Heute in Schweden, schon gestern in Neukölln

waffeltag_waffelkaffel neukölln“Ha en trevlig våffeldagen!” – das wünscht man sich heute in Schweden. Und dann wird Teig gerührt, das Waffeleisen aus dem Kü- chenschrank geholt und bis zum Sättigungs- punkt der våffla gehuldigt. Bis ins 17. Jahr- hundert reicht diese Tradition zurück, die der Überlieferung nach auf einem Missverständ- nis basiert: Auf den 25. März fällt auch der christliche Feiertag Mariä Verkündigung, der auf Schwedisch vårfrudagen heißt, was wie- derum – schnell und nuschelnd artikuliert – wie  våffeldagen, also: Waffeltag, klingt. Und eben den begeht man in Schweden nun immer genau neun Monate vor Weihnachten.

In Neukölln, das schließlich gerne mal vorne ist, wartete man mit dem Waffeltag nicht bis zum 25. März, sondern feierte ihn schon ges- waffelkaffel_neuköllntern: im Waffelkaffel. “Weil Sonntage für solche Aktionen besser sind”, sagt Adrian Schefer, der zusammen mit seiner Partnerin Paula Leu das kleine Café vis-à-vis der Geneza- reth-Kirche vor einem Dreivierteljahr eröffnete.

waffelkaffel neuköllnDraußen sitzen will bei strengem Frost keiner, entsprechend voll ist es drinnen. Das liege aber nur marginal am Waffel- tag und dem mit ihm verbundenen Angebot “Gratis-Waffeln für alle”. Sonntags seien sie immer am Maximum, was in erster Linie der Nähe zum Tempelhofer Feld zu verdanken ist. Durchgefrorene Spaziergänger in Paar- bis Gruppenstärke geben sich gegen-seitig die Klinke in die Hand. Bei jedem Öffnen der Tür dringt ein warmer Schwall Waffelduft auf waffel_waffelkaffel berlin-neuköllndie Straße.

Das 23 Jahre alte und 40 Kilo schwere Doppeleisen läuft zur Hochform auf, tauscht im Akkord zähflüssigen Teig gegen goldbraune Waffeln. Mit Puder- zucker bestäubt oder mit Schlagsahne, Nuss-Nougat-Creme, Eis, Früchten und anderen  Zugaben belegt, landen sie auf verschnörkelten Vintage-Tellern. Wer Kaffee dazu bestellt, bekommt auch den in einer feinen Tasse aus Omas Geschirrschrank. frühlingsrolle_waffelkaffel neuköllnAber es ist nicht nur das Porzellan, das auf Geschichten zurückblickt. Zu jedem Stück des liebevoll gestalteten Waffelkaffel-Interieurs könn- te Adrian Schefer eine eigene Anekdote erzählen: “Das ganze Mobiliar hab ich selber gebaut, mit Abfallholz, das ich in den Straßen Neuköllns gefunden hab.”

Ganz und gar nicht retro, sondern beim Blick aufs Thermometer der Zeit voraus ist das Waffelkaffel indes mit der süßen Kreation, die für diese Woche anlässlich des Waffeltags in die Karte aufgenommen wurde: Frühlingsrolle heißt sie. In ihr steckt eine Kugel Vanille-Eis, umgeben ist die Waffel von Eierlikör und Mohn.

=ensa=

Sie ist weg!

“Kommen und Gehen im Schillerkiez – den Wandel gemeinsam gestalten”: Darum ging es bei der Stadtteilkonferenz, zu der das Quartiersmanagement (QM) des Viertels Mitte Dezember in die gothe+giffey+schmiedeknecht_stadtteilkonferenz schillerkiez_izg neuköllnGene- zareth-Kirche eingeladen hatte.

Viel Neues kam dabei erwartungs- gemäß für einigermaßen Informierte nicht heraus. Einzig der in einen Ne- bensatz verflochtene Hinweis, dass QM-Teamleiterin Kerstin Schmiede-knecht (r.) zu den Gehenden zählt, hat überrascht.

