklich bewusst zu konsumieren und zu leben!

Allen einen guten Rutsch gehabt zu haben und  ein wunderschönes 2013!

=Anna Sinnlos=

Erstes Leben in der Kulturwüste Neukölln

Die Nachmittagssonne zeichnet scharfe Schattenrisse auf den Dielenboden des LadenAteliers von William Francis Brennan. Dorothea Kolland rührt in ihrem Kaffeebecher. “Ach, ich hätte jetzt doch gerne ein Stück Kuchen”, be- schließt sie und kommt damit auf das Angebot zurück, das sie kurz vorher abgelehnt hatte. Etwas Süßes als Proviant für die Reise in die Vergan- genheit des Neuköllner Kul- turlebens, für die es keine bessere Begleitung als Do- rothea Kolland geben kann.

1981. Der Christdemokrat Arnulf Kriedner hatte gerade den SPD-Mann Heinz Stücklen als Bezirksbürgermeister von Neukölln abgelöst. “Kulturell war der Bezirk wirklich eine einzige Wüste”, erinnert sich Kolland. Am Stadtbad habe es das nicht eben fachkundig geführte Emil-Fischer-Heimatmuseum gegeben: “Da wurden ein paar Knochen, eine aus- gestopfte Trappe, Tonscherben-Funde aus Buckow-Rudow und der Rixdorfer Galgen ausgestellt.” Außerdem habe der Vorgänger auf dem Posten der Kulturamtsleitung, der Operettenregisseur gewesen war, einmal im Jahr eine Operettenvorführung im Naturtheater in der Hasenheide veranstaltet. Das sei es dann aber auch schon gewesen – fast. Denn da war ja noch die Keimzelle der Institution, die heute als Neuköllner Oper bekannt ist. “Winfried Radeke, damals Kirchenmusiker der Martin-Luther-Gemeinde, hatte mit seinen Konfirmanden schon Mitte der 1970er-Jahre angefangen, Stücke von Brecht, Weill und Hindemith aufzu- führen. Das hat mich interessiert und hab ich mir dann auch mal angeguckt. Ich glaub, das war einer meiner ersten Ausflüge nach Neukölln”, erzählt die Charlottenburgerin. “Die Neu- köllner Oper gab’s also gewissermaßen be- reits, aber das war nur ein winziger Haufen von Amateuren. Mit dem, was da heute ist, lässt sich das überhaupt nicht vergleichen.”

Der neuen Kulturamtsleiterin bot sich folglich ein breites Betätigungsfeld. “Das Problem war nur: Kultur braucht Räume. Man kann noch so viel über Kultur reden, wenn man keinen Raum hat, in dem man etwas machen kann, dann findet sie nicht statt.” Im Saalbau, der heute vom Heimathafen Neukölln bespielt wird, erkannte Dorothea Kolland sofort Potenzial für die Lösung der Raummisere. “Ich zeig Ihnen jetzt mal was!”, hatte ihr Hausmeister und Verbündeter Dieter Schulz angekündigt und sie in das Gebäude geführt, das seinerzeit zum Vermögen des Kulturamts gehörte: “Alles war baupolizeilich ge- sperrt, nachdem es jahrelang ein bisschen durchs Dach geregnet und sich im beeindruckend konstruierten Dachstuhl ein riesiger Schwamm gebildet hatte, der fast zum Abbruch hätte führen müssen. Weil es keinen Strom gab, hatte Dieter eine Stablaterne dabei, damit wir überhaupt etwas sehen können. Ihm und auch mir war klar: Da ist ein absoluter Schatz, aber der ist unbenutzbar.” Gleich am nächsten Tag sei sie zum zuständigen Stadtrat gegangen, um ihrem Unmut darüber, dass einerseits Platz benötigt werde und andererseits ein Prunkstück verfalle, Luft zu machen. “Der hörte sich das an – und einen Tag später erhielt ich das Ver- bot, über den Saalbau zu reden”, verrät Dorothea Kolland. Der Bezirk wollte nämlich das Gebäude, das damals noch nicht unter Denkmal- schutz stand, verkaufen und das Geld zur Teilfinanzierung eines Mehrzweck-gebäudes mit Versammlungssaal und Räumen für die Verwaltung der Volkshochschule nutzen. “Das sollte auf dem damals dem Bezirk gehörenden Grundstück entstehen, wo heute die Neukölln Arcaden sind. Deshalb wollten die keinen Wirbel um den verfallenden Saalbau haben.” 1990 ist der in neuer Pracht als Kulturstätte wiedereröffnet worden.

Doch es war nicht nur Dorothea Kolland, die der kommunalen Verwaltung und Politik beim Verfolgen ihrer Anliegen gehörig zusetzte, auch die bildenden Künstler in Neukölln, von denen es vor 30 Jahren etwa 40 gab, hielten sich kaum zurück. “Uns allen war klar, dass wir dringend einen Raum für Ausstellungen brauchen, und dann gab’s einen kleinen Eklat”, berichtet sie grinsend. “Die haben natürlich gehofft, dass nun kulturell mal etwas im Bezirk geschieht und trugen den Wunsch nach einer freien Neuköllner Kunstausstellung an mich heran.” Ob- wohl sie manches “von der Qualität her als nicht zumutbar” empfunden habe, habe sie sich darauf eingelassen und eine Ausstellung im Rathaus-Foyer organisiert. “Zwei der Künstler hatten ihr Atelier am Reuterplatz direkt neben einem noch völlig intakten Gründerzeithaus, das der Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land gehörte und  erst besetzt worden war und dann abgerissen wurde.” Für die Ausstellung hätten die beiden Künster ein Bild im Rathaus abgegeben, das schließlich von der Hängekom-mission ausgepackt und wie gewünscht aufgehängt worden war. “Auf dem stand: Gegen Verbrecher in Stadt und Land”, entsinnt Kolland sich. “Das war natürlich nichts explizit gegen die Wohnungsbaugesellschaft, aber jeder Neuköllner wusste, dass es zumindest zwei- deutig ist.” Getobt habe der damalige Baustadtrat, als er das Werk am Tag vor der Vernissage zu sehen bekam. “Daraufhin hat er verfügt, dass das Bild abgehängt wird, woraufhin etwa 80 Prozent der Künstler vor der Ausstellungseröffnung aus Protest ihre Bilder umgedreht haben. Das fand ich als Reaktion ganz toll und hab mich deshalb auch auf die Seite der Künstler gestellt.” Die Aufregung sei natürlich groß gewesen. Bezirksbürgermeister Kriedner, den Kolland als “sehr kunstsinnig” be- schreibt, habe es gar nicht behagt, plötzlich mit Zensur in Verbindung gebracht zu werden: “Wenig später gab es dann ein großes Meeting und Güteverhandlungen des Bürgermeisters und des Baustadtrats mit dem Vorsitzenden des Berufsverbands bildender Künstler.” Das Ergebnis war ein Gentlemen Agreement zwischen Kriedner und dem bbk-Vorsitzenden. “Sie verständigten sich darauf”, so Kolland, “dass sich der Bezirk bemühen werde, Räume zu finden, wo es nur um Kunst geht, das  Kulturamt das Sagen hat und sämtliche Essenzen der Freiheit der Kunst zu gelten haben.” Mit der Orangerie im Körnerpark war ein erster Raum gefunden. Um ihn zu nutzen brauchte es, wie Dorothea Kolland es rückblickend sieht, den “Mut einer jungen, unverbrauchten Verrückten”.

