Der Luxus des Neuköllner Kultur-Dschungels

581 Veranstaltungen in 48 Stunden an über 330 Orten – im Norden Neuköllns bricht heute wieder die kulturelle Gigantomanie aus. Dass mit 1.700 Akteuren weniger Mitwirkende als im letzten Jahr dabei sind, ist bei solchen Größenordnungen unerheblich. Die Besucher der 48 Stunden Neukölln erleben ohnehin nur einen Bruchteil davon. Vielleicht haben die ganz Eifrigen unter ihnen Sonntagabend, wenn das Kunst- und Kulturfestival endet, mehr als 10 Events hinter sich, bei den meisten dürften es aber weniger sein.

Für die generalstabsmäßige Orientierung, wann wo was stattfindet, gibt es ein 24-seitiges, eng bedrucktes pressekonferenz 48 stunden neukölln, v. l.: katharina rohde, franziska giffey, auguste kuschnerow, christoph böhmer (biotronik), martin steffensProgrammheft im halbrheini- schen Format, außerdem infor- mieren alle  sieben teilneh- menden Kieze mit eigenen Fly- ern über die Veranstaltungen in ihren Gebieten. Und dann ist da noch der von den Organisato- ren, dem Kulturnetzwerk  Neu- kölln, auch bei der Presse- konferenz massiert beworbene und bei vielen Künstlern glei- chermaßen umstrittene High- lights-Flyer: Er stelle, so Auguste Kuschnerow (M.) vom Kulturnetzwerk-Vorstand, 48 “besonders interessante Projekte vor, die von einer Jury ausgewählt wurden”.

Er unterteile die Akteure in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, halten die Kritiker dem entgegen. Besondere Brisanz gewinnt der Vorwurf dadurch, dass bei dieser 13. Auflage des Festivals erstmals ein dotierter Publikumspreis unter 42 Events mit dem Prädikat Highlight ausgelobt wird. Somit stellt die, laut Pressesprecher Clemens Kuhnert “demokratisch nach einem Kriterienkatalog” agierende Jury, die aus Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland, Andreas Altenhof und Denise S. Puri (beide Vorstandsmitglieder des Kulturnetzwerks), Ilka Normann (Geschäftsführerin des Kulturnetzwerks) und Klaus Bortuluzzi (Akteur bei 48 Stunden Neukölln) besteht, nicht nur die Weichen für eine exponierte Vermarktung, sondern auch die für die Ambitionen auf eine zumindest partielle Refinanzierung des monetären Aufwands.

Denn von den von Kulturstadträtin Franziska Giffey (2. v. l.) mit rund 55.000 Euro bezifferten Förderungen, die das Festival erhält (15.000 Euro davon steuert das Bezirksamt als Basisunterstützung bei), sieht das Gros der Akteure nicht viel bis nichts. Schon die Teilnahme an der alljährlichen Leistungsschau der Neuköllner Kreativszene ist für sie der pure Luxus, in den Geld und noch mehr Zeit gebuttert wird. Dessen ist sich auch Christoph Böhmer (2. v. r.) bewusst. Er ist Geschäftsführer des in Neukölln ansässigen Unternehmens Biotronik, das nunmehr zum fünften Mal die Position des privatwirtschaftlichen Hauptsponsors des Kunst- und Kulturfestivals übernimmt. “Neukölln”, so die Überzeugung des Herrn über derzeit 2.500 Arbeitsplätze, “bietet den Luxus vieler kreativer intelligenter Menschen.” Die Unterstützung des Kulturwochenendes sieht er als “Teil der Verantwortung, dem wir gerecht werden sollten.”

Einen Schritt weiter bei der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Festival-Motto Luxus geht der diesjährige 48 Stunden Neukölln-Schirmherr Wolfgang Joop: Luxus, schreibt er in sei- nem Grußwort, ist für ihn eine Bewusstseinsebene, ein Begriff, der nicht dinglich sondern me- taphysisch zu verstehen sei. Gut möglich, dass sich diverse Neu- köllner Künstler besser mit dem identifizieren könnten, was Herbert Grönemeyer in seinem Lied “Luxus” besingt: “… die Träume werden leider immer kleiner …”

Der Traum, Wolfgang Joop in den Straßen Neuköllns zu begegnen, wird allen Besuchern unerfüllt bleiben. Der Schirmherr gönnt sich den Luxus der Abwesenheit. Aber vielleicht bringen ja die kostenlosen Skoda-Limousinen-Shuttles, die  morgen von 14 bis 21 Uhr erstmals auf der Route von der Neuen Nationalgalerie in Mitte nach Neukölln unterwegs, den einen oder anderen Promi in den Bezirk. Über das, was sie am Ziel erwartet, können sich Passagiere dieser Neuköllner Variante des Bussings mit Luxus-Touch  hier informieren. Und alle anderen natürlich auch.

=ensa=

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5 Antworten

  1. Bei einem derart umfangreichen Programm komme ich mir immer vor, wie ein Kind, das in einem Eisladen mit 100 Sorten steht und sich 3 Kugeln Eis aussuchen soll.
    Was macht das Kind? Es fasst Mama/Papa an der Hand und sagt: “Ich will lieber Pizza essen”.

    • Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es vielen so geht. Effektiver für die Künstler und Veranstaltungsorte (d. h. für die Aufmerksamkeit auf sie) wär’s sicher, wenn alle Kieze zeitversetzt ihre eigenen 48 Stunden machen würden.

      • Vielleicht sind die getrennten Kiezprogramme schon ein Schritt in die Richtung?

        Den Satz: “Um die Orientierung zu erleichtern und besonders interessante Projekte vorzustellen, hat unsere Jury 48 Highlights für Sie ausgewählt”, im Programm finde ich auch ziemlich merkwürdig.

        • Die Kiezflyer gab’s schon immer; das resultiert noch aus der Zeit, als jeder Kiez eine eigene durch Soziale Stadt-Gelder finanzierte Kunstfiliale hatte. Dass das Festival lokal runtergebrochen werden soll, sehe ich jedenfalls nicht.

          Und was den Satz betrifft: Ja, da muss man sich nicht besonders anstrengen, um “Die restlichen über 500 Veranstaltungen müsst ihr euch eigentlich gar nicht angucken” zu verstehen.

          Wenn man sich dann die Mühe macht, sich mal über die Highlights zu informieren, kommt man bald dahinter, dass diverse schon in den Genuss einer öffentlichen Förderung durch QMs etc. gekommen sind. Da wird dann noch verständlicher, dass etliche Noch-Teilnehmer wegen des Prozederes ziemlich abgefressen sind.

          • Die genauen Zusammenhänge und Hintergründe kenne ich nicht, aber als ich von den 48 Empfehlungen gelesen habe, habe ich mich spontan auch gefragt, warum dann noch die anderen Veranstaltungen? Für die anderen ist das in meinen Augen ein Affront.

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