Überraschendes im Verborgenen

Manche tun es von sich aus, andere brauchen Anlässe, um von ausgelatschten Pfaden abzuweichen. Einen solchen Impuls will das Behind the Wall Project des Fotografen Luca Abbiento geben, das seit gestern zu “verborgenen Schätzen” ent- lang der Karl-Marx-Straße lockt, um dort zu neuen Eindrücken zu verhelfen.

Die Verbindung zwischen Puppentheater-Museum (l.) und der benachbarten Pase- waldschen Ateliergemeinschaft, das Atrium des ehemaligen Heimatmuseums Neu- kölln  und der Hof des  gsub-Projektehauses (r.) sind drei der inzwischen von sieben

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auf sechs Stationen geschrumpften Kunstaktion. Es waren zunächst die Orte, von denen sich Luca Abbiento inspirieren ließ. “Danach”, berichtet er, “habe ich mir ein- fallen lassen, wie der Ort durch Fotos lebendiger und attraktiver werden und Pas- santen überraschen könnte.” An jedem Ort werde nun durch die Abbildung der Prota- gonisten eine Geschichte oder Lebensszene erzählt. Zum Teil gebe es dabei – wie z. B. im Falle des Architekten Kay und des Projektehaus-Hofs -  eine reale Verbindung zwischen Person und Ort. An anderen Stationen – so auch in der Passage zwi- schen Karl-Marx- und Richardstraße – wurde ein Zusammenhang inszeniert: “Annet- te, die Schmiedin”, erklärt Luca Abbiento, “arbeit seit langem in einer Werkstatt gegenüber der Chemischen Reinigung.” Der Kontrast von dreckig und sauber ist hier der prägende Moment. Das  Miteinander von alt und jung bestimmt dagegen die

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Foto-Installation am zweiten nicht verborgenen Ort, der alten Post. Julian, der Prota- gonist, verjüngt die alte Fassade des seit Jahren leerstehenden Gebäudes. Durch seine Blickrichtung, so Abbiento, solle der Eindruck entstehen, dass die Fassade auf die vorbeilaufenden, das alte Gemäuer ignorierenden Menschen schaut.

behind the walls project_luca abbiento_sparkasse platz-der-stadt-hof_neuköllnNoch unauffälliger als Julian fügen sich die beiden fotografierten Akteurinnen im düsteren Foyer des Spar- kassengebäudes am Platz der Stadt Hof (l.) in ihre Um- gebung ein. Insbesondere die Mutter ist auf Anhieb kaum zu sehen. “Dort spielt die Imagination bei mir die Hauptrolle”, führt der Fotograf aus. Die Mutter werde förmlich vom dunklen Marmor aufgesaugt, während behind the walls project_luca abbiento_donaustraße 110_neuköllnihre 16-jährige Tochter in strenger, stolzer Haltung nach außen tritt.

Gar nicht erst suchen muss man indes nach der entlegendsten Foto-Instal- lation auf der Route der von der [Aktion! Karl-Marx- Straße] geförderten Behind the Wall-Ausstellung: Das Bild am Haus in der Donaustraße 110 durfte nur kurz aufgehängt werden, um es dort zu Dokumentations- zwecken zu fotografieren. “Echt schade”, findet Luca Abbiento, “aber wir werden es  in der Galerie auf unse- rem Blog  zeigen.” Die anderen Stationen warten noch bis zum 28. Mai darauf, entdeckt zu werden.

=ensa=

Zur Interpretation freigegeben

Wir bitten um Ihr Verständnis! Das hören oder lesen Bahnreisende, wenn wieder mal ein Zug Verspätung hat, Postkunden, die vor der wegen einer Betriebsversammlung geschlossenen Filiale stehen, und diverse andere Leidtragende. Auch in Neukölln bedient man sich gerne dieser häufig strapazierten Floskel – zum Beispiel am  Platz der Stadt Hof, der derzeit über die Ganghoferstraße hinweg  eingerüstet ist  und  um- gestaltet  wird. Über  das, was  dort passiert, klären  Baustelleninfos  auf, die  an  den

baustelleninfo 2-2013_pdsh neukölln

Sperrzäunen hängen. Natürlich wird auf ihnen auch um Verständnis gebeten. Wofür, das bleibt zuweilen im Nebulösen stecken und somit der Deutungshoheit des Lesers überlassen. Entschuldigt man sich hier also dafür, dass auch genannte Perso- nengruppen trotz der Bauarbeiten zum Ziel kommen? Oder wird gar um Verständnis dafür gebeten, dass man sich in finanziell angespannten Zeiten keine kostspieligen Barrieren leisten kann? (Zugegebenermaßen ist dieses Beispiel aus dem Zusam- menhang gerissen, aber dazu lädt der ungeschickt formulierte Passus “Einschrän- kungen und Beeinträchtigungen” in der  aktuellen Baustelleninfo  förmlich ein.)

Da geht noch was!

“Damit es wirklich ein Platz von uns Neuköllnern und für uns Neuköllner werden kann, braucht er einen neuen Namen”, stellte umbau_platz der stadt hof_neuköllnAndreas Altenhof von der Lenkungsgruppe der [Aktion! Karl-Marx-Straße] fest, als Mitte August letzten Jahres mit der Umgestaltung vom Platz der Stadt Hof begonnen und im Zuge dessen zu einem Namenswettbewerb aufgeru- fen wurde.

Inzwischen ist das Buddeln auf dem Platz weit fortgeschritten und die Liste der Namensvorschläge lang: Neu- köllner Platz, Rixdorfer Platz, Weltbür- gerplatz, Platz der Internationalen Völkergemeinschaft, Place Jumelage, Mohammed-Bouazizi-Platz, Platz da, Am Diwan, Neukölln’s Mitte, Buschkowsky Rondell, Kurt- Krömer-Platz, Platz der Neuen Heimat und Grünes Eck finden sich u. a. auf ihr wieder. spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neuköllnEbenso der Wunsch, dass Name Platz der Stadt Hof beibehalten werden soll.

Weitere Vorschläge sind nach wie vor bei der Len- kungsgruppe willkommen. Ein zeitliches Ende sei noch nicht abgesteckt, sagt Horst Evertz, Prozesssteuerer bei der [Aktion! Karl-Marx-Straße]: “Auch über den Modus, wie aus den Vorschlägen der künftige Names des Platzes herausgefiltert werden soll, haben wir uns noch nicht verständigt.” Beschlossen wurde jedoch schon, dass Transparenz das Wichtigste bei der Vorgehens- weise sein soll. “Dass der Platz plötzlich einen neuen Namen hat”, so Evertz, “wird es nicht geben.” Die offizielle Umbenennung falle dann in den Zuständigkeitsbereich der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung, als deren Impulsgeber sich die Lenkungsgruppe verstehe. “Wenn es zu einer Um- benennung kommt, wird übrigens keine einzige Visitenkarte umgeschrieben werden müssen”, merkt Horst Evertz noch an. Weder durch die Sparkasse noch durch die Unternehmen im Nachbargebäude sei bisher eine Adressierung mit Platz der Stadt Hof erfolgt. Die Frage nach entsprechend gelagerten Folgekosten erübrigt sich also in diesem Fall.

=ensa=

Von A wie Ablenkungen bis Ü wie Überleben

Schön ist die Karl-Marx-Straße nicht. “Lebendig und laut, geschäftig und entspannt, grässlich und grau, bunt und voller Leben, gastfreundlich und anonym, unfassbar günstig und teuer zugleich”, das sind die Gebrauchsanleitung Karl-Marx-Straße_Roos VersteegAttribute, die Roos Versteeg Neuköllns Magistrale zuschreibt. Um deren Nutzung zu erleich- tern, hat die Künstlerin nun eine Gebrauchsanleitung für die Karl-Marx-Straße heraus- gegeben. In 17 Rubriken von A wie Ablenkungen bis Ü wie Überleben wird in dem 44- seitigen Heft voller subjek- tiver Wahrheiten (und mit 10 freien Seiten für eigene Noti- zen) das sichere Navigieren zu Geschäften entlang der Nord- Süd-Achse ermöglicht und auf die Begegnung mit “Menschen jeden Schlags und jeder Gemütsver- fassung”, die sich hier antreffen lassen, vor- bereitet. “Lesen Sie diese Anleitung gründlich durch, bevor Sie Ihre Begehung der Karl-Marx-Straße starten. Auf diese Weise vermeiden Sie unnötige Irritationen und Stress”, empfiehlt Versteeg in den Sicherheitshinweisen. Eine Gewähr für den reibungslosen Ablauf jedweder Unter- nehmungen will die Gebrauchsanleitung aber nicht geben. Schließlich handele es sich bei der Karl-Marx-Straße um einen “Ort der Extreme”, was wiederum bedeute, dass es zu Unregelmäßigkeiten kommen könne.

Neuköllns Designer-Szene unter einem Dach

nemona concept store neuköllnEtwas weniger Wirklichkeit wäre den über 30 Neuköllner Designern, die momentan ihre Kollektionen und Produkte im Concept Store in der Ganghoferstraße anbieten, sicher nicht unlieb gewesen: Eine Bau- stelle direkt vor der Tür, die Zufahrt von der Karl-Marx-Straße aus unmöglich. Gewerbetreiben- de, die ihre Lä- den im südlicheren, gerade fertiggestellten Bereich der Magistrale haben, können ein Lied davon singen, was das bedeutet. Fröhliche Dur-Klänge kommen in dem nicht vor.