Letzter Teil: morgen

Entertainment mit Botschaft vom “Fujiama Nightclub”

Für Momente war vorgestern Abend der Geist von Leonhard Cohen und Marilyn Mon- fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinleroe im Saal des Heimathafens Neu- kölln spürbar.

Die Vorstellung des Fujiama Night- club begann erst eine halbe Stunde später als angekündigt. Verzeihlich, da man danach von Morris Perry, dem Initiator des Bühnenprojekts, erfuhr, dass sämtliche Akteure der Show quasi bis zum Heben des Vorhanges für den Abend geprobt hatten.

Die Vorstellung war sehr gut besucht. Was mich freute, war, dass neben vielen jüngeren Leuten auch Menschen in meinem Alter da waren. Das hat für mich immer fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinleetwas Beruhigendes. Im Saal gab es aus- reichend runde Tische, um die jeweils vier Gäste Platz finden konnten. Ich hängte zuallererst meine Jacke zur Platzmarkierung über einen Stuhl und holte mir an der Bar ein Getränk. Und dann hatte ich so richtig Reporterglück: Als ich zurück kam, hatten an meinem Tisch zwei Damen Platz genommen. Schon nach einer Minute waren wir übereingekommen, uns zu duzen, und eine der beiden, Catharina, verriet mir, dass sie die älteste Tanz- schülerin von Morris Perry sei. Sie kenne Morris schon seit den 1980er Jahren, erzählte sie, und vervollkommne seit drei Jahren wieder ihre Stepptanz-Kenntnisse bei ihm.

Perry, der aus Detroit/Michigan stammt, lebt seit Jahrzehnten in Berlin und begann seine Karriere u. a. als Modell, Theater- und  und Filmschauspieler. Er habe auch im Kultfilm „Saturday Night Fever“ mitgetanzt, berichtete Catharina. Inzwischen ist Morris Perry überwiegend als Entertainer, Choreograph und Tanzlehrer tätig. Mit der gleichermaßen von jungen Talenten wie etablierten Künstlern getragenen Mu- sik- und Tanzshow Fuji- ama Nightclub will er „das moderne, interkulturelle Gesicht Deutschlands zei- gen” und „andere inspi- rieren, die eigenen Träume zu verwirklichen und selbst zum Motor für Optimismus, Mut und Lebendigkeit zu werden“.

In der ersten Hälfte der Show gehörte die Bühne vornehmlich Tanz-, Musik- und Gesangstalente aus Berlin. Folgende zwei Namen werden Ihnen jetzt noch nichts sagen, aber wenn sie in einigen Jahren noch einmal diesen Artikel durchlesen, dann fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinlewerden Sie sich sagen: „Ach, die traten damals schon im Fujiama Nightclub auf!“ Suska Ihracky (Ge- sang) & Janis Hagmann (Gitarre, Keyboard) zum Beispiel. Die Stimme von Suska Ihracky ist der Hammer! Ein Ausspruch, der normalerweise seit über 20 Jahren nicht mehr in meinem Wortrepertoire ist. Doch vorgestern kramte ich sogar wieder „Das hat so richtig gefetzt!“ aus meinem Gedächtnis hervor. Zum Beispiel die wunderbare Capoeira-Darbietung von Rogèrio Capoeira Do Mundo, dargeboten von zwei Brasilianern. (Für die Freunde muskulöser Männerkörper: Die sind auch ein Hingucker.) Oder die Band  Heartsbeats. Als die das Lied „Hallelujah“ sangen, da spürte ich doch für einen Moment den Geist von Leonhard Cohen im Raum.

Nach sechs abwechslungsreichen Acts im ersten Teil, gab es eine Pause. Doch was heißt Pause? Es wurden von den Künstlern kostenlos an jedem Tisch Tapas gereicht, und Morris Perry forderte auf, beim Verzehr der Snacks mit den Tisch- nachbarn ins Gespräch zu kommen. Dazu gab es auf der Bühne weiter Gesang und fujiama nightclub, heimathafen neukölln, foto: reinhold steinleMusik, was hervorragend zur lockeren Pausenatmosphäre beitrug.

Für den zweiten Teil der Show kündigte Perry dann die Auftritte „der Lehrer“ an: Künstler, die seit langem neben ihren Auftritten auch Schüler unterrichten. So gab es zum Beispiel eine tolle Stepp-tanz-Einlage von Katrin Lehmann oder den Auftritt von 4xSample, einem Beat- box-Duo. Augen zu und man hörte eine Möwe schreien, einen Wal blasen und einen Ozeandampfer tuten. War echt der Hammer!

Und das galt für die komplette Show, die an diesem Abend von etwa 40 Künstlerinnen und Künstlern im Saal des Heimathafens Neukölln dargeboten wurde. Besonders unvergesslich wird der Abend für einen Zuschauer sein, der genau an diesem Tag seinen 40. Geburtstag feierte: Ihm zu Ehren stimmte eine Sängerin im kurzen, weißen Kleid das Lied „Happy Birthday“ an. Und ihre Posen dazu – eindeutig Marilyn Monroe!

Die Frage, warum das Projekt Fujiama heißt, beantwortete mir Morris Perry kurz in der Pause: “Der Berg Fuji”, sagte er, “steht für mich als Sinnbild für die Begriffe Frieden und Kraft.” Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die nächste Show des Fujiama Nightclub ist am 23. November ab 20 Uhr im Heimathafen Neukölln zu erleben.

=Reinhold Steinle=

Lost in Gentrification

Ich muss zugeben, dass ich den Begriff Kreuzkölln normalerweise nie ohne „kotz“ dazwischen schreibe oder sage: Kreuzkotzkölln. Denn ich finde diese Benamsung unsäglich und meine, dass die dort lebenden Menschen fähig sein sollten, mittels eines Stadtplans oder ihres Meldeamtes rauszufinden, in welchem Berliner Stadt- bezirk sie wohnen. Neukölln  o d e r  Kreuzberg. Kreuzkölln ist eine gentrifizierte Hipster-Erfindung. Und vermutlich steht „gentrifizieren“ nicht umsonst als schwaches Verb im Duden. Und cover "lost in gentrification", satyr verlagdamit oute ich mich vielleicht gerade als Verlorene.

