Neuköllner Unternehmen für Neuköllner Jugendliche

Noch vier Wochen, dann beginnen in Berlin die Sommerferien. Für viele Neuköllner Schüler bedeuten sie lediglich die Versetzung in die nächsthöhere auftakt-va_tag des offenen unternehmens_neuköllnKlasse, für andere einen Schulwechsel. Für wiederum andere steht aber mit ihnen der Schritt in eine neue Lebensphase an: in die der Berufstätigkeit. Doch wel- cher der  rund 350 Ausbildungsberu- fe ist der passende? Was für Unter- nehmen gibt es überhaupt im Bezirk, was machen sie und welche davon bilden aus? Das fragen sich aktuell etliche Neunt- und Zehntklässler sowie Abiturienten, die noch unschlüssig sind, ob es mit einem Studium oder lieber mit etwas Praktischem wie einer Ausbildung weitergehen soll.

Eine Entscheidungshilfe konnte ihnen in der letzten Woche der vom Unternehmens- netzwerk Neukölln-Südring e. V. initiierte Tag des offenen Unternehmens liefern, an dem 21 Firmen Gruppen von sieben Schulen bei Betriebsbesichtigungen hinter die Kulissen blicken ließen. “Eine Ausbildungsplatzbörse soll er aber nicht sein”, hielt Dr. Armin Seitz, Vereinsvorsitzender und Geschäftsführer der Moll Marzipan GmbH, bei der Auftaktveranstaltung im Berufsinformationszentrum (BIZ) der Agentur für Arbeit Berlin Süd fest. In erster Linie gehe es darum, Schülern durch die Kontakte zu Firmen und Mitarbeitern eine grobe Orientierung zu verschaffen.

v. l.: Lissy Czarnetzki (Moderation), Jürgen Bielert (Agentur für Arbeit Berlin Süd), Dr. Armin Seitz (Unternehmensnetzwerk Neukölln Südring e. V.), Reinald Fischer (Liebig-Schule)

v. l.: Lissy Czarnetzki (Moderation), Jürgen Bielert (Agentur für Arbeit Berlin Süd), Dr. Armin Seitz (Unternehmensnetzwerk Neukölln Südring e. V.), Reinald Fischer (Liebig-Schule)

Schließlich, so Seitz, sei heutzu- tage für Jugendliche alles wesent- lich komplizierter als früher, als oft mit den Tätigkeiten der Eltern die Weichen für die berufliche Lauf- bahn der Töchter und Söhne ge- stellt wurden. Für die Unternehmen hingegen werde die Nachwuchs-sicherung einerseits durch die Vielfalt der Möglichkeiten, die sich Schulabgängern bietet, und durch den demographischen Wandel an- dererseits erschwert. “Wenn wir heute in einem Jahr zehn Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz bei Moll Marzipan bekommen, ist das viel”, berichtet der Ge- schäftsführer. “Dabei suchen wir für unsere Lehrstellen gar nicht die 1er-Abitu- rienten, sondern ganz normale Neuköllner Schüler.” Solche, die einen ordentlichen Mittleren Schulabschluss (MSA) vorlegen und außerdem mit einem guten Auftreten, Pünktlichkeit, Zuverlässig- und Teamfähigkeit sowie Verantwortungsgefühl von sich überzeugen können. Insbesondere die sozialen Kompetenzen ließen Bewerber jedoch häufig vermissen: “Deshalb fordern wir Unternehmer im Bereich der Soft biz sonnenallee_neuköllnSkills eine bessere Vorbereitung durch die Schulen.”

Die Liebig-Schule gehört zu denen, die sich des Problems bewusst sind und darauf reagieren. “Schon ab der 7. Klasse beginnen wir, unsere Schüler auf die Berufsfindung vorzubereiten. Nicht nur durch Praktika, son- dern auch durch die Vermittlung sozialer Basics”, erklärte Schulleiter Reinald Fischer. Die Schule sei ja doch eine Art künstliche Welt, umso größerer Wert müsse auf Kon- takte zum realen Arbeitsalltag gelegt werden. Was die betrifft, ist Fischer allerdings nur bedingt glücklich. “Wir wünschen uns für die Schüler mehr qualifizierte Praktikumsplätze”, wandte er sich an die Unternehmer des Netzwerks, die die Ausbildungsinitiative “Neukölln braucht Dich!” unterstützen.

Erste Anlaufstelle sind für die meisten Jugendlichen jedoch nicht die Betriebe, sondern die Berufsinformationszentren, die reichlich Wissenswertes für die beruf- liche Orientierung bereithalten. “Günstig wäre es”, so Jürgen Bielert, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Berlin Süd, “wenn Schüler schon ab der 9. Klasse oder noch früher beginnen würden, sich auf die Zeit nach der Schule vorzubereiten und in verschiedene Berufe reinzuschnuppern.” Wobei zukunftsträchtige Berufe nur die sein könnten, die ihren Mann oder ihre Frau auch ernähren, kritsierte er Lohndumping und die Vielzahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Mit einer erfolgreich absolvierten Ausbildung, meinte er, sei bereits einiges dafür getan, diesen Fallen des Arbeits- marktes zu entkommen. Davor stehe aber ein passabler Schulabschluss.

=ensa=

Mit Protestbaum an der Spitze durch Neukölln und Kreuzberg

dach hermannplatz_kdk2013_neuköllnWenn Neuköllner und Kreuzber- ger auf ihre Hausdächer steigen und Balkone in Richtung Hasen- heide zu Party-Locations werden, ist wieder Karneval der Kulturen.

Gestern ging die bunte, interna-tionale, tanzende, singende und musizierende Karawane zum 18. Mal auf die Route zwischen Hermannplatz und Yorckstraße. Angeführt – und das war eine Premiere – von einem Handwagen, auf dem ein  Protestbaum  stand. Denn der  Straßenumzug, der seit  1997 in  Berlin zum

protestbaum_kdk2013_berlin-neukölln protest_kdk2013_neukölln

Pfingstsonntag gehört und seit Jahren regelmäßig so viele Menschen, wie die Ban- kenmetropole Frankfurt/Main Einwohner hat, an die Strecke holt, ist im Schrumpfen begriffen. Gestern waren es  nur noch 74 Gruppen (2012: 90), die bereit sowie in der dancing dragon_kdk2013_hermannplatz neuköllnLage waren, den enormen zeitlichen und finanziellen Aufwand für ihre Performan- ces, Kostüme und Wagendekorationen zu stemmen. Dass das Land Berlin kräftig an diesem Event verdient, das u. a. unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit steht, die Gruppen und Künstler aber nicht daran beteiligt, kritisiert auch die Neuköllner Grünen-Politikerin Susanna Kahlefeld, die 2011 als Direktkandidatin ins Berliner Ab- geordnetenhaus gewählt wurde. Bereits vor einem halben Jahr hatte ihre Fraktion einen Antrag auf Einrichtung eines ent- sprechenden Fonds gestellt.

Darauf, dass der eingerichtet wird, hofft auch Vassiliki Gortsas, die Organisatorin des Karnevals der Kulturen. “Viele Gruppen können den sehr hohen Aufwand nicht mehr bewältigen”, weiß sie. Dass die Zurückhaltung des Berliner Senats langfristig die Vielfalt gefährdet, befürchtet sie.