Ein Besuch des temporären Kaufhaus lohnt sich dennoch, denn es gibt einen guten Überblick über die Kreativität und Qualität der Szene, die zu einem Standbein der lokalen Ökonomie aufgebaut werden soll. Aktuell laufe deshalb eine Untersuchung, die das Potenzial für den Echtbetrieb eines Modekaufhauses  im Zentrum Neu- köllns  ermittelt, erzählt Clemens Mücke von der Wirtschaftsförderung des Bezirks- amtes. Fällt die Prognose positiv aus, werde der  Gedanke, Design aus Neukölln un-

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ter einem gemeinsamen Dach zu präsentieren, weiter verfolgt. Mit dem Concept Store spielt man diese Idee jetzt schon einmal durch: Fashion von zeitlos-klassisch über funktional bis extravagant für Frauen reiht sich an den Kleiderstangen auf. Das Angebot  für Männer ist erheblich übersichtlicher, das  für Kinder nur rudimentär vor-

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nemona concept store, neuköllnnemona concept store, neukölln, stand der dinge neuköllnhanden. Groß ist die hin- gegen die Auswahl wär- mender und dekorativer Accessoires für Hälse, Köpfe und Hände. Vor- wiegend auf Schmuck, innovatives Wohndesign und Utensilien setzt in- des der “Stand der Din- ge”, der die Produkte von acht Neuköllner Krea- tiven in seinem aus 62 alten Fenstern recycelten Shop-in-Shop-System ausstellt und zum Verkauf anbietet.

Noch bis zum 1. Dezember gibt es im Concept Store in der Ganghofer- straße 2 Mode und Design aus Neukölln. Geöffnet ist von 16 – 20 sowie Samstag von 11 – 20 Uhr, gezahlt werden kann nur bar.

Teilnehmende Designer: 1979 + African Modedesign + Bijohly + Benra + Berlinfabrik + BERLIN-­‐MY-­‐INSPIRATION + Bolsos Berlin + Chalotte Pulver + Claudia Mangelsdorf + Claudia Vitali + Dagmar Pelger + Eilbotenanstalt + Felicitas Sonnenberg + Format + Kollateralschaden+ Lasalina + Linn Annen + ManduTrap + Mohnlicht + No mimikri + Par 2 + Retape + Rix & Roxi + Junite + Stand der Dinge + fliptheside objects +Susanne Grossmann + TingDing + Treches + Twintee + VibeLich + Vorsicht Glas! + ZETAZEPA

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Untergang der MS Neukölln?

Viel Luft nach oben, viel Aussicht, viele freie PKW-Abstellflächen, die nie angesteuert werden, viel  Platz, der anderweitig  genutzt  werden  könnte – das ist das  Parkdeck 6

parkdeck 6 neukölln-arcaden

der Neukölln Arcaden. Eigentlich sollte es dort längst anders aussehen: Bereits vor zwei Jahren kündigte der Newsletter der [Aktion! Karl-Marx-Straße] das Anlegen und Ankern der  MS Neukölln auf dem Parkdeck  für den Mai 2011 an. Doch zwischen- zeitlich scheint der Kulturdampfer vom Kurs abgekommen oder ganz untergegangen zu sein.

“Weshalb die Pläne nicht realisiert wurden oder ob das noch passieren wird, wissen wir auch nicht”, teilte Alexander Matthes von der [Aktion! Karl-Marx-Straße] heute auf Anfrage mit. Seinerzeit sei die Sachlage die gewesen, dass ein Bauantrag vorgelegen und es mit Klangsucht einen Projektträger gegeben habe, der sich Sponsoren und Kulturveranstalter als Kooperationspartner zur Umsetzung der Pläne ins Boot holen wollte.  “Momentan sieht es aber danach aus, dass das nicht geklappt hat”, sagt Matthes, der ob des extrem lockeren Kontakts zum Projektträger nur Vermutungen anstellen kann. “Eine konkrete Absage liegt uns jedenfalls noch nicht vor”, betont er. Ebenso, dass  bislang keinerlei Fördermittel an das Projekt gegan- gen seien: “Dann wäre auch die Zusammenarbeit eine engere und der Informations- fluss besser.”

Von Klangsucht war keine Stellungnahme zum Thema MS Neukölln zu bekommen: Telefonisch sind die Eventveranstalter nicht zu erreichen und eine E-Mail kam mit dem Hinweis “mailbox is full” zurück.

=ensa=

König Buschi, Bausteinrat Blase und ein Plätzchen, das zum Platz der Neuköllner werden soll

spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neuköllnWunder dauern etwas länger – so heißt es wenigs- tens. Manchmal aber scheint Neukölln den Gegen- beweis antreten zu wollen. Aktuelles Beispiel dafür ist der  Umbau des Platzes der Stadt Hof: Freitagmorgen wurden Absperrungen aufgestellt, vormittags rückte spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neuköllnein Bagger an, mittags kamen Bezirksbürger- meister Heinz Busch- kowsky, Baustadtrat Tho- mas Blesing nebst Staatssekretär Ephraim Gothe, um Reden zu halten und den  ersten Spa- tenstich  zu machen, und schon wenige Stunden danach war die Baustelle wieder passé. Ein Wunder? Das wäre es in der Tat, wenn in so kurzer Zeit der Platz der Stadt Hof umgestaltet worden wäre. Ist er aber nicht.

Innerhalb der nächsten 14 Tage werde es aber wirklich losgehen, kündigt Horst Evertz von der [Aktion! Karl-Marx-Straße] an, dann werde der Platz komplett gesperrt und innerhalb von knapp 1 1/2 Jahren dessen Umgestaltung vollzogen. Danach solle spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, thomas blesing, ephraim gothe, heinz buschkowskyer seine Größe von aktuell 1.250 Quadrat- metern verdoppelt haben und nicht nur eine at- traktivere Optik, sondern auch eine deutlich verbesserte Aufenthaltsqualität  aufweisen. Zu- dem fordert er auch von den Autofahrern ein spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neuköllnUmdenken: “Der Platz”, er- klärt Evertz, “wird bis zur Ecke Richardstraße ausge- dehnt. Das Abbiegen aus der Ganghofer- wird dann nur noch in die Richard- und nicht mehr in die Karl-Marx-Straße und umgekehrt mög- lich sein.” Die  Befürchtungen eines Anwohners der Richardstraße, dem Schlimmes schwant, sind nachvollziehbar. In Heinz Buschkowskys Begeisterung darüber, dass die Umgestaltung des Platzes der Stadt Hof ein weiteres Stück Modernisierung der Karl-Marx-Straße  bedeute, mag er nicht so recht einstimmen.

Mit 100.000 Euro beteiligt sich der Bezirk Neukölln, 600.000 Euro finanziert der Berliner Senat aus dem Städtebauförderungs-Programm, um den “Modernisierungs- rückstau der letzten 20 Jahre” in der Karl-Marx-Straße aufzulösen. Durch die Kombination aus Baumaßnahmen und einem neuen Geschäftsstraßen- management, prognostiziert Ephraim Gothe, bringe man die Magistrale Neuköllns spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, heinz buschkowsky, thomas blesing, ephraim gotheauf einen guten Weg. Wann das Ende des Wegs, sprich: der Hermannplatz, erreicht sein wird, bleibt offen. Von “weiteren Bauabschnitten im Sause- schritt” spricht Buschkowsky und unkt, dass 2024 alles abgeschlossen sei. Dass es schneller gehen wird, hofft Staatssekretär Gothe.

Dass man mit dem Umbau des Platzes der Stadt Hof auch schon weiter sein wollte, will Thomas Ble- sing dann doch nicht unerwähnt lassen. Durch die Haushaltssperre des Senats hänge man  bereits jetzt vier Monate hinterher. Bestens gediehen sei jedoch die Bürgerbeteiligung, die maßgeblich dazu beitragen habe, dass hier umgesetzt werde, was die Neuköllner widerspiegelt: Kernstück des Platzes wird ein etwa 750 Quadratmeter großes demographisches spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, mosaikstein demografisches pflasterMosaik. Sieben unterschiedliche Steinsorten symboli- sieren in dem sieben Weltregionen und somit die Herkunftsländer der Neuköllner, Glassteine repräsen- spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, bauausführung: fa. dalhofftieren Staatenlose bzw. Menschen mit ungeklär- ter Herkunft. “Natürlich”, weiß Blesing, “ist das alles teurer als Beton.”

Aber es gehe eben auch um eine Identifikation mit dem Platz, der bisher kaum als solcher wahrgenommen wurde. “Genau deshalb haben wir uns dafür eingesetzt, dass er auch eine kleine Festfläche bekommt und so als Veranstaltungsort genutzt werden kann”, ergänzt Andreas Altenhof. Er gehört hauptberuflich dem Direktorium der Neuköllner Oper an und engagiert sich ehrenamtlich in der aus Anwohnern, Akteuren und Gewerbetreibenden bestehenden Lenkungsgruppe der [Aktion! Karl-Marx-spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, namenswettbewerbStraße]. Das Gremium will zugunsten der Akzeptanz des Platzes aber noch einen Schritt weitergehen. “Damit es wirklich ein Platz von uns Neuköllnern und für uns Neuköllner werden kann, braucht er einen neuen Namen”, findet Altenhof, der sich längst auf PdSH beschränkt, wenn er über den Platz der Stadt Hof spricht. Wer noch keinen Namensvorschlag in die Box geworfen hat, so sein Hinweis, solle ihn per spatenstich, baumaßnahme "umgestaltung platz der stadt hof", berlin-neukölln, puppentheater k+k volkart, könig buschyMail oder Post schicken.

Gedanken um das “verkrüppel- te Büdchen”, den einstigen China-Imbiss unter der Platane, muss sich indes niemand mehr machen. Das kommt weg und dürfte, ginge es nach dem Willen der Puppenspieler von K & K Volkart, gerne als Puppentheater auf den Böhmischen Platz gestellt werden. Schon als Dankeschön für ihr  launiges Stück um König Buschi, Bausteinrat Blase und Herrn Kowalski vom Ordnungsämtchen hätten sie es verdient. Und der Platz der Stadt Hof wird, wie immer er dann auch heißt, ein neues Büdchen bekommen – nebst einem Wall-Klo, sieben sonder- angefertigten Bänken, neun Mastleuchten und etwa 10 Bäumen. Was ihm bleibt, ist aber definitiv die Platane.