„Lost in Gentrification“ heißt jedenfalls ein neues Buch sebastian lehmann, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllndes Satyr Verlages, heraus-gegeben von Sebastian Leh- mann (o.) und Volker Sur- mann (u.). Es beinhaltet auf knapp 200 Seiten 36 Groß- stadtgeschichten von 32 volker surmann, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllnAutorinnen und Autoren wie Ahne, Jess Jochimsen oder André Hermann, die alle schon mal in irgendeiner Form mit der Gentrifizierung in Berührung gekommen sind.

Vorgestern hatte das Buch Premiere im Heimathafen Neukölln, und ich saß vorurteilsbehaftet in der ersten Reihe und fühlte mich am rechten Platz. Naja, bis auf die Tatsache, dass mir der nette Mann neben mir immer wieder sein Eau de Knoblauch ins Gesicht pustete. Egal, ich wollte Hipstergeläster hören. Hörte ich auch, aber eben nicht nur, sondern auch Hipsterlästerer-Geläster.

heiko werning, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllnuli hannemann, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllnIm Endeffekt: 15 Geschichten gelesen, gesungen, performt – und fast alle davon mit so viel Ironie und/oder Sarkas- mus, dass es schier von der Bühne troff. Brillant vorgetra- gen von Uli Hannemann (r.), tilmann birr, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllnder leider sehr schnell gehen muss- te, und Heiko Werning (o.), der auch maik martschinkowsky, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllnnoch super Klavierspielen kann. Von Tilmann Birr (l.), dem ich mitteilen möchte: “Ich habe keinen Freund, aber ‘ne Luftpumpe hab ich!”, und von Maik Martschinkowsky (r.), der Strandnixe. Ebenfalls be- frank klötgen, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllneindruckend: Frank Klöt- martin gotti gottschild, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllngen (l.), der echt krasse Ge- dichte schreiben und auswen- dig aufsagen kann, Sebastian Lehmann, der heimliche Hip- ster und Mitherausgeber, sowie Martin „Gotti“ Gottschild (r.), der das Publikum so richtig zum Lachen gebracht hat und noch mehr berlinert als icke.

Ich fühlte mich jedenfalls aufs Beste unterhalten, und dem jubelnden, klatschenden Publikum ging es vermutlich auch so. Deshalb möchte ich gar nicht mal so sehr am Rande erwähnen, dass dieses Buch dringend gelesen werden sollte: Von Hipstern und solchen, die es werden wollen, und von Hipster- lästerern wie mir. Gentrifizierung betrifft alle, vom Pionier über den Gentrifyer bis hin zu denen, die unter den Veränderungen im Kiez leiden oder gar verdrängt werden. Dass das Thema  nicht immer nur bierernst  abgehandelt werden muss, beweist das Buch  “Lost in Gentrification”.

=Anna Sinnlos=

Neue Deutsche in Neukölln

Hinter mir sitzen die vermutlich jüngsten Besucher des Abends, zwei Mädels Anfang 20; das Durchschnittsalter der anderen liegt in etwa bei 40 Jahren. Zu meinem Leidwesen fängt die Buchpremiere für „Wir neuen Deutschen“ von Özlem Topçu, Alice Bota und Khuê Pham mit viertelstündiger Verspätung an. So komme ich in den buchpremiere "wir neuen deutschen", heimathafen neukölln, özlem topcu, alice bota, khue pham, foto: anna sinnlosausgiebigen Genuss zwei- felhafter intellektueller Er- güsse der beiden Jüngs- ten.

Ich hoffe, dass sich solche Gespräche nicht durch den Abend ziehen und habe erstmal Glück: Eine Drei- viertelstunde lang lesen die drei Autorinnen im Saal des Heimathafen Neukölln aus ihrem absolut empfehlenswerten Buch. Alle drei sind Redakteurinnen bei der „Zeit“, alle drei im Bereich Politik, aber um diese geht es eben nicht in ihrem Buch.

Alle drei waren Kinder und sind nun Erwachsene, alle drei um die 30, mit Migrationshintergrund. Keine „echten“ Deutschen, aber auch keine Türken, Polen oder Vietnamesen. Irgendwas dazwischen eben. Und sie erzählen von den Immigrationsversuchen ihrer Eltern, ihren Bemühungen und Wünschen dazu zu gehören und den Vorurteilen der Menschen, in dem Land, in dem sie teilweise auch geboren wurden. Natürlich geht es auch um die Länder, aus denen ihre Eltern stammen. Auf äußerst angenehme Weise sind sie dabei nicht vorwurfs- sondern khue pham, buchpremiere "wir neuen deutschen", heimathafen neukölln, foto: anna sinnlossehr humorvoll.

Absolutes Schweigen herrscht im großen Saal, während die drei lesen. Alle sind mitgerissen von der Ankunft eines 19-jährigen, unterernährten vietnamesischen Mädchens, das in einem Seidenkleid und Sandalen im tiefsten Winter vor den verschlossenen Türen des Münchner Goethe-Institutes steht und zum ersten Mal Schnee sieht. Es ist Sonntag – und alice bota, buchpremiere "wir neuen deutschen", heimathafen neukölln, foto: anna sinnlosniemand wird Khuê Phams Mutter öffnen. Es wird gelacht, weil der polnische Papa von Alice Bota immer noch Wannebade und Kammerspeise sagt und Loriots Sketche auswendig kann. Und weil Özlem özlem topcu, buchpremiere "wir neuen deutschen", heimathafen neukölln, foto: anna sinnlosTopçus türki- sche Mutter vor der Karstadt-Fleischtheke steht und gackert, weil sie das deutsche Wort Hühnchen nicht kennt.

Im Grunde hätte mir der Abend so schon gereicht, weil die drei Autorinnen sehr herzergreifend aus ihrem Buch vorlesen und wohl allen klar wird: Hier wird nicht verurteilt und abgerechnet, sondern hier geht es wirklich um drei Menschen, die den Zusatz „mit Migrationshintergrund“ einfach nicht mehr wollen, weil sie schlicht und einfach Teil unserer Gesellschaft sein wollen. Da die Gesellschaft sie so aber nicht anerkennt, werden sie zu den „neuen Deutschen“ und schaffen sich ihren eigenen Platz, zwischen „Bio- deutschen“ und Migranten.

Ein leider etwas fade wirkender Moderator, der mit der Schlagfertigkeit der Autorinnen nicht annähernd mithalten kann, stellt gezielte Fragen zu den im Buch angesprochenen Themen. Teilweise wirken sie schlicht überflüssig. Da profitiert das Publikum umso mehr von der  Argumentation  und dem  Humor  der drei Frauen.

