Neuköllner Osterprozession im Schnee: misslungenes Zusammenspiel von Tradition und Aktualität

herrnhuter brüdergemeine_kirchgasse_neuköllnOstersonntag in Neukölln. Es ist kurz nach 7. Auf den Straßen sind über- wiegend Taxen, BVG-Busse und die Firmenwagen ambulanter Pflege-dienste unterwegs. Die Bürgersteige gehören fast ausschließlich Gassi-gängern und Leuten, denen das Schlafen nach durchfeierter Nacht noch bevorsteht.

Eine entschieden andere Art Leben regt sich in der Kirchgasse im Böh- 1_osterprozession herrnhuter brüdergemeine_neuköllnmischen Dorf: Gesang dringt aus dem Betsaal der Herrnhuter Brüdergemeine. So wie an jedem Oster- sonntag wird die Gemeinde danach – angeführt vom Bläserchorzum Böhmischen Gottesacker ziehen. Niemand kann sich daran erinnern, es je- mals bei einem Wetter wie diesem getan zu haben: Aus leichtem Schneegriesel sind inzwischen nasse, posaune_osterprozession neuköllnwirbelnde Flocken ge- worden. Manches Gemeindemitglied, das nicht mehr gut zu Fuß ist, verzichtet schweren Herzens auf die Teil- nahme an der Osterprozession. Seit 1754 findet die regelmäßig statt und zählt damit zu den ältesten Tra- ditionen, die in Berlin gepflegt werden. An der Liturgie der Feier hat sich seitdem kaum etwas geändert: Man versammelt sich schweigend, begrüßt sich lediglich mit Blicken und Gesten und verschiebt Osterwünsche und Gespräche auf später. Auch die Route ist seit jeher dieselbe. In der Kirchgasse geht es – vorbei am Denkmal des Preußenkönigs – bis zur Richardstraße, in der bis zum Richardplatz und von dem biegt die Prozession links in die Kirchhofstraße ab, wo sie

2_osterprozession_kirchgasse_neukölln3_osterprozession_richardplatz_neukölln4_osterprozession_bläserchor_richardplatz_neukölln

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ihr Ziel erreicht: den Böhmischen Gottes- acker, wo seit 1751 die Verstorbenen der Ge- meinde beerdigt wer- den.

Der Friedhof liegt unter einer dichten Schneedecke. Wenn die Bläser nicht gerade spielen, wärmen sie gemeinde_osterprozession_böhmischer gottesacker_neuköllnihre Hände und wischen die wei- ßen Flocken von ihren Instrumenten. Die Notenblätter stecken in Laminierfolien. Dass richtig gespielte Stücke bläserchor_osterprozession neukölln_böhmischer gottesackertrotzdem zu- weilen etwas schräg klin- gen, liegt an der Kälte. Die kommt den Bläsern ebenso unge- legen wie der Gemeinde samt Pfarrer Günther gemeinde_böhmischer gottesacker_osterprozession neuköllnKreusel. Eine knappe Vier- telstunde dauert die Zeremonie, bei der auch der seit dem letzten Osterfest Verstorbenen ge- dacht wird. Dann bittet Kreusel die Gläubigen zu Osterlesungen und -frühstück ins Gemeinde- gedenktafeln_böhmischer gottesacker_neuköllnhaus, wo es warm und tro- cken ist.

Durch die immer noch recht menschenleeren Straßen geht es zurück, plaudernd und ohne Rücksicht auf eine Liturgie nehmen zu müssen. “Was sind das denn für Vögel?”, fragt einer, der mit einer Bierflasche in der Hand am Straßenrand steht und das Treiben beobachtet. “Wird hier schon wieder ‘n Film gedreht?” Eine Erklärung will er nicht hören, sondern einfach nur so schnell wie möglich ins Bett. Da sei man doch morgens um 7 am besten aufgehoben, meint er nach einem Blick auf seine Armbanduhr, die offenbar noch auf Winter eingestellt ist. Wie das Wetter.

=ensa=

Wie hätten Sie ‘s denn gerne?

Für viele Frauen ist sie bei Dunkelheit eine No-go-Area: die Passage zwischen Donau- und Richardstraße. Unheimlich ist es dann im Gerlachsheimer- und Jan- Hus-Weg. Kein Wohnhaus grenzt an den schmalen, von dichten hohen Büschen gesäumten Verbindungspfad, dessen uneinsehbare Kurve auf halber Strecke den Gruselfaktor noch erhöht. Tagsüber m. hühn/qm ganghoferstraßehingegen kann es vor allem dort unangenehm sein. Denn das breitere Teil- stück, wo die Kirchgasse auf die beiden Wege trifft, wird gerne als Treffpunkt für Sauf- gelage oder von Dealern als Marktplatz und Depot für Drogen genutzt.

Nun soll die Durchwegung umgestaltet werden. “Für die Landschaftsarchitekten, die den Zuschlag bekommen, wird es eine echte Heraus-forderung werden”, ahnt Tan- ja Henrich vom Quartiers-managament (QM) Gangho- ferstraße, das den im Spät- sommer startenden Umbau mit 180.000 Euro aus dem Soziale Stadt-Fördertopf finanziert. Welche Bedürfnisse und Wünsche die Anwohner hinsichtlich des Wegstücks hegen, wird momentan in einem Bürgerbeteiligungsverfahren ermittelt.

Zwei Vorort-Termine, bei denen das QM Infostände aufstellte, Fragebögen verteilte und das Gespräch mit Passanten suchte, gab es bereits. Morgen Mittag büsche_gerlachsheimer weg_neuköllnist der nächste – trotz Frost und Schnee. “Wir müssen das jetzt machen”, bedauert Tanja Henrich. Wegen der Fristen, die bei einem solchen Projekt einzuhalten sind und damit noch in diesem Jahr mit dem Umbau begonnen werden kann.

Dass der Wunsch nach einer besseren Beleuchtung des Jan-Hus- und Gerlachs- heimer Wegs Spitzenreiter bei den Anregungen ist, überrascht nicht. “Der wird auch leicht umzusetzen sein”, meint die Quartiersmanagerin. “Schwieriger wird es dann schon, das ebenfalls oft geäußerte Bedürfnis nach einer besseren Einsehbarkeit der Durchwegung mit dem zu verbinden, dass sie aber so schön grün bleiben soll, wie sie jetzt ist.” Nicht minder kompliziert werde es, eine Strategie zu finden, wie in der umgestalteten Passage das Vermüllungsproblem in den Griff zu kriegen ist und Skeptiker eines Besseren zu belehren. “Den Einwand, dass erst für viel Geld alles schick gemacht wird und dann wieder alles verkommt, hören wir bei unseren gerlachsheimer weg_neuköllnBefragungen natürlich auch”, gesteht Tanja Henrich. Aber er sei die Ausnahme.

“Wesentlich öfter erleben wir, dass die Leute sich bedanken, dass sie überhaupt nach ihrer Meinung gefragt werden und die in die Planung einfließt.” Was die Quartiersmana- ger auch oft erleben, ist Erleichterung: “Viele befürchten spontan, wenn sie das Wort Um- gestaltung hören, dass der Durchgang ge- schlossen werden soll.” Das wird aber keinesfalls passieren, denn er ist sowohl als Tor zum Böhmischen Dorf, als auch als stark frequentierte Abkürzung zwischen dem U-Bahnhof Karl-Marx-Straße und der Son- nenallee unbestritten erhaltenswert. Insbe- sondere mittags und nachmittags, wenn in der direkt angrenzenden Katholischen Schu- le St. Marien der Unterricht endet, kann es dort sogar richtig eng werden.