=ensa=

Verklärt

özdilek-filiale neukölln arcadenWenn die [Aktion! Karl-Marx-Straße] über Neuigkeiten oder Veränderungen entlang der Karl-Marx-Straße informiert, fällt das gerne ein wenig blumiger aus als real ersichtlich ist. “Jung, bunt, erfolgreich” – mit  diesen Begriffen soll, geht es  nach dem vom Bezirksamt eingesetzten [Aktion! Karl-Marx-Straße]-Team, Neuköllns Haupt- özdilek-filiale neukölln arcadenstraße einmal charakterisiert werden.

Folglich wurde auch dem Beitrag über die Eröffnung der Özdilek-Filiale in den Neukölln Arcaden, der im aktuellen Newsletter erschienen ist, wieder eine Überdosis Erfolgsgeschichte eingehaucht. Seit dem 5. März bietet die Firma in der Ladenpassage an der Karl-Marx-Straße ihre Haushalts- und Heim- textilien an. Die erste Filiale des türkischen Global Players in Deutschland sei es, und hochkarätige Gäste hätten sich zur Eröffnung eingefunden, ist dem  [Aktion! Karl-Marx-Straße]-Newsletter  zu entnehmen.

Inzwischen eröffnete Özdilek eine zweite Filiale in den Wilmersdorfer Arcaden”, verrät der Schlusssatz des Textes. Das klingt nach einer Vorreiterrolle für Neukölln, nach einer Pole Position. Ein Anruf bei der Özdilek-Filiale im Bezirk Wilmersdorf stutzt die Verhältnisse dann aber gehörig zurecht. Die überraschende Antwort auf die Frage, wann dort Eröffnung gefeiert wurde: “Am 5. März war das.”

=ensa=

“Welch ein Reichtum”: Glaubensfreiheit und 275 Jahre Böhmisches Dorf

“Abkunft – Niederkunft – Herkunft – Ankunft – Auskunft – Unterkunft – Übereinkunft – Zukunft”  Diese Abfolge hätte als Motto zur Einladung zu einem „besonderen“ bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorfPressegespräch in der Bethlehemskirche am Richardplatz dienen können, bei dem das Pro- gramm “Glaubensfreheit – 275 Jahre Böhmisches Dorf” vorgestellt wurde. Nichts Besonderes war, dass es auch bei der von  Horst Evertz  von der [Aktion! Karl-Marx-Straße] moderierten Veranstaltung nicht ohne das akademische Viertel ging.

Nach der obligatorischen Verspätung heißt Viola Kennert, Superintendentin des evangelischen Kir- chenkreises Neukölln, die anwesenden Presse- vertreter willkommen, nimmt Bezug auf den Ort und erinnert, dass der Kirchbau älter sei als das bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, viola kennertEreignis, nämlich die Ankunft der Böhmen vor 275 Jahren, das in diesen Tagen gefeiert wird.

Die Kirche wurde Ende des 15. Jahrhunderts gebaut und 1884 der lutherischen Bethlehems- gemeinde zur Nutzung übergeben. Seit 1912 hat sie den Namen Bethlehemskirche in Erinnerung an die Ursprungskirche, die Bethlehemskirche in Prag. Der Ort erzähle vom Ankommen, vom Heimat-Finden, vom Sich-Arrangieren mit denen, die schon da sind,  sagt Viola Kennert. 275 Jahre Böhmisches Dorf sei auch die Geschichte von Flucht. Flucht derjenigen Böhmen, die einen Ort suchten, an dem sie weder römisch-katholisch noch lutherisch sein mussten und ihre reformierte Konfession leben durften. Eine Konfession, für die Jan Hus bereits hundert Jahre vor Martin Luther gestritten hatte und dafür sterben musste.

Es war aber auch die Erfahrung, dass Integration und Zusammenleben zwar Raum gegeben, aber nicht angeordnet werden kann. Integration sei ein Stückchen Arbeit. Die Voraussetzung dafür sei, dass die Freiheit gewährt wird, den eigenen Glauben zu leben, zu gestalten und in die Gesellschaft einzubringen. Wenn das möglich wäre, würden Fremde zu loyalen Bürgern und Bürgerinnen, und das Zusammenwachsen von ganz Unterschiedlichen würde möglich, die Unterschiede würden aufgehoben, es entstünde etwas Neues. Abschließend weist Viola Kennert auf ein – wie sie findet – bedeutsames Zeichen der Zusammenarbeit der Brüdergemeine und der Rixdorfer Gemeinde hin, nämlich innerhalb der Reformationsdekade im Oktober im Gedenken an Jan Hus das Oratorium von Carl Loewe zur Aufführung zu bringen. „Vielfalt gelingt, wenn Unterschiede geachtet, vielleicht sogar geliebt werden. Ich denke, davon zeugt diese Geschichte – 275 Jahre – und die wollen wir mit unseren bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorfunterschiedlichen Gaben fortsetzen. Ich freue mich über den Austausch, den wir haben werden über das weiter- gehende Programm, das entstanden ist.“ Mit diesen Worten beschließt die Superintendentin ihren Begrüßung.

Launig beginnt Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing: „Das letzte Mal, dass ich – glaube ich – in einer Kirche was sagen durfte, war am Tag meiner Konfirmation.“ Weiter geht es im vom ihm angekündigten „normalen Neu- kölln-Deutsch“. So gäbe es bei vielen, wenn sie Böhmen hören, die Assoziation mit böhmischem Bier, böhmischer Musik, böhmischem Schweinsbraten und böhmischen Knödeln – nicht so bei denen, die sich sowohl in Rixdorfer wie Neuköllner Zeit den Böhmen freundschaftlich verbunden fühlten und fühlen. Er selbst sei seit sechs Jahren in seiner beruflichen Eigenschaft dicht an diesem Thema dran und hätte u. a. vieles vom Comeniusgarten-Initiator Henning Vierck erfahren und gelernt, aber auch mit ihm auf den Weg gebracht. Das Vorhandensein des Böhmischen Dorfes sei zur Normalität geworden und zum Neuköllner Alltag geraten, Fremdlinge seien zu Mitbürgern geworden. Bei den Überlegungen, wer die Vorbereitungen für die Feiern zu diesem Jubiläumsjahr begleiten solle, seien Bezirksbürgermeister und -amt zu dem Schluss gekommen, bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, thomas blesingihm diese Aufgabe zu übertragen, damit sichergestellt sei, dass auch der Bezirk seinen Anteil an dem Gesamtvorhaben habe.

Damit leitet er über zu den Absichten, die Richardstraße umzugestalten, diese u. a. mit Vorgärten und Bäumen zu versehen. Auftakt dazu wird ein 1. Spatenstich zusammen mit dem tschechischen Botschafter am 15. Juni vor dem Haus Richardstraße 97 sein. Bauarbeiten, so Blesings Credo, sind Ausdruck von Veränderung, und sollten unter diesem Gesichtspunkt akzep- tiert werden.

Mit dem Wunsch, es mögen viele Menschen anlässlich der vielen Veranstaltungen rund um das Jubiläum des Böhmischen Dorfs in diesen Bezirk finden, um feststellen zu können, wie viel Kultur – nicht nur beim Festival 48 Stunden-Neukölln – in Neukölln geboten wird, richtet er abschließend den Dank an die Initiatoren, und den Appell an die Presse, das entsprechend zu publizieren und wie in der Kirche üblich, die „Frohe Botschaft“ nach außen zu tragen.

Nun richtet der Kameramann vom tschechischen Fernsehen sein Equipment auf die nächste Rednerin, auf Lenka Štetková. Die Botschaftssekretärin vertritt den tschechischen Botschafter Rudolf Jindrák und schildert mit einigem emotionalem Ausdruck ihre Erfahrungen, die sie als Kind in Ostböhmen, in Litomyšl und dem Pflichtausflug zur „Rosenwiese”, im Nachbarort Ružový paloucek, machte. An diesem Ort, sollen sich die Glaubensflüchtlinge von ibethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, lenka stetkovahrer Heimat verabschiedet haben, bevor sie für immer ins Ausland gingen. Auch Jan Ámos Komenský war unter ihnen. Angeblich haben die Böhmischen Brüder an diesem Ort sogar einen goldenen Kelch vergraben. Dass dieser jedoch niemals gefunden worden sei, erheitert die Zuhörenden. Damals, während dieser Pflichtausflüge, hätte sie gespürt, sagt Štetková, dass es auf Ružový paloucek um etwas Trauriges gegangen sei, um den Anfang einer langen Reise. Wohin aber, warum und wie diese Reise ausging, das hätte sie damals nicht verstanden. Erst viel später, als sie begann, mehr über die Auswanderung der Exulanten in die Welt und auch nach Berlin zu lesen und als sie bei ihrem ersten Besuch des Böhmischen Gottesackers Ortsnamen ihrer Heimat entdeckte, wurde ihr damaliges Kindheitsgefühl der Traurigkeit durch ein neues Empfinden bereichert, der Gewissheit, dass es für die Böhmischen Brüder, die 1737 oder auch später nach Berlin gingen, ein Ankommen nach einer langen Reise gab, dass die genossenen Vergünstigungen und der eigene Fleiß ihnen schließlich die nötige Anerkennung verschafften.

Henning Vierck, der Initiator des Projekts “Glaubensfreiheit”, nimmt das Thema Rosenwiese seiner Vorrednerin auf  und weist auf die sich derzeit wunderschön präsentierende Rosenwiese im Comeniusgarten hin. Dann gerät er vor seinem Hintergrund als Politikwissenschaftler ins Schwadronieren. Bereits um 1968, einer Zeit, in der man über „Basisdemokratie“ nachdachte, bekam er von seinem erzkonservativen Professor Hans Maier, dem späteren Kultusminister in Bayern, bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, henning vierckfolgenden Hinweis: „Wenn Sie etwas über Basisdemokratie wissen wollen, dann müssen Sie sich über die Brüder und Schwestern des Gesetzes Christi informieren, und das sind die Böhmischen Brüder.“ Ab da hat sich Vierck mit der Rosenwiese beschäftigt. Die Rosenwiese stehe im Übrigen für Johann Valentin Andreae, ein Nachfahre von ihm arbeite übrigens im Jugendamt Neukölln. Andreae sei derjenige, der die Rosenkreuzermär verfasst und dazu aufge- fordert habe, dass alle Wissenschaftler ihre Werke nach Tübingen schicken, sollten, damit es Gemeingut wird.