Am Ende dürfen auch Fragen gestellt werden, das Bedürfnis haben allerdings nur wenige. Ob es in dem Buch auch um Rassismus ginge, will eine Fragenstellerin wissen, die dann so dermaßen selbstherrlich in ihrem eigenen pseudointellektuellen Geschwafel erblüht, dass das Publikum sie unfreundlich ausbremst. Da vermutlich niemand – inklusive der Frau selbst – die Frage verstanden hat, muss diese unbeantwortet bleiben. Meine anfänglichen Befürchtungen bewahrheiten sich also nicht wirklich. Es geht wenig um Rassismus, denn das Anliegen des Buches ist ein anderes. Es geht nicht um Mitleidheischerei, sondern ums Erzählen, ums Auf- buchpremiere "wir neuen deutschen", heimathafen neuköllnmerksammachen und darum eine Brücke zu schlagen.

Und ich finde, Özlem Topçu, Alice Bota und Khuê Pham ist es ausgesprochen gut gelungen auf ihr Thema aufmerksam zu machen. Ich kann nur jedem empfehlen, dieses Buch zu lesen, es sich zu Herzen zu nehmen und selber einmal zu schauen, ob man nicht auch das Gegenüber irgendwie ausgrenzt, weil man betont langsam und deutlich spricht, nur weil die Hautfarbe des anderen so anders ist.

Das beim Rowohlt Verlag erschienene Buch “Wir neuen Deutschen” hat 176 Seiten und kostet 14,95 €.

=Anna Sinnlos=

Vampire im Heimathafen Neukölln

premiere "edward, nosferatu und ich", heimathafen neukölln, jugendtheater tortuga, foto: anna sinnlosOkay, ich war auf Vampire vorbereitet, dieser Tage bei der  Premiere  von “Edward, Nosferatu und ich”. Als ich dann aber das Studio des Heimathafen Neukölln betrete und mitten auf der Bühne ein Sarg steht, bin ich premiere "edward, nosferatu und ich", heimathafen neukölln, jugendtheater tortuga, foto: frifaberdoch kurz irritiert. Aus den Laut- sprechern dröhnt ein unheimlicher Ton, und die vier Darstel-lerinnen  vom  Ju- gendtheater Tortuga stehen jeweils rechts und links vom Sarg, mit dem Rücken zum Publikum. Ich fühle mich direkt in Bann gezogen und warte gespannt – bis endlich das komplette Publikum sitzt – wie es nun weiter geht.

Die vier Neuköllner Mädels der Britzer Alfred-Nobel-Schule, mit denen der Heimathafen seine Zusammenarbeit mit Neuköllner Jugendlichen fortsetzt, prügeln, premiere "edward, nosferatu und ich", heimathafen neukölln, jugendtheater tortuga, foto: frifabertanzen und zucken über die Bühne. Und sie teilen ihre Zukunftsträume von „in den USA leben wollen“ bis „Vater umbringen wollen“ mit uns. Wir erfahren wie sie zu Vampiren wurden, sehen   bedrückende Videosequen- zen und hören von Mobbing, Miss- brauch, ignoranten Erwachsenen und dem Wunsch,  einfach nur dazu- gehören und nicht auffallen zu wollen. Schul- und Lebensalltag, nicht nur in Neukölln.

Auch einen Ausflug in eine rassistische Erwachsenenwelt, mit deprimierenden Aussichten auf Jobcenter- und Behördengänge und einen Theaterbesuch machen wir mit den Vieren und können so einen Blick auf die Zukunftsängste dieser premiere "edward, nosferatu und ich", heimathafen neukölln, jugendtheater tortuga, foto: frifaberpremiere "edward, nosferatu und ich", heimathafen neukölln, jugendtheater tortuga, foto: frifaberGeneration werfen. „Krie- chen, nicht rennen!“ ist  deren Devise. Am Ende finden wir die Kasperle- puppen, die die Erwach- senen darstellen, in einer Blutlache wieder und es grinsen uns diabolisch vier blutverschmierte Vampirellas an, denen der frenetische Applaus des Premieren-Publikums fast etwas unangenehm ist.

premiere "edward, nosferatu und ich", heimathafen neukölln, jugendtheater tortuga, foto: frifaberAlles in allem war ich in diesem, mit knapp 50 Minuten recht kurzem Stück, vom Anfang bis zum Ende gefesselt und fand kleinere Patzer, Text- stolperer oder Kicherattacken der Vampirdamen eher charmant als störend. Es ist gutes Schultheater, und für 3 Euro Eintritt, kann man sich leicht in eine nicht ganz so andere Welt entführen lassen.

Weitere Vorstellungen: am 13., 14. und 15. Juni jeweils um 20 Uhr im Studio des Heimathafen Neukölln

=Anna Sinnlos=

Zwei Finger, zwei Frauen, zwei Krawatten und ein Kellner: Premiere im Heimathafen Neukölln

„Kiek ma, dit is doch Kommissar Schmücke, hier der Dings, der Jaecki Schwarz“, säuselt eine mir unbekannte Dame ihrem Begleiter zu. Stimmt, Jaecki Schwarz, Florian Lukas und Nina Kunzendorf sind nur drei der Prominenten aus Film und Fernsehen, die vorgestern Abend im Heimathafen Neukölln bei der Premiere von „Zwei zwei krawatten - eine echte berliner revue, heimathafen neukölln, foto: verena eidelKrawatten“ anzutreffen waren. Ich war also schon vor Beginn der Berliner Revue, die Georg Kaiser erst- mals 1929 mit Hans Albers und Marlene Dietrich inszenierte, schwer beeindruckt.

Der große Saal war bis auf den letz- ten Platz mit einem erwartungsvollen, lach- und applaudierfreudigen Publi- kum gefüllt. Von Anfang an fühlte ich mich einbezogen in die Geschichte des Kellners Jean: Der landet eher zufällig – durch einen Krawattentausch, der eigentlich ein Fliegentausch ist – in der Welt der Skurrilen und Reichen und zitiert dabei mal locker einen beeindruckenden Text von Nietzsche, immer begleitet von einer wirklich guten Performance der Showband „The Incredible zwei krawatten - eine echte berliner revue, heimathafen neukölln, foto: verena eidelHerrengedeck“.

Jean (Vlad Chiriac), der sich von der reichen, wenn auch etwas älteren Mabel  (Bärbel Bolle) angezogen fühlt, verlässt seine Trude und Berlin, um mit dem Schiff nach Amerika zu zwei krawatten - eine echte berliner revue, heimathafen neukölln, foto: verena eidelgelangen. Trude (Fun- ny Rose) jedoch macht sich an Jeans Verfol- gung und so entstehen einige sehr komische Szenen in diesem sehr bunten Wirrwarr: Der erste Kontakt in Amerika ist ein Schillers „Glocke“ zitierender Amerikaner, der auch immer zwei krawatten - eine echte berliner revue, heimathafen neukölln, foto: verena eidelwieder durch Sangeskunst zu beein- drucken weiß.