=ensa=

Tür an Tür: Einprägsame Einsichten in das Leben in der Großsiedlung Britz vor und nach 1933

“Das Ende der Idylle?” heißt die neue Ausstellung im Museum Neukölln, und wenig idyllisch war auch deren Eröffnung am Freitagabend. das ende der idylle_großsiedlung britz-ausstellung_museum neukölln“Für so viele Leute ist die Aus- stellungsarchitektur wirklich nicht ge- macht”, entschuldigte sich Museums- leiter Dr. Udo Gößwald bei allen, die keinen Sitzplatz mehr fanden oder das Geschehen innerhalb der auf Stoff ge- druckten Nachbildung der Hufeisen- siedlung nur akustisch verfolgen konn- 3_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllnten. Künftig wird es im ehemali- gen Ochsenstall, in dem das Mu- seum Neukölln seit dem Umzug nach Britz seine Sonder-ausstellungen zeigt, weniger Gedränge und viel Zeit geben, sich mit den beeindruckenden Exponaten zu beschäftigen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung, die Neuköllns Beitrag zum Berliner Themenjahr “Zer- störte Vielfalt” ist, stehen die Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung, die als Pionierprojekt des sozialen Wohnungsbaus für Arbeiter und Angestellte geplant und zwischen 1925 und 1933 als Großsiedlung  Britz errichtet  wurden. Dass die ursprüngliche  Intention,

zeitstrahl ab 1918_großsiedlung britz_neukölln zeitstrahl ab 1933_großsiedlung britz_neukölln

komfortablen Wohnraum für kleinere Haushaltskassen anbieten zu können, schon an der Weltwirtschaftskrise über weite Strecken scheiterte, ist eine Sache. Weitaus größere Auswirkungen auf das Leben in der Siedlung hatte jedoch die Machtüber- peter lösche_museum neuköllnnahme der Nazis, und speziell dieser Aspekt wird durch “Das Ende der Idylle?” in den Fokus gerückt.

Einer, der in der Großsiedlung Britz geboren wurde, ist Prof. Dr. Peter Lösche, der als Parteien- und Wahlforscher bundesweit be- kannt wurde. 1935 waren seine Eltern, die SPD-Politiker Dora und Bruno Lösche, in die Fritz-Reuter-Allee 83 gezogen, 1945 zogen sie in eine Wohnung am Rande der Siedlung um. “Eine Idylle”, so Lösche, “herrschte in der Hufeisensiedlung aber auch vor 1933 nicht.” Realistisch betrachtet könne man die Atmosphäre innerhalb der Solidargemeinschaft von Künstlern, SPD- und KPD-Anhängern bestensfalls als brüchige Idylle bezeichnen: “Die Anarchos hatten für die sozialdemokratischen Spießer nur Hohn und Spott übrig und umgekehrt war es nicht anders.” Dennoch habe er beim “Rückspüren in der eigenen Biographie” sehr positive Erinnerungen an die Siedlung, franziska giffey_museum neuköllnmit seinem Buddelkastenfreund Wolfgang Hempel sei er sogar nach wie vor befreundet. “Ich bin ein Brit- zer!”, konstatierte Lösche, und als solcher freue er sich über den Fortschritt in der regionalhistorischen Forschung, den die Ausstellung bedeutet und doku- mentiert.

Den Wert der neuen Erkenntnisse hob auch Dr. Franziska Giffey in ihrer Begrüßungsansprache her- vor: “Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit hat eine lange Tradition in unserem Bezirk, mit der Forschung im Vorfeld der Ausstellung konnte die Geschichtsaufarbeitung entscheidend fortgeführt werden.” Aufgrund der guten Quellenlage sei es inzwischen möglich, die Alltagswirklichkeit und Handlungs- optionen der Menschen während des Nazi-Regimes viel differenzierter 1_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllnals noch vor ein paar Jahren darstellen zu können.

Rund 80 Familien jüdischer Herkunft und 130 Künstler lebten vor 1933 in der Groß- siedlung Britz. 18 Bewohner, so die Neu- köllner Kulturstadträtin, wurden Opfer des Regimes, andere zogen weg, bevor Schlim- meres passieren konnte. Parallel dazu nahm der Zuzug von Nazis verheerende Ausmaße an: Waren es 1928 noch 128 NSDAP-Mitglieder, die in der Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung wohnten, hatte sich ihre Zahl 12 Jahre später fast verzehnfacht. Auch Adolf Eichmann, einer der Hauptorganisatoren des Holocaust, gehörte drei Jahre lang zu den Mietern: 1945 zog einer der wenigen Auschwitz-Überlebenden in statue die deutsche familie_museum neuköllnsein ehemaliges Haus in der Onkel-Herse-Straße 34.

“Das Bezirksamt Neukölln”, hielt Giffey fest, “sieht es als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, Erkenntnisse der Geschichtsforschung für die Gegenwart und Zukunft zu nutzen.” Niemand solle die Gewalt unterschätzen, die von den Feinden der Demokratie ausgeht, mahnte sie mit Hinweis auf “das fatale Versagen rechtsstaatlicher Struktur” in Sachen NSU.

Dass es in Neukölln mit der Pflege eines aufmerksamen Umgangs mit der deutschen Vergangenheit nicht immer furchtbar genau genommen wurde, beweist das Standbild “Die deutsche Familie”, 2_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllndas ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Im Mai 1935 wurde die Statue des Bildhauers Bernhard Butzke im Akazien- wäldchen an der Fritz-Reuter-Allee einge- weiht, erst 2001 wurde sie dort abgebaut und eingelagert. Der Kopf des Vaters sei irgendwann abhanden gekommen.

Dafür, dass die Erinnerung an Menschen, die in der Krugpfuhl- und Hufeisensiedlung wohnten, nicht abhanden kommt, sorgt die Ausstellung “Das Ende der Idylle?”. Der udo gößwald_museum neuköllnWorpsweder Maler Heinrich Vogeler lebte hier, ebenso der Künstler Stanislaw Kubicki, der Anarchist und Dichter Erich Mühsam, der Leichtathlet Rudolf Lewy sowie zahlreiche SPD- und KPD-Parteigrößen. “Mit Beginn der Nazi-Herrschaft unterlagen sie als nichtkonforme Bewohner einer sehr ausgeprägten soziale Kontrolle und nahmen große Risiken in Kauf”, unterstrich Museumsleiter Dr. Udo Gößwald.

Es sind bedrückende Details und schier unvor-stellbare Lebensgeschichten, die von nun an durch die 2 1/2-jährige Arbeit seines Teams ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. “Dieses mikrohisto- rische Projekt macht deutlich, wie wichtig heute die Forschung regionaler Museen ist”, sagte Gößwald, und er sei sehr stolz auf das Ergebnis.

Seit der Vernissage ist die Sammlung des Museums um einige Schätze reicher. “Ich habe Ihnen etwas aus dem Konvolut meines Vaters als Geschenk franziska giffey+udo gößwald+peter lösche_museum neuköllnmitgebracht”, kündigte Prof. Dr. Peter Lösche an und überreichte Gößwald eine Map- pe. Die Ebert-Stiftung habe viel zu viele von diesen Akten, meinte der Britzer: “Sie sollten gefördert werden.” Dass Lösche – zu Gößwalds sicht- licher Irritation – ständig vom Heimat- museum gesprochen hatte, obwohl das Museum Neukölln bereits seit neun Jahren auf den zweisilbigen Zusatz verzichtet, war in diesem Moment verziehen.

Die Sonderausstellung “Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhl- siedlung vor und nach 1933″ wird noch bis zum 29. Dezember im Museum Neukölln gezeigt.

Zur Ausstellung ist ein 400-seitiger Katalog (18 Euro), der die Forschungs- ergebnisse detailliert dokumentiert, sowie die Begleitbroschüre „50 Türen in die NS-Zeit“ (5 Euro) erschienen.

=ensa=

Anbaden am Columbiadamm

Heute Morgen war der Winterschlaf des Neuköllner Columbiabads vorbei. Bis zum ersten September-Sonntag ist es nun täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Alle, die beim

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Schwimmen gerne ein Dach überm Kopf haben und das weitaus wärmere Wasser im Stadtbad Neukölln bevorzugen, können auch das noch bis zum 14. Juni haben. Danach zieht sich die Schwimmhalle an der Ganghoferstraße für knapp zwei Monate in den Sommerschlaf zurück.

Abschied von einem Kind, das nicht willkommen war

alter st. michael friedhof_neukölln“Lasst uns tun, was getan werden muss.” Mit diesen Worten begann der evangelische Polizeiseelsorger Rein- hard Voigt gestern Nachmittag seine Trauerrede. Es war ein sehr kleiner, weißer Sarg, der vor ihm zwischen den Bankreihen portal alter st. michael friedhof neuköllnin der Kapelle des katholischen Alter St. Michael Friedhofs stand.