Bedauern dürfte ihr Weggang aus dem Schillerkiez kaum hervorrufen. Denn Schmiedeknecht hat es in den 14 Jahren ihrer Tätigkeit für das QM Schillerpromenade  wahrlich nicht auf Beliebtheit ange- legt. Wer per Zugehörigkeit zu einem Gremium wie z. B. dem Quartiersrat mit ihr zu tun hatte und das Gefühl haben wollte, eigentlich passabel mir ihr auszukommen, tat gut daran, ihrer Meinung zu sein oder mit einer anderslautenden hinterm Berg zu schmiedeknecht_qm schillerpromenade_neuköllnhalten. Für diejenigen, die nichts mit ihr und der Institution Quartiersmanagement generell zu tun haben wollten, war sie hin- gegen die personifizierte Zielscheibe und ihr Name ein Synonym für Gentrifizierung. Wiederum anderen war sie so gleichgültig wie der berühmte umkippende Sack Reis in China.

“Dass sie es überhaupt so lange aus- gehalten hat”, wundern sich manche. Zu- nehmend dünnhäutiger sei sie – verständ- licherweise – im Laufe der Zeit geworden. Doch statt ihre Schwachstellen zu zeigen und so zumindest in weiten Kreisen Empathie zu ernten, habe Kerstin Schmiede- knecht sie durch aufgesetzte Härte, Schärfe und verbale Ausbrüche zu kaschieren versucht, ist aus dem Kiez zu hören.

Der 31. Dezember war der letzte Arbeitstag der Quartiersmanagerin im Gebiet rund um die Schillerpromenade. Sie ist weg – und seit dem 1. Januar für das Altstadtma- nagement Spandau tätig. Wer nun die Teamleitung übernimmt, werde sich innerhalb der nächsten Tagen entscheiden, sagt Gunnar Zerowsky vom QM Schillerpromenade. Fakt sei jedoch bereits jetzt, dass man künftig mit 2,3 Stellen auskommen müsse.

Ob die personellen Veränderungen im Quartiersmanagement einen Wandel vom jahrelang praktizierten Top-down-System zu echter Bürgerbeteiligung bedeuten wer- den, wird von vielen bezweifelt. Anderen ist auch das egal.

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Regelkonform

Die Einbahnstraßenregelung gilt zwar eigentlich nur für die Fahrbahn, die um den Herrfurthplatz führt. Doch auch die Draußensitzer des Café Selig halten sich daran und rücken die Tische, Stühle und Bänke auf dem Platz vor der Genezareth-Kirche immer brav bis zum Geht-nicht-mehr in die erlaubte Richtung – der Sonne wegen.

Regen, Hagel, Kälte, Böen und rare Lichtblicke

2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neukölln, wetter-kapriolenWodurch nur, fragen sich die Leute vom Pro Schillerkiez, haben wir es uns mit dem Wettergott so dermaßen versaut? “Bei unserem Adventsmarkt am 26. November war es wärmer”, meint Beate Hauke, die Vorsitzende des Vereins, und liegt damit richtig.  Damals schaffte es die Temperatur locker über die 5 Grad-Hürde, vorgestern 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neukölln, grognicht. So geriet der am Oster- samstag vom Pro Schillerkiez veranstaltete Ostermarkt auf dem Neuköllner Herrfurthplatz zu einer skurrilen Mischung aus Winter- und  Frühlings-Event.

Heißer Grog, leuchtende Primeln, Sonnenbrillen, Hand- schuhe, Regenschirme und Wetter in seiner ganzen Viel- falt – wer Gegensätze mag, 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neukölln, japanische kirschehatte reichlich Gründe, sich auf dem Markt wohlzufühlen. Doch viele waren es nicht, die das Kontrastprogramm zu schätzen wussten. “Der Markt war einfach kein Ort, an dem man sich gerne längere Zeit aufhalten wollte”, muss Beate Hauke einräumen. Noch härter als die Besucher, die nach eigenem Gutdünken kommen und gehen konnten, traf es aber die Menschen hinter den Marktständen, die Kunst, Handarbeiten, Gebasteltes und Selbstgebackenes oder -gekochtes unters Volk bringen wollten.