Wer wie ich allein schon aus Alters- gründen noch nie eine echte Revue besuchen konnte, kann sich hier einen sehr guten Eindruck davon machen. Er wird entführt in eine andere, ältere Welt, die manchmal ein bisschen zu laut und zu bunt ist, aber deshalb nicht weniger faszinierend.

Ich habe knapp drei Stunden, inklusive einer kleinen Pause, mit der plötzlich nicht mehr ganz so armen Trude mitgefiebert und die Schauspieler zwei krawatten - eine echte berliner revue, heimathafen neukölln, foto: verena eidelbewundert, die sich teilweise wahn- sinnig oft umziehen mussten.  Ich habe viel Haut gesehen, gute Musik und manchmal nicht ganz so gute Gesänge gehört, habe wahnsinnig lustige Szenen gesehen und weni- gen etwas zu langen Monologen gelauscht. Um mich herum sehr zufriedene Menschen, die sich mit mir zusammen die Hände wund klatsch- ten, und vor mir eine sich scheckig lachende Nina Kunzendorf, die echt laut auf zwei Fingern pfeifen kann.

Weitere Aufführungen von  “Zwei Krawatten – eine echte Berliner Revue”  im Heimathafen Neukölln: heute, morgen, am 22. und 27. April sowie am 1., 9. – 11. Mai (jeweils 20 Uhr) und am 20. Mai um 18 Uhr. Karten im VVK: 21,70 € (erm. 15,10 €). Ticket-Hotline: Tel. 030 – 61 10 13 13, VVK im Heimathafen Neukölln: Tel. 030 – 56 82 13 33

=Anna Sinnlos=

Virtuelle Ovationen für den Heimathafen Neukölln

Die B.Z., Berlins auflagenstärkstes Boulevard- blatt, verleiht in wenigen Tagen zum 21. Mal ihren Kulturpreis, der erstmals mit der Kate- gorie “Volkstheater” aufwartet.

Unter den drei Nominierten dieser Sparte ist auch der Heimathafen Neukölln, der im April 2009 in den Saalbau an der Karl-Marx-Straße zog und seitdem mit einem Programm-Mix aus Theater, Musik und Lesungen reichlich frischen Wind in das alte, zuvor recht vermuffte Gemäuer bringt. Applaus in Form von Klicks kann dafür noch bis zum 26. Januar beim Online-Voting des B.Z.-Kulturpreises für Berliner Volkstheater abgegeben werden.

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Neukölln-Gewinnspiel: Die Bescherung geht weiter (2)

Was es morgen bei unserem Zwischen-den-Jahren-Quiz zu gewinnen gibt, das gestern begann und am 31. Dezember endet, verraten wir noch nicht. Aber das Geheimnis um den heutigen Tagespreis wird nun gelüftet: Mit ihm erhält der/die Gewinner/in einen sehenswerten Begleiter durch’s nächste Jahr, der von der Bürgerstiftung Neukölln zur Verfügung gestellt wird. Die zu beantwortende Frage ist folgende:

Im Dezember konnte man sich in Neukölln anhören, wo der russische Bär Fahrrad fährt. Welchen Ort musste man dafür aufsuchen?

n+neukölln-kalender 2012, foto: marc vorwerk, bürgerstiftung neuköllnZu gewinnen ist ein Neukölln-Kalender 2012 von der Bürgerstiftung Neukölln. Die zwölf Bilder, die durch das kommende Jahr führen und vielfältige Impressionen des Bezirks zeigen, sind Einsendungen für den N+Foto- wettbewerb, der diesmal das Thema “Neu- kölln anders” hatte.

Wer den N+Kalender gewinnen möchte, schreibe den gesuchten Ort sowie (2) in die Betreffzeile einer E-Mail und schicke sie bis morgen (27. Dezember) 12 Uhr an: Der/die Gewinnerin wird direkt benachrichtigt. Gehen mehrere richtige Lösungen ein, entscheidet das Los. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Wir wünschen viel Glück!

Update (27.12., 15:05 Uhr): Die richtige Antwort war Heimathafen Neukölln.

Der Neukölln-Kalender 2012 wird, wie das Los entschied, eine Wand schmücken, die rund 300 Kilometer von Neukölln entfernt ist.

Offensichtlich: Die Neuköllner Mode-Szene zeigt sich beim Neukölln Fashion Weekend 2011

neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnSeit gestern dreht sich im Heimathafen Neukölln alles um Mode: Noch bis heute Abend zeigen in der Karl- Marx-Straße 141 Neuköllner Designer und Zwischen- neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnmeistereien beim Neu- kölln Fashion Weekend ihre aktuellen Kollektio- nen und ihr Know-how.

Während am gestrigen Vormittag die Vorberei- tungen an den Messe- ständen im Erd- und ers- ten Obergeschoss noch auf Hochtouren liefen, hatte das aus dem NEMONA – Netzwerk Mode & Nähen, der Wirtschaftsförderung des Bezirksamts Neukölln und der [Aktion! Karl-Marx-Straße] bestehende Veranstaltertrio zum Pressefrühstück ins Studio des Heimathafens geladen.

Rund 50 Neuköllner Labels, hinter denen meist Ein-Frau- oder -Mann-Unternehmen stecken, gehören dem Netzwerk derzeit an. 32 Labels wurden von einer Jury aus- erkoren, sich beim zweiten Neukölln Fashion Weekend präsentieren zu dürfen, außerdem sind mit Rix und Roxi, Common Works und Sieben auf einen Streich drei Neuköllner Zwischenmeistereien vor Ort. “Die Vernetzung der Designer mit den Modeproduzenten ist bei unserer Arbeit ein genauso zentrales Anliegen wie die Unterstützung der Labels im Bereich Öffentlichkeitsarbeit”, erklärt NEMONA-Pro- jektleiterin Sabine Hülsebus. Schließlich bewege sich das Gros der Kollektionen in einem so kleinen Stückzahlenbereich, dass die Produktion im Ausland einen zu großen Aufwand bedeuten würde. Zudem sei bei den meisten kreativen Köpfen hinter den Labels das Ansinnen zu erkennen, bei Nähaufträgen auf soziale Nachhaltigkeit zu setzen und auch in diesem Segment die Identifikation mit dem Bezirk Neukölln zum Ausdruck zu bringen. Wobei es, wie Sabine Hülsebus’ Kollegin Daniela Fleig betont, bei Zwischenmeistereien ja nicht nur um das Nähen an sich gehe: “Das sind für die Designer außerdem ganz wichtige Berater in Material- und technischen ahoj souvenirmanufaktur, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnFragen.”