Die Rosenwiese, so Henning Vierck, stehe für Vielfalt, für Vitalität und für das Zusammenkommen ganz unterschiedlicher Blüten. Wenn Tschechen ihr Land verlassen mussten, weil sie in ihrem Land ihrem Glauben nicht nachgehen konnten, dann haben sie geweint und aus den Tränen der Trauer sei die Rosenwiese entstanden. “Als die Exulanten am 25. März 1737 hier in Rixdorf ankamen, habe der König das Schulzengericht gekauft und dort innerhalb kürzester Frist ein preußisches Kolonistendorf errichten lassen.” Wie Soldaten hätten die Häuser an der Straße gestanden, zwei Familien in einem Haus. Das Ackergerät habe man sich geteilt. So habe die Architektur das Zusammenleben unterstützt. Das Dorf Cervená Voda, deren Bewohner geflohen waren und hier angesiedelt wurden, sei heute noch in letzten Resten sozial existent. Eigentlich, meint Vierck, müsse Manfred Motel hier stehen; er habe eine Chronik verfasst, die irgendjemand weiterführen müsse. In der 10./11. Generation leben hier Böhmen, was es seines Wissens so nur in Neukölln gäbe: “Welch ein Reichtum.”

Neukölln hätte in den letzten Jahren nicht viel an ökonomischem Reichtum, dafür aber immer viel an kulturellem Reichtum gehabt, und es gelte die kulturelle Vielfalt gerade jetzt in dem sozialen Wandel zum Nutzen der Menschen zu unterstützen, fordert Henning Vierck.

Horst Evertz merkt an, dass es insbesondere zu diesem Redebeitrag im Anschluss bestimmt viele Nachfragen gäbe – er sollte sich irren. Dann übergibt er an Dorothee Bienert, die Koordinatorin des Kulturprogramms. Einige Veranstaltungen – wie beispielsweise das Forschen von Kindern und Wissenschaftlern zum Thema “Himmel” – würdenbethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, dorothee bienert schon laufen, erklärt sie, andere erst beginnen. Bienert verweist auf die  morgige Eröffnung der Ausstellung “Das Leben ist anderswo”  in der Galerie im Körnerpark, auf  vielfältige Führun- gen, wissenschaftliche Exkursionen und “Begehun- gen toleranter Orte”. Hingewiesen wird Auch beim Kulturfestival in zwei Wochen werde man sich dem Thema „275 Jahre Böhmisches Dorf“ widmen:  Für den 17. Juni organisiere der Ökumenische Arbeitskreis einen ökumenischen Gottesdienst mit anschließender Festveranstaltung am Denkmal Friedrich Wilhelm I. und langer Kaffeetafel. Bis zum Ende des Jahres gebe es viele weitere Veranstaltungen, die ins Programm- heft Einzug gehalten hätten: das Ramadanfest im August, das Rixdorfer Strohballenrollen Anfang Sep- tember und diverse thematische Diskussionsrunden.

Nächste Rednerin ist die in einem der Büdnerhäuser der böhmischen Brüder- gemeine aufgewachsene Dr. Cordelia Polinna. Das Engagement für ihr Projekt erklärt sie einerseits mit dieser persönlichen Situation und anderseits mit ihrer Fachkompetenz als Planungs- und Architektursoziologin. In letzterer Funktion habe bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, cordelia polinnasie sich schon mehrfach mit benachteiligten Stadtteilen und mit Stadtteilen, die von Migran- ten geprägt sind, befasst.

Zum Programm “Glaubensfreiheit – 275 Jahre Böhmisches Dorf” trägt Polinna die Ausstel- lung „Keine Urbanität ohne Dörflichkeit“ bei, die am 30. Juni in der Galerie im Saalbau zu sehen sein wird. Kern der Arbeit sei es gewesen, anhand des Böhmischen Dorfes zu analysieren, wie die dörflichen Strukturen am Rande einer großen Stadt den Ankömmlingen geholfen haben, sich hier heimisch zu fühlen. Wie ist die Beziehung von Dorf und Großstadt? Welche Orte machen das Böhmische Dorf zu einem Stadtlabor, in dem ausgetestet wird, wie Menschen verschiedenster ethnischer, kultureller und sozialer Hintergründe miteinander leben können? Welches sind historische Orte des Glaubens, Orte des Lernens, Orte des Arbeitens und Orte der Gemeinschaft? Das waren die Kernfragen für Cordelia rixdorf 1755, foto: -jkb-Polinna.

Sie zeigt  u. a.  ein Bild vom Relief am Sockel des Friedrich Wilhelm I.- Denkmals. Die aufgereihten Häuser im Vordergrund entsprächen durch- aus der Realität, die Hügel im Hintergrund würden jedoch nicht die Rollberge, sondern eine Reminis- zenz an die Heimat darstellen, weiß Polinna. Um die Orte der Migration heute herausfinden zu können, wurden Stadtbegehungen und Interviews mit heute hier Lebenden durchgeführt. Aus einigen der Begehungen wurden Stadtteilführungen.

Zwei dieser Stadteilführerinnen stellen sich vor, es sind Rascha und Rima Akil, die seit 2008 Stadtspaziergänge begleiten. Die einzelnen Stationen, an denen sie ihre bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, rascha akil, rima akilpersönlichen Eindrücke über diesen Kiez an die Teilnehmer vermitteln, hätten sie selbst ausgesucht. Stolz berichten sie, dass sie ihre Führungen in deutscher, englischer, französischer und arabischer Sprache anbieten. Als sie bei der Aufzäh- lung der zahlreichen Herkunftsorte ihrer Teilnehmer auch Neukölln erwähnen, wird das mit Lachen honoriert. Sie verraten bei der persönlichen Vorstellung, mit denen sie auch ihre Touren jeweils beginnen, dass Rascha 23 ist und Informatik studiert und die 22-jährige Rima ein Jura-Studium absolviert. Ihre Eltern, erzählen sie, seien strohballenrollen, wandbild frauenschmiede neukölln1989 aus dem Libanon hierher gekom- men. “Unsere Heimat ist Rixdorf”, sind sich die beiden Schwestern einig.

Die in der Ausstellung präsentierten Orte sollen im Quartier kenntlich gemacht werden, ergänzt Moderator Horst Evertz noch. Seiner Einladung, nunmehr nach- zufragen, will niemand folgen; offenbar waren alle Beiträge hinreichend informativ.

=kiezkieker=

Kapituliert

geschäftsaufgabe peter rizzi neukölln, karl-marx-straßeNun reicht’s! Fast 32 Jahre lang hat er in seinem Laden in der Karl-Marx-Straße Mar- kenbekleidung für Männer verkauft, jetzt schließt er. Für immer!

Mit der Aufgabe des Peter Rizzi-Shops ver- dunkelt sich ein weiteres Kapitel im Ge- schichtsbuch der Neuköllner Traditionsge- schäfte in der Magistrale des Bezirks. “Wer hier Qualität statt Billigklamotten anbietet, kann nur enttäuscht werden”, ist das Fazit geschäftsaufgabe peter rizzi neukölln, karl-marx-straßedes Inhabers. Abge- zeichnet habe sich das schon, als das 25-jährige Jubiläum gefeiert wurde: “Viel- leicht war ich wirklich ein bisschen verrückt, weil ich trotzdem an dem Laden fest- halten wollte.” Der sei schließlich das älteste von damals fünf geschäftsaufgabe peter rizzi neukölln, karl-marx-straßeBerliner Peter Rizzi-Ge- schäften gewesen.

Mit dem Inkrafttreten des Citymanagements der [Aktion! Karl-Marx-Straße] keimte neue Hoffnung auf, dass der Standort wieder die Kurve hin zu einer florierenden Adresse kriegen würde. “Immerhin weiß ich durch eine Erhebung von denen, dass nur etwa 60 Pro- zent der Passanten und potenziellen Kunden auf der Karl-Marx-Straße in den Abschnitt südlich der Kreuzung Werbellinstraße kommen.” Aber Erhebungen allein würden den Geschäftsleuten geschäftsaufgabe peter rizzi neukölln, karl-marx-straßein besagtem Bereich auch nicht helfen und wirkliche Pläne, die als Konsequenz auf die Statistik folgen und eine Belebung des Gebiets anpeilen, sehe er nicht. Ein halbes Dutzend leerer, mit “Zu vermie- ten”-Schildern plakatierter Gewerbe-Immo- bilien in der Nachbarschaft macht deutlich, dass Skepsis  mit Tendenz zum Pessimis- mus kein singuläres Phänomen ist.

Zuversichtlich, den Neukölln-Hype für sich nut- zen zu können, seien indes viele Hauseigentümer. Eine Mieterhöhung von 25 Prozent wäre für den Laden von Peter Rizzi fällig geworden: “Da habe ich beschlossen, dass es nun wirklich reicht!” Wenigstens sei der Abverkauf noch ganz gut gelaufen.

=ensa=

Neukölln-Macher auf Augenhöhe

Viele hetzen oder schlendern achtlos an der Backsteinmauer vorbei. Andere sehen sich wenigstens einzelne der 12 großformatigen Portrait-Fotos, die seit drei Wochen an ausstellung "wir machen neukölln", karl-marx-straße, magdalenenkirche,christina stivaliihr hängen. Und dann sind da noch die, die ganz genau hingu- cken, jedes Bild mustern, sich die knappen Informationen über die Por- traitierten durchlesen und sogar den Aushang studieren, der den Sinn und Zweck der Ausstellung an Neuköllns Karl-Marx-Straße preisgibt.