Welchen Namen die Eltern dem kleinen Mädchen ge- geben hatten, wie alt es werden durfte, wo und unter welchen Umständen es zur Welt kam, wer die Mutter ist. “Das Leben des Kindes”, sagte Voigt weiter, “gibt Fragen auf, sein Tod macht ratlos.” Am 5. April war die stark verweste Leiche des Säuglings in einem Altkleider-Container in Neukölln entdeckt worden, als Mitarbeiter einer Recyclingfirma diesen leeren wollten. Irgendwann zwischen dem Fundtag und dem 27. März muss das Mädchen in den Container geworfen worden sein, nachdem es zuvor eines gewaltsamen Todes gestorben war: Mehr wollen die Beamten der Mordkommission, die dem Kind sara_alter st. michael friedhof_neuköllnden Namen Sara gaben und immer noch nach der Mutter suchen, aus ermittlungstaktischen Gründen nicht preisgeben.

Welche Gefühle mögen die Eltern bei der Geburt gehabt haben, leiden sie jetzt und sind traurig, haben sie womöglich Schuldgefühle? “Wir sind er- schrocken, erbost, traurig, wütend, hilflos und ohn- mächtig.” Reinhard Voigt sprach aus, was wohl alle Anwesenden dachten: Menschen, die das Kind nie lebendig erlebt hatten und entweder durch die beisetzung sara_alter st. michael friedhof_neuköllnMe- dien von sei- nem Schicksal erfahren hatten oder nahe dem Fundort wohnen. Oder war vielleicht doch jemand unter ihnen, der manche Frage beantworten könnte, bisher geschwiegen hat und nun durch die berühren- den Abschiedsworte des Polizeiseelsorgers zum Reden gebracht wird?

Um 14.20 Uhr wurde der Sarg mit dem kleinen Mädchen, das nicht willkommen war und sterben musste, bevor es das Krabbeln, Laufen, Sprechen und Lachen lernen konnte, begleitet vom beisetzung sara_polizeiseelsorger reinhard voigt_alter st. michael friedhof_neuköllnGesang des United Gospel Choir und großer öffentlicher An- teilnahme in die Erde gelassen.

“Was wohl die Mutter jetzt macht, wäh- rend wir hier um ihr Baby weinen?”, fragt eine Frau flüsternd, nachdem sie Blumen und Sand ins Grab geworfen hat. Weshalb sie das Kind, mit dem sie sich offenbar überfordert fühlte, wie Müll behandelt hat statt es in einer der Berliner Babyklappen abzulegen, will der Rentnerin nicht in den Kopf. Und so geht es vielen, wenn nicht allen, die gekommen waren, um Sara einen würdigen Abschied zu bereiten.

=ensa=

Geschichte(n) im Körnerkiez: Premiere einer neuen Steinle-Tour durch Neukölln

Den Richardkiez kennt er aus dem Effeff, den Reuterkiez ebenfalls, und auch die Quartiere um die Schillerpromenade und die Rollbergsiedlung sind längst keine nogatstraße_steinle-tour körnerkiez_neuköllnunbekannten mehr. Nun hat Reinhold Steinle ein weiteres Viertel beackert, um es in sein Repertoire als Stadtführer aufgzunehmen: den  Körnerkiez.

“Wie groß das Gebiet ist und wie weit die Laufwege dort sind, ist mir auch erst bewusst geworden, seit ich die Tour vorbereite”, gibt er zu. Rund 800 Meter sind es in Ost-West-Richtung zwischen Hermann- und Karl-Marx-Straße, über 400 Meter auf der Nord- Süd-Achse zwischen Thomas- und Siegfriedstraße. Das hat die ursprünglich ins Auge gefasste Route massiv schrumpfen lassen. Schließlich will Reinhold Steinle seine Kiezspaziergänge nicht in stundenlange Wanderungen ausarten lassen. “Am herr steinle_körnerkiez-tour_neuköllnAnfang waren es 16 Punkte, die in die Führung aufgenommen werden sollten”, denkt der gebürtige Schwabe und gefühlte Berliner zurück. Aber was auf dem Stadt- plan machbar erschien, erwies sich schon beim ersten Realitäts-Check als völlig unpraktikabel: “So ist das bisher bei jeder Tour gewesen.”

Im letzten Winter hat Reinhold Steinle be- gonnen, sich in die neue Materie einzu- lesen. Davor hatte die Erkenntnis gestanden, dass es sonst niemanden gibt, der Führungen durch den Körnerkiez anbietet. Unzählige Stunden verbrachte er im Museum Neukölln und mit  der Recherche in anderen stadthistorischen Archiven, um

neuköllner leuchtturm_steinle-tour körnerkiez_neuköllnilsenhof_steinle-tour körnerkiez_neuköllnhinterhof_neukölln

nach Informationen über Gebäude, Menschen und Einrichtungen zu suchen, an de- nen sich die Entwicklung des Kiezes skizzieren ließe. Dem folgte die Kontakt- aufnahme zu Institutionen vor Ort. “Die war zum Beispiel beim Nachbarschaftsheim Neukölln sehr kooperativ und ergiebig, bei anderen dagegen ziemlich mau oder mit schwulen-club trommel_thomasstraße neuköllndem Hinweis erledigt, dass ich doch auf die Homepage gucken soll”, sagt Steinle.

Dass Leute, die an geführten Kiezspazier-gängen teilnehmen, nicht nur an Geschicht- lichem sondern auch an Geschichten und Anekdoten interessiert sind und er diese Mischung in Barkeeper-Manier zusammen- rühren muss, weiß Reinhold Steinle dank langjähriger Stadtführer-Erfahrung nur zu gut. Genauso wichtig sei die Auswahl des richtigen Startpunktes: “Geeignet ist der, wenn man dort  noch etwas essen oder trinken und aufs Klo gehen  kann.” Wer will schon hungrig, durstig oder mit drückender Blase einen Kiez erkunden?

Durch die Altenbraker Straße geht es zur Emser Straße. Der Wissensdurst ist mit Zahlen zur baulichen Erschließung und Besiedelung des Kiezes, zur Veränderung der Bevölkerungsstruktur und mit Einzelheiten über die Geschichte der abseits der weiteren Route gelegenen Albrecht-Dürer-Oberschule mehr als gestillt. “Etwa 80 Prozent der Zahlen, die ich bei dieser ersten Testtour geliefert hab, sind für künftige walldorf-kindergarten lindenbaum_steinle-tour körnerkiez_neuköllnFührungen gestrichen, ebenso die Details zur ADO”, sagt Reinhold Steinle heute. Der  Grat zwischen Fordern und Überforderung ist schmal und wird oft erst durch ent- sprechende Reaktionen deutlich.

Mit einem Exkurs in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte gelingt es, die ächzenden grauen Zellen wieder in einen aufnahmebereiten Modus zu bringen: Die Mieter zweier Wohnungen in der Emser Straße 10 und 62, hat Steinle recherchiert, beherbergten in der NS-Zeit verfolgte Juden und verhalfen ihnen so zum Überleben. Um einen, der vom Nazi-Regime peter-petersen-schule_steinle-tour körnerkiez_neuköllnausgelöscht wurde, um Martin Weise, geht es in der Jonasstraße an einer der nächsten Stationen.

Nicht minder spannend, wenn auch ungleich leichter sind die Geschichten, die sich um andere Adressen wie die der ehemaligen Tanzschule im Hof des tanzschule will meisel_steinle-tour körnerkiez_neuköllnHauses mit der Num- mer 22, den Ilsenhof oder die Trommel, Ber- lins älteste Schwulen- Bar, ranken. Kurz vor dem Körnerpark, an der Peter-Petersen-Schule, hat dann auch noch Reinhold Steinle sein persön- liches Aha-Erlebnis. “Klar, das ist ein Wal! Jonas- straße … Jonas … biblische Geschichte. Weshalb bin ich nicht selber darauf gekommen?”, fragt er sich und notiert die neuen Erkenntnisse zum Emblem, das die neuköllner reitergrab_steinle-tour körnerkiez_neuköllnFassade der Schule ziert.