Auch Clemens Mücke von der Neu- köllner Wirtschaftsförderung sieht ins- besondere in diesem Bereich des Mode-Business ein schlummerndes Potenzial. Bis zum Ende der 1950er- Jahre habe es im Bezirk etliche Zwischenmeistereien gegeben, da- nach sei die Branche drastisch ein- gebrochen. Aktuell  lasse sich jedoch feststellen, dass die vermehrte An- siedlung von Modeprozenten vor einem Neuanfang stehen könnte. Große Chancen sieht er zudem “bei entsprechender Förderung” für die vielen kleinen, oft von Migranten betriebenen Änderungsschneidereien in den Neuköllner Kiezen. Der Bedarf seitens der bei NEMONA vernetzten Designer sei groß. “Auch nach Strickerinnen, Häklerinnen und Stickerinnen”, ergänzt Sabine Hülsebus. Eine neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neukölln, berlinfabrikFestanstellung könne Leuten mit entspre- chender Qualifikation zwar nicht versprochen werden, schränkt sie ein, wohl aber wertvolle Kontakte zu Modemachern.

Die stehen auch beim Neukölln Fashion Weekend beinahe zwangsläufig wieder im Rampenlicht.  18 Labels zeigen noch bis 21 Uhr bei der zum zweiten Mal stattfindenden Verkaufs- messe ihre Kollektionen an Gemeinschaftsstän- den: T-Shirts von berlinfabrik (r.) und der AHOJ! Souvenirmanufaktur (o.) gibt es, Taschen von bolsos berlin, edle Dessous und Korsagen aus Britt Sobottas Berliner Miedermanufaktur, Hüte mon bibi, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnvon mon bibi und Damen- und Herrenmode von ManduTrap, African Modedesign und vielen anderen. Dazu kommen prominentere Labels, die im Saal des Neuköllner Heimathafens ausstellen und für heute – wie TingDing (16 Uhr) und Rosa Tango- mode (18 Uhr) – künstlerisch inspirierte Theater- und Tanzmodenschauen auf die Beine gestellt haben oder gestern bei Modeschauen ihre Machwerke von Models auf dem Catwalk vorführen lassen durften: Die Bandbreite reicht von extravagant Sportivem der Marke Kollateralschaden (2. v. r.) über Strickmode von anyonion (l.), Elegantem von steinort-berlin (2. v. l.) bis hin zu Catsuits von disintegration (r.), Exklusivem von Mayarosa und

anyonion, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnsteinort-berlin, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnkollateralschaden, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllndisintegration, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neukölln

neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnhipper Streetwear und Accessoires von Rütli-Wear (l.). Die rütli-wear, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnAmbition hinter dem Neukölln Fashion Weekend sei einerseits selbstverständlich, so Clemens Mücke, dass eine hohe Auf- merksamkeit auf die Schaf- fenskraft der Neuköllner De- signer-Szene gelenkt wird. An- dererseits habe man ihnen mit dem Event aber auch die Möglichkeit bereiten wollen, für zwei Tage das “große Business, mit allem Organisatorischen, was dazu gehört” kennen zu lernen.

Die Vorteile der bestens vernetzten Veranstalter lernen sie dabei außerdem gleich zu schätzen: Das Messemobilar wurde von der PREMIUM-Modemesse ausgeliehen,  die C & A-Filiale an der Karl-Marx-Straße stellte 200 Kleiderbügel zur Verfügung und die Models sind in geborgten Highheels vom Neuköllner Markenschuh-Outlet der Firma Leiser auf dem Laufsteg unterwegs.

=ensa=

Mit Teamgeist zum “Neuköllner Globus”?

theaterlabor, bürgerstiftung neukölln,neuköllner globus 2011,adolf-reichwein-schuleVielleicht werden sie heute sogar noch mit dem Neuköllner Globus für ihr Stück “Görkem und Angie – eine Neuköllner Liebesgeschichte” ausgezeich- net. Ein Jahr haben die zehn Zehntklässler der Adolf-Reichwein-Schule es erarbeitet und geprobt und dabei wahrlich höhere Hürden genommen als ihre Konkurrenten um den Kinder- und Jugend- theaterpreis der Kategorie Sekundarstufe. Denn die Grund- und Oberschule an der Sonnenallee ist ein  sonderpädagogisches Förderzentrum mit dem theaterlabor, bürgerstiftung neukölln,neuköllner globus 2011,adolf-reichwein-schuleSchwerpunkt “Lernen”. Da birgt das Halten der Konzentration, die zum Merken der Texte und Einsätze nötig ist, größere Her- ausforderungen in sich. Zugleich gewinnen die Unterstützung der Mitspieler, ihre Auf- merksamkeit und ihr Teamgeist an Bedeu- tung.

Eine durchaus geschlossene Mannschaftsleistung brachten die fünf Mädchen und fünf Jungen der Adolf-Reichwein-Schule kürzlich bei ihrer Aufführung im Rahmen des Theaterlabors auf die Bühne. Erstmals war dieser eintägige Workshop für Thea- tergruppen der Sekundarstufe Bestandteil des Neuköllner Globus-Wettbewerbs. Zu den drei Gruppen, die von einer Jury ausgewählt wurden, daran teilzunehmen, theaterlabor, bürgerstiftung neukölln,neuköllner globus 2011,adolf-reichwein-schulegehörten auch die ARS-Zehntklässler mit ihrem Stück um die Protagonisten Angie und Görkem und Liebe, Gewalt, Jugendgangs, Rivalität und Identität.

“Dieser Workshop”, so die Neuköllner Globus-Koordinatorin Andrea Beh- rendt, “sollte einerseits eine Wür- digung für die schulische und außer- schulische Jugendtheaterarbeit im Bezirk sein.” Andererseits gab er den Teilnehmern die Möglichkeit, die Bereiche Stimme, Sprache und Bewegung mit professionellen Schauspielern, Tänzern und Theaterpädagogen zu trainieren und so  neue Einblicke in die Schauspielerei zu bekommen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Präsentation der Stücke vor anderen Thea- tergruppen des Wettbewerbs und der konstruktiv kollegiale Austausch darüber. Unterm Strich gab es viel Lob für “Görkem und Angie” und die jungen Schauspieler der Adolf-Reichwein-Schule. In wenigen Stunden werden sie erfahren, ob sie nicht nur die Konkurrenz, sondern auch die Neuköllner Globus-Jury überzeugen konnten.

=ensa=

Meer oder weniger

tag des meeres

Heute ist der Tag des Meeres. Zwar liegt Neukölln zugegebenermaßen vom nächsten Meer ein ganzes Stück entfernt, aber es gibt doch manches, was den Bezirk mit dem Meer verbindet: das Ostsee-Ticket der Deutschen Bahn beispielsweise. Oder der Nordsee-Zufluss, nach dem die Weserstraße benannt wurde. Oder auch Nis-Momme Stockmann, dessen Stück “Das blaue, blaue Meer” mehrfach im Heimathafen Neukölln aufgeführt wurde. Der 29-Jährige, derzeit einer der angesagtesten jungen Dramatiker der deutschen Theaterlandschaft, kommt quasi aus dem Meer (er stammt von der Nordsee-Insel Föhr) und wohnte einige Zeit in Neukölln.