Aber es sind nicht nur die beiden Wege, die eine Verschönerung und optimierte Nutzbarkeit erfahren. Die Verlängerung der Kirchgasse wird ebenfalls aufgewertet und so zu einem Platz mit Aufenthaltsqualität für Jung und Alt. Auch einen Namen soll dieser bekommen. “Ob er wirklich als offizieller Name in Stadtpläne eingeht oder inoffiziell bleibt, können wir aber noch nicht versprechen”, räumt Tanja Henrich ein. Vorschläge gebe es schon einige – von Böhmisches Plätzchen über Jan-Hus-Platz bis hin zu Eleonore-Prochaska-Platz. Letzterer fungiere erstmal als Arbeitstitel. “Eigentlich”, sagt die Quartiersmanagerin, “finde ich die Idee auch gut.” Allerdings kommt ihr der Name doch “ein bisschen sperrig” vor. Vielleicht würde man sich – mit etwas Übung – aber auch schnell an ihn gewöhnen.

Morgen ist das Quartiersmanagement Ganghoferstraße letztmalig mit Info- Ständen vor Ort. Von 12 – 14 Uhr können in Gesprächen Fragen geklärt und Anregungen zur Umgestaltung des Durchgangs sowie Ideen für die Benennung des Platzes abgegeben werden. Letzteres ist auch per form- loser E-Mail noch bis zum 24. März möglich.

Erste Entwürfe für die künftige Durchwegung werden bei einer Anwoh- nerversammlung vorgestellt, die am 15. April um 17 Uhr im Saal der Ev. Brüdergemeine in der Kirchgasse 14 stattfindet.

=ensa=

Mich laust der Affe!

Der Gorilla ist weg! Jahrelang stand die mächtige Metallskulptur vor dem Haus in der Hermannstraße 47 – dort  fehlt sie nun, und das Entsetzen  ist groß. Es ist  ein wenig

gorilla_batman elektronik neuköllnbatman elektronik_neukölln

so, als wäre klammheimlich die Friedrich Wilhelm I.-Statue von ihrem Sockel gesägt worden oder der Buddy-Bär vom Rathausvorplatz verschwunden. Doch wer sich ein wenig in der Umgebung umsieht, kann erleichtert feststellen: Der Gorilla, Werbe- träger für Muharrem Batmans Elektroschrottkunst, ist nicht weg, sondern nur um- gezogen – vor die  ehemalige Postfiliale  auf der Straßenseite gegenüber.

Ironie des Schicksals

Über 350 Menschen, die 1737 ihre böhmische Heimat verlassen mussten, um weiterhin Protestanten sein  zu können, hat  er in Neukölln, das damals  noch Rixdorf

Friedrich Wilhelm I.-Statue_Böhmisches Dorf_Neukölln

hieß, zu einem neuen Zuhause verholfen. Nun hat Friedrich Wilhelm I. selber kein Dach überm Kopf und ist den Schneeflocken, die über den Platz vor dem  Museum im Böhmischen Dorf  treiben, schutzlos ausgeliefert.

Hommage an das Böhmische Dorf in Neukölln

1_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnNach zwei ausgesprochen textlastigen Ausstel-lungen setzt die Galerie im Saalbau mit “Böh- mische Rhapsodie” wieder mehr auf Bilder, Ob- 2_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnjekte und Instal-lationen.

Die von der Neu- köllner Künstle- rin Beate Klomp- maker kuratierte Ausstellung ist eine Hommage an das Böhmische Dorf und beendet das Kultur- programm der Jubiläumsreihe “Glaubensfreiheit – 275 Jahre Böhmisches Dorf”. Ob des zur Aus- stellung erschienenen Begleitbuches “Das Böh- mische Dorf in Berlin – ein Rundgang” kann sie aber ebenso gut als Auftakt und 6_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnImpuls für das eigene Erkunden des historischen 7_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnViertels verstanden wer- den. Denn Böhmisch-Rixdorf hat den Spagat von der Vergangenheit in die Gegenwart geschafft und ist dabei wahrlich nicht zum musealen Relikt verkommen: Die Strukturen, die Architektur und  etliche, von den böhmischen Einwanderern mitgebrachte religiöse Besonderheiten sind dem Dorf erhalten geblieben, das noch heute teilweise von Nachfahren der Exulanten 4_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnbewohnt wird. Eben diesen Spagat unterstreicht die 5_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnAusstellung durch ver- schiedene künstlerische Stilmittel: Aktuelle Fotos aus dem Dorf oder von seiner Peripherie ähneln Kupferstichen. Eleonore Prochaska, die vermutlich in Potsdam, vielleicht aber auch in Rixdorf geboren wurde, ist umgeben von Merchandisingprodukten sowie einer  Dia- und Soundinstallation. Ein historischer Plan des Gebiets korrespondiert mit der von Margit Lessing illustrierten Karte, die auch dem deutsch-tschechischen Begleitbuch beiliegt, um Rixdorfer-Erkunder von einer Station zur nächsten zu führen 3_böhmische rhapsodie_galerie im saalbau_neuköllnund sie in die Geschichte des Mikrokosmosses einzuführen, das Wiege des Bezirks war.

Ergänzt wird die Ausstellung durch den Kubus “Fritz | Dorf | Stadt”, der die Historie von Böh- misch-Rixdorf in den Kontext dreier weiterer Dörfer setzt, sie portraitiert und so den Blick vom Fokus auf das große Ganze lenkt: das Koloni- sationsprojekt von Friedrich II., zu dem auch Neuköllns Böhmisches Dorf gehörte.

“Böhmische Rhapsodie” ist noch bis zum 18. Dezember in der Galerie im Saalbau zu sehen; Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr.

“Das Böhmische Dorf in Berlin -  ein Rundgang / Ceská vesnice v Berlíne – procházka”, das Begleitbuch zur Ausstellung, ist für  13,80 Euro direkt in der Galerie oder beim trafo Verlag erhältlich.

=ensa=

Wenn Puppen nicht mehr blinzeln und Teddys nicht mehr brummen: Ab in die Puppenklinik Neukölln!

Dit kommt allet uffn Müll! Es war dieser Satz, der Brigitta Polinna alarmierte. Jahre- lang war sie Kundin des Puppendoktors in Kreuzberg gewesen, und 3_puppenklinik neuköllnder war nun ver- storben, was wiederum seine Witwe vor die Aufgabe stellte, die Werkstatt auflösen zu müssen. “Als sie mir sagte, dass sie alles wegschmeißen will, hab ich beschlossen, ihr das komplette Inventar abzukaufen und eine eigene Puppenklinik in Neukölln zu eröff- nen”, erzählt Brigitta Polinna. Ein günstiger Laden nahe dem Richardplatz und der Karl- Marx-Straße war schnell gefunden, gegen eine zeitlich sehr begrenzte Nebentätigkeit hatte der Arbeitgeber der Sozialpädagogin nichts einzuwenden: “Öfter als an einem Nachmittag pro Woche zu öffnen, hatte ich nie vor.” Schließlich sollte die Puppenklinik 5_puppenklinik neuköllnnur ein Hobby sein.

Das war 1981. “Der Umzug war fürchterlich”, erinnert sich Polinna. Tonnenweise Puppen- köpfe, -gliedmaßen verschiedenster Längen, -augen und -körper mussten von der Böckh- in die Richardstraße transportiert werden, schier unzählige Pappkartons mit Ersatzteilen wie Mama- und Brummstimmen, Repa- raturmaterialien und Stoffen, Nähgarnen und Borten. Dazu etliche meterhohe, eiserne Industrieregale und Puppen, die – bereits operiert – auf ihre Abholung oder noch auf brigitta polinna_puppenklinik neuköllndie Behandlung warteten. “Kommen Sie mal mit!”, sagt Brigitta Polinna und öffnet die Tür zum Hinterzimmer des kleinen, skurrilen Ladens: Orga- nisiertes Chaos, so weit das Auge reicht. Die Hölle für Ordnungslieben- de, das Paradies für die Puppendok- torin: “Ich weiß ganz genau, was in welcher Kiste ist.”