Bei der nächsten, nur einige Schritte entfernten Station gibt es nur wenig zu erzählen und noch weniger zu sehen: Im heute asphaltierten Knick zwischen Jonas- und Selkestraße wurde vor über 100 Jahren das Neuköllner Reitergrab entdeckt. Sehr offensichtlich ist dagegen, was der Unter-körnerpark_steinle-tour körnerkiez_neuköllnnehmer Franz Kör- ner in Neukölln hinterließ: Aus einer seiner Kiesgruben wurde zwischen 1912 und 1916 der mittlerweile denk- malgeschützte Körnerpark. “Den zu zeigen und mehr über den Namensgeber bekannt zu machen, war für mich eigentlich auch ein wesentlicher Anreiz zur Ge- staltung dieser Tour”, erklärt Reinhold Steinle. Welche Bedeutung andere Orte für die Entwicklung des Kiezes hatten, erfuhr auch er erst durch seine Recherchen. “Natürlich”, sagt er, “hätte ich außerdem gern das Albrecht- Dürer-Gymnasium und die  Feuerwache an der Kirchhofstraße  in die Route aufge- franz körner_steinle-tour körnerkiez_neuköllnnommen, aber das hätte den Rahmen deutlich gesprengt.”

Zudem wollte Reinhold Steinle, dass die Tour, in die kurz vor der Premiere mit zahlenden Mitläufern noch der Besuch bei einem Gitarrenbauer aufgenommen wur- de, im Körnerpark endet. Denn wo sonst im Kiez lässt sich adäquater der “Humoris- tischen Kultur-Anweisung für Körners Riesen-Sonnenblumen” lauschen? Sie ist einer der Schätze, die der Stadtführer im Museum Neukölln fand und nun in einen dicken Aktenordner sortiert wurde. “Einen zweiten Ordner mit Körnerkiez-Material hab ich noch zuhause”, verrät er. Es ist also unwahrscheinlich, dass bei dieser neuen Expedition durch ein Stück Neukölln auch nur eine einzige Frage unbeantwortet bleiben muss.

Die erste “Geschichte(n) im Körnerkiez”-Führung (10 Euro / erm. 7 Euro) mit Reinhold Steinle ist am 18. Mai. Sie startet um 15 Uhr an der Leucht- stoff-Kaffeebar in der Siegfriedstraße 19: Anmeldung unter 030 – 53217401 erwünscht.

=ensa=

Wie nach einem Wirbelsturm

hinweistafel kleingartenkolonien sonnenallee_neuköllnDie Hinweistafel steht noch an Neuköllns Sonnenallee, nur von dem, worauf sie hinweist ist nicht mehr viel übrig. Das Gebiet, auf dem früher Laubenpieper ihre Freizeit genossen, erweckt den Anschein, als wäre ein Hurrikan darüber hinweg gefegt. Die Trümmer von Holzhütten und Zäunen liegen verstreut oder zu meter- hohen Stapeln aufgetürmt in den ehe- maligen Kleingartenkolonien, die Blu- men-, Kräuter- und Gemüsebeete sind zerstört. Doch es war keine Naturgewalt, die hier eine Schneise der Verwüstung geschlagen hat, sondern die Politik. Parallel zur

a100-weiterbau_zerstörte kleingartenkolonie sonnenallee_neukölln a100-weiterbau_zerstörte kleingärten sonnenalllee_neukölln

Sonnenallee, nördlich der Dieselstraße, sieht es nicht anders aus: Auch hier sind die einstigen  Parzellen von Brettern, Baumaterial  und  Schutt übersät. Nur die aus  Stein

a 100-weiterbau_zerstörte kleingartenkolonie mergenthaler ring_neukölln a100-weiterbau_zerstörte kleingärten mergenthaler ring_neukölln

gemauerten Datschen stehen noch und warten auf die Bagger, die fortsetzen sollen, was heute vor einer Woche mit dem offiziellen Spatenstich begann: der Ausbau der Stadtautobahn A100. Auch das Werksgelände einer früheren Aluminiumfabrik an der

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Sonnenallee wird der umstrittenen 3,2 Kilometer langen, sechsspurigen Trasse wei- chen müssen, die Neukölln ab 2022 teils unter- und teils oberirdisch mit dem Nachbarbezirk Treptow verbinden soll.

=ensa=

Viel Rummel um Neuköllns Sozialstadtrat Szczepanski

“Nur ‘ne halbe Stunde, mehr Zeit hab ich nicht”, sagt Bernd Szczepanski, als er an einem der Biertische vor der Bühne der Neuköllner Maientage Platz nimmt. Kaffee ja, Kuchen nein, zu gemütlich soll es nicht werden. Er müsse noch seinen Unter- senioren-nachmittag_neuköllner maientagesuchungsbericht über den Einsatz von Bezirksamtsmitarbeitern bei der Erstellung des Buschkowsky-Buches “Neukölln ist überall” abgeben. Die rund 200 Senioren, die sich auf Ein- ladung von Maientage-Organisator Thilo-Harry Wollenschlaeger und dem Neuköllner Bezirksamt zu Kaffee, Kuchen und einer anschließenden Rummelrunde eingefunden haben, können es wesentlich entspannter angehen. “Die Ersten waren schon um 1 hier, also zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung”, erzählt Wol- lenschlaeger (l.). “Da hatten wir noch gar nicht geöffnet, aber wir Schausteller sind ja thilo-harry wollenschlaeger+bernd szczepanski_neuköllner maientageflexibel.”

Das ist der Grünen-Politiker Szczepanski auch, muss er sein, denn vorherseh- und planbar ist nur ein Teil seines Alltags. Die Begrüßungsansprache ist kurz und der Situation angemessen, dass wohl kaum jemand gekommen ist, um sich lange Politikerreden anzuhören. Ein bisschen Rückschau in eine Zeit, als auch Bernd Szczepanski zu den begeisterten Rummel- gängern gehörte, und ein bisschen Vorschau: “Seien Sie vorsichtig, dass sie nicht so viel Kuchen essen, dass Sie hinterher in den Karussells eine Tüte brauchen, und sozialstadtrat bernd szczepanski_neuköllner maientageamüsieren Sie sich schön!” Wer den Sozialstadtrat beim anschließenden Shakehands beobachtet, käme nicht auf die Idee, dass er es eilig hat. Das ist eine seiner Stärken, neben den fachlichen Kompetenzen.

Auf den Rummel, der heute für Szcze-panski ansteht, hätte er ebenso wie seine Fraktion am liebsten verzichtet. Den zettelten drei Mitglieder der Neu- köllner SPD-Fraktion an, die bei der letzten Bezirksverordnetenversammlung – entgegen vorheriger Absprachen – mit Nein statt mit Enthaltung abstimmten, als es um den Antrag auf Verlängerung der Amtszeit des Sozialstadtrats ging, der rein formell an seinem 65. Geburtstag in den Ruhestand geschickt werden würde. Nun soll heute ab 17 Uhr in einer Sonder- sitzung im BVV-Saal erneut über den Antrag abgestimmt werden. Es deute alles darauf hin, dass das Ergebnis diesmal in seinem Sinne ausfallen werde, sagt Bernd

luftballons_neuköllner maientage melody star_neuköllner maientage kirmes-leckereien_neuköllner maientage

Szczepanski. Doch leise Zweifel sind nicht zu überhören. Schließlich hatte sich die Situation im Vorfeld der letzten Abstimmung nicht anders dargestellt.

Beim Bühnenprogramm für die Neuköllner Senioren ist Entertainer Pauly nun von alten Berliner Liedern zu einem Quiz übergegangen. Wie heißt der Bezirksbür- germeister, wie die Neuköllner Ortsteile und welche ist die längste Straße im Bezirk? Wer zuerst die richtige Antwort ruft, bekommt Preise, die sonst nur mit etwas pauly+senioren-nachmittag_neuköllner maientageGlück an der Losbude zu gewinnen sind.

Morgen wird keine Einladung und kein blau- es Bändchen brauchen, wer Bernd Szcze- panski reden hören und sprechen will: Von 14 bis 15 Uhr bittet der Sozialstadtrat zur Bürgersprechstunde ins Haus des Älteren Bürgers. “Mal gucken, wer kommt”, sagt er. Sonderlich bekannt sei das Angebot noch nicht, groß jedoch der Bedarf, ein offenes Ohr für Sorgen im sozialen Bereich zu finden: “Häufig geht es um Mietprobleme.” Aber auch bei unterschiedlichsten anderen Anliegen versucht er weiter zu helfen, das reiche von Gesundheitsthemen bis hin zu Anwohnerärgernissen um vermüllte Straßen und Wege. Er ist ja flexibel.