=ensa=

Neukölln für “Fashion & Fame” nicht trendy genug?

Die Donnerstagabende stehen bei Pro 7 derzeit ganz im Zeichen der Mode-Szene: Mit Die Model-WG hat der Sender für den von Heidi Klum bei “Germany’s Next Topmodel” ausgebooteten Peyman Amin einen Ableger eben dieses Formats gepflanzt.

“Den Jungdesignern eine Chance” heißt es dagegen bei Fashion & Fame – Design your dream!.  In sechs Folgen, die seit dem 20. Januar ausgestrahlt werden, kreieren sieben Kandidaten unter der Obhut des dem Nachwuchsstatus entwachsenen Designers Philipp Plein Stücke für das neue Modelabel GoldCut, dessen Chefdesigner werden soll, wer am Ende der Castingdoku die Nase vorn hat. Entschieden wird das von einer Jury, zu der neben Plein und der Modedozen- tin Emma Brown in jeder Show ein anderes promi- nentes Mitglied gehört.

Wenig gelegen ist dem Sender und der Produk- tionsfirma jedoch offenbar daran, dem Ort der Ent- scheidungsshows zu ei- ner Steigerung des Be- kanntheitsgrads zu verhelfen. “Hier in der Showlocation” heißt es lediglich in der Sendung. Hinweise darauf, dass es sich bei eben der um den Heimathafen Neukölln handelt, blieben aber zumindest bisher in jedweder Form aus, auch im Abspann. Einer unserer Abonnentinnen entging es trotzdem nicht. Eine kurze Sequenz, die die Nachwuchsdesigner kurz vor dem Erreichen der Eingangstür zum Heimathafen zeigt, rief ihre Ortskenntnisse wach. Das sei doch wieder typisch, dass die Location in Neukölln mit keiner Silbe erwähnt wird, teilte sie uns per Mail mit. “Würde es sich um das Berliner Ensemble in Mitte oder die Schaubühne am Kudamm handeln, würde das lang und breit gefeiert werden”, vermutet sie.

Auch beim Heimathafen Neukölln hatte man sich den Promotioneffekt durch die Fashion & Fame-Shows, die im August letzten Jahres aufgezeichnet wurden, etwas akzentuierter vorgestellt. “Eigentlich war es Bestandteil des Vertrags, dass der Heimathafen genannt wird oder zu erkennen ist”, erklärt Nicole Hasenjäger, die Eventbeauftragte des Neuköllner Kulturbetriebs. Doch ihr schwante bereits, dass die telegene Realität aufgrund der Tatsache, “dass die alles abgehängt haben”, etwas anders aussehen könnte. Dazu, die selber in Augenschein zu nehmen, ist sie bisher noch nicht gekommen.

=ensa=

“ArabQueen” – ein Sprachrohr für die Schweigenden

Mariam war wochenlang in ihrem Zimmer eingesperrt gewesen, bevor sie mit Jamal verheiratet wurde, den sie nie zuvor getroffen hatte, sondern nur vom Hörensagen kannte. Er war ganz anders als der Mann, von dem sie – wie so viele junge muslimische Frauen – immer geträumt hatte, ein Mann, der sie erlösen würde aus dem Gefängnis familiärer Unterdrückung, ein Mann, der mit ihr vielleicht sogar tanzen oder ins Schwimmbad gehen würde, der ihr erlauben würde, sich nach eigenem Geschmack zu kleiden, einer Arbeit nachzugehen und eigenes Geld zu verdienen. Ein Mann eben, mit dem man ein gemeinsames Leben aufbauen konnte, das anders war als das, was sie bei ihren Eltern sah. Aber Jamal wollte von solchen Vorstellungen nichts wissen …

Zur von Hugendubel am Hermannplatz veranstalteten Premiere ihres Buches “Arab- Queen” gestern Abend ließ  Güner Yasemin Balci lesen. Die Autorin selber nahm neben Neuköllns Bezirksbürgermeister in der ersten Reihe im Zuschauerraum Platz und verfolgte die Lesung der arabqueen,buchpremiere,güner yasemin balci,heimathafen  neukölln,inka löwendorf,sascha ö. soydanbeiden Heimathafen Neukölln-Schauspiele- rinnen Inka Löwendorf (r.) und Sa- scha Ö. Soydan sichtlich angetan. Sie habe es sehr genossen, sagte sie später, als Heimathafen-Regisseu- rin Nicole Oder die Diskussionsrunde mit der gebürtigen Neuköllnerin und Heinz Buschkowsky, dem “Praktiker und Pragmatiker der deutschen Inte- grationspolitik”, eröffnete.

Während ihr Debütroman “ArabBoy” noch in ihrem Heimatbezirk spielte, siedelte Güner Balci die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte um Mariam im Berliner Wedding an. Doch Frauen wie Mariam gibt es überall und das Buch könne “ebenso gut AlbanQueen oder TürkQueen” heißen, betonte die Autorin: “In unserem Land leben mitten unter uns etliche Frauen, denen die Menschenrechte genommen werden.”  Es sei diese riesige Gruppe schweigender Frauen, denen sie durch ihre Protagonistin eine Stimme geben wolle.

Wie wichtig das Buch für das interkulturelle Verständnis ist, untermauerte auch Heinz Buschkowsky: “Das Leben in arabqueen,buchpremiere,güner yasemin balci,heimathafen  neukölln,sascha ö. soydan,heinz buschkowskyeinem Geflecht archaischer Familienstruk- turen und -rituale ist Alltag für ganz viele junge Frauen.” Das Fatale sei, dass sie ein Geheimnis daraus machen, Einblicke in ihre Lebens- wirklichkeit meist unmöglich seien. “Deshalb”, befürchtet Buschkowsky, “wird Güner Balcis Buch auch wieder den Protest vieler Sozialromantiker auf sich ziehen.” Seit Jahren werde nun schon über Zwangsheirat diskutiert, dabei sei es aber auch bisher geblieben. Wann er sich denn mal aufmachen wolle, Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit zu verdrängen, wollte ein Mann aus dem Publikum prompt vom Neuköllner Bezirksbürgermeister wissen. Der entgegnete, dass er keine Lust auf Veränderungen habe und sich in Neukölln wohl fühle, ergänzte seine Antwort mit der Bitte: “Nun lassen Sie einen alten Mann doch mal mit solchen Forderungen in Ruhe!”

Andere Fragen aus dem Publikum richteten sich an die “ArabQueen”-Autorin. Beispielsweise die, weshalb es mit der Integration der 3. Generation so viel schlechter klappe als bei den vorherigen? “Die Einwanderer der 1. Generation haben viel gearbeitet und deshalb sehr unauffällig gelebt”, griff Güner Balci auf Auto- biografisches zurück. Heutzutage sei, bedingt durch die hohe Arbeitslosigkeit, die soziale Kontrolle durch Nachbarn gleicher Nationalität extremer: “Die haben dafür einfach mehr Zeit und bleiben viel stärker unter sich.”