Dass trotz des üppig bestückten Er- satzteillagers nicht jede Patientin sofort operiert werden kann, ist kaum vorstellbar, aber die Realität. Denn Brigitta Polinna hat höhere Ansprüche als die, dass eine Puppe wieder alle Extremitäten oder zwei Schlafaugen hat. Sie legt auch Wert darauf, dass hinterher  alles so stilecht wie möglich  aussieht. “Das Problem dabei ist aber, dass es für Puppen, die vor einigen Jahrzehnten gekauft wurden, längst  keine fabrik-

6_puppenklinik neukölln2_puppenklinik neukölln4_puppenklinik neukölln

neuen Ersatzteile mehr gibt.” Da müsse sie dann, wenn der eigene Vorrat erschöpft ist, passende Organspender auftreiben, was mit Glück Wochen oder Monate dauern kann, manchmal jedoch auch Jahre braucht. Verständnis für ein solches Ausmaß an 1_puppenklinik neuköllnGeduld brächten allerdings nur Puppen- besitzerinnen auf, die den Wert ihrer Schätze erahnen können. “Leider”, bedau- ert Brigitta Polinna, “werden das immer weniger.” Die Stammkundschaft von frü- her, oft ältere Damen, sterbe eben nach und nach weg.

Auf die Reparatur an sich, muss niemand puppen-reparatur_puppenklinik neuköllnlange warten. Die kaputten Augen einer Puppe sind im Handumdrehen ersetzt, ebenso das durch den Rumpf verlaufende ausgeleierte Gummi oder der verstummte Brumm-Tonkörper eines Teddys. “Man muss Spaß an Fummelarbeit haben”, be- teddy-reparatur_puppenklinik neuköllnschreibt Polinna. Je kleiner der Patient ist, desto fummeliger sei es. Dass die inzwischen berentete Neuköllnerin eigentlich Kostumbildnerin werden woll- te, kommt dem Bewältigen feinmotorischer Heraus- forderungen zugute. Noch heute schwärmt sie von der Tüftelei an einer Biedermeierpuppe: “Das war ein  echter Schatz, mit Lederbalgkörper und Porzellankopf.” Was nun meist auf richardstraße_puppenklinik neuköllnihrem OP-Tisch landet, sind per Fließband produzierte Nos- talgiepuppen, bei denen das Ausbessern manchmal kostspieliger ist als die Puppe es war.

Nein, sagt Brigitta Polinna, leben könnte sie von ihrer Arbeit als Puppenärztin nicht. Das sei immer noch nur ein Hobby. Eines, das nur in Anspruch genommen werde, wenn das Geld dafür übrig ist. Zwar stelle sie durchaus fest, dass das puppenklinik neukölln_richardstraßeInteresse an dem, was sie tut, mit dem Zuzug vieler junger Leute in den benachbarten Richardkiez und nach Neukölln gewachsen sei, “aber die meisten von denen kommen nur zum Gucken rein.” Viel- leicht sollte ich Eintritt nehmen, scherzt sie.

Die Puppenklinik Neukölln ist in der Richard-straße 99 und jeden Dienstag von 15 – 18 Uhr geöffnet.

=ensa=

Sechs von 18: verfolgt, deportiert, ermordet

stolpersteine oderstr. 52 neuköllnEs herrscht ein Wetter, wie es novembriger nicht sein könnte. Dennoch haben sich an diesem Morgen erstaunlich viele Menschen, sogar eine ganze Schulklasse vor dem Haus Oderstraße 52 im Neuköllner Schillerkiez eingefunden. Für die Kinder ist es sicher kaum, für die Erwachsenen nur schwer vor- stellbar, was sich hier im Sommer 1942 abspielte. Vor den Augen des 12-jährigen Max wird seine Großmutter „abgeholt“. Gemeint war damals damit: aus der Familie gerissen, deportiert und ermordet zu werden. Noch unbegreiflicher, dass auch Max zusammen mit seiner Mutter ein halbes Jahr später mit dem 26. sogenannten Ost- transport des Reichssicherheitshauptamts ins KZ Auschwitz deportiert wird.

Heute werden hier zum Gedenken an diese drei Menschen Stolpersteine in den Bürgersteig eingelassen: “Hier wohnte Martha Meth / geb. Lewin / Jg. 1903 / deportiert 12.1.1943 / ermordet in Auschwitz”, informiert der eine. “Hier wohnte Max Meth / Jg. 1930 / deportiert 12.1.1943 / ermordet in Auschwitz”, besagt ein anderer. gunter demnig_stolpersteine oderstr. 52 neukölln“Hier wohnte Selma Lewin / geb. Meyer / Jg. 1868 / deportiert 31.8.1942 There- sienstadt / ermordet 28.4.1944″, verrät der dritte.

Gunter Demnig arbeitet mit seinem Assis-tenten wie ein Uhrwerk, jeder Handgriff sitzt, inzwischen hundertemal ausgeführt. Nachdem die letzte Schaufel Sand in die Fugen gefegt und die demnig_wetzlar-schule_stolpersteine meth + lewin_neuköllnMessingoberflächen geputzt worden sind, kommt ein Junge, der inzwischen in Charlottenburg zur Schule geht, mit einem Strauß weißer Rosen, die er nun um die Gedenksteine drapiert. Er gehörte der Arbeitsgemeinschaft von Schülern der damali- gen 6. Klasse der Wetzlar-Schule an, die sich mit den Hintergründen der NS-Diktatur be- fasste und sich besonders für das Leben von rassisch verfolgten Kindern inte- wetzlar-schüler_stolpersteine meth + lewin_neuköllnressierte. Auf ihrem Schulfest sammelten sie Geld für diesen Stolperstein.

Der zweite Stolperstein wurde von Verwandten gestiftet, von denen drei bei dieser Gedenkstunde anwesend sind. Herr Schicke erläutert die verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Opfern und veranschaulicht, wie schwer es für sie auch heute noch sei, sich diesem Teil ihrer Familien- geschichte zu nähern. Von ihm ist auch zu erfahren, dass von den insgesamt sieben Kindern der Selma Lewin weitere drei mit ihren Familien in Auschwitz oder There- sienstadt umgekommen sind. Andere konnten emigrieren, z. B. nach Argentinien, oder franziska giffey_stolpersteine oderstr. 52 neuköllnunter falschem Namen in Thü- ringen unter- tauchen. So sachlich Herr Schicke (2. v. r.) das auch schildert, so bedrückend sind die Vorstellungen, die sich damit verbinden.

Auch Dr. Franziska Giffey (r.), Bezirks-stadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport, dankte für das Interesse und das Engagement der Beteiligten. Der Schulleiterin der Wetzlar-Grundschule, Brigitte Schmidt, überreichte sie ebenso wie einer Angehörigen, stellvertretend für die Familie, das Buch „Zehn Brüder waren wir gewesen… Spuren Jüdischen Lebens in Neukölln“. demnig_stolpersteine meth + lewin_neuköllnGiffeys für die Pressearbeit zuständige Mitarbeiterin, Bärbel Ruben, hebt ebenfalls das Bürgerengagement hervor, das solche Aktionen erst ermög- licht. Der Pate des dritten Stolpersteins, der an Martha Meth erinnert, wohne in der Nachbarschaft, erzählt sie. Falls er anwe- send sein sollte, will er sich nicht zu erkennen geben. Gunter Demnig will wei- ter: Die Verlegung 18 neuer Stolpersteine hat er für den Vormittag in Neukölln auf dem Programm.

Schon für 5 nach 10 war die Stolperstein-Verlegung vor dem Haus Richardstraße 86 geplant, und fast auf die Minute pünktlich fährt ein rotes Auto vor, dem der Künstler Gunter Demnig sowie ein junger Mann entsteigen. Die Station in der Richardstraße ist bereits die vierte des Tages. Mit großer Routine und im Beisein von Beate Motel (r.) und Brigitta Polin- na, Vertreterinnen des Förderkreises Böhmi- sches Dorf in Neukölln e. V., der Pate der beiden Mahnmale ist, entnimmt Gunter Dem- nig  Steine aus Gehwegbelag und passt in den freien Platz die Stolpersteine für Karoline Basch, geb. Schütz, und Josef Basch ein.