=ensa=

Eine Sache der Betonung

Das auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei neu erbaute und kürzlich eröffnete KfH-Nierenzentrum Neukölln bekommt nun noch eine frische Fassade: Ein künstlerisch gestalteter Streifzug durch Neukölln mit vielen originellen Details legt sich jetzt  über den reinweißen  Voranstrich, bricht  die klotzige  Architektur  und macht

kfh-nierenzentrum neukölln

das Gebäude zum Blickfang der Straße. Etwas polarisieren könnte jedoch der Schrift- zug “Eine Stadt Niere für alle!!”, dem man – ähnlich wie beim Satzzeichen retten Leben-Beispiel “Wir essen jetzt Opa” – nur bei richtiger Betonung zustimmen mag.

Neuköllner Erinnerungs(un)kultur

Heute würde Martin Weise sein 110. Lebensjahr vollendet haben, wäre er nicht – wie so viele seiner Gesinnungsgenossen – den Naziverbreche(r)n zum Opfer gefallen und mit gerade einmal 40 Jahren zu Tode gebracht worden. Ein wahrhaft mutiger Mann, der auch nach dem Verbot des Parteiorgans „Die Rote Fahne“, für das er als Redakteur tätig war, dieses illegal weiter mit herausgegeben hat. Deshalb verhaftet, martin weise-wohnhaus_jonasstr 42_neuköllnarbeitete er nach fünf Jahren barba-rischer Haft- und Lagerbedingungen erneut publizistisch im Untergrund, diesmal für die Zeitschrift „Die innere Front“.

In seiner Neuköllner Zeit wohnte Mar- tin Weise in der Jonasstraße 42 und war ab 1929 Bezirksverordneter für die KPD – bis die Nazis es unterbunden haben. Da der Hauseigentümer gegen das Anbringen der bereits im September 1984 von der Bezirksverordnetenversamm- lung beschlossenen Neuköllner Gedenktafel an der Fassade seines Gebäudes war, wich man auf eine Metalltafel in einem Stahlrohrrahmen vor dem Haus aus: Erst im September 1998, also ganze 14 Jahre nach dem Beschluss und fast 55 Jahre nach Weises Tod, wurde martin weise-fahrradbügel_neuköllndiese schließlich aufgestellt.

Der auf der stark verschmutzten Tafel nur schwer lesbare Text lautet: „Hier wohnte Martin Weise, ge- boren 1903, Redakteur der „Roten Fahne“ und von 1929 bis 1933 Bezirksverordneter der KPD. Nach einem langen Leidensweg durch verschiedene Kon- zentrationslager und Zuchthäuser wurde er wegen seines Widerstands gegen den nationalsozialis-tischen Terror zum Tode verurteilt und am 15. No- vember 1943 im Zuchthaus Brandenburg hinge-richtet.“

beschmierte martin-weise-gedenktafel_neuköllnDer Rahmen der Gedenktafel, die in einer verdreckten ehe- maligen Baumscheibe steht, mutet wie ein Fahrradbügel an und wird offenbar auch als solcher genutzt. Als sei diese Art der Erinnerungskultur nicht schon unwürdig genug, hat man nun zum 110. Geburtstag Martin Weises noch eins draufgesetzt, das hier nur dokumentiert, aber nicht weiter kommentiert werden soll.

=kiezkieker=

Musikalischer Teppich fürs Tempelhofer Feld

Es sind eigenartige Dinge, die an diesem Wochenende über das Tempelhofer Feld geschleppt  werden. Zu verdanken ist der ungewöhnliche Anblick der amerikanischen

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Komponistin Lisa Bielawa (r.), die sich bei einem Besuch vor drei Jahren in das Areal verliebte und sofort die Idee hatte, dass man hierlisa bielawa_tempelhof broadcast_tempelhofer feld berlin mit ihren Kompositionen ein Fest der Freude und Musik veran- stalten müsste.

Nun wird dieser Traum mit Tempelhof Broadcast von etwa 250 Hobby- und Profi-Musikern aus Deutschland und den USA verwirklicht: Seit zwei Jahren bereiten sich die Ins- trumentalisten und Chöre auf das Raum-Klang-Event vor, seit zwei Monaten auch durch Vorort-Proben. Denn der Wind spielt eine – im wahrsten Sinne des Wortes – tra- gende Rolle für das Gelingen von Bielawas Vision, einen musikalischen Teppich auf dem  Feld auszulegen. “Mit  dem Wind ist  der Sound durchschnittlich etwa 400 Meter

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hörbar, gegen den Wind sind es immerhin noch 180 Meter”, erklärt Manuela Kugler-Knape, die Pressesprecherin des Projekts. “Spielt also nicht zu vorsichtig, sondern gebt richtig Gas!”, instruiert der Orchesterchef der Leo Kestenberg Musikschule seine Bläser vor der Ouvertüre auf der nördlichen Start- und Landebahn. Sechs Minu-

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ten spielen hier alle Musiker gemeinsam, danach verteilen sich die Gruppen in choreographierten, zeitlich exakt eingetakteten Bewegungen über das Gelände, um sämtliche  Besucher  in ein  60-minütiges akustisches Erlebnis  und einen  urbanen

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Klangkörper nie dagewesener Größe einzubinden. Dabei bleibt es jedem selber überlassen, den Chören, Blechbläsern, Streichern und Alphornisten zu folgen oder eine individuelle  Position innerhalb der  Klangsphäre einzunehmen. Was man  in ihr

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zu hören bekommt, besteht zwar aus identischen Kompositions-Bausteinen, klingt aber immer und überall anders.

Tempelhof Broadcast ist nochmals heute ab 15 Uhr und morgen ab 14 Uhr zu erleben.

=ensa=

Faszinierend und irritierend: Theater der besonderen Art in Neukölln

Mit dem Sehen ist es schlagartig vorbei. Die Augen sind durch ein türkises Tuch verdeckt, ein fremder Arm legt sich um die Schulter und führt, begleitet von ein eigenes zimmer_frühperle neuköllnden An- weisungen einer unbekannten Stimme, durch die Dunkelheit. Zögerliche Schritte bis das Ziel erreicht ist, sich der führende Arm löst, die Stimme zum Hinsetzen auffordert und sich die eigenen Sinnesorgane um Orientierung bemü- hen dürfen.

Das klingt nach dem Experiment, einen Ein- druck vom Leben ohne Augenlicht zu bekom- men? Ist es aber nicht. Nein, so beginnt ein wahrlich ungewöhnlicher Theaterabend mit Salome Dastmalchi. Und das ist er nicht nur fürs Publikum, das in den ersten 20 Minuten Zuhörer statt -schauer ist, sondern auch für die Schauspielerin selber. Vor einer vierten Wand auf der Bühne zu agieren, das kennt und mag sie, es vor Men- salome dastmalchi_solo-performance_ein eigenes zimmer_frühperle neuköllnschen mit Augenbinden zu tun, ist eine neue Erfahrung: “Ich spiele trotzdem nicht anders, als ob ich gesehen werde.” Zumal es ja auch nie so sei, dass wirklich keiner zuguckt, wenn sie mit Stimme, Bewegun- gen und Geräuschen “den Raum definiert”, um dem Publikum ein Gefühl für die Umge- bung zu vermitteln. Denn das Tragen der Augenbinde ist selbstverständlich freiwillig.

Auch dieser sonderbare Auftakt zu “Ein eigenes Zimmer” war eine Idee von Regisseur Oliver Kontny, der aus Passagen seines Hörspiel “Iranian Voices” und neuen Fragmenten diese vielschichtige, faszinierende wie auch irritierende Solo- Performance für Salome Dastmalchi komponierte. “Es geht immer gleichzeitig um mehrere Ebenen: Die Erfindung des Paradieses im Zuge der Eroberung Babylons, salome dastmalchi_ein eigenes zimmer_frühperle neuköllndie Gedanken einer Rechtsanwältin in einer Einzelzelle des Teheraner Gefängnisses, surrealis- tische Briefe vom Ende der Welt und die skurrile Liebesgeschichte von der armenischen Prinzessin Schirin, dem persischen König Chosrau und dem Architektem Farhad”, beschreibt er das Stück, das vor einem knappen Monat uraufgeführt wurde.