“Wie lernt man von Mariams Schicksal Betroffene kennen?”, erkundigte sich eine Frau. Durch ehrenamtliches Arbeiten in sozialen Einrichtungen, schlug Balci vor. Eine andere fragte nach, wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft auf Menschen wie sie zugehen sollte?  “Erstmal ist wichtig”, so die Autorin, “dass ein Bewusstsein dafür entwickelt wird, dass Mariams genauso zu unserer Gesellschaft gehören wie Intensivtäter und Schulverweigerer.” Das Buch sei eines gegen die Ignoranz, schaltete sich Heinz Buschkowsky ein. Ganze Klassensätze davon müssten in Schulen landen, um betroffene Mädchen zu erreichen, “ArabQueen” zur Ge- sprächsgrundlage für Lehrer werden. Güner Balcis Hoffnung ist, dass immer mehr Muslima den Weg ihrer Protagonistin wählen: “Das Ende der Geschichte hab ich so geschrieben, wie ich es mir für Mariam gewünscht hab.” Die Realität ist oft anders.

“ArabQueen” (319 S., 14,95 €) von Güner Yasemin Balci ist im S. Fischer Verlag erschienen und kann dort direkt bestellt werden.

Am 12. November hat das auf Balcis Buch basierende Theaterstück “ArabQueen” im Heimathafen Neukölln Premiere.

_ensa_

Die Horrorhoffnung Deutschlands in Neukölln, dem Horror- bezirk Berlins

Sebastian Fitzek, der gestern Abend in den Heimathafen Neukölln gekommen war, um sein neuestes Werk “Der Augensammler” vorzustellen, quittierte die charmante Begrüßung durch die Gastgeberin mit breitem Grinsen, regelrecht erleichtert. Mit dem Eingangsstatement, dass er ja gar nicht aussehe wie ein Psychothriller-Autor, hätte man ihm keinen so großen Gefallen getan. Das hat der 38-Jährige oft genug über sich ergehen lassen, seit er 2006  seinen Debütroman “Die Therapie” ablieferte und aus dem Stand den Sprung in die Bestsellerlisten schaffte.

Seitdem bringt der Berliner jährlich mindestens einen neuen Thriller heraus. Nun also “Der Augensammler”, der ihn wieder – wie schon 2007, als “Amokspiel” erschienen war – nach Neukölln führte. Er werde wenig lesen, dafür aber viel quatschen und auch sonst dürfe man sich auf eine Menge gefasst machen, warnte Sebastian Fitzek die etwa 70 Leute im Publikum vor. Aus gutem Grund, denn konventionelle Lesungen sind es nicht, die er bietet. Dafür ist er viel zu sehr Entertainer. Er will unterhalten, mit seinen Büchern und auf der Bühne. Eine inszenierte Geiselnahme mit SEK-Einsatz, der Autor in Zwangsjacke und mit Hannibal Lecter-Maske – alles schon da gewesen bei seinen Buchpremieren, die sebastian fitzek,der augensammler,heimathafen neuköllnwegen des großen Andrangs längst nicht mehr in Buchhandlungen stattfinden können.

Manchmal ist es aber gar nicht Fitzek selber, der den Unterhaltungsfaktor auf die Spitze treibt. “Ich ziehe Leute mit gewissen Verhaltensauffälligkeiten einfach an”, gibt er zu und erinnert sich an die spektakuläre Lesung in der Cafeteria einer Klinik in Norddeutschland. Ein Mann aus der letzten Reihe sprang immer wieder auf und brüllte über die Köpfe des Publikums hinweg in Richtung Podium. Als er aufgefordert wurde, den Raum zu verlassen, stellte sich heraus, dass es der stark alkoholisierte Chefchirurg der Klinik war. “Wenn also heute Abend je- mand ein bisschen hüpfen will”, ermunterte der Autor, “nur zu!”

Niemand wollte. Alle Aufmerksamkeit im düsteren Theatersaal war auf Fitzek gerichtet, der seine Ankündigung wahr machte und weniger las als erzählte. Am Anfang jedes Manuskripts stehe immer die Was-wäre-wenn-Frage. Und die kann ihn beim Gassigehen mit seinen Hunden ebenso ereilen wie in Hotelzimmern, bei Taxifahrten oder einer Shiatsu-Behandlung. Was wäre wenn, fragte er sich also, während seine Physiotherapeutin ihm ihr Shiatsu-Können angedeihen ließ, wenn sie nur durch Berührungen in meine Vergangenheit gucken könnte? Die Idee zu “Der Augensammler” war geboren.

Eine der zentralen Rollen im Buch spielt die blinde Physiotherapeutin Alina Gregoriev. Sie meldet sich als Augenzeugin bei der Polizei und behauptet, sie habe womöglich den Augensammler behandelt. Eben den, der auf bestialische Art und Weise mit Familien das älteste Spiel der Welt spielt: Verstecken. Der erst die Mutter umbringt, dann das Kind verschleppt und anschließend dem Vater 45 Stunden gibt, es zu finden. Schafft er das nicht, ist das Kind tot und – wie alle anderen Opfer – ohne linkes Auge.

Für die Recherche hat Sebastian Fitzek sich ganz tief in die Erlebniswelt von Blinden und Sehbehinderten vorgetastet, Interviews mit Betroffenen geführt, ihnen Fragen zu den Tücken ihres Alltags, übers Träumen und den Umgang mit Sehenden gestellt. Denn er wollte auf keinen Fall in irgendeine Klischeefalle tappen.

Anfang April gab er das Manuskript ab, gut zwei Monate später stellten die Buchhändler das Hardcover in ihre Läden. Bereits drei Wochen später waren 100.000 Exemplare verkauft und “Der Augensammler” in den Bestsellerlisten. Ein Buch, das bereits vor dem Lesen ziemlich irritiert, denn es beginnt mit Seite 442. Was es denn damit auf sich habe, wollte dann gestern auch jemand aus dem Publikum wissen, wofür er prompt eines der versprochenen Monster-Marshmal- low-Augen kassierte. “Das sei eigentlich ganz einfach”, erklärte Sebastian Fitzek. Ihm sei auf- gefallen, dass das erste Kapitel ebenso gut das letzte sein könnte und er habe dann so lange mit Word getüftelt, bis es mit der absteigenden Seitennummerierung klappte. Mancher Buch- händler hätte sich wohl mehr darüber gefreut, wenn ihm das nicht gelungen wäre. “Da standen schon einige Kunden wieder in den Läden, weil sie meinten, einen Fehldruck gekauft zu haben”, erzählt er schmunzelnd.

Für solche aufwändigen Spielereien wird Sebastian Fitzek künftig weniger Zeit haben, denn seine Frau ist schwanger. Die Zeit zum Schreiben wird er sich aber sicher auch weiterhin nehmen.

_ensa_

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