Während sich die professionellen Markthändler, die Woche für Woche auf dem Markt im Schillerkiez ihre Produkte anbieten, längst an Wetter-Kapriolen und die 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neuköllndortigen äußerst ungemütlichen Windverhältnisse gewöhnt haben, wurden sie für die Amateure zur Herausforderung. “Was wir vergessen haben, sind Styroporplatten zum Draufstellen, gegen die Kälte von unten”, bedauert Christian Hoffmann vom Pyrami- dengarten Neukölln. “Und das Bedrucken der Etiketten per Tintenpisser war auch 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, bio-honig pyramidengarten neukölln, neuköllnkeine gute Idee.” Eini- ge der Chutney-, Honig- und Marmeladengläser haben ziemlich unter den Regen- und Hagelschauern gelitten, die vom Wind quer  durch die Stände gedrückt wurden. Andere packten gar nicht erst ihr komplettes Sortiment aus oder gaben vorzeitig entnervt, durchge- 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neuköllnfroren und mit von der Feuchtigkeit lädierten Bildern auf. Auch dem Pro Schillerkiez-Infostand musste zwischendurch wieder zu Stabilität ver- holfen werden – bis eine Böe ihn knapp zwei Stunden vor dem Ende des Markts völlig zerlegte.

“Das mit dem Wind ist auf der östlichen Seite des Herrfurthplatzes ein großes Problem”, sagt Beate Hauke. Kommt der vom Tempelhofer Feld, drückt er sich  an der Genezareth-Kirche vorbei durch die Herrfurth- in Richtung Hermannstraße. Noch kritischer ist es, wenn – wie Samstag – mehr als ein laues Lüftchen aus Nordwest weht und mit der Schillerpromenade eine weitere Schneise ins Spiel kommt. Das Ergebnis sind kräftige Turbulenzen auf dem Marktplatz. Der vorgestern erstmals von der Markt- verwaltung Perske gestartete Versuch, den Wind durch einen parkenden LKW zu stoppen, kann wohl nur als gescheitert betrachtet werden. Effektiver wäre es sicher, wenn der Markt ganz auf die gegenüberliegende Seite umzöge, wo es meist 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neuköllnerheblich windstiller und zudem länger sonnig ist – wenn die Sonne scheint.

Dass der Ostermarkt bei besseren äuße- ren Bedingungen für die Händler lukra- tiver  und die Besucher attraktiver ge- wesen wäre, wissen die Organisatoren des Pro Schillerkiez. Schließlich haben sie es beim ersten Ostermarkt im letzten Jahr 2. ostermarkt schillerkiez, pro schillerkiez e.v., schillermarkt, neuköllnerlebt, bei dem T-Shirt-Wetter herrschte, die Sonne mit den Mienen der Marktbesucher um die Wette strahlte, die Hasen in ihren Plüschkostümen schwitzten statt froren und die Mühen der wochenlangen Vorberei- tungen mit einem schönen Fest belohnt wurden.

Auch den Stress der Organisation eines kleinen Kulturprogramms hätten sich die Veranstalter rück- blickend für die zweite Ostermarkt-Auflage sparen können. Für die Tontechnik, die  die Sängerin Milistu für ihre Chansons und die Teilnehmer einer Schreibwerkstatt für ihre Lesung gebraucht hätten, war es unter freiem Himmel zu nass. Für die Outfits der Familie Khajuria, die auf dem Markt indische Tänze präsentieren wollte, zu nass und zu kalt. “Hätte es nicht kurzfristig die Möglichkeit gegeben, die Auftritte nach nebenan ins Café Selig zu verlegen”, so Hauke, “hätten wir sie ganz absagen müssen.” Dem Streben der Veranstalter, die Attraktivität des Schillermarktes durch künstlerische und kulturelle Angebote zu steigern, half es dort aber gewiss nicht.

Im nächsten Jahr fällt der Ostersamstag auf den 30. März. Damit steht also schon jetzt fest, dass der dritte Ostermarkt  launischem April-Wetter knapp entgehen wird.

=ensa=

Begegnung der anderen Art: Expedition trifft Demonstration

Gestern Nachmittag im Neuköllner Schillerkiez: Wochenmarkt auf dem Herrfurthplatz, mehr Inventar des städtischen Fuhrparks als Privatautos rund um die Genezareth-Kirche, viele Leute im schwarzen Demonstranten-Outfit und Polizeibe- amte in obligatorischen Schutzmon- turen zwischen Anwohnern und Spa- ziergängern. Und mittendrin: Rein- hold Steinle samt Aktentasche und Gerbera und mit einer Gruppe im Gefolge, die sich von Neuköllns pro- minentestem Stadtführer den Schiller- sowie den benachbarten Rollbergkiez zeigen lassen will.