Die Zeit davor war die Hölle”, gesteht die in Neukölln lebende Schauspielerin, “weil ich richtig viel und richtig schwierigen Text zu lernen hatte.” Dazu kam, dass diese Form von Theater eigentlich nicht die ist, die sie bevorzugt und sonst macht: “Aber Oliver hat das Stück schließlich für mich geschrieben und ist ein toller Re- gisseur.” Einer, der Humor hat, flexibel auf Stimmungen reagiert und eine Wohlfühlatmosphäre schafft. Und der Schauspielerinstinkten vertraut und sich salome dastmalchi_ein eigenes zimmer_frühperle neuköllndurch sie inspirieren lässt. “Das mit dem Kleid”, erzählt Salome Dastmalchi, “war zum Beispiel meine Idee.” Sie sei eben eine, die “Elfen, Barbies und solchen Mädchen-Glit- zerkram” liebe. Insofern sei das Kleid mit dem raschelnden Tüllrock so etwas wie ein Stoff gewordener Prinzessinnen-Kind- heitstraum. In “Ein eigenes Zimmer” ist es salome dastmalchi_soloperformance ein eigenes zimmer_frühperle neuköllnzugleich ein Ge- fängnis. Eine andere zweite Funktion neben der der Kindheitstraum-Erfüllung hat die Perücke: Sie erleichtert sowohl dem Publikum als auch der Schauspielerin den ständigen Wechsel der dramaturgischen Ebenen. “Davor, den so darzustellen, dass die Zuschauer folgen können, hatte ich mindestens genauso viel Respekt wie vor den Texten”, sagt die 33-Jährige, die ein vierjähriges Schau-spielstudium in Bern absolvierte.

Ihr Berufsverständnis unterscheidet sich erfrischend von salome dastmalchi_soloperformance_ein eigenes zimmer_frühperle neuköllndem etlicher ande- rer Schauspieler. Sie sei “eine Zweiflerin” mit der ständigen Angst vor Texthängern, die erst mit dem Beginn des Stücks verschwindet, be- sitze “keine ausgeprägte Eitelkeit” und sehe sich als “Sprachrohr des Autors”. Ihre Arbeit empfindet Salome Dastmalchi dann als erfolgreich, wenn sie das transportieren kann, was der Regisseur will. “Wichtiger als Aner- kennung und Kritik des Regisseurs sind mir aber letztlich die Reaktionen des Publikums”, relativiert sie.

salome dastmalchi_solo-performance ein eigenes zimmer_frühperle neuköllnBei den bisherigen “Ein eigenes Zimmer”-Auf-führungen wurde die Schauspielerin für ihre fesselnde Solo-Performance mit Jubel und fre- netischem Applaus belohnt. Dass man anfangs nur hört statt zu sehen und zu hören, macht das Stück wahrlich zu einem besonderen Erlebnis. Bedenken, womöglich den Moment zum Abneh- men der Augenbinde zu verpassen, muss dabei niemand haben. “Zuerst”, verrät Salome Dast- malchi noch, “haben wir durch verschiedene Improvisationen versucht, das Signal zu geben. Aber das hat nie funktioniert.” Also wurde die Aufforderung kurzerhand in ihren Text aufgenommen. “Genau an dem Punkt, wo es reicht und man endlich etwas sehen will”, findet sie – und hat recht.

Am 17. und 18. Mai gibt es jeweils um 20 Uhr weitere “Ein eigenes Zimmer”-Vorstellungen in der Frühperle. Wegen der begrenzten Platzzahl ist eine Kartenreservierung ratsam: ein-eigenes-zimmer[at]web.de

=ensa=

Volle Pulle in die Steinzeit

Man muss nicht durch die Neuköllner Ederstraße gehen oder im Sauvage schlem- men, um ans Paläolithikum, also: die Steinzeit, erinnert zu werden. Denn am heutigen Tage werden immer noch Rituale praktiziert, die – wiewohl erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Mode gekommen – steinzeitlich anmuten. Gemeint  sind die alko-

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holische Getränke konsumierenden Gruppen von Vätern, Männern oder Herren, die betont lustig, mit oder ohne Gefährt ins Grüne ziehen, um sich beim Bierkistenrennen und anderen trinksportlichen Wettkämpfen zu messen. Statistisch nachgewiesen ist, dass an diesem Tag die meisten alkoholbedingten Unfälle verursacht werden, auch ist die Zahl der Schlägereien exorbitant hoch. Bleibt zu wünschen: Marmor, Stein und Eisen bricht, doch hoffentlich der Vater nicht!

=kiezkieker=

Überraschendes im Verborgenen

Manche tun es von sich aus, andere brauchen Anlässe, um von ausgelatschten Pfaden abzuweichen. Einen solchen Impuls will das Behind the Wall Project des Fotografen Luca Abbiento geben, das seit gestern zu “verborgenen Schätzen” ent- lang der Karl-Marx-Straße lockt, um dort zu neuen Eindrücken zu verhelfen.

Die Verbindung zwischen Puppentheater-Museum (l.) und der benachbarten Pase- waldschen Ateliergemeinschaft, das Atrium des ehemaligen Heimatmuseums Neu- kölln  und der Hof des  gsub-Projektehauses (r.) sind drei der inzwischen von sieben

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auf sechs Stationen geschrumpften Kunstaktion. Es waren zunächst die Orte, von denen sich Luca Abbiento inspirieren ließ. “Danach”, berichtet er, “habe ich mir ein- fallen lassen, wie der Ort durch Fotos lebendiger und attraktiver werden und Pas- santen überraschen könnte.” An jedem Ort werde nun durch die Abbildung der Prota- gonisten eine Geschichte oder Lebensszene erzählt. Zum Teil gebe es dabei – wie z. B. im Falle des Architekten Kay und des Projektehaus-Hofs -  eine reale Verbindung zwischen Person und Ort. An anderen Stationen – so auch in der Passage zwi- schen Karl-Marx- und Richardstraße – wurde ein Zusammenhang inszeniert: “Annet- te, die Schmiedin”, erklärt Luca Abbiento, “arbeit seit langem in einer Werkstatt gegenüber der Chemischen Reinigung.” Der Kontrast von dreckig und sauber ist hier der prägende Moment. Das  Miteinander von alt und jung bestimmt dagegen die

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Foto-Installation am zweiten nicht verborgenen Ort, der alten Post. Julian, der Prota- gonist, verjüngt die alte Fassade des seit Jahren leerstehenden Gebäudes. Durch seine Blickrichtung, so Abbiento, solle der Eindruck entstehen, dass die Fassade auf die vorbeilaufenden, das alte Gemäuer ignorierenden Menschen schaut.

behind the walls project_luca abbiento_sparkasse platz-der-stadt-hof_neuköllnNoch unauffälliger als Julian fügen sich die beiden fotografierten Akteurinnen im düsteren Foyer des Spar- kassengebäudes am Platz der Stadt Hof (l.) in ihre Um- gebung ein. Insbesondere die Mutter ist auf Anhieb kaum zu sehen. “Dort spielt die Imagination bei mir die Hauptrolle”, führt der Fotograf aus. Die Mutter werde förmlich vom dunklen Marmor aufgesaugt, während behind the walls project_luca abbiento_donaustraße 110_neuköllnihre 16-jährige Tochter in strenger, stolzer Haltung nach außen tritt.

Gar nicht erst suchen muss man indes nach der entlegendsten Foto-Instal- lation auf der Route der von der [Aktion! Karl-Marx- Straße] geförderten Behind the Wall-Ausstellung: Das Bild am Haus in der Donaustraße 110 durfte nur kurz aufgehängt werden, um es dort zu Dokumentations- zwecken zu fotografieren. “Echt schade”, findet Luca Abbiento, “aber wir werden es  in der Galerie auf unse- rem Blog  zeigen.” Die anderen Stationen warten noch bis zum 28. Mai darauf, entdeckt zu werden.