“Die haben was mit der Kirche zu tun. Gemeindemitglieder?”, vermutet ein Passant, der der Fotostrecke offenbar kaum Aufmerksamkeit schenkte. Denn dem ist nicht so. Die Bilder in direkter Nachbarschaft zur Magdalenenkirche sind das Er- gebnis des Projekts “Wir machen Neukölln” und zeigen Geschäftsleute, die an der Karl-Marx-Straße und im angrenzenden Richardkiez ihre Läden haben. Thomas Brenner ist dabei, der Chef der direkt gegenüber liegenden Körner-Apotheke, die seit vielen Wochen Baustellenrabatte auf einige Arzneimittel gibt, damit Kunden der ausstellung "wir machen neukölln", karl-marx-straße, magdalenenkirche, christina stivaliAufenthalt in Neuköllns Hauptstraße wenigstens finanziell in guter Erinne- rung bleibt. Auch Bao Ngonc Wro- na-Hong, Änderungsschneiderin Ma- rija Zajac, Inken Planthaber, Zeitungs- laden-Inhaber Varinder Kumar Ka- poor, Luis Enrique Drews Albano, Herr Mier  und Gönül Hürriyet Aydin zeigen wie einige andere Gesicht und geben zugleich einen Einblick in die gewerbliche wie auch kulturelle Vielfalt der Gegend. “Es sind vorrangig solche, die im Kiez aktiv sind und ihn mitprägen”, erklärt Projektleiterin Marie Wilz die Auswahl.

Herausgekommen sei eine Art Hommage an die kleinen Kiezläden, die ob des Umbruchs in Neukölln jenseits vom Hype schwierige Zeiten erleben:  “Sie haben nicht nur mit steigenden Mietkosten, sondern auch mit ungleich bemittelteren neuen Konkurrenten zu ausstellung "wir machen neukölln", karl-marx-straße, magdalenenkirche, christina stivalikämpfen. So ernten die früheren Bewohner immer weniger die Früchte ihrer langjährigen Arbeit.” Angedacht sei auch, die Fotoserie mit Gewerbetrei- benden anderer Neuköllner Kieze fortzu- setzen, sie dann vielleicht sogar in einem Album zu sammeln.

Vorher sollen aber die 12 aktuellen, von der Fotografin Christina Stivali abgelichteten Wir machen Neukölln-Protagonisten unter ein Dach im Richardkiez umziehen. Genaues stehe aber noch nicht fest, sagt Marie Wilz, deren Projekt mit 5.000 Euro aus Mitteln der [Aktion! Karl-Marx-Straße] und des Quartiers- managements Richardplatz-Süd finanziert wurde: “Wir waren positiv überrascht, dieses Jahr noch eine Förderung zu bekommen, zumal die Planung extrem kurzfristig war. Aber es zeigt uns, dass das Interesse am Thema da ist. Letztendlich haben wir das komplette Projekt in weniger als vier Wochen durchgezogen.” Die guten Kontakte der Finanziers zu den Geschäftsleuten verschaffte den Ausstellungsmacherinnen einen Vertrauensvorschuss. “Trotzdem war ich überrascht, wie schnell sie zugestimmt haben und vor allem, wie wenig Scheu sie davor hatten, fotografiert zu werden und dann ihr Portrait überdimensional auf der Straße hängen zu sehen”, erinnert sich Marie Wilz, die selber im Kiez lebt. “Wir waren wirklich beeindruckt von der Offenheit und der Herzlichkeit aller Gewerbe- treibenden.” Faktoren, die im Alltag der Einzelhändler und Dienstleister nicht un- wesentlich zum wirtschaftlichen Überleben in Neukölln beitragen.

=ensa=

Hier dezent, da opulent: Vorweihnachts-Spagat in Neukölln

Die Zeiten, als die Karl-Marx-Straße in der Adventszeit noch weihnachtlich geschmückt und beleuchtet war, sind lange vorbei. Auch Weihnachtsmarkt-Buden zwischen Ganghoferstraße und Rathaus, an denen gegessen, getrunken oder Nippes gekauft werden konnte, gehören der Vergangenheit an. Heute erinnern nur die Auslagen und Dekorationen der Geschäfte an das bevorstehende Fest, Neuköllns Magistrale selber präsentiert sich im Business as usual-Look.

Ganz anders: die Neukölln Arcaden. Schon die Fassade des Shoppingcenters hat sich in ein Lichtermeer verwandelt, in der Einkaufspassage setzt sich die atmosphärische Opulenz fort – über eine Viertelmillion Lämpchen wurden hier verbaut. Die Balustraden aller Etagen sind in funkelnde Lich- tervorhänge gehüllt, Weihnachtsbäume festlich gül- den geschmückt, und über den Rolltreppen hängen mächtige Weihnachtssterne, die halbstündlich im Takt von Weihnachtsliedern in verschiedenen Far- ben aufleuchten.

Ungleich bescheidener fällt die Inszenierung ein paar hundert Meter weiter südlich auf dem Platz der Stadt Hof aus. Das Bunteste ist hier – absehen von dem, was Passanten an und mit sich tragen – das lieblos mit Asphalt ge- flickte Wappenmosaik der Stadt Hof. Dass der lange vernachlässigte Platz seit dem 1. Advent abends etwas heller anmutet, ist dem zu verdanken, was von Fromlowitz + Schilling, den Öffentlichkeitsarbeitern der [Aktion! Karl-Marx-Straße], als “außergewöhnliche Ak- tion” bezeichnet wird: Drei Lichtkünstler bestückten die Platane auf dem Platz mit etlichen weißen Einkaufstüten, die noch bis Anfang Januar bei Einsetzen der Dämmerung durch ein Strom-Sponsoring des Karstadt Schnäppchenmark- tes beleuchtet werden und so dem Ort ein wenig stimmungsvoller machen sollen. Dem Citymanage- ment  geht es jedoch auch noch um etwas anderes. Von einer “Doppelgleisigkeit” spricht Sabine Slapa. Einerseits solle mit dem Projekt Weihnachts- platane zum Shoppen in den Geschäften der Karl- Marx-Straße und ihren Nebenstraßen anregt, an- dererseits aber durch die Wahl des Ortes und eine entsprechende Fokussierung auch signalisiert wer- den, “dass auf dem Platz der Stadt Hof jetzt wirklich etwas passiert”. Schon im nächsten Jahr werde die Umgestaltung angegangen, so Citymanagerin Sabi- ne Slapa, und die soll Neuköllns städtebauliches Stiefkind endlich zum Zentrum der Karl-Marx-Straße machen.

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Benachteiligte Quartiere

Was wird aus der Mitte? Was wird aus den ehemaligen Arbeiterquartieren, was aus den ehemaligen Stadtbrachen? – Mit diesen Aspekten beschäftigte sich die Initiative Think Berl!n bei ihrer Strategietagung, zu der mit der provokativen Frage “Ist Stadt- entwicklung nach der Wahl egal?” eingeladen wurde. Nun erschien anlässlich der Tagung die Publikation “Berlin hat mehr verdient!”, in der auch der folgende Text von Dr. Cordelia Polinna erschien:

Die Herausforderungen, vor denen innerstädtische benachteiligte Stadtquartiere wie Nord-Neukölln, Kreuzberg, Moabit oder Wedding stehen, werden von verschiedenen Ressorts der Politik umfangreich diskutiert.

Die Probleme sind mehrdimensional, bestehen u. a. in den Bereichen Bildung, Arbeitslosigkeit, Integration, Wirtschaftskraft, Wohnungs- und Mietenpolitik und haben Auswirkungen, die sich in der städte- baulichen Struktur der Gebiete widerspiegeln, etwa durch Segre- gation, überforderte Einrichtungen der sozialen und kulturellen Infra- struktur, verwahrloste öffentliche Räume aber auch wirtschaftlich geschwächte und nicht funktionie- rende Stadtteilzentren. Gleichzeitig ist zumindest in einigen dieser Gebiete ein wachsender Entwick- lungsdruck unverkennbar – etwa durch die Zunahme von Touristen und den vermehrten Zuzug von Studenten und „Kreativen“. Diese Entwicklung ist prinzipiell sinnvoll und gewollt, denn die Quartiere zeichnen sich durch eine attraktive Bausubstanz aus, sind gut erschlossen und eignen sich als Wohn- und Arbeitsquartiere für alle gesellschaftlichen Schichten. Sie löst jedoch bei Teilen der Bevölkerung Ängste aus – vor Gentrifizierung und vor Touristifizierung. Diese Ängste müssen Ernst genommen werden. Es müssen Ideen entwickelt werden, wie in den „alternativen Szenekiezen“ mit den negativen Auswirkungen des Zuzugs von Besserverdienenden oder mit den wachsenden Touristenströmen, etwa Lärm- belästigung oder die Umwand- lung von Wohnungen in Ferien- wohnungen, umgegangen wer- den kann.

Gleichzeitig bieten sich durch das wachsende Interesse an diesen Quartieren auch viele Chancen für die polyzentrale Stadt – die Stärkung der lokalen Ökonomie und des dezentralen Tourismus in den Bezirken oder die Qualifizierung der inner- städtischen Wohnquartiere im Sinne der klimagerechten, kompakten Stadt mit Mischnutzung und kurzen Wegen.

 In den vergangenen Jahren sind umfangreiche Fördergelder in die benachteiligten Quartiere geflossen, in Form der Programme Quartiersmanagement bzw. soziale Stadt, Aktive Stadtzentren, Stadtumbau West und Aktionsräume plus; durch Vorzeigeprojekte wie den Campus Rütli sowie zuletzt im Rahmen der Festsetzung neuer Sanierungsgebiete, die zu einem großen Teil in den benachteiligten Innenstadtquartieren liegen. Mit Hilfe dieses wichtigen stadtplanerischen Instruments werden in den nächsten 15 Jahren rund 216 Millionen Euro vorrangig für die Verbesserung von Schulen, Kitas, Straßen und Grünflächen investiert. In den benachteiligten Stadtquartieren überlagern sich also mehrere Förderkulissen. Welche Erfolge mit den bisherigen Maß- nahmen erzielt wurden, wird jedoch nicht wirklich deutlich, im Gegenteil, das „Monitoring soziale Stadt“ doku- mentiert seit Jahren einen immer weiter voranschreitenden Negativtrend.