Knapp 10 Frauen und Männer waren diesmal dabei, obwohl das Wetter eher dazu einlud, es sich an der warmen Heizung gemütlich zu machen. Die Temperatur schaffte es nicht ins Plus, lag gefühlt sogar im zweistelligen Minusbereich. “Ein Mann schwächelte schon etwa eine Viertelstunde nach dem Start und verabschiedete sich wegen der Kälte”, erzählt Reinhold Steinle. “Wir anderen sind dann aus rein kul- turellem Interesse länger im Schillerpalais und in der Genezareth-Kirche geblieben, man könnte aber auch sagen: Wir wollten uns in beiden Orten aufwärmen.”

Die Demonstration beeinflusste die Dauer der Kiezerkundung erheblich weniger: “Wir liefen einfach zwischen den ganzen Grünen und Demonstranten hindurch. Einige Polizisten schmunzelten und andere schauten erst recht ganz streng.” Wofür oder gegen was die Protestler auf den Beinen waren, wussten weder Steinle, noch seine Expeditionsteilnehmer, noch die von ihnen befragten Passanten. Das erfuhren manche erst durch die Meldung im ersten Nachrichtenblock der rbb Abendschau (ab 1:29 Min.). Auf die Frage eines Teilnehmers, ob Demonstrationen im Schillerkiez ein Dauerzustand seien, hatte Steinle dagegen sehr wohl eine Antwort: “Ich konnte ihn beruhigen und das zum Glück verneinen.” Die nächste Möglichkeit, sich davon zu überzeugen, gibt es am 25. Februar: Dann sind die International Urban Operations Conference und der 15. Europäische Polizeikongress schon Vergangenheit.

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Neue Optik für eine Institution?

Wohl jeder, der im Neu- köllner Schillerkiez wohnt oder arbeitet, kennt ihn: den Edeka am Herrfurth- platz. Seit rund 40 Jahren gibt es ihn, daher ist er mehr eine Institution als nur ein Lebensmittelladen.

Wer heute das Geschäft vis-à-vis der Genezareth-Kirche ansteuert, steht je- doch vor verschlossenen Türen. Das ist erstmal zugegebenermaßen ärgerlich. Aber angesichts der Information, dass im Laden umgebaut werde, wird wahrscheinlich jeder im nächsten Moment “Na endlich!” seufzen und sich auf künftige komfortablere Einkäufe freuen.

Dem wird allerdings nicht so sein. “Nö”, sagt eine der Angestellten, “der Laden wird nicht umgebaut. Wir kriegen nur neue Kassen!” Ein bisschen Hoffnung, dass es dann weniger Zickereien bei Kartenzahlungen gibt, klingt bei ihr mit. Auf eine auf- geräumtere Obst- und Gemüsezone und Gänge, die nicht vollgestellt und deshalb sogar samt Einkaufswagen begehbar sind, müssen die Kunden weiter hoffen.

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Anstoß zum Nachdenken

Nur noch vier Tage, mehr Zeit bleibt nicht für den Besuch der Ausstellung “Ver- gessene Geschichte: 70 Jahre Nacht-und-Nebel-Erlass”, die anlässlich des Neu- köllner Festivals NACHTUNDNEBEL eröffnet wurde.

Sie freue sich sehr über die Ausstellung und hoffe, “dass sie einen Anstoß für ein Nachdenken über die Namensgebung der alljährlichen Kulturnacht gibt”, sagte Pfar- rerin Elisabeth Kruse bei der Vernissage in der Genezareth-Kirche. Birgit Rettner, die die Ausstellung initiierte, kuratierte und die historischen Hintergründe recherchierte, formulierte es etwas weniger deutlich: Sie solle an die ursprüngliche  Bedeutung des

Begriffs erinnern, den am 7. Dezember 1941 verordneten Nacht-und-Nebel-Erlass. Über 7.000 Menschen aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Norwegen, die sich in ihren Heimatländern für die Idee der Freiheit und Humanität engagiert und somit als Widerstandskämpfer verdächtig gemacht hatten, seien damals heimlich nach  Deutschland  verschleppt  und  verurteilt  oder  inhaftiert  worden. An der Empore der Kirche hängende Portraitfotos geben den Verschwundenen Gesichter und Namen, beeindrucken und berühren.