=ensa=

Hinter wilden Tieren

Es ist mehr als ein Hauch von Afrika, der neuerdings durch die Selchower Straße in Neukölln weht. Eine ganze Savannenlandschaft zieht sich seit letzter Woche am Parterre des Hauses mit der Nummer 33 entlang. “Vielen gefällt das”, weiß Álvaro Sendra González, “mir aber gar nicht.” Dem Spanier gehört der Laden, über dem Pequod Books  steht  und an dessen Tür  nun ein Zettel  mit dem Hinweis “Nein, hier

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selchower str 33_neuköllnwird kein Elefantenfutter verkauft” klebt. Das sei seine Art von Protest, sagt er. Alle Be- mühungen im Vorfeld Einfluss auf die Motiv-auswahl zu nehmen, seien leider geschei- tert: “Gegen eine Fassade mit etwas Lite- rarischem oder Maritimem hätte ich ja gar nichts gehabt.” Doch diese Vorschläge von Álvaro Sendra González waren es nicht, die realisiert wurden.

Hinter den wilden Tieren und der afrikani- schen Steppe ist das genaue Gegenteil der Fall. Mit Pequod Books setzt der Fotograf, der vor über sieben Jahren nach Berlin kam, von A bis Z seine eigene Idee eines vielsprachigen Antiquariats um. Benannt ist der Laden nach dem Schiff, mit dem Kapitän Ahab in Herman Melvilles pequod books_neuköllnRoman Moby Dick jagte: “Eines meiner Lieblingsbücher.” Im Angebot sind Klassiker der Weltliteratur, aber auch Sachbücher, Dictionarys, Kinderbücher und jüngere Belletristik in über 15 verschiedenen Sprachen. “Englische Bücher sind natürlich die Topseller, weil das die Sprache ist, die die meisten meiner Kunden können”, sagt der Jungunternehmer. Auch deutsche Werke füllen viele Meter in den fast deckenhohen Regalwänden. Über- schaubarer ist die Auswahl an pequod books_neuköllnBüchern in serbischer, türkischer, lateinischer, chinesischer, finnischer, spanischer, hebräischer, spanischer oder rumänischer Sprache. Doch anders als in anderen Secondhand- Buchhandlungen sind sie hier  nicht als multilinguales Potpourri zusammengewürfelt, sondern feinsäuber- lich  sortiert.

Für etwa 12.000 Bücher wäre im Laden Platz. Knapp 8.000, schätzt Álvaro Sendra González, stehen derzeit in den Regalen, um für maximal 6 Euro neue Besitzer zu finden: “Der Durchschnittspreis liegt bei 3,50 Euro, und wer mir ein Buch verkauft, kriegt dafür einen Euro.” Mehr Bücher in deutschen Dialekten, überlegt er, hätte er gerne. Dann könnte auch diese Sparte ein Extrafach bekommen. Eines wird aber sicher nie bei Pequod Books in der  Selchower Straße 33  verkauft werden: Elefantenfutter.

=ensa=

Zum Lachen

wegweiser_weltlachtag_tempelhofer feld_berlinSpaß kann man auf dem Tempelhofer Feld täglich haben. Gestern, am Weltlachtag, war er auf einem Stück der Wiese nahe dem Biergarten Programm. Vier Stunden lang wurde dort in großer Runde auf hauptstadt-lacht_weltlachtag_tempelhofer feld_berlinEinladung der Initia- tive Hauptstadt lacht mit Yoga, Tanz, Spie- len und Gesang orga- nisierter Frohsinn ge- pflegt. Was auf Unbe- teiligte wie Kinder- geburtstags-Amüsement für Erwachsene wirkt, sei für die Gesundheit von Körper und Seele  effektiver als Sport, erfuhr man an einem Info-Stand. Flyer, die zu Lach-Partys, Lach-Meditation,

spaßspiel_weltlachtag_tempelhofer feld_berlin gibberisch_weltlachtag_tempelhofer feld berlin

kostümierung_weltlachtag_tempelhofer feld_berlin gibberisch_weltlachtag_tempelhofer feld_berlin

lachfundstelle_weltlachtag_tempelhofer feld_berlinLach-Reisen, Lach-Yoga und -Kursen oder in Lach-Clubs einluden, lagen hier  bereit. An einem anderen Tisch war eine Lachfundstelle eingerichtet, direkt dane- ben eine Lach-Bar mit kulinarischen Stär- kungen für die Lachenden.

dackel_weltlachtag_tempelhofer feld_berlinOb der Rauhaar- dackel, der sich am Rande des Lach-Events tief ins Tempelhofer Feld grub, auf der Suche nach seinem Lachen war, ließ sich leider nicht herausfinden. Seinen Spaß hatte er aber definitiv.

Premiere des TrendMafia-Designermarkts in Neukölln

1_trendmafia neubritz_neuköllnEs ist lange her, dass in der alten Fabrikhalle im Neuköllner Ortsteil Neubritz, wo einst Eisen ge- gossen wurde, zuletzt Geld ausgegeben werden konnte. Seit 2008, als die dort untergebrachte Kai- ser’s-Filiale ins HermannQuartier umzog, steht das denkmalgeschützte Gebäude gegenüber vom Brau- haus Rixdorf leer. Damit ist es nun vorbei – zumin- dest temporär, denn an diesem und am ersten Juni-Wochenende lädt der TrendMafia-4_trendmafia_neubritz_neuköllnDesigner- markt mit 50 Ständen auf knapp 1.000 Qua- dratmetern zum Stö- bern und Shoppen in der Delbrückstraße ein.

“Wenn es nach uns ginge, würden wir gerne länger bleiben und dann nach einer Sommerpause im September hier weitermachen”, sagt TrendMafia-Pressesprecherin Marina Neumann. Zuvor hat das Zwischennutzungs- konzept, das Designer verschiedener Genres gemeinsam auf einem Marktplatz 2_trendmafia_neubritz_neuköllnpräsentiert, in den Berliner Bezirken Wedding, Mitte und Friedrichshain Station gemacht. “Nach Neukölln”, findet sie, “passen wir schon deshalb perfekt, weil der Bezirk jung und lebendig ist und der Mix, den die Designer bei uns anbieten, die Bandbreite wasted talent_trendmafia_neubritz_neuköllnder Kreativ- szene Neuköllns widerspiegelt.”

Katrin Hoffmann und Katharina Borgwardt (l.) gehören zu dieser. Vor zwei Jahren gründeten sie ihr Label Wasted Talent (Stand-Nr. 23) und machen seitdem Accessoires und Streetwear für Frauen, die es lässig mögen und bei ihrem Look auf Colour Blocking oder Schwarzes mit peppigen Farbakzenten setzen. “Zurzeit läuft das Label noch nebenberuflich, aber irgendwann würden wir schon gerne davon leben können”, sagen die beiden Frauen, die jährlich zwei neue Kollektionen ent- boogieglas berlin_trendmafia_neubritz_neuköllnwerfen und planen, künftig auch Kinder- und Männer-Mode in ihr Repertoire aufzunehmen.

Für Anna Marten hat sich mit ihrer Boogieglas Berlin Manufaktur (Stand-Nr. 32) der Traum vom tragfähigen Standbein in der Kreativwirt- schaft schon erfüllt. “Die Nachfrage übersteigt das Angebot, das war schon von Anfang an so”, erzählt sie. Die von ihr kreierten Silberringe mit farbenprächtigen, handgearbeiteten Glas- steinen unterschiedlicher Formen und Größen, die in der Werkstatt im ehemaligen Flughafen Tempelhof entstehen,  hat sie sich patentieren lassen. “Am besten gleich mehrere nehmen, dann haben Sie zu jedem Outfit den passenden Ring!”, rät die Designerin Frauen, die sich über die Auslagen beugen. Bei Preisen zwischen 22 und 55 Euro ist  das Loch im Budget  überschaubar. Wer  lange Freude an den Schmuck-

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stücken haben möchte, solle nur darauf achten, dass sie nicht auf Steinboden fallen. “Ansonsten”, sagt Anna Marten, “halten die fast alles aus.”

pappup_trendmafia_neubritz_neuköllnHaltbarkeit und Wandlungsfähigkeit sind auch bei den Produkten von Papp Up (Stand-Nr. 03) überzeugende Verkaufsargumente. Vor drei Jahren begann Cantemir Gheorghiu das Geschäft mit den Pappbrillen, die zu- nächst in Versionen produziert wurden, die einen höhe- ren Fun-Faktor als Funktionalität hatten. Nun ist – ne- ben Papptaschen, -fliegen und -krawatten – eine Son- nenbrillen-Linie hinzu gekommen, die mit 400 UV- Kunststoffgläsern qualitativ und handgeöltem Papp- gestell optisch überzeugt. Wenn man sich auf die mal draufsetze, sei das gar kein Problem, das könne der Brille nichts anhaben. Für die Papp-Lesebrille, an der 6_trendmafia_neubritz_neuköllnderzeit getüftelt wird, soll das ebenfalls gelten.