Vor allem mangelt es an innovativen Konzepten für die Gebiete. Das im Rahmen des Programms Aktive Stadtzentren entwickelte Motto “[Aktion! Karl-Marx-Straße] – jung, bunt, erfolgreich” klingt recht banal und austauschbar. Was die „Aktionsräume plus“ leisten und ob sie nicht in erster Linie Ressourcen binden, wird ebenfalls nicht deutlich, auch hier sind die bislang vorgestellten Konzepte schwammig und erschreckend visionslos.

Als zentrales Vorzeigeprojekt im nördlichen Neukölln ist der Campus Rütli geplant, die Aufwertung einer „Problemschule“. Der städtebauliche Entwurf für den Campus konnte jedoch nicht überzeugend darstellen, wie sich der Campus öffnen und das mittlerweile sehr lebendige Quartier einbeziehen wird. Im Gegenteil, hier ist immer noch eine Abschottung nach Außen geplant. Kann sich das Projekt mit dem vorhandenen Nutzungs- und Gestaltungs- konzept wirklich zu einem lebendigen, attraktiven Anziehungspunkt des Stadtteils entwickeln?

Und grundsätzlich: Welche neuen Funktionen müssen Einrichtungen der sozialen und kulturellen Infrastruktur in den benachteiligten Stadtquartieren übernehmen, um mit den Herausforderungen der Gebiete umgehen zu können? Und welche Rolle sollte die Gestaltung spielen, wenn eine Erneuerung oder der Neubau von Infrastruktureinrichtungen geplant werden?

Mit den neu ausgewiesenen Sanierungsgebieten fließt viel Geld in die benachteiligten Stadtquartiere und die öffentliche Hand hat mit der Ausweisung eine große Chance bekommen, städtebauliche Impulse zu setzen. Wie mit diesen zusätzlichen Geldern die Probleme gelöst werden sollen, bleibt jedoch unklar. Gibt es für diese „Sanierung“ überhaupt schon eine Leitidee, die über Allgemeinplätze hinausgeht? Muss nicht, bevor jetzt umfangreiche Maßnahmen in den Sanie-rungsgebieten geplant werden, erst mal eine völlig neue Definition von Sanierung und Aufwertung entwickelt und diskutiert werden, die den heutigen Anforderungen an die Gebiete gerecht wird? Können wir mit den Instrumenten der Sanierung von vor 30, 20, 10 Jahren den neuen Fragestellungen überhaupt noch begegnen? Müssen hier nicht neue Ansätze entwickelt werden, die auf Fragestellungen wie das Thema der multiethnischen Stadt oder die Angst vor der Verdrängung, den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel eingehen? Und sind die Bezirke und vor allem die lokalen Planungsämter dieser Chance, aber gleichzeitig auch dieser neuen Herausforderung überhaupt gewachsen?

Was für neue Instrumente müssen entwickelt werden, um „Sanierung“ durch- zuführen? Die Konsequenz aus der Befürchtung, durch städtebauliche Maßnahmen immobilienwirtschaftliche Aufwertungsprozesse auszulösen, kann ja nicht lauten, in diesen Quartieren auf städtebauliche Projekte zu verzichten. Wie muss also der Begriff der Aufwertung neu definiert werden? Wie kann die private Wirt- schaft stärker in diese Prozesse eingebunden werden?

Mit anderen Worten: Es wurde versäumt, vor der Ausweisung der neuen Sanierungsgebiete eine breite gesellschaftliche Diskussion anzu- stoßen, was denn überhaupt die Merkmale einer neuen Generation von Sanierungsgebieten sein sollen. Welche Rolle soll in diesen Gebieten das Thema der Baukultur, der städtebaulichen Qualität spielen. Muss nicht die städtebauliche und architektonische Gestaltung der Projekte stärker ins Blickfeld rücken – weg von „so billig wie möglich“ zu Projekten, auf die die Bewohner der Gebiete stolz sein und mit denen sie sich identifizieren können?

Doch der Blick auf die innerstädtischen Sanierungsgebiete reicht nicht aus. Wenn Menschen verdrängt werden, dann oft an den Stadtrand, in die Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Um diese Siedlungen kümmern sich nur wenige Spezialisten. Diese Siedlungen rücken nur dann ins Blickfeld von Politikern, wenn dort radikale Parteien große Zuwächse bei Wahlen verbuchen. Das aber ist zu wenig. Wenn wir nicht aufpassen, ballen sich dort die Probleme von morgen.

=Cordelia Polinna=

Cordelia Polinna wurde in Neukölln geboren, wuchs im Böhmischen Dorf im Richardkiez auf und lebt auch heute wieder – nach Stationen in Edinburgh, London und New York – in Neukölln. Sie studierte Stadt- und Regio- nalplanung und promovierte vor vier Jahren an der TU Berlin.

Individuelles als Kontrastprogramm zur Massenware

Mit der Neuköllner Modedesigner-Szene ist das so ‘ne Sache: Im Reuterquartier ist sie besonders präsent, im Körner-, Schiller- und Richardkiez immerhin noch ver- einzelt vertreten, in den anderen Gebieten aber so gut wie gar nicht. Zu eben diesen anderen Gebieten gehört auch die Karl-Marx-Straße. Wer 08/15-Klamotten sucht, die massenhaft und zu Billigpreisen produziert wurden, hat gute Chancen, fündig zu werden. Ist man allerdings auf Indi- viduelles aus hochwertigen Materialien und in  sorgfältiger Verarbeitung aus, wird es schwierig bis unmöglich – momen- tan jedoch nicht. Denn in den Neukölln Arcaden geht das Neukölln Fa- shion Weekend (wir be- richteten)  in die Verlän- gerung: Noch bis Sams- tag gibt es im Erdge- schoss eine Verkaufs- ausstellung mit fünf Neuköllner Modemachern.

“Die Kooperation mit den Neukölln Arcaden ermöglicht es uns, das Profil der Karl-Marx-Straße in Richtung Mode zu lenken”, beschreibt Susann Liepe vom Citymanagement der [Aktion! Karl-Marx-Straße] die Ambitionen. Angedacht sei, ergänzt ihre Kollegin Sabine Slapa, künftig die Kapazitäten der Neuköllner Modeszene dahingehend zu nutzen, Verkaufs- und Showrooms in leeren Läden der Magistrale zu installieren. Indes richtet sich der Fokus von Neukölln Arcaden-Centermanager Bernd Mu- chow vor allem auf die Endverbraucher und die Designer. Letztere würden durch die Präsenz auf der Aktionsfläche das Umsatz- und Kundenpotenzial einer Ladenstraße erleben, erste- re hätten dadurch die Chance, in den Neukölln Arcaden Designer-Mode ansehen und kaufen zu können.

Zu denen, die dort momentan mit einem Stand vertreten sind, gehört Olivia Leben. Vor zwei Jahren gründete sie ihr Label African Mode Design, mit dem sie eine Brücke zwischen dem schwar- zen Kontinent und Europa bauen will. Olivia Lebens Mode für Frauen, Männer und Kinder ist farbenfroh und nichts für Leute mit einem Faible für unauffällige Outfits. Die Stoffe – zu- meist Baumwolle oder Leinen – be- zieht die Designerin direkt aus Afrika. Dank ihrer guten Vernetzung mit der afrikanischen Community in Berlin ist dafür gesorgt, dass der Nachschub nicht ausbleibt: “Irgendwer ist immer gerade da und bringt mir dann Stoffe mit.” Aus denen entstehen im Atelier in der Briesestraße  kongeniale Verbindungen aus  afrikanischen Materialien und europäischen Schnitten: Hemden, Blusen, Röcke, Ho- sen, Overalls und Kleider. “Jedes Teil meiner Kollektion ist nicht von mir selber entworfen, sondern auch von mir selber genäht”, betont Olivia Leben.

Ein weiteres ihrer vielen Talente offenbaren die Accessoires, die die afrikanophile De- signerin anbietet: Schmuck, Taschen und Beutel im Afrika-Look. Für manche Frau sind sie der Einstieg zum Bekenntnis zu mehr Farbe, für andere perfekte Begleiter für die Mode von Olivia Leben.

Sehenswertes für Fashion-Fans gibt es aber derzeit nicht nur im Erdgeschoss, sondern auch in der 1. Etage der Neukölln Arcaden. In einzelnen Mode-Boxen zeigen sieben Neuköllner Designer Stücke aus ihren Kollektionen.  “Die Boxen”, so Bernd Muchow, “sind integrativer Teil einer Aktion mit Radio Energy, die momentan in allen Berliner Arcaden stattfindet.” Das Publikum entscheidet mit Votingcards über die ansprechendste Box und nimmt an der Verlosung von Tickets für die Energy Fashion Night teil, bei der u. a. die Kollektion des Siegers präsentiert und der mit dem Arcaden Fashion Award 2011 ausgezeichnet wird. Ob es ein Designer aus Neukölln ist, zeigt sich dann am 21. Oktober.

=ensa=

Offensichtlich: Die Neuköllner Mode-Szene zeigt sich beim Neukölln Fashion Weekend 2011

neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnSeit gestern dreht sich im Heimathafen Neukölln alles um Mode: Noch bis heute Abend zeigen in der Karl- Marx-Straße 141 Neuköllner Designer und Zwischen- neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnmeistereien beim Neu- kölln Fashion Weekend ihre aktuellen Kollektio- nen und ihr Know-how.

Während am gestrigen Vormittag die Vorberei- tungen an den Messe- ständen im Erd- und ers- ten Obergeschoss noch auf Hochtouren liefen, hatte das aus dem NEMONA – Netzwerk Mode & Nähen, der Wirtschaftsförderung des Bezirksamts Neukölln und der [Aktion! Karl-Marx-Straße] bestehende Veranstaltertrio zum Pressefrühstück ins Studio des Heimathafens geladen.