Stelltafeln in einem Nebenraum zeigen die andere Seite des Nacht-und-Nebel-Erlasses: Kopien von historischen Originaldokumenten sowie Fotos von Wilhelm Keitel und Prof. Dr. Franz Schlegelberger, die durch die Nürnberger Prozesse als Ver- antwortliche festgestellt wurden. Darüber hinaus wird exemplarisch das Schicksal der französischen Widerstandsgruppe Renard veranschaulicht.

Die Ausstellung zum 70. Jahrestag des Nacht-und-Nebel-Erlasses ist noch bis zum 19. No- vember in der Genezareth-Kirche zu sehen. Die Kirche ist in der Regel von dienstags bis freitags zwischen 14 und 18 Uhr sowie samstags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

=ensa=

In der Neuköllner Vielfalt gestrauchelt

“Religionen in Neukölln” heißt eine neue, vom Ressort des Migrationsbeauftragten im Neuköllner Bezirksamt heraus- gegebene Broschüre – und de- ren Präsentation muss zunächst mal als ziemlich misslungen bezeichnet werden. Ausgerech- net auf den 29. September hatte Neuköllns Migrationsbeauftrag- ter Arnold Mengelkoch die Vor- stellung des Nachschlagewerks in der Genezareth-Kirche gelegt: auf Rosch ha-Schana, den Tag des jüdischen Neujahrsfest. Ein Fauxpas, der zur Folge hatte, dass sich verständlicherweise kein einziger Vertreter der jüdischen Gemeinde bei der Veranstaltung blicken ließ, um sich in die Riege der Protagonisten anderer Glaubensrichtungen einzureihen.

88 in Neukölln ansässige religiöse Gemeinschaften führt die in einem leider recht dubiosen Ordnungsschema  gestaltete Broschüre auf: christliche und islamische verschiedenster Ausrichtungen, hinduistische und jüdische sowie kleinere Glau- bensvereinigungen von der Universalreligion Bahai bis zu den Rosenkreuzern. Lediglich Kontaktdaten und Internetadressen sind genannt, über die  Inhalte und Angebote der einzelnen Gemeinden er- fährt man nichts. Ganz bewusst, wie Arnold Mengelkoch betont: “Das Heft soll in erster Linie die Vielfalt der Religionen in Neu- kölln darstellen und die Vernet- zung untereinander initiieren.” An letzterem Punkt setzte dann auch das Programm des Abends an. Zwischen einer beeindruckenden Musik- und Derwisch-Tanz-Einlage des Sufi-Ensembles und dem Auftritt der Gruppe Salsabil berichteten die Vertreter der 22 anwesenden Gemeinden in Kurzform von ihrer Arbeit, um den Einstieg ins gegenseitige Kennenlernen einzuleiten. In einer zweiten Runde wurden die interreligiösen Begegnungen durch Gespräche in wechselnden Kleingruppen über vorgegebene Themen intensiviert. Um religöse Lieblingsfeste, die Bedeutung der Symbole der verschiedenen Glaubens- richtungen und Wünsche an das Mit- einander der Religionen ging es – vor dem Gang zum Büffet.

Interessierte erhalten die Broschüre “Religionen in Neukölln” beim Migra- tionsbeauftragten im Bezirksamt Neu- kölln.

Einblicke in den Islam und die Arbeit islamischer Gemeinden in Berlin ver- mittelt der morgige Tag der offenen Moschee. Mit der Yeni-, der Gazi Osman Pasa- und der Sehitlik-Moschee sowie dem Islamischen Kultur- und Erziehungszentrum Berlin und der Neuköllner Begegnungsstätte nehmen auch fünf Neuköllner Moscheen daran teil und bieten Führungen an. Ebenfalls morgen lädt das Sufi-Zentrum Berlin ab 15 Uhr zum Tag der offenen Tür ein – und zum Mitmachen beim Derwisch-Drehen.

=ensa=

Neustart des Café Selig

Nun ist es offiziell: Am kommenden Dienstag wird das Café Selig wiedereröffnet. “Um 10 Uhr”, sagt Memis Vurulkan, der zusammen mit einer Geschäftspartnerin die Lokalität neben der Genezareth-Kirche am Herrfurthplatz übernom- men hat.