Beide stammten aus Böhmen: Josef Basch wurde am 17. Mai 1879 in Reitschoves geboren, Karoline am 14.3.1875 in Myss. Am 17. November 1941 wurden die Neuköllner nach Kowno depor- tiert, wo die Nazis einige Monate zuvor ein Konzentrationslager errichtet hat- ten. Kauen, der Ort an dem beide acht Tage nach ihrer Deportation starben, ist eine alte deutsche Bezeichnung für die litauische Stadt Kaunas; Kowno ist deren russischer Name.

Mehr als diese nackten Zahlen sind von den Baschs bisher nicht bekannt. Es liegt jetzt an der Initiative jedes Einzelnen, weiteres über Karoline und Josef Basch zu recherchieren. Volker Banasiak vom Museum Neukölln, der bezirkliche Stolpersteine-Koordinator, nannte mir einige der Möglichkeiten der Spurensuche: Zum Beispiel seien das Brandenburgische Landes- hauptarchiv (dort die Akten des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg), die Archivalien jüdischer Gemeinden, Institutionen und Privatpersonen, Berliner Adress- bücher (verfügbar in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin), sowie die Gedenk- stätte in Yad Vashem wertvolle Quellen.

Josef Basch und Karoline Basch. Was immer sie beruflich taten, mit wem sie im Böhmischen Dorf Kontakt hatten, wer ihre Freunde waren? Wir wissen es noch nicht. Was wir wissen: Sie wa- ren Bürger von Neukölln.

Dem Initiator der Stolpersteine, Gun- ter Demnig (r.), konnte ich noch einige Fragen stellen. 1993, erzählt er mir, habe er die Idee gehabt, durch Stol- persteine an Verfolgte der NS-Zeit zu erinnern. Ab 1996 verlegte er die ers- ten illegal im Berliner Bezirk Kreuz- berg, legitimiert wurde das Projekt erst im Jahr 2000. Seitdem werden die Stolper- steine von ihm das ganze Jahr über verlegt. Einzig Minustemperaturen unter 9 Grad, sagt er, könnten seine Arbeit verhindern. Da störte dann der Regen gleich weniger.

Eine knappe halbe Stunde später erreichen Gunter Demnig und sein Zwei-Mann- Team das sechste Etappenziel in Neukölln: Bis zum Oktober 1940 lebte Paul Fürst in der 3. Etage des Hauses in der Bruno-Bauer-Straße 17a. Dass nun ein Stolperstein an ihn erinnert, ist dem Verein  proNeubritz  zu verdan- ken, der die Patenschaft für das Messing-Mahn- mal des Mannes übernahm, der “wegen politi- scher Unzuverlässigkeit” ermordet wurde.

Paul Fürst war zunächst Justizangestellter ge- wesen, machte sich aber später selbstständig und gründete den Neukultur- und den Kosmos-Verlag. Schon 1920 war er in die SPD eingetreten und bis zum Verbot der Partei im Jahr 1933 ihr Mitglied. Weil Fürst “so- zialistische und wissenschaftliche Bücher” vertrieb, wurde er 1938 mit einem Berufs- verbot belegt. Zwei Jahre später beschlag- nahmte die SA den kompletten Bücher- bestand, und die Gestapo nahm Paul Fürst wegen ille- galer Arbeit in “Schutz- haft”. Nach einigen Tagen wurde er  in das KZ Sach- senhausen eingeliefert, wo er am 6. Juni 1941 um 18.30 Uhr starb. Als Todesursache nennt die vom Lagerarzt ausgestellte Todesbescheinigung, die auch in der Publikation “Widerstand in Neukölln” dokumen- tiert ist: doppelseitige Lungenentzündung und Kreis- laufschwäche.

Bei anderen Anga- ben hätten sich die Nazi ebenfalls viel Mühe gegeben, durch absicht- lich verfälschte Daten die Spurensuche nach Geg- nern des Regimes zu erschweren, sagt Bertil We- wer vom proNeubritz-Vorstand. So werde im Ster- bebuch des Standesbeamten Paul Fürsts alte Ge- schäftsadresse in der Gontardstraße 2 als Wohn- ort genannt: “Sehr wahrscheinlich lebten aber außer Paul Fürst auch seine Mutter, seine Schwes- ter und sein Bruder während der NS-Zeit hier in der Bruno-Bauer-Straße.” Fürsts Schwester starb, wie Recherchen des Vereins ergaben, bruno-bauer-str. 17a_neuköllnim Dezember 1944, die Mutter, die als Opfer des Natio-nalsozialismus anerkannt wurde, am 14. März 1947. Eine Entschädigungszahlung blieb Paul Fürsts Bruder Wilhelm verwehrt, der später in Moabit wohnte und bis zu seinem Lebensende unter den Folgen des Nazi-Regimes litt. “Was von 1933 bis 1945 in Deutschland den Menschen an Verbrechen und Unmenschlichkeiten angetan wurde, hat auch Gott erzürnt und er wird den Schuldigen nie ver- geben, niemals”, hielt er schriftlich fest.

“Wir gehen jetzt weiter zur Jahnstraße 12, wo der proNeu- britz einen weiteren Stolperstein für Karl Tybussek ver- legen lässt. Danach werden wir die älteren Stolpersteine in Neubritz reinigen”, kündigte Wewer zum Abschluss der Gedenkzeremonie vor Fürsts Wohnhaus an. “Scheiß- wetter!”, brummelt Gunter Demnig und setzt sich zu seinem Assistenten und seinem Fahrer ins Auto. Nachdem der 18. neue Stolperstein weiter im Süden Neuköllns verlegt ist, setzt er seine Mission in anderen Berliner Bezirken fort.

=kiezkieker / Reinhold Steinle / ensa=

Bereits erschienene Beiträge über Stolpersteine im FACETTEN-Magazin: hier!

Zwischen Karl-Marx-Straße und Sonnenallee

Er sei Neu-Neuköllner und wohne am Richardplatz, sagt der junge Mann, Typ Hipster mit Nerd-Brille und einigen anderen charakteristischen Utensilien, der gerade die ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnGalerie im Saalbau verlässt. “Von der Geschichte Neuköllns hab ich bisher nicht viel gewusst”, gibt er zu. Das sei nun – nach dem Besuch der Aus- stellung “Keine Urbanität ohne Dörflichkeit” – an- ders. Jetzt werde er doch manches in seiner Nach- barschaft mit anderen Augen sehen und beim Anblick des Ist-Zustands auch an Vergangenes denken, meint er: “Obwohl ja vieles so erhalten ist, ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnwie es früher war.”

Auch darüber, dass das Bestehen des Böhmischen Dorfs in seiner ursprünglichen Form vor rund 30 Jahren auf der Kippe stand, informiert die Aus- stellung, die von Studenten des Fachbereichs Planungs- und Architektursoziologie der TU Berlin gemeinsam mit Prof. Dr. Cordelia Polinna sowie der Designerin Sophie Jahnke konzipiert und realisiert wurde. Es waren nicht zuletzt die engagierten Proteste der Nachfahren der böhmischen Exulanten, die seinerzeit die Umsetzung des vom Senator für Bau- und Wohnungswesen vorgelegte “städtebau- liche Erneuerungskonzept für die historischen Tei- le Rixdorfs” verhinderten.