Das Angebot, das im ehemaligen Supermarkt begutachtet, anprobiert und gekauft werden kann, ist so bunt gemischt wie die Schau-lustigen: Modedesign hängt neben Acces-3_trendmafia_neubritz_neuköllnsoires, Nützliches neben Dekorativem, und unter das typische, junge TrendMafia-Publikum mischen sich viele Anwohner, die neugierig darauf sind, was es nun hier gibt, wo sie früher ihre Lebensmittel eingekauft haben. Auch die- jenigen, die dieser Möglichkeit noch nachtrauern, begrüßen es, dass überhaupt wieder etwas in der Halle stattfindet und den Kiez belebt.

Der TrendMafia-Designermarkt ist noch heute von 13 bis 18 Uhr geöffnet; Eintritt: frei. Der nächste Termin ist am 1. und 2. Juni.

=ensa=

Zum Greifen nah

Wer in Berlin bis zum Horizont gucken will, geht normalerweise aufs Tempelhofer Feld. Dass er mitten in Neukölln, in der Saltykowstraße, viel besser zu sehen ist, ist kaum  bekannt. Mehr noch: In dieser Straße kann man den Horizont sogar anfassen -

rixdorfer horizont_werner brunner+monique rival_saltykowstraße neukölln

den Rixdorfer Horizont! Vor gut 15 Jahren malten  Werner Brunner und Monique Rival ihn auf die Fassade des Eckhauses, das außerdem viel Platz für Theatralisches bot.

Die Camperin vom Richardplatz

Auch in Neukölln ist es eng auf dem Wohnungsmarkt. Wer aber meint, dass es so eng ist, dass sogar schon auf dem Richardplatz campiert werden muss, irrt. Das gilt  ebenfalls für diejenigen, die vermuten, der Bezirk  würde nun seine klammen Kassen

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durch das Betreiben von Campingplätzen in öffentlichen Grünanlagen auffüllen wol- len. Was aber hat es dann mit dem Zelt auf sich, das gestern am östlichen Zipfel des  Richardplatzes aufgeschlagen wurde? Es ist die  Bühne von Christine Dilmi, die

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sich  bis Montagmittag  innerhalb des Month of Performance Art – Berlin 2013 mit “Fil Conducteur” an der Reihe Crossing Context Neukölln beteiligt: Einen “intensiven Kontakt” zu Passanten will die französische Künstlerin bei ihrer 96-stündigen Lang- zeitperformance suchen. Auf Deutsch-Kenntnisse kann sie dabei nicht zurück- greifen, stattdessen soll Interaktion durch ihre Yoga-Übungen, eine Clownsnase und Handarbeiten entstehen.

“Wir sind nicht die mit ‘ner spinnerten Idee!”

“Ich möchte ins Parterre und eine kleine Terrasse haben, damit Paulinchen immer rein und raus kann.” Andere der etwa 30 Frauen, die an diesem Nachmittag nach RuT-WohnprojektNeukölln ins RuT gekommen sind, haben andere Wünsche und wollen lieber unters Dach oder eine Wohnung auf der Ostseite des Gebäudes. Wer den Frauen zuhört, könnte meinen, dass sie schon auf ge- packten Umzugskartons sitzen und alles für den Transport organisiert ist. Dafür wäre es aber noch viel zu früh.

Etwa ein Jahr ist es her, seit das Projekt erstmals ans Licht der Öffentlichkeit gehievt wurde: Berlin – so die Intention – braucht ein Wohn- und Kulturzentrum für lesbische Frauen, das ihnen bis ins hohe Alter ein ge- meinschaftliches, würdevolles und diskri- minierungsfreies Leben gewährleistet. “So etwas wie den Beginenhof, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir keine Eigentums- sondern Mietwohnungen zu bezahlbaren Preisen anbieten wollen”, erklärt RuT-Projektleiterin Kirsten Schaper. Denn problematisch für frauenliebende Frauen, sagt sie, sei ja nicht nur, dass sie in Senioren- oder Pflegeheimen häufig diesen Teil ihrer Vita verleugnen, auch würden Plakat RuT-Wohnprojektviele von ihnen mit der Grundsicherung aus- kommen müssen.

An die 50 Wohnungen sollen unter dem Dach des RuT-FrauenKultur&Wohnen-Zentrum entste- hen: rund ein Drittel mit 2 1/2 bis 3 1/2 Zimmern, die restlichen kleiner und teils mit einer grund-sicherungsverträglichen Miethöhe. Ferner wird es in dem barrierefreien, auf Inklusion ausge-richteten Haus eine Pflege-WG mit acht Plätzen für Demenzkranke und Schwerstpflegebedürftige geben. “Eigentlich müssten wir schon jetzt mit viel mehr Wohneinheiten planen, weil die Nach- frage riesig ist”, bemerkt Kirsten Schaper. Über 200 Berlinerinnen stünden bereits auf der Inte- ressentinnenliste, es laufe also alles auf ein Losverfahren hinaus. Aber man müsse ja realistisch bleiben, schon wegen der Grundstücksgröße und der Finanzierung. Ein halber Hektar werde etwa für das Haus und die gemeinschaftlich nutzbare Außen- fläche benötigt: “Und den hätten wir am liebsten innerhalb des S-Bahn-Rings, auf jeden Fall aber mit guter ÖPNV-Anbindung.” An diesen Prämissen ist bisher schon einiges gescheitert. Erschwerend komme durch politische Veränderungen und die angespannte Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt hinzu, dass Grundstücke aus RuT-Wohnprojekt_spendensammlung neuköllndem Liegenschaftsfonds des Senats, die vormals in freier Veräußerung waren, nun zunächst Wohnungsbaugesellschaften an- geboten werden. “Überlegungen mit einer von denen zu kooperieren, gibt es natürlich, weil unser Projekt sich unbedingt in den Kiez öffnen will”, sagt Schaper, “aber da müssen dann auch alle anderen Rahmen-bedingungen stimmen.”

Die für die künftigen Bewohnerinnen wich- tigste ist, dass der RuT – Rad und Tat e. V., der im nächsten Jahr sein 25-jähriges Bestehen im Neuköllner Schillerkiez feiert, als Vermieter fungiert und seine Idee ohne Einflussnahme von außen umsetzen kann. Rund 6 – 8 Millionen Euro werden dafür veranschlagt. Die Finanzierung soll über eine Kreditaufnahme, Fördermittel von Stiftungen und öffentlichen Fonds sowie Spenden und zins- wie bedingungslose Privatdarlehen von Unterstützerinnen des Anliegens erfolgen. Zusagen für letztere gebe es bereits in erfreulichem Umfang, verrät Kirsten Schaper. “Wir sind nicht die mit ‘ner spinnerten Idee!“,  sagt sie und blickt dabei in die Gesichter derjenigen, die wie viele andere hoffen, dass endlich ein Grundstück oder Objekt gefunden wird, der Traum vom Frauenraum in Frauenhand bald Gestalt annimmt – und sie dann noch Losglück haben.

Für alle, die das RuT-FrauenKultur&Wohnen-Zentrum niederschwellig unter- stützen möchten, gibt es im RuT-Laden in der Schillerpromenade 1 eine blaue Tonne, die gerne mit  Papierspenden  gefüttert werden darf.

=ensa=

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