Die Wände sind nun in einem freundlich-warmen Terracotta- Ton gestrichen. Auch beim Interieur und Ambiente des licht- durchfluteten, groß- zügigen Raumes wird alles auf einen Neuanfang hindeuten – wenn die letzten Arbeiten und das Feintuning erledigt sind: “Da ist noch einiges zu tun, bis alles so ist, wie wir es uns vorstellen.” Die Rahmenbedingungen sollen stimmen, wenn das auf der Achse zwischen Tem- pelhofer Feld und Hermannstraße liegende Café nach einem Pächterwechsel (wir berichteten) und dreimonatiger Pause wieder Gäste empfängt.

Innerhalb dieses Rahmens will der erfahrene Gastronom Memis Vurulkan viel Platz für die  Wünsche der Kunden lassen und auf Flexibilität setzen. Ein starres Konzept gibt es nicht. Eine kleine Mittagstischkarte schwebe ihm vor, sagt er, vorwiegend regionale Produkte sollen verarbeitet werden und Öffnungszeiten von 10 bis 22 Uhr seien angedacht. Sollte die Praxis jedoch zeigen, dass ersteres nicht goutiert wird und letzteres nicht zu den Bedürfnissen der Gäste passt, werde er darauf reagieren. “Aber”, räumt er ein, “ein Tagescafé soll das Selig schon bleiben.”

Rauchfrei definitiv auch. Wer zum Bier, das die Neupächter von der Privatbrauerei am Rollberg beziehen werden, eine Zigarette mag, muss das draußen auf der Terrasse trinken. “Wir hoffen natürlich sehr, dass  der August und der Herbst besseres Wetter bringen”, sagt Memis Vurulkan. Das würde bestimmt auch dem Olivenbaum gefallen, der den neuen mediterranen Stil des Café Selig auch in den Kiez sichtbar macht.

=ensa=

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Vom Pflegefall zum Aushängeschild

Wer heute die Genezareth-Kirche sieht, die seit 1905 Zentrum des Neuköllner Schillerkiezes ist, braucht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie es noch vor einigen Jahren um sie bestellt war: Der Innenraum war stark renovierungsbedürftig, das Dach undicht und Gottesdienste fan- den lediglich im Sommer statt, weil der Gemeinde das Geld zum Betreiben der Heizungsanla- ge fehlte. An den seinerzeit desola- ten Zustand des Bauwerks, das schon den einst 62 Meter hohen Glockenturm wegen des benachbarten Flughafens Tempelhof opfern musste, erinnern nur noch Erzählungen von Zeitzeugen.

Heute steht die Genezareth-Kirche proper da. Ihr Backsteingebäude wurde durch Anbauten für ein Café und das Gemeindebüro erweitert, das Innere wirkt dank Architekt Gerhard Schlotter freundlich und vereint Modernes mit Sakralem. Dass dieses möglich wurde, bedeutet jedoch nicht, dass die Gemeinde den Quantensprung von arm zu reich geschafft hat. Hinter der Umkehr vom Verfall zum Erhalt steckt in erster Linie eine kluge Überlegung: Die, sich in den Kiez und für die verschiedenen dort vorherrschenden Glaubensrichtungen zu öffnen und  ein interkulturelles Zentrum in die Kirche zu implantieren. So war der Weg frei für die Akquise öffentlicher Gelder zum Um- und Ausbau des Gotteshauses, die vor allem aus den Töpfen des Quartiersmanagements/Soziale Stadt, dem Umweltent- lastungsprogramm und der Deutschen Fernsehlotterie flossen.

Dieser Tage wurde das fünfjährige Bestehen des Interkulturellen Zentrums Gene- zareth gefeiert, das sich – obwohl im ständigen Werden begriffen, wie Pfarrerin heinz buschkowsky, elisabeth kruse, 5 jahre interkulturelles zentrum genezareth, neuköllnElisabeth Kruse betonte – längst als Ort der Be- gegnung im Kiez etabliert hat. Durch das IZG sei erreicht worden, dass Kirche neu wahrgenommen werde und eine Genussinsel zum Regenerieren schaffe. Dem stimmte auch Neuköllns Bezirksbür- germeister Heinz Buschkowsky gerne zu.