Daran könne sie sich noch gut erinnern, bemerkt eine Anwohnerin der Richardstraße, die schon an diversen Veranstaltungen anlässlich des 275-jährigen Bestehens des ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnBöhmischen Dorfes teilgenommen hat. Nun flaniert die 72-Jährige mit einer Freundin, die für ein paar Tage aus Ulm zu Besuch ist, durch die populärwis- senschaftlich aufbereitete Historie ihres Kiezes. Die zahlreichen Interviews mit Menschen, die im oder am Rande des Böhmischen Dorfs leben, findet sie ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnbesonders spannend: “Viele der Leute kenne ich ja gut oder flüchtig, aber bei den Gesprächen geht es normalerweise um Alltäg- liches und nicht, wie hier, konzentriert um ein Thema.” Insofern erfahre sie nicht nur von kaum Bekannten Neues, sondern auch ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnvon denen, die ihr vertrauter sind.

Cordelia Polinna, die selber Nachfahrin einer böhmischen Einwandererfamilie ist, und ihr Team spiegeln durch die Auswahl der Interviewpartner die gesamte Bandbreite derer wider, die heute in der 275 Jahre alten Ansiedlung wohnen oder arbeiten. Wie hat sich das Leben dort verändert? Herrschen immer noch Strukturen vor, die als dörflich be- zeichnet werden können, oder gibt Urbanität den Ton an? Welche Rolle spielen heute die Kirche, Gasthäuser, Schulen und Läden als Treffpunkte? Auf diese und ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnviele andere Fra- gen gibt die Ausstellung über ihre Protagonisten Antworten. Manche haben sogar die Interviewer überrascht. “Dass sich die Gesprächspartner unserer geplanten Interviews schon länger mit dem Gebiet auseinandergesetzt haben, war natürlich hilfreich”, sagt Cordelia Polinna. “Aber trotzdem haben sie spontan spannende Sachen gesagt.” Schwieriger sei es verständlicherweise bei Ad hoc-Interviews gewesen, auf Menschen zu treffen, die mit Aussagekräftigem statt relativer Einsilbigkeit reagieren. Dokumentierte Gespräche ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnmit böhmischen Nachfahren schließen die Klammer von der Vergangenheit in die Gegen- wart eines Dorfs, das von jeher durch Einwan- derer geprägt wurde.

Historische und aktuelle Orte der Migration im Mikrokosmos Böhmisch-Rixdorf von der Gale- rie in den Stadtraum zu übertragen und sie dort zu markieren, das hätte eigentlich ergänzend zur Ausstellung geschehen sollen. Leider sei die Arbeit an diesem Punkt des Rahmen- programms aber aus triftigen persönlichen Gründen zum Erliegen gekommen, bedauert Cordelia Polinna. Doch auch der Weg in die bezirkliche Galerie an der Karl-Marx-Straße lohnt sich allemal für jene, für die das Böhmische Dorf kein böhmisches Dorf mehr sein soll.

Die Ausstellung “Keine Urbanität ohne Dörflichkeit – das Böhmische Dorf als Stadtlabor” ist  nur noch bis zum 23. September in der  Galerie im Saalbau  zu sehen. Öffnungszeiten: 10 – 20 Uhr

=ensa=

Als gäbe es kein Morgen

Auch wenn nicht  Popráci, das Rixdorfer Strohballenrollen  rund um den  Richardplatz, wäre, müsste  sich heute in  Neukölln  niemand langweilen: In  der  August-Heyn-Gar-

popraci neukölln, rixdorfer strohballenrollen

tenarbeitsschule ist  Tag der offenen Tür. Das Britzer Weingut feiert sein  10-jähriges Jubiläum mit einem großen Fest. Im Mutter-Kind-Zentrum des Vivantes Klinikums Neukölln gibt es einen  Aktionstag für Kindersicherheit  unter dem Motto “Bewegung fördern – Unfälle vermeiden”. Das Allmende-Kontor veranstaltet zusammen mit Brandenburger Landwirten den ersten  Bauernmarkt auf dem Tempelhofer Feld. Der Tag des offenen Denkmals lädt zum Erkunden der  Hufeisensiedlung, des  Böhmi- schen Dorfs und – etwas außerhalb Neuköllns – zu Führungen durch Teile des Gebäudes vom ehemaligen  Flughafen Tempelhof  ein. Um nur einiges zu nennen …

Und abends mit Beleuchtung

Bis in den Bezirk Mitte strahlen die Feierlichkeiten um das 275-jährige Bestehen des Böhmischen Dorfs in Neukölln: Auf dem  Bethlehemkirchplatz  wurde am 26. Juni die

"wandering church"-installation, bethlehemkirchplatz berlin-mitte, foto: reinhold steinle "wandering church"-installation, bethlehemkirchplatz berlin-mitte, foto: reinhold steinle

“Wandering Church”-Installation von Juan Garaizabal eingeweiht, die an die Bethlehemskirche erinnern soll. Diese wurde 1943, im 2. Weltkrieg, stark beschädigt und 20 Jahre später abgerissen.

=Reinhold Steinle=

Gabelstecherei in der Richardstraße

1. spatenstich umgestaltung richardstraße neukölln, betsaal ev. ref. bethlehemsgemeinde neukölln“So voll ist es hier sonst nicht”, sagt der alte Herr, als endlich alle, die sich vor dem Haus versam- melt hatten, im Betsaal Platz genommen haben. “Doch, am Heiligabend!”, korrigiert der Mann grin- send, der sich neben ihn gesetzt hat. Die beiden Senioren sind seit Jahrzehnten Mitglieder der Ev. ref. Bethlehemsgemeinde Neukölln. kirchgarten ev. ref. bethlehemsgemeinde neukölln“Ich bin hier schon in den 1930er Jahren immer zum Gottesdienst gegangen, Sonntagsschule hieß das da- mals”, erzählt der, der sogar auf einem alten Foto im Eingangsbereich des Gemeinde- hauses zu sehen ist. “Und ich komme heute noch gerne. Auch weil wir nach dem Gottes- dienst immer noch hinten im Kirchgarten zusammen sitzen. Welche Kirche hat schon einen so großen Garten?”

Nun bekommt die Gemeinde an der Richardstraße auch wieder einen Vorgarten. Deshalb sind die beiden Männer sowie einige andere Gemeinde- mitglieder ausnahmsweise an einem Freitagvor- spatenstich umgestaltung richardstraße neukölln, dr. bernd krebs (pfr. ev. ref. bethlehemsgemeinde neukölln)mittag im Betsaal. Auch Dr. Rudolf Jin- drak, Botschafter der Tschechischen Republik, und Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky sind zur Feier des Tages gekommen.

“Ich freu mich auf den Vorgarten”, sagt Gemeinde- pfarrer Bernd Krebs (r.) und eröffnet den Redner- reigen mit dem Hinweis auf die Besonderheit des Datums, an dem nun der erste Spatenstich für das Grün vor dem Haus in der Richardstraße 97 gesetzt wird: “Genau heute vor 275 Jahren bezogen die böh- mischen Flüchtlingsfamilien ihre neuen Häuser in dr. rudolf jindrak (tschechischer botschafter), spatenstich umgestaltung richardstraße neuköllnBöhmisch-Rixdorf.” In nur drei Monaten habe man die damals gebaut. Das Fundament, das damit – auch im übertragenen Sinne – für die neuköllnisch-tschechischen Beziehungen gelegt wurde, trägt noch heute. Einige Häuser werden nach wie vor von Nachfahren einstiger Exulanten bewohnt. Das  Hervorheben der Besonderheit des Böhmischen Dorfs durch die Umgestaltung der Richardstraße  sei ein wichtiges Zeichen der Verbundenheit und des Traditions-bewusstseins, für das er dem Bezirk Neukölln sehr danke, bekräftigt Dr. Rudolf spatenstich umgestaltung richardstraße neukölln, heinz buschkowsky (bezirksbürgermeister neukölln)Jindrak, der Botschafter der Tschechischen Republik.