Rund 50 Neuköllner Labels, hinter denen meist Ein-Frau- oder -Mann-Unternehmen stecken, gehören dem Netzwerk derzeit an. 32 Labels wurden von einer Jury aus- erkoren, sich beim zweiten Neukölln Fashion Weekend präsentieren zu dürfen, außerdem sind mit Rix und Roxi, Common Works und Sieben auf einen Streich drei Neuköllner Zwischenmeistereien vor Ort. “Die Vernetzung der Designer mit den Modeproduzenten ist bei unserer Arbeit ein genauso zentrales Anliegen wie die Unterstützung der Labels im Bereich Öffentlichkeitsarbeit”, erklärt NEMONA-Pro- jektleiterin Sabine Hülsebus. Schließlich bewege sich das Gros der Kollektionen in einem so kleinen Stückzahlenbereich, dass die Produktion im Ausland einen zu großen Aufwand bedeuten würde. Zudem sei bei den meisten kreativen Köpfen hinter den Labels das Ansinnen zu erkennen, bei Nähaufträgen auf soziale Nachhaltigkeit zu setzen und auch in diesem Segment die Identifikation mit dem Bezirk Neukölln zum Ausdruck zu bringen. Wobei es, wie Sabine Hülsebus’ Kollegin Daniela Fleig betont, bei Zwischenmeistereien ja nicht nur um das Nähen an sich gehe: “Das sind für die Designer außerdem ganz wichtige Berater in Material- und technischen ahoj souvenirmanufaktur, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnFragen.”

Auch Clemens Mücke von der Neu- köllner Wirtschaftsförderung sieht ins- besondere in diesem Bereich des Mode-Business ein schlummerndes Potenzial. Bis zum Ende der 1950er- Jahre habe es im Bezirk etliche Zwischenmeistereien gegeben, da- nach sei die Branche drastisch ein- gebrochen. Aktuell  lasse sich jedoch feststellen, dass die vermehrte An- siedlung von Modeprozenten vor einem Neuanfang stehen könnte. Große Chancen sieht er zudem “bei entsprechender Förderung” für die vielen kleinen, oft von Migranten betriebenen Änderungsschneidereien in den Neuköllner Kiezen. Der Bedarf seitens der bei NEMONA vernetzten Designer sei groß. “Auch nach Strickerinnen, Häklerinnen und Stickerinnen”, ergänzt Sabine Hülsebus. Eine neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neukölln, berlinfabrikFestanstellung könne Leuten mit entspre- chender Qualifikation zwar nicht versprochen werden, schränkt sie ein, wohl aber wertvolle Kontakte zu Modemachern.

Die stehen auch beim Neukölln Fashion Weekend beinahe zwangsläufig wieder im Rampenlicht.  18 Labels zeigen noch bis 21 Uhr bei der zum zweiten Mal stattfindenden Verkaufs- messe ihre Kollektionen an Gemeinschaftsstän- den: T-Shirts von berlinfabrik (r.) und der AHOJ! Souvenirmanufaktur (o.) gibt es, Taschen von bolsos berlin, edle Dessous und Korsagen aus Britt Sobottas Berliner Miedermanufaktur, Hüte mon bibi, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnvon mon bibi und Damen- und Herrenmode von ManduTrap, African Modedesign und vielen anderen. Dazu kommen prominentere Labels, die im Saal des Neuköllner Heimathafens ausstellen und für heute – wie TingDing (16 Uhr) und Rosa Tango- mode (18 Uhr) – künstlerisch inspirierte Theater- und Tanzmodenschauen auf die Beine gestellt haben oder gestern bei Modeschauen ihre Machwerke von Models auf dem Catwalk vorführen lassen durften: Die Bandbreite reicht von extravagant Sportivem der Marke Kollateralschaden (2. v. r.) über Strickmode von anyonion (l.), Elegantem von steinort-berlin (2. v. l.) bis hin zu Catsuits von disintegration (r.), Exklusivem von Mayarosa und

anyonion, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnsteinort-berlin, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnkollateralschaden, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllndisintegration, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neukölln

neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnhipper Streetwear und Accessoires von Rütli-Wear (l.). Die rütli-wear, neukölln fashion weekend 2011, heimathafen neuköllnAmbition hinter dem Neukölln Fashion Weekend sei einerseits selbstverständlich, so Clemens Mücke, dass eine hohe Auf- merksamkeit auf die Schaf- fenskraft der Neuköllner De- signer-Szene gelenkt wird. An- dererseits habe man ihnen mit dem Event aber auch die Möglichkeit bereiten wollen, für zwei Tage das “große Business, mit allem Organisatorischen, was dazu gehört” kennen zu lernen.

Die Vorteile der bestens vernetzten Veranstalter lernen sie dabei außerdem gleich zu schätzen: Das Messemobilar wurde von der PREMIUM-Modemesse ausgeliehen,  die C & A-Filiale an der Karl-Marx-Straße stellte 200 Kleiderbügel zur Verfügung und die Models sind in geborgten Highheels vom Neuköllner Markenschuh-Outlet der Firma Leiser auf dem Laufsteg unterwegs.

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Cool, hip und trendy

Mit diesen Adjektiven wird der Norden von Neukölln gern beschrieben – wenn nicht gerade Attribute mit Negativtouch angebrach- ter erscheinen.

Auch Neuköllns hauptigste Hauptstraße, die Karl-Marx-Straße, soll durch generöse finanzielle Injektionen für Baumaßnahmen und ein Citymanagement den Quantensprung in Sachen Imagewechsel hinkriegen: vom rummeligen Eldorado für 1 Euro-Shopper zum “Broadway Neukölln”. Nicht nur die Schnäppchenjäger sollen sich dort künftig wohlfühlen, sondern auch für alle anderen soll die Magistrale zum angesagten Aufenthaltsort werden. Davon ist sie allerdings nach über zwei Jahren Citymanagement noch so weit entfernt wie Neukölln von New York.

Neulich auf der Karl-Marx-Straße: Eine mit großen, vollen Plastiktüten vom  Karstadt-Schnäppchen-Center bestückte Frau – optisch zur Kategorie derer gehörend, bei denen Gentrifizierungsphobiker von heftigen Adrenalinschüben geschüttelt werden – zieht ihr Smartphone aus der Jackentasche: “Hättest du mir das vorher gesagt, wäre ich gerne mitgekommen, Babette”, sagt sie in einer Lautstärke, die das Mithören leichter als das Weghören macht. “Jetzt geht’s leider nicht”, beschwindelt sie die Anruferin, “weil ich gerade zum Shoppen am Kudamm bin.”

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Durch Zeit und Raum: Entdeckungen an der Karl-Marx-Straße

Die Verlegerin Karin Kramer weiß es ganz genau: 1120 Gramm wiege das Buch, sagt sie über das Werk, das die Autorin Cornelia Hüge liebevoll “mein dickes Kind” nennt. Offiziell heißt es “Die Karl-Marx-Straße – Facetten eines Lebens- und Arbeits- raums”; gestern wurde es in der Galerie im Saalbau vorgestellt.

Sammlern von Neukölln-Literatur dürfte der Titel bekannt vorkommen – zu Recht, denn er erschien bereits vor neun Jahren in einer ersten Auflage, die jedoch lange vergriffen ist. Anlass für die aktualisierte Neuauflage sind aber vor allem die Veränderungen, die die Karl-Marx-Straße in den letzten Jahren erfuhr. Eine davon, die Einsetzung des City-Managements [Aktion! Karl-Marx-Straße], das mit dem Ziel Hermannplatz um 1888 (aus: "Die Karl-Marx-Straße - Facetten eines Lebens- und Arbeitsraums")angetreten ist, die Magistrale Neuköllns “zu alter Blüte und Größe” zu bringen, spielt auch bei der Finanzierung von Hüges Buch eine nicht unwesentliche Rolle. “Sie kommt über eine Verknüpfung der Abteilung Bau- wesen des Bezirksamts mit der [Aktion! Karl-Marx-Straße] zu- stande”, erklärte der Neuköllner Baustadtrat Thomas Blesing. Die inhaltliche Klammer liegt ebenfalls auf der Hand. “Das Buch”, so Horst Evertz vom City-Management-Träger BSG, “gibt wertvolle Hinweise auf die Qualitäten der Straße und ist als Leitfaden für ihre zukünftige gestalterische Entwicklung zu Karl-Marx-Platz/Hohenzollernplatz um 1902 (aus: "Die Karl-Marx-Straße - Facetten eines Lebens- und Arbeitsraums")sehen.” Bereits im nächsten Jahr, kündigte Evertz an, starte ein Projekt mit Fokus auf der Fassadengestaltung.

Knapp 300 Seiten mit informa- tiven Texten und Abbildungen verschiedener Epochen, die den Wandel der Karl-Marx-Straße skizzieren, umfasst Cornelia Hü- ges “dickes Kind”. Die Kunsthistorikerin nimmt die Leser mit auf einen Spaziergang, der am Hermannplatz beginnt und direkt hinter dem S-Bahn-Ring am Neuköllner Tor endet, stellt Plätze und längst der Ver- gangenheit angehörende sowie aktuelle Geschäfte vor und  lenkt die Aufmerksamkeit Karl-Marx-Straße um 1960 (aus: "Die Karl-Marx-Straße - Facetten eines Lebens- und Arbeitsraums")auf Gebäude und das, was hinter den Fassaden war und ist. “Und das verändert sich oft schnell”, erinnert sich Cornelia Hüge an den Kampf mit dem Redaktionsschluss. “Aktuell”, sagt sie, “herrscht eindeutig wieder eine bessere Stimmung auf der Karl-Marx-Straße.” Vor allem marXity, das neue Gebäu- de an der Stelle des alten Hertie-Hauses, werde von vielen Geschäftsleuten als Symbol des Neubeginns empfunden. Dafür, dass Altes nicht in Vergessenheit gerät, sorgt Hüges Buch.

“Die Karl-Marx-Straße – Facetten eines Lebens- und Arbeitsraums” ist in Buchhandlungen sowie direkt beim Karin-Kramer-Verlag erhältlich und kostet 18 Euro.