Er sei anfangs skeptisch gewesen, ob es den Verantwortlichen der Genezareth-Gemeinde gelingen würde, ihre Ideen und Visionen zur Realität werden zu lassen. Eine “unglaublich mutige Tat” sei es gewesen, den Ort wiederbeleben und ihm eine erweiterte Ausrichtung geben zu wollen, die alle Menschen anspricht. Inzwischen sind Buschkowskys Zweifel gewichen. Das IZG habe den Kiez verändert. Konzerte, Theateraufführungen, tanzende junge Leute, die schon einen “recht routinierten Kontakt zur Justiz” haben, Diskussionen, die Trauerfeier für die Jugendrichterin tanz rund um den globus, 5 jahre interkulturelles zentrum genezareth, neuköllnKirsten Heisig: “Man trifft sich hier, wenn es um etwas Besonderes geht. Das sind die Früchte der Arbeit von Pfarrerin”, so Buschkowsky. Es gebe keine zweite Kirche in Neukölln, durch deren Tür er so oft gehe.

Zu einer kleinen Tanzeinlage mit der Gruppe “Tanz um den Globus”, die auf Initiative der Gemeinde als Beitrag zum Interkulturellen Zentrum entstand, ließ sich Neuköllns Bezirksbürgermeister aber vor vollbesetzten Kirchenbänken nicht hinreißen. Dabei bargen die auf den Tanz sowie die Arbeit des IZG gemünzten Worte von Elisabeth Kruse auch für Buschkowsky einiges an Identifikationspotenzial: “Wir drehen uns im Kreis und kommen trotzdem voran.”

=ensa=

Ausge(t)räumt

cafe selig, neukölln“Ab sofort reduzierte Preise” steht seit Tagen auf einigen Fenstern des Café Selig am Herrfurthplatz. Heute Mittag um 12 hat Martina Fandrich, derzeit noch Pächterin des Selig, das Café zum letzten Mal geöffnet, um Gäste zu bewirten. Zu Supersonder- preisen, denn “je mehr abends weg ist, desto besser”, sagt sie und meint damit nicht nur alles, was gegessen oder getrunken werden kann. Auch für das komplette Interieur vom Teelöffel über Tische und Stühle bis zum Kühlschrank werden Abnehmer gesucht. Nur die Theke bleibe drin.

Für Martina Fandrich endet damit ein fünfjähriges Abenteuer als Gastronomin: Sie habe den Kampf um die Verlängerung des bis zum 31.5. laufenden Pachtvertrags mit der Genezareth-Gemeinde verloren. Von verhärteten Fronten spricht sie, von Differenzen, die irgendwo zwischen Emotionalem und Rationalem angesiedelt scheinen, und von einem fruchtlosen Mediationsgespräch im November letzten Jahres. Alles in allem mehr Indizien für ein zerrüttetes Verhältnis als für eine harmonische geschäftliche Beziehung.  Denkbar schlecht waren folglich Martina Fandrichs Chancen, als Pächterin die Etablierung des Cafés direkt neben der Genezareth-Kirche fortsetzen zu dürfen.

Da nützte ihr auch eine dicke Kladde voller Unterschriften von Anwohnern und Gästen nichts, die ihr den Rücken stärken wollten. “Die Kirche”, so Martina Fandrich, “wollte aber einen Betreiberwechsel.” Als erste, durch  Missverständliches befeuerte cafe selig, neukölln, genezareth-gemeindeGerüchte im Kiez began- nen die Runde zu machen, das Café Selig werde geschlossen, reagierte sie ihrerseits durch das Aus- hang einer Mitteilung im Schaukasten des Ge- meindebüros. Doch die scheint eine Spur zu de- zent zu sein, um allge- meine Aufmerksamkeit zu finden.