Auch Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky ist froh, dass es nun endlich losgeht. Bereits zu Beginn der vorherigen Wahlperiode habe man sich im Rat- haus auf das Ziel verständigt, dem Böhmischen Dorf auch optisch mehr Bedeutung einzuräumen. Die  ers- ten Planungen habe es schon 1988  gegegeben, raunt einer der Anwohner, doch eine Initiative von unten sei an internen Interessenkonflikten gescheitert. “Jede andere Stadt “, so Buschkowsky weiter, “wäre dankbar, etwas wie das Böhmische Dorf zu haben, würde damit werben und Wegweiser spatenstich umgestaltung richardstraße neukölln, thomas blesing (baustadtrat neukölln)aufstellen und Stadtführungen anbieten.” Dem Bezirk Neukölln gehe es jedoch lediglich darum, dass der Charakter des Dorfes deutlicher zutage tritt. “Wenn alles fertig ist”, verspricht er, “werden alle – auch die Kritiker – zufrieden sein.”

Bis alles fertig ist, werden rund 1 1/2 Jahre vergehen, kündigt Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing an. Bis dahin werde die Richardstraße mit “historischen Vor- gaben” ausgestattet, etwa 30 neue Bäume, breitere Gehwege und einen neuen Fahrbahnbelag  bekommen. Im Bereich von Böhmisch-Rixdorf werde Großstein- pflaster auf der Richardstraße verlegt, im  anderen Teil asphaltiert. Auf 1,2 Mio. Euro kalkuliert der Baustadtrat nunmehr die Kosten der Maßnahme. Anfangs hatte man mit 3 Millionen, später mit 1,8 Mio. Euro spatenstich umgestaltung richardstraße neukölln, thomas blesing (baustadtrat neukölln), dr. rudolf jindrak (tschechischer botschafter), heinz buschkowsky (bzm neukölln), dr. bernd krebs (pfr. ev. ref. bethlehemsgemeinde neukölln)ge- rechnet. “Aber teurer bauen, kann ja jeder”, meint Blesing und hofft zugleich, “dass wir auf keine historischen Bauten unter der Fahrbahndecke stoßen”.

Die Steingabelstiche für den 1 Meter 50 schmalen Gartenstreifen vor dem Bethaus spatenstich umgestaltung richardstraße neuköllnder Bethlehemsge- meinde waren der offizielle Auftakt zu den Bauarbeiten in der Richardstraße. Morgen geht es richtig los. Zunächst werde man die Bürgersteige angehen, kündigt Neuköllns Tiefbauamt-Leiter Wieland Voskamp an. Mit Stra- ßenbauarbeiten und -sperrungen, schätzt er, sei erst ab Ende Juli oder Mitte August zu rechnen: “Wir machen das Stück für Stück, auch wegen der Anwohner und der Gewerbebetriebe entlang der Straße.”

=ensa=

Auf die Richardstraße kommt was zu!

Orangefarbene BSR-Mülleimer mit Kippen- einwurf-Loch gehören wahrlich nicht zu den Dingen, die durch übermäßige Präsenz in Neuköllns Richardstraße glänzen. Was tut also der clevere Raucher, der ge- rade keinen Ta- schenascher da- bei hat, die Ri- chardstraße aber nicht durch seinen Zigarettenstummel verschandeln will? Er entsorgt ihn in einem der zahlreichen Schlaglöcher, die sich alles andere als unauffällig in das holperige Kopf- steinpflaster geschmuggelt haben. Damit ist es nun bald vorbei. Frei nach dem Motto “Was lange gärt, wird endlich gut” soll in diesem Jahr, wie bei der letzten Sitzung des Ausschusses für Verkehr und Tiefbau bekannt wurde, tatsächlich mit dem Face- lifting der Richardstraße begonnen werden.

Bereits vor vier Jahren hatte das vom Bezirksamt Neukölln beauftragte Stadt- planungsbüro Spath + Nagel mit seinem Gestaltungskonzept “Deutsches und Böh- misches Dorf” den Grundstein dafür gelegt. Freuen wird der lange Vorlauf ins- besondere die Hausbesitzer mit Anwesen auf der östlichen Seite der Richardstraße: Denn die hätten bei einem Baubeginn in der letzten Legislaturperiode ob des 2006 vom rot-roten Berliner Senat eingeführten Straßenausbaubeitragsgesetzes kräftig zuzahlen müssen. 2011 wurde das Gesetz von der rot-schwarzen Koalition wieder gekippt. Somit gilt nun auch für Grundstückseigentümer Ost, was bereits vorher für die auf der westlichen Straßenseite, die zum zuzahlungsfreien Sanierichardstraße neukölln, geplante bauarbeiten richardstraßerungsgebiet Karl-Marx-Straße gehört, galt: Sie werden nicht zur Kasse gebeten.

Genau zwei Monate sind es noch bis zum ersten Spatenstich in der Richardstraße: Er erfolgt, so die Planungen, vor dem Betsaal der Evangelisch-reformierten Bethlehems- gemeinde, und das exakt am 275. Jahrestag des Einzugs der ersten Glaubensflüchtlinge ins damals neu errichtete Böhmisch-Rixdorf, dem 15. Juni.

Die Historie spielt auch bei den mit 1,8 Mil- lionen Euro bezifferten Baumaßnahmen eine Rolle: Die von vielen Anwohnern und Radfahrern erhoffte Asphaltierung wird es folglich nur teilweise geben. Der Abschnitt zwischen Kirchgasse und Bethlehemsgemeinde erhält dagegen zur Hervorhebung seiner geschichtlichen Bedeutung  das Großkopfpflaster, das auch am Richardplatz verlegt wurde. Für die verkehrsmäßige Entlastung der Richardstraße soll eine neue Einbahnstraßenregelung sorgen, die auf Höhe des Herrnhuter Wegs greift und durch diesen den zur Dauer-Großbaustelle Karl-Marx-Straße abfließenden Verkehr leitet. Der nördliche Bereich der Richardstraße bis zur Berthelsdorfer Straße  steht nach den Umbauarbeiten, die spätestens 2014 abgeschlossen sein sollen, nur noch für den Anwohner-PKW-Verkehr zur Verfügung.

=ensa=

Neukölln-Gewinnspiel: Die Bescherung geht weiter (5)

Heute, am vorvorletzten Tag unseres Zwischen-den-Jahren-Gewinnspiels, geht es im wahrsten Sinne des Wortes um die Wurst: Der Preis, der dem/der Gewinner/in winkt, kommt nämlich aus Neuköllns berühmtester Fleischerei – der Blutwurstmanufaktur. Und dieses Rätsel ist zuvor zu lösen:

Im Juli 2011 sollten in Neukölln insgesamt 43 Kinder in drei Wochen einen Grundwortschatz Deutsch lernen. Dafür wurden fünf Lehrer von der Berliner Senatsverwaltung bereitgestellt; der Bezirk finanziert drei weitere Schulhelfer für das Projekt. Welche Zielgruppe sollte erreicht werden?

Zu gewinnen ist eine Tüte vol- ler leckerer, in traditioneller Handwerkskunst hergestell- ter Wurstspezialitäten aus der Blutwurstmanufaktur. Schon seit 1902 wird am Karl-Marx- Platz am Rande des Böhmi- schen Dorfs in Neukölln  ge- fleischert; vor einigen Jahren übernahmen Blutwurstritter Marcus Benser und Mathias Helfert den Betrieb und benannten die ehemalige Fleischerei Gleich in Blutwurstmanufaktur um. Wichtig: Die Zusendung des Gewinns ist nicht möglich, d. h. er muss bei der Blutwurstmanufaktur abgeholt werden.

Wer die Wurst-Tüte gewinnen möchte, schreibe das Lösungswort sowie (5) in die Betreffzeile einer E-Mail und schicke sie bis morgen (30. Dezember) um 12 Uhr an: Der/die Gewinnerin wird direkt benachrichtigt. Gehen mehrere richtige Lösungen ein, entscheidet das Los. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Wir wünschen viel Glück!