=ensa=

Man muss ja nicht immer nur reden …

In der Reisschale an der Karl-Marx-Straße werden normalerweise asiatische Le- bensmittel, Bio-Backwaren und Küchenutensilien mit Asia-Touch verkauft. Gestern war das nicht so. Da war die Reisschale Heimstatt eines Dinner-Events namens Halbtisch. Das Projekt wurde von den Künstlerinnen Gretta Louw und Jane Hughes initiiert und gab vier Essern die Möglichkeit, beim Tafeln am Halbtisch eine kongeniale Verbindung zwischen Ess- und Schreibtisch zu testen.

Wie kommuniziert man miteinander, wenn eine Schaufensterscheibe zwischen den  Tischhälften steht? Wenn  ein Esser diesseits  und einer jenseits  von ihr sitzt und al-

halbtisch,gretta louw,jane hughes,reisschale neuköllnhalbtisch,gretta louw,jane hughes,reisschale neukölln

halbtisch,gretta louw,jane hughes,reisschale neuköllnles Verbale verhindert wird? Was es heißt, sich auf die Aussagekraft von Mimik und Geshalbtisch,gretta louw,jane hughes,reisschale neuköllntik zu besinnen und Schrift oder Bil- der sprechen zu lassen, bewies  das Experiment Halbtisch. Dass sich eines der beiden Dinner- Paare bereits halbtisch,gretta louw,jane hughes,reisschale neuköllnvorher sehr gut, das andere sich aber gar nicht kannte, brachte einen zusätzlichen Reiz in die Sache – nicht halbtisch,gretta louw,jane hughes,reisschale neuköllnnur für die Es- ser, sondern auch für die Passanten. So schlug sich auf der einen Seite wesentlich mehr Mitteilungsbedarf an der Schaufensterscheibe nieder als auf der anderen. Wer würde nicht gerne wenigstens einige rudimentäre Dinge vom Gegenüber am Tisch wissen? Dass ein Anwohner der Karl-Marx-Straße bei dem 2-Gänge-Menü auf eine Aachenerin getroffen war, blieb so auch für die Umstehenden kein  Geheimnis.  Die  Reaktion  des  Neuköllners  folgte  prompt:  mit   “Oho”,   einem

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halbtisch,gretta louw,jane hughes,reisschale neuköllnWort, das ohne Verrenkungen des Gehirns geschrieben werden konnte und beim Lesen nicht erst entziffert werden musste. “Komplizierter als das Schreiben ist sowieso das dauernde Wechseln zwischen Stift und halbtisch,gretta louw,jane hughes,reisschale neuköllnBesteck”, fand er. Zur kommunikativen Ab- lenkung kam der Sitzortnachteil. Während die Plätze an der Heizung im Laden für Hitzeschübe sorgten, kühlten die Menschen und Mahlzeiten auf der Bürgersteigseite bei einstelligen Außentemperaturen schnell ab – ohne dass der halbtisch,gretta louw,jane hughes,reisschale neuköllnSpaß darunter litt.

“Wir hätten Halbtisch auch gerne schon im September gemacht, als es etwas wärmer war”, gab Gretta Louw zu. Doch das aus dem Aktionärsfonds der [Aktion! Karl-Marx-Straße] finan- zierte Projekt habe leider wegen der Förderrichtlinien nicht früher statt- finden können.

Immerhin mussten die, die gestern draußen bei Wein, Colcannon, Lachssalat mit Pinienkernen, Tarte Tatin und Sandwich Cookies an den Halbtischen Platz nahmen, nicht im Regen sitzen.

Fotos und Videos des Dinner-Events Halbtisch werden ab morgen bis Samstag im Reisschale-Schaufenster gezeigt.

=ensa=

Neuköllns kleiner Unbekannter, der Platz der Stadt Hof, wird aufgepeppt

Was haben Google Maps und viele Neuköllner gemeinsam? Sie kennen den Platz der Stadt Hof nicht. Entschieden ortskundiger ist hingegen der berlin.de-Stadtplan: Der Platz der Stadt Hof liegt da, wo die Ganghoferstraße von der Karl-Marx-Straße abzweigt, lässt er auf einen Blick erkennen. Würde man allerdings die Neuköllner fragen, wo der Vorm-Karstadt-Schnäppchenmarkt-Platz ist, bekäme man wohl von jedem die richtige Antwort. Vielleicht noch verbunden mit der Frage “Wie? Ditt solln Platz sein?”

Eine Fülle dessen, was als Aufenthaltsqualität bezeichnet wird, hat der überdimensional breite Bürgersteig an der tosenden Kreuzung im Zentrum Neuköllns wirklich nicht zu bieten: ein Wall-Klo, eine Platane, eine Topfpflanzen-Hecke, das ins Pflaster eingelassene Wappen der Stadt Hof und eine von Tischen und Stühlen umgebene China-Imbiss-Bude. Im Juni kamen noch einige blaue Kästen dazu, die Kunstobjekte und Sitzmöbel in einem und Vorläufer für die Verschönerung des vernachlässigten Platzes sind, die im Zuge der Umgestaltung der Karl-Marx-Straße erfolgen soll.

45 Landschaftsarchitektur-Büros aus ganz Europa bewarben sich mit ihren Ideen am ausplatz der stadt hof neukölln,el:ch landschaftsarchitektengeschriebenen frei- raumplanerischen Reali- sierungswettbewerb, neun davon wurden von einem Fachgremium ausgewählt, konkrete Entwürfe, Modelle und Kostenpläne unter Einhaltung der Budget- grenze von 500.000 Euro einzureichen. Ihre Arbeiten wurden zunächst am vergangenen Mittwoch bei einer Bürgerversammlung diskutiert, bevor Donnerstag eine Jury zusammen kam und schließlich für den Wettbewerbsbeitrag mit der Startnummer 107 als Gewinner votierte, der von el:ch Landschaftsarchitekten in Kooperation mit der tunesischen Künstlerin Nadia Kaabi Linke eingereicht wurde.

Freitag informierten der Neuköllner Baustadtrat Thomas Blesing, Fachjuror Harald Fugmann, Rico Emge von der AG UmbauStadt und Holger Schilling  als Delegierter der  [Aktion! Karl-Marx-Straße] in einer Pressekonferenz über die Entscheidung. Der Platz der Stadt Hof solle, so Blesing, zu einem der herausgestellten Punkte entlang der Neukölln Magistrale werden und nach seiner Umgestaltung 2012 so aussehen.

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Besonders angetan waren die Juroren vom in den Entwurf integrierten Kunstobjekt “demografischen Pflaster”: Mit verschiedenfarbigen Steinen wird ein Mosaik entstehen, das die quantitative Verhältnismäßigkeit der ethnischen Gruppen in Neukölln aufzeigt.  Über den Platz verteilte Sitzgruppen in unterschiedlichen Anordnungen laden zum Verweilen und Kommunizieren ein, auch das gefiel.

Dagegen hielt sich die Begeisterung über das vom Wettbewerbsgewinner el:ch eingearbeitete Modul Brunnenanlage in Grenzen. “Die wird es nicht geben”, ent- schied der Baustadtrat. Aus Folgekostengründen und weil man mit einem Brunnen auf dem Platz der Stadt Hof bereits vor Jahrzehnten schlechte Erfahrungen gemacht habe: Sie vermüllte zusehends und wurde daraufhin amtlicherseits wieder aus dem Verkehr gezogen. Auf andere, derzeit zum Platz gehörende Dinge werde man nach den Umgestaltungsmaßnahmen ebenfalls verzichten müssen: Das Wappen der Stadt Hof kommt weg, und die Zufahrt von der Karl-Marx- in die Ganghofer- und Ri- chardstraße wird es dann für Autofahrer auch nicht mehr geben. Dass sie verzichtbar ist, habe eine Verkehrsuntersuchung ergeben.

Unklar ist hingegen noch die Zukunft der China-Imbiss-Bude. Sie könne integriert werden, sagte Thomas Blesing, gleichzeitig stellte er jedoch fest, dass es “keinen Ewigkeitsvertrag mit dem Besitzer” gebe. Dass sie ihre exponierte Stellung behält, scheint der Gesamtoptik des Platzes zuliebe unwahrscheinlich.

umgestaltung platz der stadt hof,neukölln,wettbewerb, u-bahnskopeAuch was dem alles er- spart bleibt, sprich: die teils beliebigen und teils kruden Entwürfe der el:ch-Mitbewerber, blieb kein Geheimnis: Gelbe Metall- röhren, die bis in den U-Bahn-Tunnel ragen und die Geräusche und Gerüche auf den Platz der Stadt Hof blasen. Ein rund 18 Meter hoher Turm mit einer Palme auf der Spitze und Hühnergehege, Bienenstöcken und einem Kompostklo im Inneren. Ein 12 Meter hoher, von drehbaren Sitzfindlingen umgebener Spazierstock. Und auch Bäume, die die Sichtachse zur Richardstraße blockieren. So hatte man sich die Zukunft von Neuköllns kleinem Unbekannten dann doch nicht vorgestellt.

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“MS Neukölln” nimmt Kurs auf die Neukölln Arcaden

Viele neue Tipps bekommen Leute, die sich in Neukölln auskennen, im neuen Shop- ping Guide Neukölln “Essen und Trinken” eher nicht. Das Café Rix, die Blutwurstma- nufaktur, der polnische Spezialitäten-Laden Pyza und  Feinkost Kropp – es sind vor allem etablierte und hinlänglich bekannte Geschäfte, die in dem Heftchen vorgestellt werden. Einzig die Seite 4 bietet Erstaunliches, denn auf ihr erfährt man, dass es of- fenbar sehr konkrete Pläne gibt, wie das obere Parkdeck der Neukölln Arcaden ab Mai nächsten Jahres genutzt werden soll.

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Den von der [Aktion! Karl-Marx-Straße] konzipierten und vom Bezirksamt Neukölln her- ausgegebenen Shopping Guide “Essen und Trinken” gibt’s seit Montag im Neukölln Info-Center (NIC) im Rathaus, in den porträtierten Läden und hier als Download.
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