Eine Frau rüttelt empört an der verschlossenen Tür des Büros, fragt, wo man denn jemanden von der Kirche sprechen könne. Sie wohne im Kiez und habe gehört, dass das Café Selig geschlossen werden soll. “Das ist doch ein Unding”, echauffiert sie sich. Das dürfe doch nicht sein, schließlich habe sich Frau Fandrich so sehr um das cafe selig, neuköllnCafé bemüht. Neben derartigen persönlichen Protesten hat sich auch eine Initiative gebildet, die ihren Unmut durch Zettel zum Ausdruck bringt, die rund um das Epizentrum der Aufruhr angebracht wurden.  Außer Wut und Enttäuschung symbolisieren die freilich auch ein gewisses Maß an Naivität und Verpeiltheit. Das Ansinnen der Initiative, sich basisdemokratisch in marktwirtschaftliche Belange einmischen zu können, wird jedenfalls am Betreiberwechsel für das Café Selig nichts ändern.

“Der Traum ist ausgeträumt”, sagt Martina Fandrich mit Tränen in den Augen. Aus- gerechnet jetzt, bedauert sie, wo sich das Café durch die Öffnung des Tempelhofer Feldes im Aufwind befinde und die Flaute vorbei sei. Ihre persönliche Zukunft sieht sie weniger optimistisch: “Insolvenz und Arbeitslosigkeit. Was soll schon sonst kommen?”

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Die süße Seite der Gentrifizierung

Klirrende Kälte, Schnee, blauer Himmel und Sonne – das Wetter hatte es gestern wahrlich gut gemeint: Mit den Aktiven vom Pro Schil- lerkiez, die einzig mit einer N+Förderung von 300 Euro den ersten Adventsmarkt auf dem Herrfurthplatz ge- stemmt hatten, ebenso wie mit denen, die heiße Getränke, Snacks oder sonstiges Wärmendes an- boten und die übli- che  Warenpalette der Schillermarkt-Händler ergänzten. “Sehr schön hier, nette Atmosphäre und zum Glück nicht so überlaufen wie auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt”, waren sich auch die Besucher einig. Manche hatten den Markt zufällig auf dem Weg zum oder vom Tempelhofer Feld entdeckt, andere wollten ganz gezielt bei der Premiere dabei sein. “Schade, dass es das nicht an allen Adventssamstagen gab”, fanden viele. Mit “das” meinten sie neben dem, was unter freiem Himmel stattfand, auch das Advents- markt-Programm in der Genezareth-Kirche: Der  augen- scheinlich auch für Jüngere of- fene 60+-Chor sang Rock- und Popsongs, Günter Stolacz Operette und Oper, die Gruppe “Tanz rund um den Globus” machte die Fläche vor dem Altar zum Tanzparkett und Pfarrerin Elisabeth Kruse lud zum Abschluss des Programms zum Weihnachtslieder-Mitsingen ein.

Auch draußen war Mitmachen angesagt: Ein Weihnachtsmann stapfte über den Markt und belohnte Kinder, die ihm Weihnachtsgedichte aufsagten oder Lieder vorsangen, mit kleinen Geschenken. Um etwas Größeres, das nicht mit Gedichten oder Liedern bezahlt werden konnte, ging es dagegen bei einer Versteigerung am Stand der Organisatoren. Stadtteilführer Reinhold Steinle schlüpfte in die Rolle des Auktionators. “Das Haus”, erklärte er, “ist letzte Woche beim Late Light Shopping von Schülern der Akademie Schmöckwitz und Kindern gebaut worden.” Der Erlös solle der Karlsgarten-Schule für die Um- gestaltung ihres Schulhofs zugute kommen. Die Skepsis, ob sich jemand finden würde, der bereit wäre, einen Betrag weit über dem Mindestgebot zu zahlen, war dem Moderator anfangs deutlich anzu- merken. Doch seine launige An- preisung des recyclebaren Ein- zimmerhauses zog nach und nach  mehr Schaulustige mit Ambitionen, zum Eigenheim-Besitzer zu werden, an. Die 60 Euro-Marke war schnell überschritten; am Ende fand das Haus für 70 Euro einen neuen Eigentümer. Von spon- tanen Unmutsbekundungen à la “Wir wollen solche Luxusbauten nicht hier im Kiez haben” ließ der sich nicht einschüchtern.  “Das wird die neue Dependance unserer Firma im Schillerkiez”, verriet Christian Hoffmann stolz. Auch aus weiteren Plänen machte er kein Geheimnis: “Eine Gentrifizierung mit Leb- kuchenhäusern, das ist unser Ziel.” Der Anfang ist gemacht.

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