Update (30.12., 16:15 Uhr): Mit dem Begriff “Roma-Kinder” oder einer ähnlichen Variante musste die Zielgruppe bezeichnet werden, um die Chance auf den Gewinn der Wurst-Tüte von der Blutwurstmanufaktur zu wahren.

Die Hand von Glücksfee Pauline, die heute in den Losbeutel griff, entschied sich für einen Gewinner, dessen Name die Achtjährige  vor eine echte Herausforderung stellte. Lustig sei er, aber schwierig vorzulesen, fand sie.

Die Stars der Kirchgasse

kirchgasse neukölln, herrnhuter sterne, böhmisch-rixdorfInsbesondere im Neuköllner Kiez rund um den Richard- platz, also den Vierteln, die frü- her Deutsch- und Böhmisch- Rixdorf hießen, sind sie der- zeit allgegenwärtig – in Haus- eingängen, auf Balkonen und hinter Fenstern: die berühm- ten  Herrnhuter Sterne.

Auch in die Kirchgasse im Böhmischen Dorf ist wieder mit ihnen geschmückt. Eine Tradition, die wie etliche ande- re den Veränderungen im Be- zirk trotzt. Zu ihr gehört eben- falls, dass die Herrnhuter Ster- ne erst am 1. Advent zu leuch- ten beginnen und sich nicht schon – wie Weihnachts- Deko, Marzipanbrote und Do- minosteine – im September ins Bewusstsein drängen.

Dufte: Neukölln hat einen Dorfbackofen

Dass das Geklapper von Hufen durch die Straßen im Neuköllner Richardkiez schallt, ist für alle, die dort leben oder sich häufig dort aufhalten, längst nichts mehr, was Aufsehen oder -hören erregt. Schließlich gehören die Pferdekutschen des Fuhr- unternehmens Schöne seit jeher zum Viertel rund ums Böhmische Dorf und tragen dorfbackofen, reformierte bethlehemsgemeinde neukölln, ganghoferkiezatmosphärisch maßgeblich zum be- sonderen Charakter des Kiezes bei.

Noch recht neu ist hingegen, dass nun zuweilen Rührschüsseln und Kuchen- formen durch die Straßen getragen werden und der Duft frischen Backwerks hinter dem Turm der Ev.-ref. Bethle- hemsgemeinde in der Richardstraße aufsteigt. Dort entstand nämlich im Sommer auf Initiative von Pfarrer Bernd Krebs, weiteren Gemeindemitgliedern und des benachbarten Alphabetisie- rungsvereins Lesen und Schreiben ein Dorfbackofen, der Ende September erstmals feierlich angeheizt wurde.

“Dass es ihn gibt und er  von den Men- schen im Kiez  zum Backen von Brot und Kuchen benutzt werden kann, muss sich natürlich erst rumsprechen”, sagt Pfarrer Krebs. Derzeit würden Flyer gedruckt, die an Kitas, Schulen und andere Einrichtungen sowie Anwohner verteilt werden sollen, um den Bekanntheitsgrad des vom Quartiersmanagement Ganghoferstraße über Soziale Stadt-Mittel finanzierten Gemeinschaftsofens zu steigern. Immer  mittwochs werde er angeheizt – wenn zuvor Anmeldungen bei der Gemeinde (Tel. 030 – 687 25 39) eingegangen sind. “Ob jemand im QM-Gebiet oder zwei Straßen außerhalb wohnt, das sehen wir aber nicht so eng”, räumt Krebs ein. Seine Vision ist, den Dorfbackofen im Garten hinter dem Kirchsaal  zum Ort der Begegnung im Kiez  zu machen.

=ensa=

Benachteiligte Quartiere

Was wird aus der Mitte? Was wird aus den ehemaligen Arbeiterquartieren, was aus den ehemaligen Stadtbrachen? – Mit diesen Aspekten beschäftigte sich die Initiative Think Berl!n bei ihrer Strategietagung, zu der mit der provokativen Frage “Ist Stadt- entwicklung nach der Wahl egal?” eingeladen wurde. Nun erschien anlässlich der Tagung die Publikation “Berlin hat mehr verdient!”, in der auch der folgende Text von Dr. Cordelia Polinna erschien:

Die Herausforderungen, vor denen innerstädtische benachteiligte Stadtquartiere wie Nord-Neukölln, Kreuzberg, Moabit oder Wedding stehen, werden von verschiedenen Ressorts der Politik umfangreich diskutiert.

Die Probleme sind mehrdimensional, bestehen u. a. in den Bereichen Bildung, Arbeitslosigkeit, Integration, Wirtschaftskraft, Wohnungs- und Mietenpolitik und haben Auswirkungen, die sich in der städte- baulichen Struktur der Gebiete widerspiegeln, etwa durch Segre- gation, überforderte Einrichtungen der sozialen und kulturellen Infra- struktur, verwahrloste öffentliche Räume aber auch wirtschaftlich geschwächte und nicht funktionie- rende Stadtteilzentren. Gleichzeitig ist zumindest in einigen dieser Gebiete ein wachsender Entwick- lungsdruck unverkennbar – etwa durch die Zunahme von Touristen und den vermehrten Zuzug von Studenten und „Kreativen“. Diese Entwicklung ist prinzipiell sinnvoll und gewollt, denn die Quartiere zeichnen sich durch eine attraktive Bausubstanz aus, sind gut erschlossen und eignen sich als Wohn- und Arbeitsquartiere für alle gesellschaftlichen Schichten. Sie löst jedoch bei Teilen der Bevölkerung Ängste aus – vor Gentrifizierung und vor Touristifizierung. Diese Ängste müssen Ernst genommen werden. Es müssen Ideen entwickelt werden, wie in den „alternativen Szenekiezen“ mit den negativen Auswirkungen des Zuzugs von Besserverdienenden oder mit den wachsenden Touristenströmen, etwa Lärm- belästigung oder die Umwand- lung von Wohnungen in Ferien- wohnungen, umgegangen wer- den kann.

Gleichzeitig bieten sich durch das wachsende Interesse an diesen Quartieren auch viele Chancen für die polyzentrale Stadt – die Stärkung der lokalen Ökonomie und des dezentralen Tourismus in den Bezirken oder die Qualifizierung der inner- städtischen Wohnquartiere im Sinne der klimagerechten, kompakten Stadt mit Mischnutzung und kurzen Wegen.

 In den vergangenen Jahren sind umfangreiche Fördergelder in die benachteiligten Quartiere geflossen, in Form der Programme Quartiersmanagement bzw. soziale Stadt, Aktive Stadtzentren, Stadtumbau West und Aktionsräume plus; durch Vorzeigeprojekte wie den Campus Rütli sowie zuletzt im Rahmen der Festsetzung neuer Sanierungsgebiete, die zu einem großen Teil in den benachteiligten Innenstadtquartieren liegen. Mit Hilfe dieses wichtigen stadtplanerischen Instruments werden in den nächsten 15 Jahren rund 216 Millionen Euro vorrangig für die Verbesserung von Schulen, Kitas, Straßen und Grünflächen investiert. In den benachteiligten Stadtquartieren überlagern sich also mehrere Förderkulissen. Welche Erfolge mit den bisherigen Maß- nahmen erzielt wurden, wird jedoch nicht wirklich deutlich, im Gegenteil, das „Monitoring soziale Stadt“ doku- mentiert seit Jahren einen immer weiter voranschreitenden Negativtrend.

Vor allem mangelt es an innovativen Konzepten für die Gebiete. Das im Rahmen des Programms Aktive Stadtzentren entwickelte Motto “[Aktion! Karl-Marx-Straße] – jung, bunt, erfolgreich” klingt recht banal und austauschbar. Was die „Aktionsräume plus“ leisten und ob sie nicht in erster Linie Ressourcen binden, wird ebenfalls nicht deutlich, auch hier sind die bislang vorgestellten Konzepte schwammig und erschreckend visionslos.

Als zentrales Vorzeigeprojekt im nördlichen Neukölln ist der Campus Rütli geplant, die Aufwertung einer „Problemschule“. Der städtebauliche Entwurf für den Campus konnte jedoch nicht überzeugend darstellen, wie sich der Campus öffnen und das mittlerweile sehr lebendige Quartier einbeziehen wird. Im Gegenteil, hier ist immer noch eine Abschottung nach Außen geplant. Kann sich das Projekt mit dem vorhandenen Nutzungs- und Gestaltungs- konzept wirklich zu einem lebendigen, attraktiven Anziehungspunkt des Stadtteils entwickeln?

Und grundsätzlich: Welche neuen Funktionen müssen Einrichtungen der sozialen und kulturellen Infrastruktur in den benachteiligten Stadtquartieren übernehmen, um mit den Herausforderungen der Gebiete umgehen zu können? Und welche Rolle sollte die Gestaltung spielen, wenn eine Erneuerung oder der Neubau von Infrastruktureinrichtungen geplant werden?

Mit den neu ausgewiesenen Sanierungsgebieten fließt viel Geld in die benachteiligten Stadtquartiere und die öffentliche Hand hat mit der Ausweisung eine große Chance bekommen, städtebauliche Impulse zu setzen. Wie mit diesen zusätzlichen Geldern die Probleme gelöst werden sollen, bleibt jedoch unklar. Gibt es für diese „Sanierung“ überhaupt schon eine Leitidee, die über Allgemeinplätze hinausgeht? Muss nicht, bevor jetzt umfangreiche Maßnahmen in den Sanie-rungsgebieten geplant werden, erst mal eine völlig neue Definition von Sanierung und Aufwertung entwickelt und diskutiert werden, die den heutigen Anforderungen an die Gebiete gerecht wird? Können wir mit den Instrumenten der Sanierung von vor 30, 20, 10 Jahren den neuen Fragestellungen überhaupt noch begegnen? Müssen hier nicht neue Ansätze entwickelt werden, die auf Fragestellungen wie das Thema der multiethnischen Stadt oder die Angst vor der Verdrängung, den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel eingehen? Und sind die Bezirke und vor allem die lokalen Planungsämter dieser Chance, aber gleichzeitig auch dieser neuen Herausforderung überhaupt gewachsen?

Was für neue Instrumente müssen entwickelt werden, um „Sanierung“ durch- zuführen? Die Konsequenz aus der Befürchtung, durch städtebauliche Maßnahmen immobilienwirtschaftliche Aufwertungsprozesse auszulösen, kann ja nicht lauten, in diesen Quartieren auf städtebauliche Projekte zu verzichten. Wie muss also der Begriff der Aufwertung neu definiert werden? Wie kann die private Wirt- schaft stärker in diese Prozesse eingebunden werden?

Mit anderen Worten: Es wurde versäumt, vor der Ausweisung der neuen Sanierungsgebiete eine breite gesellschaftliche Diskussion anzu- stoßen, was denn überhaupt die Merkmale einer neuen Generation von Sanierungsgebieten sein sollen. Welche Rolle soll in diesen Gebieten das Thema der Baukultur, der städtebaulichen Qualität spielen. Muss nicht die städtebauliche und architektonische Gestaltung der Projekte stärker ins Blickfeld rücken – weg von „so billig wie möglich“ zu Projekten, auf die die Bewohner der Gebiete stolz sein und mit denen sie sich identifizieren können?

Doch der Blick auf die innerstädtischen Sanierungsgebiete reicht nicht aus. Wenn Menschen verdrängt werden, dann oft an den Stadtrand, in die Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Um diese Siedlungen kümmern sich nur wenige Spezialisten. Diese Siedlungen rücken nur dann ins Blickfeld von Politikern, wenn dort radikale Parteien große Zuwächse bei Wahlen verbuchen. Das aber ist zu wenig. Wenn wir nicht aufpassen, ballen sich dort die Probleme von morgen.

=Cordelia Polinna=

Cordelia Polinna wurde in Neukölln geboren, wuchs im Böhmischen Dorf im Richardkiez auf und lebt auch heute wieder – nach Stationen in Edinburgh, London und New York – in Neukölln. Sie studierte Stadt- und Regio- nalplanung und promovierte vor vier Jahren an der TU Berlin.

Kleine Paradiese mitten in Neukölln

offene gärten 2011, kirchgasse neuköllnSchon die Kirchgasse an sich ist ein Aha- und Oho-Erlebnis für viele: Wenige Minuten Fußweg von der trubeligen Karl-Marx-Stra- ße entfernt, tut sich in ihr dörfliche Idylle mit rumpeligem Kopfsteinpflaster, pittores- ken Häusern, Scheunen und lauschigen offene gärten 2011, kirchgasse neuköllnGärten auf. Letztere sind es, die an diesem Wochenende dafür sorgen, dass mehr Menschen als sonst  Neuköllns historisches Herz, das Böhmische Dorf, erkunden. Auch heute laden acht Anwohner der Kirchgasse wieder im Rahmen der Offe- nen Gärten 2011 von 12 bis 18 Uhr zum Entdecken ih- offene gärten 2011, kirchgasse neuköllnrer Höfe und grünen Oa- sen ein.

“Anno 1996″ steht über dem Tor der Scheune am nordwestlichen Ende der Kirchgasse. Eine fünfköpfige Gruppe, die gerade neben der güldenen Gießkanne durch den schmalen Torbogen auf das liebevoll gepflegte Grundstück drängt, hofft: “Maybe we can eat another Schmalzstulle there.” Der Wunsch wird ihnen erfüllt, zusätzlich werden vom Haus- und Hofherrn Getränke und Anekdoten über die Geschichte des Anwesens angeboten, das sich  seit Generationen in Familienbesitz befindet. Wie es früher aus-

offene gärten 2011, kirchgasse neukölln offene gärten 2011, kirchgasse neukölln

sah, kann man sich auf einem alten Foto angucken. Wer sich in der vor 15 Jahren offene gärten 2011, kirchgasse neuköllnrestaurierten Scheune genauer umsieht,  die heute gerne für Feste genutzt wird, stößt dabei auch auf die wohl einzige Wetteruhr mit einem Keiler auf der Spitze. Lutz Müller-Froelich war 14, als er sie für seinen Vater zum 50. Geburtstag baute. Der sei ein leidenschaftlicher Jäger gewesen, erzählt er. Jahrzehntelang schmückte die Wetteruhr das Dach des Wohnhauses und weckte dort auch den Jagdinstinkt eines Nachbarn: “Der schoss nachts oft mit einem Luftgewehr aus dem Fenster seiner Dach- wohnung auf das Wildschein.” Die Spuren sind auf offene gärten 2011, kirchgasse neuköllndem metal- lenen Keiler im- mer noch deut- lich zu erken- nen. Um Spuren anderer Art geht es am anderen Ende der Kirchgasse, kurz vor dem Friedrich Wilhelm I.-Denkmal.

offene gärten 2011, kirchgasse neuköllnDer Garten des 1845 er- bauten Hau- ses ist über einen Seiten- eingang im Wanzlikpfad zu erreichen. Seit 2007 wird das von einer Familie ohne böhmische Vorfahren erwor- bene Gebäude nach Denkmalschutz-Auflagen kernsaniert. Zwei Jahre, schätzen sie, werde es wohl noch dauern, bis wirklich alles fertig ist und das Leben auf einer Baustelle ein  Ende habe. Der Garten gleicht  bereits jetzt einem verwunschenen, grü-

offene gärten 2011, kirchgasse neukölln offene gärten 2011, kirchgasse neukölln

nen Paradies. Allerdings einem mit einem äußerst ungewöhnlichen Format: “Vorne an der Kirchgasse ist das Grundstück 10 Meter breit, hinten sind es gerade mal eineinhalb Meter.”

=ensa=

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